Manuskripte

SWR2 Lied zum Sonntag

Bäume sind in der Dichtung immer wieder mit Menschen verglichen worden. Wohl weil ihr senkrechter Stamm an den aufrechten menschlichen Gang erinnert. Weil ihre Jahresringe unseren Lebensjahren vergleichbar sind. Weil Bäume - wie wir auch - Wurzeln brauchen, um zu bestehen.

Im Gebetbuch des Alten Testaments, den Psalmen, wird gleich zu Beginn der Mensch mit einem Baum verglichen, der auf den Wegen Gottes geht und seinen Weisungen folgt. Heinrich Schütz, 100 Jahre vor Johann Sebastian Bach in Köstritz geboren, hat diesen ersten Psalm in einer klaren und kunstvollen Musik erklingen lassen.

Wohl dem, der nicht wandelt im Rat der Gottlosen..., sondern hat Lust am Gesetz des HERRN und sinnt über seinem Gesetz Tag und Nacht!
Der ist wie ein Baum, gepflanzt an den Wasserbächen, der seine Frucht bringt zu seiner Zeit, und seine Blätter verwelken nicht. Und was er macht, das gerät wohl.

Ich denke an den hoch in den Himmel ragenden, silbrig glänzenden Stamm einer Buche. Bei meinen Spaziergängen suche ich sie immer wieder auf. Die Hitze des Sommers erträgt diese Buche genauso wie die Kälte des Winters. Was hat so ein Baum, frage ich mich, nicht alles erlebt? Gute und schwere, bewegte und unruhige Zeiten. Und dennoch - verlässlich steht er da, wenn ich komme. Freundlich verabschiedet er mich, wenn ich gehe.

Am Ende des Psalms steht – ähnlich fest wie eine Baum - das Vertrauen in Gott, der bleibt „von Ewigkeit zu Ewigkeit“. Heinrich Schütz hat seine Musik in den friedlosen Zeiten des Dreißigjährigen Kriegs komponiert. Und hat dennoch in diesem Vertrauen gelebt. Heute will ich mich an das Bild des Baumes erinnern, der gepflanzt ist an den Wasserbächen des Lebens.

CD: Heinrich Schütz, Psalmen Davids, 1996 HNH International Ltd.

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