Manuskripte

Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Beim Frühstück am Samstagmorgen klingelt es an der Tür. Als ich öffne steht ein Mann aus unserer Straße vor mir. Er dürfte so Mitte-Ende 50 sein. „Guten Morgen, sie sind doch Pfarrer. Ich habe eine ganz große Bitte. Ich heirate heute und meine Frau hat’s nicht so mit dem Glauben. Aber ich glaube schon, auch wenn ich kein Kirchgänger bin. Können sie mir den Segen geben?

Ich bin echt überrumpelt von dieser Anfrage und versuche mir das natürlich nicht anmerken zu lassen. Deshalb stelle ich zunächst einmal fest, dass dies ja sehr schön sei, aber auch recht kurzfristig. Und ich frage, wann und wo denn die Feier stattfinde.
Doch der gute Mann erwartet mich gar nicht auf seiner Feier. Er wünscht sich hier und jetzt unter der Tür ein Segensgebet.

Weil ich den Eindruck habe, dass ihm dieser Wunsch sehr ernst ist, lege ich nach kurzem Zögern meine Hand auf seine Schulter. In einem Segensgebet bitte ich, dass Gott ihre Liebe bewahren und wachsen lassen möge und den Eheleuten Gelingen schenke bei der Gestaltung ihres gemeinsamen Lebens. Nach dem Amen bedankt sich der Mann sichtlich bewegt und verabschiedet sich.

Zurück am Frühstückstisch frage ich mich, was war das?
Einem Mann ist der Segen Gottes für seine Ehe so wichtig, dass er sich nicht scheut, an der Haustür darum zu bitten.
Ihm ist bewusst, dass es nicht nur in seinen Händen liegt, ob die Ehe gelingt. Weil er weiß, was eine gescheiterte Ehe bedeutet und einiges an Lebenserfahrung gesammelt hat, ist ihm klar, ich kann mir selbst das Glück nicht garantieren.

Er hofft auf den Segen aus Gottes Hand und bekennt sich dazu. Wer um den Segen Gottes bittet, weiß um seine begrenzten Möglichkeiten und rechnet mit Gottes Möglichkeiten. Er bittet Gott darum, das zum Guten zu wenden, was wir nicht in der Hand haben.

Wie viel haben wir schon wirklich im Griff? Wer hat seine Ehe im Griff? Wer hat seine Kinder im Griff? Wer hat seine Gesundheit im Griff? Wer hat seinen Job im Griff?
Ein altes Sprichwort sagt: An Gottes Segen ist alles gelegen. Und um ihn dürfen bitten. Auch heute – für diesen Tag.

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