Manuskripte

SWR2 Wort zum Tag

„Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten,“ verkündete DDR-Staats- und Parteichef Walter Ulbricht im Juni 1961. Am 13. August, keine zwei Monate später, begann DDR-Führung die Grenze rings um West-Berlin abzuriegeln. Ein brutaler und auf lange Sicht hilfloser Versuch, den Strom derer einzudämmen, die im Westen ein besseres Leben suchten. 

57 Jahre ist das heute her – und diese Mauer ist Gott sei Dank Geschichte. Über die Bedeutung und die richtigen Wege der Grenzsicherung wird heute allerdings wieder viel diskutiert. Auch Mauern sind wieder im Gespräch. 

In der Gesellschaft, in der Jesus lebte, gab es viele Grenzen, mit denen man sich zu schützen versuchte, weil man keine andere Lösung sah. Eine solche Grenze betraf kranke Menschen. Gegen ansteckende Krankheiten wie Lepra gab es kein Heilmittel – der einzige Schutz, den man sich vorstellen konnte, war, die kranken Menschen fern zu halten vom Rest der Gesellschaft. Sie auszusperren. Eine Mauer um die Stadt, in die die Ungewollten nicht vordringen sollten. Jesus hat diese Grenze konsequent ignoriert. Er ist den Kranken nahegekommen. Hat sie eingeladen und berührt. Und, so wird erzählt, auch geheilt.

Im Laufe der Geschichte hat es immer wieder Menschen gegeben, die sich am Vorbild Jesu orientiert haben und sich nicht abgefunden haben mit dem Schicksal der Kranken und ihrer Ausgrenzung. Inzwischen ist Lepra heilbar. Eine Grenze ist überflüssig geworden. 

Heute treffe ich viele Leute, die auch andere Grenzen gerne überwinden würden. Die sich nicht damit abfinden, dass wir in Europa die Armen der Welt mit Mauern und Stacheldraht daran hindern müssen zu uns zu kommen. Diese Leute versuchen es auf andere Weise – indem sie mithelfen, die Not in den Ländern zu lindern, aus denen Menschen fliehen. Sie tun das, obwohl sie wissen, dass es nur ein Tropfen auf den heißen Stein ist. Sie organisieren Benefizveranstaltungen für Hilfsorganisationen, sie arbeiten ehrenamtlich im Eine-Welt-Laden, sie starten Kampagnen gegen die Ausbeutung der Natur durch Ölfirmen an der westafrikanischen Küste, sie überweisen Geld für ein Patenkind oder eine Partnerschule in Pakistan. So wie viele zu DDR-Zeiten Päckchen gepackt haben und Briefe geschrieben als Zeichen der Verbundenheit mit den Menschen im anderen Teil Deutschlands. 

Solches Engagement wird oft belächelt. Die globale Armut zu besiegen scheint heute so unerreichbar wie ein Heilmittel gegen Lepra zur Zeit Jesu. Aber ich bin überzeugt: Langfristig ist es der einzige Weg. Und er fängt im Kleinen an. 

Mauern halten nur eine begrenzte Zeit. Daran erinnert uns in Deutschland heute der 13. August. Grenzen zu überwinden dagegen hat Zukunft – das zeigt mir Jesus.

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