Manuskripte

SWR2 Lied zum Sonntag

Es gibt diese Momente, da glaubt man, vor Freude zu zerspringen. Da könnte man die ganze Welt umarmen. Seid umschlungen Millionen! Diesen Kuss der ganzen Welt!“  Friedrich Schillers „Ode an die Freude“ bleibt vermutlich die berühmteste und eindrücklichste Beschreibung von diesem unglaublichen Hochgefühl. So einen euphorischen Moment muss auch der sächsische Pfarrer Johann Metzner – achtzig Jahre vor Schiller – erlebt haben, als er sein Loblied geschrieben hat:

O dass ich tausend Zungen hätte.  Auch dieses Lied quillt schier über vor Freude und Begeisterung.

O dass ich tausend Zungen hätte und einen tausendfachen Mund,
so stimmt ich damit um die Wette vom allertiefsten Herzensgrund
ein Loblied nach dem anderen an von dem, was Gott an mir getan.

Bei Metzners Loblied steht etwas ganz im Vordergrund, das bei Schiller nur am Rande aufscheint: Dankbarkeit. Ich kann Metzners Gefühl gut nachvollziehen. Wenn ich vor Freude fast platze, dann könnte ich nicht nur die ganze Welt umarmen, sondern würde auch am liebsten auf die Knie fallen. Und danke sagen. Nicht nur mit dem Mund, sondern mit dem ganzen Körper, wie schon Johann Metzner: Ach wär ein jeder Puls ein Dank – und jeder Odem ein Gesang.

Für dieses „danke“, dass aus jeder Faser des Körpers dringt, für diesen „Überschuss“ an Dankbarkeit, der über das hinaus geht, was ich anderen Menschen verdanke, dafür brauche ich ein Gegenüber. Für mich ist dieses Gegenüber – wie auch für Johann Metzner, den Liederdichter – Gott. Und eigentlich sind es auch genau diese begeisterten Momente – wenn etwas gelungen ist, was schwer war, zum Beispiel, oder wenn mich mit anderen Menschen ganz verbunden fühle – eigentlich sind es auch diese Momente, in denen ich es am stärksten fühle: Da muss etwas oder jemand sein, der mir das geschenkt hat. Oder, wie Schiller es in seiner „Ode an die Freude“ ganz einfach ausgedrückt hat: Brüder – überm Sternenzelt muss ein lieber Vater wohnen.

Was mich allerdings an Johann Metzner beeindruckt: Für ihn, der von der Herzensfrömmigkeit des Pietismus beeinflusst war, war die Dankbarkeit nicht nur die Begleiterscheinung euphorischer Momente. Er sah sie als lebenslange Grundhaltung – auch in schwierigen Zeiten:

Ich will von deiner Güte singen, solange sich die Zunge regt,
Ich will dir Freudenopfer bringen, solange sich mein Herz bewegt;
Ja, wenn der Mund wird kraftlos sein, so stimm ich doch mit Seufzen ein.

So möchte ich Dankbarkeit auch gerne leben. Seufzend, wenn es mir nicht gut geht – aber ohne dabei das Gute zu vergessen, das mir immer wieder geschenkt wird.

Und dann wieder ganz euphorisch, mit Leib und Seele, staunend über die alltäglichen Wunder – über die Schönheit des Sommers, die Kraft, von der ich manchmal nicht weiß, woher sie kommt, und so vieles andere. Und verbunden mit allem, was lebt:

Ach, alles, alles, was ein Leben und einen Odem in sich hat,
soll sich mir zum Gehilfen geben, denn mein Vermögen ist zu matt,
die großen Wunder zu erhöhn, die allenthalben um mich stehn.

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