Manuskripte

SWR2 Lied zum Sonntag

Musik 1                  Vorspiel Klavier (Michael Gees)

Musik von Johann Sebastian Bach gefällt mir eigentlich immer. Beim Lied „Komm, süßer Tod“ jedoch spüre ich eine Art von Hassliebe. Bachs Melodie ist ausdrucksvoll, und die Harmonien funkeln in leuchtenden Farben. Probleme aber bereitet mir der Text: Warum soll ich, wenn ich so gern lebe, den Tod willkommen heißen? Das heutige Lied zum Sonntag geht mir nicht so leicht von den Lippen. Die erste Strophe heißt:

„Komm, süßer Tod, komm, selge Ruh!              
Komm, führe mich in Friede,
weil ich der Welt bin müde.
Komm, ich wart auf dich, komm bald und führe mich,
drück mir die Augen zu,     
komm selge Ruh!“   

 

Musik 2                  Bach-Strophe 1 mit Christoph Prégardien und Michael Gees

Johann Sebastian Bach war mit dem Tod vertraut: mit neun Jahren hat  er seine Mutter verloren, im Jahr darauf auch den Vater. Viele Schicksalsschläge hat er verkraftet. Und trotzdem spricht aus seiner Musik pure Lebensfreude. Aber er hat auch das Lied „Komm, süßer Tod, komm, selge Ruh“ komponiert. Ich kann mir das nur so erklären, dass die Lebenslust für Bach ebenso wichtig war wie der Gedanke daran, sterben zu müssen. Und wie die Hoffnung, dass der Tod nicht das letzte Wort hat. Weil Jesus selbst das letzte Wort spricht. Er hat nämlich gesagt: „Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt.“ Damit meint er das ewige Leben, in dem Gott selbst alle Tränen trocknet. Und wenn dieses Leben kommt, war der Tod ja vielleicht wirklich süß.

 

Musik 3             Knut Nystedt: „Immortal Bach“ für Chor a cappella

                         Beginn: „Komm, süßer Tod, komm, selge Ruh, komm, führe mich in Friede“

Spätere Komponisten haben Bachs Lied „Komm, süßer Tod“ musikalisch bearbeitet, sozusagen daran weiter komponiert. Der Norweger Knut Nystedt hat aus dem Solo-Lied einen vielstimmigen Chorsatz gemacht. Und dabei kam ihm die Idee, dass die Sängerinnen und Sänger kein einheitliches Tempo brauchen. Jeder wählt sein eigenes Tempo – so wie jeder sein eigenes Leben lebt. Auf diese Weise entstehen Zusammenklänge, die vielleicht auch Bach gefallen hätten.

 

Musik 4                Knut Nystedt: „Immortal Bach”

                            Liedzeile „Komm, selge Ruh” (unter dem Text bis Schluss des Beitrags)

 

„Immortal Bach“ – Unsterblicher Bach –, so heißt dieses Chorstück über Bachs Lied. Unsterblich will ich gar nicht sein. Aber es ist mir wichtig, Lebenslust und recht verstandene Sterbekunst gut auszubalancieren. Auf meinem Lebens-Weg darf es auch Brüche geben und manche schrägen Klänge, so wie in dieser Musik. Dass der Chor am Ende jeder Zeile den erlösenden Schlusston findet, gibt mir Hoffnung für mein eigenes Ende. Nicht zu oft, aber auch nicht zu selten will ich an das Ende denken: mit Lebenslust im Herzen, aber auch mit Johann Sebastian Bachs komponierter Sterbekunst im Ohr.

Musik 3                Knut Nystedt: „Immortal Bach“

                            auf dem Schlusston langsam ausklingende Zeile „Komm, selge Ruh“

 

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Worte: unbekannter Autor der Barockzeit (um 1720/30); Musik: Lied für Solostimme und Generalbass aus dem „Schemelli-Gesangbuch“ von Johann Sebastian Bach BWV 478 (1736) und dessen chorische Bearbeitung „Immortal Bach“ von Nnut Nystedt (1988) für gem. Chor a cappella

 

Quellen:       

aus dem SWR-Archiv: M0510809 01-002 Johann Sebastian Bach / unbekannter Textdichter: „Komm, süßer Tod, komm, selge Ruh“ BWV 478. Geistliches Lied für Singstimme und Basso continuo. Christoph Prégardien (Gesang) und Michael Gees (Klavier)

CD „Choral Works for 40 voices“. Rundfunkchor Berlin unter Leitung von Simon Halsey. Daraus Track 7: Knut Nystedt (geb. 1915): „Immortal Bach“ für gem. Chor a cappella nach Bachs Lied „Komm, süßer Tod“

Label: Harmonia mundi France, LC 7045

https://www.kirche-im-swr.de/?m=27463

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