Manuskripte

Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

„Zehn Kilometer Stau!“ - Bei dieser Durchsage im Verkehrsfunk zuckt man unwillkürlich zusammen: „Da brauchen Sie vierzig Minuten länger, bis Sie durch sind“, fügt der Sprecher mitleidig hinzu. Für Ausweichmanöver ist es zu spät, ich steck bereits mitten drin. In einer engen Baustelle stoppt die Karawane. Mürrische Gesichter hinter den Scheiben. Nebenan die Großbaustelle. Eine Baukolonne erneuert in glühender Hitze die Fahrbahndecke. Viele Arbeiter schuften in der prallen Sonne. Andere sitzen hochkonzentriert in den Führerständen stampfender Maschinen oder am Steuer ihrer LKW´s. Alle eingehüllt in die Dampfschwaden des glühenden Asphalts, die sich mit den Autoabgasen vermischen. Und alles inmitten einer tosenden Lärmglocke, in der man sich nur schreiend verständigen kann. 

Zum Glück hat moderne Technik auch die Arbeit im Straßenbau erleichtert - sie bleibt dennoch Schwerstarbeit und verschleißt die Menschen frühzeitig. Während wir in den klimatisierten Blechkisten wie angekündigt in „vierzig Minuten durch sind“, sind es die Straßenbauer noch lange nicht! Oft reißen sie jede Menge Überstunden, arbeiten auch nachts und an Wochenenden. Denn der Termindruck seitens der Auftraggeber ist höllisch. 

Irgendwann werden hochrangige Politiker zur Schere greifen und die Strecke freigeben. Denn gebaut haben ja der „Bund“ oder das „Land“, und nicht die schwitzende Kolonne, die Männer in schweren Sicherheitsschuhen und teerverspritzten Overalls. 

Mir kommen dabei immer die „Fragen eines lesenden Arbeiters“ von Bert Brecht in den Sinn: 

„Wer baute das siebentorige Theben? In den Büchern stehen die Namen von Königen. Haben die Könige die Felsbrocken herbeigeschleppt? [….]

Das große Rom ist voll von Triumphbögen. Wer errichtete sie?“

Wenn´s der stockende Verkehr erlaubt, winke ich denen jenseits der Leitplanke zu und rufe ein „Dankeschön“ hinüber. Manche gucken ungläubig und erstaunt, dass sie überhaupt wahrgenommen werden und – winken manchmal zurück.

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