Manuskripte

Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Alle Jahre wieder kommen: die Vesperkirchen. Im Januar, wenn es draußen kalt ist. Auch jetzt kommen wieder arme Menschen als Gäste in die Kirchen. Menschen, die draußen leben unter freiem Himmel. Menschen, die zwar eine Wohnung haben, aber nicht heizen, weil sie zu arm sind. Chronisch Kranke und immer öfter kommen Menschen in die Vesperkirchen, die „einfach nur“ einsam sind. „Nur einsam.“ Sagt sich einfach. Aber, da leben Menschen in der Stadt neben vielen anderen und sind einsam.

In Mannheim zB. sind es jeden Tag an die 500 Menschen, die in der Vesperkirche bewirtet werden. Sie werden aber auch ärztlich versorgt, man kann sich die Haare schneiden lassen. Sie können reden. Und an den Sonntagen gibt es ein Konzert.

Es gibt Dinge, die kommen alle Jahre wieder. Wie die Vesperkirchen. Aber an manches, das alle Jahre wieder kommt, darf man sich nicht gewöhnen. Oder wollen Sie sich wirklich gewöhnen, an über 4000 Verkehrstote, jedes Jahr? Es gibt Dinge an die darf man sich eigentlich nicht gewöhnen. Auch nicht an Vesperkirchen. Selbst wenn es auch gut ist, dass es die gibt.

Eine Pfarrerin hat mir erzählt von einer Frau, die zu ihr in die Vesperkirche kommt:
Die Frau hatte drei Wirbel gebrochen, einfach so im Bett. Danach konnte sie sich nicht mehr bewegen. ‘Nie mehr laufen können’, hatte die Frau befürchtet. Nie mehr allein leben. Sie war monatelang im Krankenhaus. Danach ins Heim, ihre Wohnung hat sie aufgegeben. Und so ist sie in die Vesperkirche gekommen, ziemlich verzweifelt. ‘Ich kann jetzt doch wieder laufen, ich könnte allein leben, aber wie an eine Wohnung kommen?’ Und dann konnte ihr die Kollegin sagen, dass die Wohnungsnotfallberatung auch in die Vesperkirche kommt. Und dass die ihr helfen können.“ Da hat sie mich erstaunt angeguckt, hat die Kollegin erzählt. „Sie meinen, das muss nicht so bleiben? Sie meinen, das kann sich ändern? Das wäre einfach unglaublich!“

Das hat mich getroffen, was diese Frau gesagt hat. Unglaublich, dass sich etwas zum Guten ändern könnte. Vielleicht ist das Schlimmste, was passieren kann. Dass man nicht mehr glaubt, dass sich etwas ändern kann und besser werden. Oder sogar gut.

Alle Jahre wieder im Januar kommen die Vesperkirchen. Damit Menschen es besser haben. Für eine Weile zumindest. In den Vesperkirchen geschieht viel Gutes. Aber ich finde, es muss uns auch weh tun, dass es sie geben muss. Sie erinnern daran, dass wir noch viel tun müssen, damit sie eines Januars nicht mehr kommen müssen.

 

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