Manuskripte

SWR2 Lied zum Sonntag

GL 419

 

Tief im Schoss meiner Mutter gewoben,

als ein Wunder vollbracht und dem Licht zugedacht:

Deine Liebe durchformte mein Leben

 

Eh ein Wort ich von dir wissen konnte,

eh der Tag mir begann und das Dunkel verrann,

warst du Licht, das mein Leben besonnte.

 

Längst bevor ich ins Helle gedrungen,

war ich dir schon vertraut, hat dein Wort mich gebaut,

und mein Name lag dir auf der Zunge.

In den Mund, der kaum wusste zu sprechen,

ist der Ton schon gesenkt, ist das Lied mir geschenkt,

das auf immer das Schweigen kann brechen.

 

Der du wirkst, dass die Kleinen dir singen:

Gib mir Gott, lebenslang deines Namens Gesang,

um die drohende Nacht zu bezwingen.

 

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Tief im Schoss meiner Mutter gewoben,

als ein Wunder vollbracht und dem Licht zugedacht

Deine Liebe durchformte mein Leben

 

An wen genau ist diese erste Strophe eigentlich gerichtet?

Mir kommt heute am Muttertag meine eigene Mutter in den Sinn. Tief verbunden mit ihr hat mein Leben begonnen. Eingebettet in ihrem Leib. Sie hat mich mit  allem versorgt, was ich zum Werden brauchte, ihr Blut hat mich genährt  ihr Herzschlag mich begleitet  und ihre Stimme wurde mir ganz vertraut. Sie hat sich auf mich gefreut und das habe ich bestimmt gespürt.

Doch dieses Lied geht noch tiefer zurück. An den Ursprung von allem, was jemals entstanden ist. Es richtet sich an Gott, der alles erschafft, jedes Leben.

Gott, DU hast mich mit meinem Innersten geschaffen,                               
im Leib meiner Mutter hast du mich gebildet.

So heißt es im 139. Psalm, auf den sich das Lied bezieht. Der Beter denkt über seine Beziehung zu Gott nach. Wie kommt es, dass sie für ihn so innig und intim ist?

Eh ein Wort ich von dir wissen konnte, eh der Tag mir begann und das
Dunkel verrann, warst du Licht, das mein Leben besonnte.

Die Beziehung zu Gott beginnt im ersten Moment unserer Existenz – in dem, was wir im Mutterleib erfahren. Am Anfang unserer Existenz sind wir ganz auf Beziehung angelegt - und abhängig davon. Bevor unser Ich sich entwickeln kann, ist da schon immer ein Du. Die Mutter, später der Vater. Wir brauchen ihre Liebe. Sie lässt uns spüren: wir sind gewollt. Und in dieser Liebe spüren und erfahren wir auch, dass Gott uns liebt. Er hat alles so angelegt. Das hebräische Wort „Rachamim“, das  ursprünglich Mutterschoß bedeutet, wurde daher zum Ausdruck für das Wesen Gottes, für seine schöpferische, fürsorgliche Liebe zu uns Menschen. Als Eltern haben wir an dieser göttlich-schöpferischen Liebe teil. Schwanger zu sein, war für mich eine tiefe spirituelle Erfahrung. Zu spüren, wie neues Leben in mir entsteht  und zugleich zu spüren: es sind eigene Geschöpfe, die nicht nur von mir und meinem Mann kommen. Sie haben ihren eigenen Ursprung. Ihr eigenes Geheimnis. Zwar dürfen wir als Eltern einen Namen für sie aussuchen, aber wer sie in ihrem innersten Wesen sind, das lernen wir erst kennen. 

Längst bevor ich ins Helle gedrungen, war ich dir schon vertraut, hat
dein Wort mich gebaut, und mein Name lag dir auf der Zunge.

Gott ist unser Schöpfer. Jeder Mensch ist sein Geschöpf. Einzigartig und unverwechselbar. Ich muss nicht krampfhaft  etwas aus mir machen . Ich  darf sein,  Gott hat mich so gewollt.

Herr, ich danke dir dafür, dass du mich so wunderbar und einzigartig
gemacht hast! Großartig ist alles, was du geschaffen hast –                    
das erkenne ich!

So heißt es weiter im 139. Psalm. Das Gebet ist vor über zweieinhalbtausend Jahren entstanden. Bis heute inspiriert es Menschen– wie den holländischen Pfarrer Sytze de Vries, der das Lied 1995 geschrieben hat. Willem Vogel hat es vertont. Die Melodie und der Rhythmus beginnen wie ein Wiegenlied und erinnern an das sachte Schaukeln im Mutterleib. Doch dann führt der Melodiebogen bis zur Oktave  – zum Zielpunkt jeder Strophe: Gott erschafft uns aus Liebe, er führt uns zum Licht, er nennt uns beim Namen.  Das Lied dieses Sonntags ist so etwas wie unsere Antwort, mit dem wir mit ihm in Beziehung bleiben.

In den Mund, der kaum wusste zusprechen,

ist der Ton schon gesenkt, ist das Lied mir geschenkt,

das auf immer das Schweigen kann brechen.

 

Der du wirkst, dass die Kleinen dir singen:

Gib mir Gott, lebenslang deines Namens Gesang,

um die drohende Nacht zu bezwingen.

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