Manuskripte

Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Sonntagmorgen. Stopp vor einer roten Ampel auf der Höhe eines Nachtclubs. Dort rechts stehen um diese Zeit Gestalten, denen ich ansehe, dass sie die Nacht durchgemacht haben. Dazu noch Securityleute in schwarz. Wobei ich mich in deren Gegenwart wohl auch nicht sicherer fühlen würde. Sie wirken nicht gerade Vertrauen einflößend. Neben mir sitzt unsere erwachsene Tochter. Sie ist durch das Down-Syndrom behindert.

Mein Blick ist auf die Ampel gerichtet und wartet auf grün. Doch auf einmal bemerke ich rechts bei den Leuten Bewegung. Als ich hinüberschaue traue ich meinen Augen nicht. Aus offenen Gesichtern kommt ein freundliches Lächeln herüber. Dazu wird gewunken als hätten sich alte Bekannte wiedergetroffen. Ich schaue meine Tochter an. Sie grinst. Hast du denen gewunken, frage ich sie. Ja. Jetzt ist mir alles klar.

Sie hat es mal wieder geschafft. Kontakt herstellen, das Eis brechen, die Stimmung aufheitern. Mit einem Lachen und einem Winken. Sie verschenkt es anderen einfach von Herzen und ist völlig frei von Vorurteilen oder Befürchtungen.

Und die Reaktion dieser Partylöwen überrascht selbst mich, der ich ja schon manche Überraschung mit unserer Tochter erlebt habe. Diese verkaterten Typen so aus der Reserve zu locken, dass sie ein Maß an Freundlichkeit an den Tag legen, das ich ihnen niemals zugetraut hätte.

Sie wurden anders behandelt als sie es erwartet haben. Und sie haben anders reagiert als ich es erwartet habe. Der Apostel Paulus schreibt einmal: Eure Freundlichkeit lasst alle Menschen spüren. Und der Volksmund sagt, so wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus.

Menschen verhalten sich anders und können sich verändern, wenn man ihnen mit einer unbeschwerten Freundlichkeit begegnet. Dann fühlen sie sich frei von Vorurteilen oder Unterstellungen. Sie brauchen nichts zu befürchten und sich nicht mehr so zu schützen.

Freundlichkeit breit und unbegrenzt zu verteilen zeigt Wirkung. Meine Tochter hat so gehandelt, dass alle an diesem Sonntagmorgen etwas von Gottes Güte spüren konnten. Darum möchte ich von meiner behinderten Tochter lernen, unbefangener und großzügiger Freundlichkeit zu verschenken. Auch an die, bei denen ich vielleicht gar nicht mit einer freundlichen Reaktion rechne. Es warten dann sicher noch manche Überraschungen.

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