Manuskripte

SWR4 Abendgedanken

Auch heute brennt die Osterkerze mit der Zahl 2019 in unserer Kirche. Ostern ist für uns Christen so wichtig, dass wir es insgesamt 50 Tage lang feiern. Und damit seine zentrale Botschaft: Der Gekreuzigte lebt. Der Tod ist besiegt. Das Grab ist offen und leer.

Dabei erfahren wir im Leben oft etwas ganz anderes. Der Tod ist endgültig, hier auf der Erde begegnen wir den Verstorbenen nicht mehr. Wer auf den Friedhof geht, sieht, dass die Gräber zugeschaufelt sind. Behalten also doch die Menschen recht, die davon sprechen, dass die Christen einer verrückten Idee anhängen? Ich bin da auch immer mit vielen Fragen auf der Suche.

Aber ich will mich nicht damit abfinden, dass nach dem Tod nichts mehr kommt, dass einfach Schluss ist. Aus und vorbei.

Die Bibel erzählt anderes. Jesus ist nach seiner Auferstehung den Jüngern erschienen. Nur einer ist nicht dabei gewesen. Thomas.

Die anderen erzählen ihm von ihrer Begegnung mit Jesus. Aber Thomas zweifelt. Wollen die anderen Jünger ihm nur etwas erzählen? Soll er sich tatsächlich auf so etwas Unglaubliches einlassen? Thomas entscheidet sich für die Sicherheit. Wenn ich Jesus nicht selbst sehe, meinen Finger nicht in seine Wundmale legen kann, dann glaube ich nicht. Thomas der Zweifler. Thomas der Ungläubige.

Ich habe mir schon oft die Frage gestellt, wie ich mich wohl in dieser Situation entschieden hätte. Und ich muss ehrlich sagen, dass ich wahrscheinlich auch den Beweis gewollt hätte. Von daher kann ich Thomas gut verstehen.

Ja, Ostern ist ein verrücktes Fest. Es stellt alle menschlichen Erfahrungen auf den Kopf. Der Tod ist nicht das Ende, das Leben siegt. Der auferstandene Jesus steht mitten unter den Jüngern, zum Greifen nah. Und das nicht nur einmal. So hat Thomas seine Antwort bekommen. Als Jesus das nächste Mal zu den Jüngern kam, lädt er Thomas ein, sich zu überzeugen. Aber Thomas berührt Jesus nicht, allein das Sehen der Wundmale hat ihn überzeugt. Aus seinem Zweifel ist Sicherheit geworden. Für unseren Glauben bedeutet das, dass wir wie Thomas auch den Zweifel zulassen dürfen und trotzdem auf sein Wort vertrauen. Wir können uns ja nicht so an Jesus annähern, wie Thomas das konnte. Für uns bleibt also ein Stück Risiko in unserem Glauben. Und trotzdem wage ich zu glauben. Jesus lebt.

Mit dieser Botschaft ist Thomas in die Welt hinausgegangen, 6900 km ist er unterwegs gewesen. Bis nach Südindien ist er gekommen. Und hat dort vom auferstandenen Jesus erzählt.

Und von seiner Antwort auf Jesus: „Mein Herr und mein Gott!“

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