Manuskripte

SWR4 Abendgedanken

„Herr, bleibe bei uns, denn es will Abend werden und der Tag hat sich geneigt.“ Diese Worte begleiten mich fast an jedem Abend. Sie stammen aus einem österlichen Bibeltext. Er steht im 24. Kapitel des Lukasevangeliums und ist einer meiner Lieblingstexte in der Bibel.

Weil er Hoffnung gibt. Weil Menschen nach all diesen Erfahrungen wieder ins Leben zurückfinden. Vorher haben die gleichen Menschen den Zusammenbruch ihres ganzen Lebensentwurfes erlebt. Jesus wurde gekreuzigt und begraben. Und mit ihm alle Hoffnungen der Menschen. Nur Verzweiflung ist übriggeblieben.

Es geht um Kleopas und einen nicht namentlich genannten Jünger. Der könnte so wie ich heißen, oder so wie jeder, der mitgehen will. Diese Idee hat mich schon immer begeistert. Ich selbst bin auf dem Weg nach Emmaus dabei. An vielen Abenden. Auch heute wieder.

„Wir haben uns auf den Heimweg gemacht. Es war zu traurig. Vielleicht ein bisschen Flucht. Aber das schien uns die einzige Möglichkeit. Nach Emmaus, 24 Kilometer von Jerusalem entfernt. Traurig, mit hängenden Köpfen. Den fremden Wanderer haben wir kaum bemerkt. Erst als er uns nach dem Grund unserer Traurigkeit fragt. So bringt er uns zum Sprechen und das hat sehr gut getan.“

Ich wünsche mir das für alle Menschen. Einen anderen, der sie in schwierigen Lebenslagen begleitet. So eine Art Notfallseelsorger, wie sie jetzt bei Unfällen und Katastrophen immer gerufen werden.

„Der Fremde hat die Initiative übernommen. Und uns Einzelheiten in der Bibel erklärt. Wie alles zusammenhängt. Wo überall vom Erlöser die Rede ist. Das hat uns neue Hoffnung gegeben. Ein bisschen Zuversicht.

So ist es Abend geworden. In Emmaus haben wir den Fremden dann zu uns eingeladen. Damit er nicht in der Nacht laufen muss. Aber dann ist es ganz anders gekommen.

Am Tisch bricht er mit uns das Brot, wie beim Abendmahl vor wenigen Tagen. Da begreifen wir: Das ist Jesus und er lebt wirklich. Aus Hoffnung ist Sicherheit geworden. Aus Trauer neue Kraft.

Und nun sind wir es, die nichts mehr zu Hause hält. Die mitten in die Nacht hinein loslaufen, zurück, nach Jerusalem. Die den anderen dort berichten, dass alles wahr ist. Jesus lebt.“

Eine ganz besondere Nacht. An die ich mich noch lange erinnere. Weil Hoffnung und Zuversicht gewachsen sind und Freude am Leben. So eine Freude spüre ich jedes Mal, wenn ich diesen Text lese, - denn ich bin ja dabei gewesen, der namenlose Jünger, und weiß: Jesus ist wirklich auferstanden.

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