Manuskripte

SWR2 Lied zum Sonntag

Richtig bekannt geworden ist Matthias Claudius durch sein Abendlied „Der Mond ist aufgegangen.“ Weniger bekannt ist sein Gedicht mit der Überschrift „Täglich zu singen“. Claudius hat es um das Jahr 1777 geschrieben, und es ist so etwas wie ein Weihnachtsgeschenk, das man das ganzen Jahr über gut gebrauchen kann. „Ich danke Gott, und freue mich wie 's Kind zur Weihnachtsgabe, dass ich bin, bin! Und dass ich dich, schön menschlich Antlitz habe.“
Franz Schubert hat diese Zeilen wenige Jahre nach ihrer Entstehung vertont zu einem schlichten, aber kunstvollen Lied.

Ich danke Gott, und freue mich
Wie's Kind zur Weihnachtsgabe,
Dass ich hier bin! Und dass ich dich,
Schön menschlich Antlitz habe;

Eine so offensichtlich ungebrochene Lebens- und Daseinsfreude mag auf uns heute naiv wirken. Aber ungebrochen war sie schon damals nicht. Denn das Leben von Claudius war schon früh bestimmt von zahlreichen Todesfällen und Schicksalsschlägen in seiner Familie. 
Gerade darum aber weiß er den Pulsschlag des Lebens zu schätzen. Der Dank dafür, am Leben zu sein, ist in jeder Zeile zu spüren. Die Freude darüber, mit allen Sinnen aufnehmen und erspüren zu dürfen, was um ihn herum alles lebendig ist. Und hinter allem Dunkel dennoch die gute Schöpfung Gottes zu erkennen.

Dass ich die Sonne, Berg und Meer,
Und Laub und Gras kann sehen,
Und abends unterm Sternenheer
Und lieben Monde gehen;

Dieses gläubige Staunen über die Schöpfung ist für Claudius mit einem anderen Gefühl verbunden. Mit der Dankbarkeit dafür, dass ihm manches erspart geblieben ist. Etwa die Versuchungen der Macht und des Reichtums, von denen er nicht sicher ist, ob er ihnen Stand gehalten hätte.

Ich danke Gott mit Saitenspiel,
Dass ich kein König worden,
Ich wär geschmeichelt worden viel,
Und wär vielleicht verdorben.

Auch bet ich ihn von Herzen an,
Dass ich auf dieser Erde
Nicht bin ein großer reicher Mann,
Und auch wohl keiner werde.

Denn Ehr und Reichtum treibt und bläht,
Hat mancherlei Gefahren,
Und vielen hat's das Herz verdreht,
Die weiland wacker waren.

Anstelle von Macht und Reichtum treten die Dinge des Alltags, an denen sich Claudius freut. Wie über ein Weihnachtsgeschenk, das einem jeden Tag nützlich ist. 

Und all das Geld und all das Gut
Gewährt zwar viele Sachen;
Gesundheit, Schlaf und guten Mut
Kann's aber doch nicht machen.

In der letzten Strophe schließlich nimmt Claudius Bezug auf ein Wort aus der Bergpredigt. Auf die Worte Jesu: „Sorgt euch nicht um euer Leben. Seht euch die Vögel an! Euer Vater im Himmel versorgt sie. Meint ihr nicht, dass ihr ihm viel wichtiger seid?“ Und so bittet Matthias Claudius am Schluss:

Gott gebe mir nur jeden Tag,
Soviel ich darf zum Leben.
Er gibt's dem Sperling auf dem Dach;
Wie sollt er's mir nicht geben!

Ich finde, es ist ein großes Geschenk, mit und in diesem Vertrauen leben zu dürfen.  Es gibt Tage, wo mir das schwer fällt. Darum bedarf es wohl täglicher Übung. Nicht ohne Absicht überschreibt Claudius ja sein Gedicht mit „Täglich zu singen“.
Weil es so gelingen kann, dieses Vertrauen einzuüben. Und es einfließen zu lassen in die tägliche Lebensmelodie.

Gott gebe mir nur jeden Tag,
Soviel ich darf zum Leben.
Er gibt's dem Sperling auf dem Dach;
Wie sollt er's mir nicht geben!

***

CD: Franz Schubert, Lieder nach Matthisson, Stollberg, Claudius, Schubart und Salis. Siegfried Lorenz, Bariton, Norman Shetler, Klavier. Eterna Collection, 1983 VEB Deutsche Schallplatten Berlin, LC 06203, 2004 edel Classics GmbH

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