Manuskripte

SWR3 Gedanken

Früh am eisigen Morgen, da mag ich nicht viel reden und nichts gefragt werden. Aber bei jeder Dienstreise geht´s am Bahnhof schon los. “Die Fahrt hin oder auch zurück? Mit Bahncard 25 oder 50? 1. oder 2. Klasse?“ Kaum sage ich „Nein“ oder „Ja“, kommt die nächste Frage: „Großraum, Fenster, Mitte, Tisch und - sammeln Sie Punkte?“ 

Müde schießt mir durch den Kopf: „Euer Reden sei ja, ja oder nein, nein – alles zuviel ist übel.“ Ein weiser Rat der Bibel, nicht so viel drum herum zu reden. Sich zu entscheiden. Ein für allemal. Für etwas, für jemanden. Aber das ist nicht leicht... welche Arbeit, welchen Mann, welcher Art Leben hätt ich denn gern? Das wird immer schwerer zu entscheiden, philosophiere ich vor mich hin, am Bahnschalter.

Immerhin, nach xmal Ja, Nein und Extra Extras hab ich eine Fahrkarte. Wenigstens bin ich jetzt wach. Und das muss ich auch, denn beim Kaffeekaufen geht´s weiter: „Groß oder mittel? Mit Karamell oder Zimt, haben Sie unsere Nikolaus-Bonuskarte?“ Da möchte ich am liebsten die Rute auspacken.

Tja, einen Kaffee oder eine Fahrkarte mit einem einfachen „ja, danke“ bekommen, das war mal. Heute gilt es, sich zu entscheiden, ständig auszuwählen, bis in feinste Aromafragen. Wie gut, dass wenigstens wichtige Fragen einfach beantwortet werden können. Auf die Frage: „Liebst du mich?“ da reicht - mir zumindest - ein einfaches „Ja“ oder „nein“, ganz ohne Zimt und Punktesammeln.

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