Manuskripte

SWR2 Lied zum Sonntag

(GL 712)

Es gibt eine Regel, die man als Pfarrer lernen muss: Es ist viel schwieriger, eine Predigt für Kinder zu schreiben als für Erwachsene. Im Laufe der Jahre und mit zunehmender Erfahrung habe ich kapiert, woran das liegt: Bei Kindern kann ich nicht um den heißen Brei herum reden. Ich muss, was ich sagen will, auf den Punkt bringen. Und dazu noch in einfacher Sprache. Kurz und knapp. So dass Kinder eben in der Lage sind, es auf Anhieb zu verstehen. Ohne nachzufragen, ohne Gesprächskreis, ohne Predigtnachlese. Und es kommt noch eine schöne Erfahrung dazu: Was für Kinder gut ist, passt auch für Erwachsene. Die einfachen, aber klaren Botschaften, die tun allen gut. So wie die des Lieds, das ich für diesen Sonntag gewählt habe:

 1.
Weißt du, wieviel Sternlein stehen
an dem blauen Himmelszelt?
Weißt du, wieviel Wolken gehen
weithin über alle Welt?
Gott, der Herr, hat sie gezählet,
dass ihm auch nicht eines fehlet
|: an der ganzen großen Zahl. :|

Von Gott so zu sprechen, dass man ihn nicht vereinnahmt, ist eine große Kunst. Dem Lied N° 712 im katholischen GOTTESLOB gelingt das ausgesprochen gut: „Weißt Du, wieviel Sternlein stehen?“ Aus verschiedenen Gründen. (1°) Jede Strophe beginnt mit Fragen. Fragen drücken oft die richtige Haltung aus, wenn Menschen sich Gott nähern. Sie tasten sich an die Wahrheit heran. Sie lassen Spielraum für unterschiedliche Antworten und legen nicht eindeutig fest. (2°) Hinzu kommt, dass die Fragen des Liedes an die Grenze unserer menschlichen Vorstellungskraft appellieren: Wir wissen eben nicht, wie viele Sterne es im Universum gibt. Und auch die Zahl der Mücken und Kinder, nach denen die zweite und dritte Strophe fragen, kennen wir nicht. Wer so fragt, macht sich bewusst, was er kann, und was nicht. (3°) Gott allerdings kann das. Er weiß das alles. Weil er größer ist. Weil er das Universum erschaffen hat. Weil er Anfang und Ziel von allem ist.

Ich kann mich Gott eben nur in Bildern und Vergleichen nähern. Ich muss mich mit anderen austauschen, die auch nach ihm fragen, und deren Bilder dabei kennen lernen. Ich muss vorsichtig sein. Denn: Immer besteht die Gefahr, ich könnte etwas über ihn sagen, das ich gerade brauche oder was mir gut tut. Wenn das oft passiert, wird der große, unbegreifliche Gott mehr und mehr zu einem fahlen Abbild meiner eigenen Gedanken und Wünsche.

2.
Weißt du, wieviel Mücklein spielen
in der heißen Sonnenglut?
Wieviel Fischlein auch sich kühlen
in der hellen Wasserflut?
Gott, der Herr, rief sie mit Namen,
dass sie all' ins Leben kamen,
|: dass sie nun so fröhlich sind. :|

Bisher hatten es Kinderlieder schwer, einen Platz im kirchlichen Gesangbuch zu finden. Vermutlich hat man sie für zu simpel gehalten und wollte allen, die im Gottesdienst singen, schwerere Kost anbieten, höhere Theologie. Im Laufe der Jahre habe ich immer besser verstanden, wie Theologie, Gottes-Rede, funktioniert. Sie bleibt am besten einfach. Sie sucht nach Vergleichen, die die Zuhörer leicht nachvollziehen können. Sie bleibt am Boden der Tatsachen und sucht dort nach Gott.

Alle drei Strophen des Liedes beinhalten so eine schlichte theologische Wahrheit. Wenn man aber länger dabei bleibt, merkt man, dass dort Großes, ja Wunderbares ausgesagt wird:

* Gott achtet auf jeden Stern am Firmament. Sie sind großartig und jeder ein Hinweis, dass es ihn, Gott, gibt.

* Gott hat schon den Insekten Namen gegeben; er kann jedes einzelne unterscheiden, weil es ihm kostbar ist.

Erst in der dritten Strophe kommt der Mensch ins Spiel. Und weil’s ein Lied auch für Kinder ist, lenkt das Lied den Blick auf sie: diese kostbaren, zarten Geschöpfe, denen Gottes Welt hoffentlich ein gutes Zuhause ist. Gott freut sich über jedes einzelne Kind. Er will, dass es ihnen gut geht, dass es uns, Dir und mir, gut geht. So nah kommt uns das Lied zuletzt. So persönlich wird es am Ende. „Gott hat dich lieb!“ Das ist kindlich und schlicht und gleichzeitig hohe Theologie.

3.
Weißt du, wieviel Kinder frühe
steh'n aus ihrem Bettlein auf,
dass sie ohne Sorg' und Mühe
fröhlich sind im Tageslauf?
Gott im Himmel hat an allen
seine Lust, sein Wohlgefallen,
|: kennt auch dich und hat dich lieb. :|

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