Manuskripte

Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

- Glaube setzt Glaubwürdigkeit voraus  -    

Es ist kein gutes Gefühl, einer Berufsgruppe anzugehören, die negative Schlagzeilen macht. Über 5 % der Priester und Ordensleute haben in den letzten Jahrzehnten Kinder und Jugendliche sexuell missbraucht. Manchmal fühle ich mich auf der Straße, bei Begegnungen, ja selbst im Gottesdienst wie von Röntgenaugen durchbohrt: Bist du auch einer von denen?

Keiner von uns Klerikern, der nicht an diesem Kollateralschaden der Missbrauchsskandale zu leiden hat. Die Verkündigung des Evangeliums ruht ja ausschließlich auf dem Grundpfeiler des Vertrauens. Glaube lebt von der Glaubwürdigkeit dessen, der ihn wecken und vermitteln will. Wehe, wenn dieser Pfeiler ins Wanken gerät. Nur wenn Wort und Tat übereinstimmen, können wir als Priester und Ordensleute Zeugnis geben von der „Güte und Menschenfreundlichkeit unseres Gottes“, die uns in Jesus Christus erschienen ist. So schreibt der Apostel Paulus an seinen Schüler Titus. (Titusbrief 3,4).   

Ich bin dankbar, dass mir trotz dieser Skandale so viele Menschen ihr Vertrauen schenken und mir auch heute früh wieder zuhören. Dass ich sogar im  kirchenfernen Raum gefragt bin  – bei Betriebsversammlungen, Kundgebungen und Veranstaltungen. Ich bin dankbar, dass ein Sterbender ein Gebet erbittet und nach meiner Hand greift. Dass Trauernde bei mir Trost und junge Menschen Rat suchen. Ich danke jenen Eltern, die sich freuen, wenn mich ihre Kinder herzen und umarmen.

Nehmen Sie uns Priester in Ihre Mitte, so bitte ich christliche Gemeinden und alle Menschen guten Willens. Auch wir sind Menschen und Sünder – wie alle. Auch in uns schlägt ein Herz voller Sehnsucht, angenommen, geborgen und geliebt zu sein.

Darum muss die Kirche endlich ihre Haltung zur Sexualität entkrampfen, sie als Geschenk Gottes neu erschließen und auch ihren geweihten Amtsträgern zugestehen, sie in Ehe und Partnerschaft zu leben.

Meiner Kaste aber schreibe ich in aller Deutlichkeit ins Stammbuch: Schluss mit aller Überheblichkeit und dieser unsäglichen Pfarr-Herrlichkeit. Missbrauch beginnt im Amtsmissbrauch. Denn wir sind, so mahnt uns der Apostel Paulus, „nicht Herren des Glaubens, sondern Diener eurer Freude“ (2. Brief an die Korinther 1,24).

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