Manuskripte

Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

„Ist doch egal“, sagt mein sechsjähriger Neffe im Moment öfter, wenn Mama oder Tante etwas von ihm wollen, was er gerade gar nicht will. Sich bei seinem großen Bruder entschuldigen zum Beispiel oder das Zimmer aufräumen oder mithelfen beim Tischdecken. Ist doch egal! Der Spruch bringt mich als Tante auf die Palme. „Nein, das ist nicht egal!“ Sage ich dann. Weil es mir gerade wichtig ist, aber auch weil ich denke: Es ist grundsätzlich richtig, dass sich der Neffe entschuldigt, wenn er jemandem weh getan hat. Und dass er mithilft in der Familie und Verantwortung übernimmt.

Aber ehrlich gesagt: Ein bisschen verstehen kann ich ihn natürlich auch. „Ist doch egal“, das möchte ich auch manchmal sagen, wenn andere etwas von mir wollen oder eine Aufgabe zu erledigen ist. Im Kleinen wie im Großen. Wenn ich meine Küche aufräumen muss oder im Job etwas ansteht, worauf ich gerade keine besondere Lust habe. Oder auch, wenn ich denke: Ich müsste die Welt mit verbessern, mich mehr engagieren. Dann geht mir durch den Kopf: Was ändert es schon, wenn ich das jetzt nicht gleich erledige? Oder auch: Was bringt das, wenn ich als Einzelne damit loslege? Im Büro einer Kollegin steht die schöne Karte mit dem Ausspruch: „Bevor ich mich aufrege, ist es mir lieber egal!“ Und darin steckt ja auch was ziemlich Wahres: Ich muss nicht ständig und sofort aktiv werden. Ich darf auch mal gelassen und träge bleiben.

Und trotzdem: Wenn ich mich zu sehr gemütlich einrichte in meiner Gelassenheit, dann wird daraus womöglich eine richtige Gleichgültigkeit. Dann ist es mir egal, wie die Welt um mich herum aussieht. Und das ist nicht gut. Ich will mich empören über Ungerechtigkeiten. Ich will wahrnehmen, was die Menschen um mich herum brauchen. Auch, wenn das manchmal anstrengend ist. „Nein, das ist nicht egal!“ Das sage ich nicht nur zu meinem Neffen. Sondern manchmal auch zu mir selbst.

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