Manuskripte

SWR2 Wort zum Tag

Eigentlich war es ganz hell und mild in diesen Märztagen 2009. Aber auf Winnenden lag trotzdem eine unheimliche Kälte und bleischwere Trauer. Auf der Stadt und den Menschen. Ein Schüler hatte 15 Menschen getötet und zuletzt sich selbst.

Viele Angehörige und Freunde, denen vor 10 Jahren ein Mensch umgebracht worden ist, spüren vermutlich diese Kälte immer noch. Die Schmerzen. Leere. Wut. Manche Wunden heilen nicht.

Ich war damals bei einem Trauergottesdienst in Winnenden. Für Eltern, Geschwister, Schüler- und Lehrer*innen, Hilfskräfte. Und ich frage mich seit damals: Darf man auch um den Täter trauern? Und an seine Angehörigen denken? Er hat die Kälte des Todes in so viele Menschen gelegt. Verrät man damit das Andenken an die Opfer und ihre Lieben?
Und ich habe mich gefragt: Können Angehörige ihn eines Tages als Menschen sehen? Vielleicht sogar vergeben? Und sich auch ein wenig von dieser Todeskälte befreien.

Eine Frau, die damals einen Menschen verloren hat, hat Jahre später zu mir gesagt:
Vielleicht ist der erste Schritt, begreifen, dass er ein Mensch ist wie wir Menschen sind. Kein monströses Wesen, auch kein kranker Mensch. Es ist ein Mensch, der zum Täter wurde.
Ich glaube, dass gegen die Kälte des Todes am stärksten die Wärme des Lebens wirkt.

Vielleicht gehören dazu auch solche Gedanken, wenn man Opfer geworden ist: Kein Mensch geht in seinen Taten auf. Auch nicht in seinen Untaten. Wir Menschen sind mehr. Ich hoffe für jeden und jede, die mit Todeskälte leben müssen, dass Sie auch Milde und Helligkeit erleben.

Ich habe damals die Kälte des Todes in Winnenden auch noch in anderen Taten erlebt. Und das hat mich beschämt und wütend gemacht. Damals waren viele Medien aus der ganzen Welt vor Ort. Manche haben sich furchtbar aufgeführt. Ohne Pietät, ohne Haltung die Trauer medial ausgebeutet und die Kälte des Todes damit noch viel schlimmer gemacht. Es gab da viele mediale Untäter.

Ich hoffe, dass professionelle Medien heute nicht mehr so handeln würden. Und auch die nicht, die privat filmen - jedermann und jederfrau. Heute kann jeder „senden.“ Wie viele und was für Handyvideos würden heute ins Netz gestellt? Die Untaten, schlimm- stes Leid filmisch auszubeuten, diese Untaten müssen wir „unmöglich“ machen. Auch mit den Mitteln des Rechts. Aber wichtiger noch:  es muss einfach schon als menschlich „unmöglich“ gelten, dass jemand das Leid von anderen ausbeutet. Die Erinnerung an Winnenden mahnt dazu: Christlich und menschlich ist es, Kälte des Todes miteinander zu tragen und einander das Leben heller und wärmer zu machen.

 

 

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