Manuskripte

Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Laufen tut gut, nicht nur dem Körper auch der Seele. Seit einiger Zeit bin ich regelmäßig zu Fuß unterwegs. Ein Mal in der Woche gehe ich joggen. Und jeden Samstagvormittag wandere ich in den Nachbarort auf den Wochenmarkt. Zurück fahre ich mit dem Bus oder meine Frau holt mich ab.

Besonders diese wöchentliche Wanderung möchte ich nicht mehr missen. Beim Laufen über Wiesen und Felder kann ich besonders gut über mich, Gott und die Welt nachdenken. Zuhause im Sessel würde das nicht funktionieren. Meine Gedanken würden nicht vom Fleck kommen. Anderthalb Stunden dasitzen und nachdenken, wäre schrecklich. Anderthalb Stunden laufen und nachdenken funktioniert super. Denn beim Laufen kommt nicht nur mein Körper in Bewegung, auch meine Gedanken kommen in Schwung.

Ich lasse Revue passieren, was die Woche über war: Ich denke darüber nach, was gut lief und was nicht, wo ich zufrieden mit mir bin und wo nicht. Und ich wäge Für und Wider ab bei wichtigen Entscheidungen, die anstehen. Dabei kreisen die Gedanken nicht auf der Stelle, sondern führen meistens weiter. Ich vermute, das hat auch mit dem Laufen zu tun. Da mache ich ja auch Fort-Schritte.

Oft spreche ich dabei mit Gott und erzähle ihm von den Dingen, die mich bewegen. Er ist mein unsichtbarer Wegbegleiter. Offenbar eignet sich das Wandern besonders gut, um Gott näher zu kommen. Schon die Bibel erzählt, dass es oft Wandernde sind, die Gott begegnen: Abraham und Sara zum Beispiel, die ihre Heimat verlassen und in das Land ziehen, das Gott ihnen versprochen hat. Oder Mose und die Israeliten, die aus Ägypten fliehen und durch die Wüste wandern. Auch Jesus ist mit seinen Jüngern von Ort zu Ort gezogen. Sie alle haben sich von Gott begleitet gefühlt und im Gespräch mit ihm Orientierung gefunden.

Heute entdecken viele Menschen die alte Tradition des Pilgerns wieder. Der bekannteste Pilgerweg ist der Jakobsweg – durch den Norden Spaniens bis nach Santiago de Compostela. Der Entertainer Hape Kerkeling ist ihn vor einigen Jahren gegangen. Er hat ein Buch darüber geschrieben und damit viele Menschen zum Pilgern motiviert. Am Schluss seines Buches schreibt Kerkeling über sich und Gott: „Wir sind uns jeden Tag begegnet“. 

So eine lange Pilgerreise ist bestimmt eine ganz besondere Erlebnis. Meine Erfahrung ist: Im Kleinen kann man das aber auch zuhause – Pilgern im Alltag sozusagen. Zum Beispiel als eine wöchentliche Wanderung zum Wochenmarkt.

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