Manuskripte

Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

„Den Krebs besiegen – wenn ich das schon höre!“ Schimpft mein Gesprächspartner und tippt zornig auf einen Zeitungsausschnitt.
Er selbst hat diese Krankheit vor einigen Jahren überstanden, deshalb frage ich ihn verwundert, was ihn denn so ärgert.

„Es geht nicht um Sieg oder Niederlage“, antwortet er.
„Der Krebs ist doch keine Person, gegen die man antritt und dann schaut man mal, wer der stärkere ist. Nein, es geht um etwas ganz anderes.“
„Ah ja, und um was?“
„Wissen Sie, als ich so krank war, da kamen die Leute und klopften mir auf die Schulter und sagten: Du bist ein Kämpfer. Du schaffst das!
Sicher, das war gut gemeint, aber irgendwann hat es mich richtig aggressiv gemacht.
Es war, als ob sie mir die ganze Verantwortung zuschustern würden. So nach dem Motto: Es liegt alles nur an dir. Wenn du nur ordentlich kämpfst, dann schaffst du das auch.“
„Aber Mut hat Ihnen das nicht mehr gemacht“, sage ich.

„Nein. Ich habe Kranke auf der Station kennen gelernt, die waren stark. Die wollten nicht sterben. Die hätten alles getan, um weiter zu leben. Aber sie haben es trotzdem nicht geschafft. – Sind die jetzt selbst dran schuld? Sind das dann die Verlierer? – Nein!“ sagt er.
Ich schaue ihn fragend an.

„Wissen Sie, ich habe gekämpft - und wie ich gekämpft habe! Aber irgendetwas fühlte sich falsch an. Das hat sich erst geändert, als ich am Tiefpunkt angelangt bin, ganz unten. Da wurde mir plötzlich klar:
Es liegt doch gar nicht in meiner Hand! Ich entscheide doch nicht über Leben oder Tod. Und da habe ich mein Leben in die Hände gegeben, in die es gehört. Ich habe zu Gott gesagt: Entscheide du. Egal wie, ich werde es annehmen.

Und von da an war ich den Druck los. Ich war plötzlich ganz gelassen und konnte einfach abwarten, was geschieht. Und damit ging es mir sichtlich besser. Wirklich, meine Familie hat gesagt: Du siehst so anders aus.

Das hat die Entscheidung Gottes übrigens nicht beeinflusst. Meine Zeit war einfach noch nicht gekommen. Aber deshalb bin ich noch lange kein Sieger. Und wenn ich eines Tages sterbe, und sei es an einem Rückfall, dann werde ich auch kein Verlierer sein.“
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