Manuskripte

SWR1 Sonntagmorgen Begegnungen

Prof. Michael Seewald, Foto:privatMartin Wolf trifft Prof. Dr. Michael Seewald, Münster

Seit zwei Jahren lehrt der katholische Theologe Dogmatik und Dogmengeschichte an der Universität Münster. Als er 2017 auf den renommierten Lehrstuhl berufen wurde, war er der damals jüngste Theologieprofessor in Deutschland. Ich habe mit ihm über den aktuellen Zustand der Kirche gesprochen, den Michael Seewald kritisch sieht.

Das hat verschiedene Gründe. Der erste Grund ist der, dass die Kirche sich lange Zeit selber für den Himmel gehalten hat. Also dass man sich derart in seiner Bedeutung aufgeladen hat und nun plötzlich merkt, dass die Kirche eine Institution ist, die sich an dieselben Regeln und Gesetze halten muss wie alle anderen auch. Und dann gibt’s interne Schwierigkeiten in der Kirche, die mit Machtausübung und Machtkontrolle zusammenhängen.

Ein Problem, dass auch im Zusammenhang mit den unsäglichen Missbrauchstaten immer wieder genannt worden ist. Inzwischen scheinen das auch viele Kirchenleitungen so zu sehen. Dennoch, es bleibt mühsam.

Also freiwillig Macht abzugeben und Möglichkeiten zur Machtkontrolle zu eröffnen ist natürlich etwas, das den wenigsten, die die Macht haben, gelingt. Das ist das eine, also ganz praktisch. Und dann gibt’s natürlich theologische Gründe dadurch, dass man davon ausgeht, dass das, was heute ist, mehr oder minder sich ganz organisch ohne Brüche und Übergänge die vergangenen 2000 Jahre entwickelt hat. Das ist natürlich eine historische Fiktion, die der Kirche das Leben schwerer macht, als sie es sich eigentlich machen müsste.

Die Kirche als Institution nüchtern zu sehen, sagt Michael Seewald, fällt vielen jedoch schwer.

Was das Problem der Kirche ist, dass sie selber kein aufgeklärtes Verhältnis zu sich unterhält und irgendwelche historisch entstandenen Sachen, wie zum Beispiel das Papstamt, das Bischofsamt, wie wir es heute kennen, mit dieser exklusiven Machtfülle, das wird einfach absolut gesetzt und aus dem Kontext, in dem es entstanden ist herausgelöst. Und das macht Reformdiskussionen so schwierig.

Doch genau die sind es, die die Kirche dringend braucht. Als Wissenschaftler, der sich damit beschäftigt, wie kirchliche Dogmen entstehen, sieht Prof. Seewald die Geschichte aber auf Seiten der Reformer.

Dinge zu prüfen heißt ja nicht, dass man alle Dinge wegwirft, aber es gab immer wieder Zeiten in der Kirchen- und Dogmengeschichte, in denen Prüfungen und auch Entrümpelungen bestimmter Dinge notwendig waren. Man erweckt den Eindruck, dass man das, was man heute schon verbindlich lehrt, schon immer so gelehrt hätte. Das ist aber ganz eindeutig nicht der Fall. Insofern würde ich sagen, braucht die Kirche davor, bestimmte Dinge zu prüfen und sich selbst auch zu korrigieren eigentlich keine Angst zu haben.

 

Vor zwei Jahren schon hat er sich dafür ausgesprochen, die Ämter der Katholischen Kirche auch für Frauen zu öffnen. Die Begründungen, warum Frauen bis heute davon ausgeschlossen werden, überzeugen ihn theologisch nicht. Es ist ein Thema, das man in Rom gerne für beendet erklären möchte.

Man versucht im Prinzip gegen die Realität anzurennen, indem man ständig Diskussionen für beendet erklärt, die dadurch aber umso stärker wieder aufflammen und ich denke, dass gerade diese Frage, also die Stellung und die Rechte von Frauen in der Kirche ein ganz zentraler Punkt ist für die Zukunftsfähigkeit der Kirche, weil das ein Bereich ist, in dem sich die Kirche normativ ganz weit von unseren Vorstellungen einer guten und gerechten Gesellschaft entfernt hat. Und wenn diese Entfremdung weiter anhält, dann wäre das fatal für die Rolle der Kirche in der Gesellschaft, aber auch für das, was die Kirche als ihre ureigene Sendung, nämlich die Verkündigung des Evangeliums, betrachtet.

Doch die Widerstände, nicht nur auf Seiten mancher Bischöfe, sondern auch bei einigen Gläubigen sind groß. Das weiß auch Michael Seewald. Die Gefahr einer Spaltung der Kirche sieht auch er, gibt aber zu bedenken, …

… dass Kirchenspaltung ja nicht nur bedeutet, dass radikale Gruppen sich abspalten, sondern es kann ja auch ein stiller und leiser Exodus einer Mehrheit aus der Kirche stattfinden und dann haben wir es auch mit einer Kirchenspaltung zu tun.

Zumal bei all den heftig umstrittenen Struktur- und Ämterfragen das eigentlich Unverrückbare des christlichen Glaubens etwas ganz anderes ist.

Unverrückbar ist letztlich der Bezug auf Jesus Christus. Also ich hab ehrlich gesagt noch niemanden getroffen, der sagt: Jesus ist schlecht, oder Jesus ist doof oder so, sondern Jesus fasziniert und ich denke, dass die Kirche wieder stärker bei der Verkündigung Jesu und seiner Bedeutung ansetzen könnte und sagt: Also dieser Jesus, so wie er gelebt hat, wie er mit den Menschen umgegangen ist und letztlich auch, wie er gestorben ist, gibt Gott ein ganz konkretes menschliches Gesicht, das den Menschen seiner Zeit zugewandt war und das auch selbst Leid und Tod durchlitten hat.

Und das ist etwas, das nicht nur mir mit Blick auf das heutige Osterfest Hoffnung gibt.

Auferstehung bedeutet, dass das Vertrauen, das Jesus in seinem Leben auf Gott gesetzt hat, auch in seinem Tod nicht ins Leere gelaufen ist, sondern dass es Jesus möglich war, so vorbehaltlos auf die Menschen zuzugehen, mit den Menschen zu leben, weil er im Glauben daran gelebt hat, dass sein eigenes Dasein nicht ins Leere läuft. Und die Auferstehung ist sozusagen jener Versuch, das anschaulich darzustellen, dass eben menschliches Leben nicht ins Leere läuft, sondern dass Gott, der das Leben erschaffen hat, auch das Leben erhält.

Es ist die zentrale Botschaft des christlichen Glaubens, die bei allen wichtigen Reformdiskussionen nie untergehen gehen darf.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=28538