Manuskripte

SWR4 Abendgedanken

Es ist Abend. Nicht mehr lange und die Sonne geht unter. Und mit ihr verschwindet das Licht. Für uns Menschen beginnt die Zeit des Schlafes. Ohne Schlaf können wir nicht leben. Und doch geben wir während des Schlafens unser Bewusstsein aus der Hand.

Ein Nachtgebet, das mich schon immer beeindruckt hat, fasst diese Erfahrung in Worte:

„Schon wirft die Erde sich zur Nacht

Des dunklen Mantels Falten um.

Der Schlaf, des Todes sanftes Bild,

führt uns dem Grab des Schlummers zu.“

Das erinnert mich unweigerlich an Karfreitag. Schlafen ist fast wie ein bisschen sterben. Und tatsächlich stirbt der vergangene Tag und wird zur Vergangenheit. Damit ist er beendet, zurückholen kann ich ihn nicht. Und ich erhole mich beim Schlafen. Ich stelle mir vor, dass ich stundenlang still daliege und schlafe und wieder aufstehe, wenn der Wecker klingelt.

Da wir Menschen gerne alles erforschen, haben wir Schlaflabore erfunden, in denen Menschen während des Schlafens beobachtet werden. So wissen wir, dass es Phasen des Tiefschlafes gibt. Die wechseln sich ab mit Phasen, in denen wir nicht so tief schlafen, aber dafür träumen. Wir schauen beim Träumen sogar mit unseren geschlossenen Augen umher. Sie bewegen sich ganz schnell.

Und wir bewegen uns eifrig im Schlaf. Im Durchschnitt drehen wir uns etwa 17mal um die eigene Achse. Aber davon bekommen wir gar nichts mit.

Traum – fast wie ein Film, den wir aber selbst gar nicht beeinflussen können. Manchmal können die uns sogar ganz schön erschrecken – Alpträume.

„Wenn uns die schwarze Nacht umhüllt,

sind wir von Traum und Wahn bedrängt,

bedroht von Zweifel und von Angst.“ So sagt es das Gebet.

Vielleicht gibt es kaum eine andere Tageszeit, über die es so viele Texte und Lieder gibt, wie über die Nacht. Weil sie so besonders ist. Weil wir über unsere Lebenszeit im Schlaf keine Kontrolle haben.

Wenn es dann Morgen wird und hell, wachen wir auf. Meistens durch den Wecker. Und dann stehen wir auf.

Schlafen ist ein bisschen wie sterben. Aber: Nach Karfreitag kommt Ostern.

Nach dem Einschlafen kommt das Auf – er – stehen.

Jeden Tag ein kleines Ostern.

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