Manuskripte

Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Was für eine Wonne! Wenn man jetzt über Wald und Feld spaziert. Dieses zarte Grün, diese Blütenpracht. In den Gärten duftet es nach Flieder und Lavendel. Und in der Luft summt und brummt und zwitschert es!

„Die Erde bringe hervor lebendiges Getier, ein jedes nach seiner Art: Vieh, Gewürm und Tiere des Feldes, ein jedes nach seiner Art.“ Das sagt Gott am Anfang der Schöpfung, nachzulesen in der Bibel ganz vorne. Mir ist, als ob Gott das jeden Frühling wieder sagt: Schaut und riecht und hört, was da so alles fliegt und krabbelt und hüpft. Ein jedes nach seiner Art. Sehr gut! sagt Gott.

Und lädt uns ein, sie auch so zu sehen, die Artenvielfalt. Das ist gar nicht selbstverständlich, wie mir vor kurzem wieder klar geworden ist. Das war beim Abendessen in fröhlicher Runde. Eine Freundin hat leckeren Salat gemacht. Frisch aus dem Garten, mit Kräutern und Walnussstückchen. Als ich mir grade ein sauerwürziges Salatblatt auf der Zunge zergehen lassen, sehe ich, wie sich was bewegt: ein Stückchen Walnuss. Krabbelt ganz langsam in Richtung Tellerrand.

Ich stupse meine Freundin an: „Guck mal, die Walnuss lebt!“  Und sie, mit der größten Selbstverständlichkeit: „Ach das Käferchen! Vorhin ist es auf dem Tisch rumgekrabbelt. Jetzt sitzt es im Salat! Wie süß!“

Alle nicken und essen weiter, ich auch- immer das Käferchen im Blick. Das inzwischen auf dem Kerzenständer sitzt. Und dann auf der Lampe. Wie süß! finden alle.
Ich frage mich: Warum habe ich früher alles entsorgt oder weggesaugt, was in der Wohnung rumgekrabbelt ist? Statt es- wenn auch mühsam- nach draußen zu befördern. Lebend.

Artenvielfalt ist doch „sehr gut“! Nicht nur Bienen, auch kleinste Käferchen sind wichtig für die Kreisläufe der Natur. Heute freue ich mich über jedes Insektenhotel, über ein bisschen verwilderte Vorgärten und Felder, die auch mal brach liegen dürfen, weil die Kommune das den Bauern finanziert.

Siehe, sie ist sehr gut! sagt Gott über die Artenvielfalt. Wenn das nächste Mal ein Walnussstückchen durch den Salat krabbelt, werde ich versuchen, mich entspannt zurückzulehnen und durchzuatmen- bis es vom Teller gesprungen ist.

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