Manuskripte

Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Gnade muss vor Recht gehen, sonst wird unser Leben unmenschlich und kleinlich. Das habe ich beim Lesen einer Erzählung von Gabriele Wohmann [1] so empfunden.
Die Erzählung handelt von der pensionierten Musiklehrerin Ottilia Klein. Damit Tochter und Schwiegersohn ihr Eigenheim abbezahlen können, ist sie in die Einliegerwohnung eingezogen und hilft nun mit ihrer Rente beim Abzahlen der Schulden.Die Tochter Gisela achtet sehr auf Ordnung und Sauberkeit. Wenn sie tagsüber arbeitet, dann ist Ottilia für die Ordnung zuständig und für die Sauberkeit. Besonders in der Küche.

Und dann passiert es, dass Ottilia morgens beim Kaffeekochen schon wieder den falschen Knopf auf drei gedreht hat. Zu spät merkt sie, dass die Kaffeekanne aus Kunststoff auf dem Herd steht und schmilzt. Sie fällt auf den Boden. Verursacht Brandflecken.
Und Ottilia schrubbt um ihr Leben. Das Schlimmste, denkt sie, ist ja nicht die kaputte Kanne. Das Schlimmste ist die Angst. 
« Das gibt‘s doch nicht. Schon wieder ! « würde Gisela rufen  und dann würde sie vorwurfsvoll schweigen. Ottilia kennt das schon.
Mitten in dem ganzen Dilemma steht dann der Klemptner vor der Tür. Ein freundlicher, vergnügter, junger Mann. Er macht sich in der Küche zu schaffen.

Ottilia aber putzt immer noch herum an den Spuren des Unglücks vom Morgen. Das merkt der junge Mann: „Wenn’s weiter nichts ist. Ist doch halb so schlimm. Nur nicht aufregen“.
“Ich halt’s nicht aus, wenn sie so nett zu mir sind,“ sagt Ottilia mit Tränen in den Augen.
Es ist ihr jetzt ganz egal, was der nette Bursche von ihr hält, wahrscheinlich denkt er: „Die spinnt aber ganz gehörig. Aber es war trotzdem schrecklich gut, mit ihm zusammen zu sein..“
So endet die Erzählung „Gnade vor Recht“ von Gabriele Wohmann.

Eine alte Ottilia, die sich schuldig fühlt, weil sie schon wieder etwas falsch gemacht hat, in den Augen ihrer Tochter. Und ein junger Handwerker, der einfach einen anderen Maßstab anlegt an das, was passiert ist.
Wahrscheinlich ahnt er gar nicht, was er Großes in der alten Frau auslöst. Er ist unerwartet gnädig mit ihr.
Er schaut sie an und sieht ihre Angst. Und er spricht sie frei. Gnädig und freundlich gibt er ihr ihre Würde zurück. Gnade – das muss nicht immer gleich ein weltumstürzendes epochales Ereignis. Gnade gibt es auch in kleinen Dosen. Man muss sie nur entdecken. Vielleicht bei der nächsten Gelegenheit, die sich bietet, Gnade vor Recht ergehen zu lassen.



[1]Gnade vor Recht, in: Gabriele Wohmann, Schwarz und ohne alles, Berlin 2008, S.207-219.

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