Manuskripte

SWR2 Lied zum Sonntag

Palmsonntag (GL 280)

 

Singt dem König Freudenpsalmen, Völker ebnet seine Bahn!
Zion, streu ihm deine Palmen, sieh dein König naht heran
Der aus Davids Stamm geboren, Gottes Sohn von Ewigkeit,
der da kommt in Gottes Namen: Er sei hochgebenedeit!

Singt dem König Freudenpsalmen. Das hört sich doch gar nicht gefährlich an. Weder die freundliche Melodie, noch sein Inhalt.  Das Lied wird seit über zweihundert Jahre an Palmsonntag gesungen. Und nur heute an Palmsonntag, einmal im Jahr: Ein Loblied auf den König. Er zieht in Jerusalem ein, in seine Stadt. Die Bevölkerung jubelt darüber. Und der Himmel auch, heißt es. Alles ganz großartig. Ein Triumph!

Wenn da nicht ein paar Wermutstropfen wären, die man erst bemerkt, wenn man ein bisschen genauer hinsieht. Der Name des Königs wird nicht genannt. Ist der nicht so wichtig? Oder soll er lieber verschwiegen werden? Im Lied wird der König durch Hinweise und Titel näher charakterisiert: aus Davids Stamm, Gottes Sohn. Wer hören kann, der kapiert schon, dass es da nicht um einen gewöhnlichen König geht. Das aber macht die Sache um so heikler. Weil Personen, die für sich eine besondere Nähe zu Gott in Anspruch nehmen, anderen meistens verdächtig sind. Und dann auch noch Jerusalem. Ausgerechnet Jerusalem. Wo es dort schon so vielen schlecht ergangen ist, die zwischen Gott und den Menschen den für sie passenden Platz gesucht haben.

Strophe 3

Sieh, Jerusalem, dein König, sieh, voll Sanftmut kommt er an!
Völker seid ihm untertänig, er hat allen wohlgetan!
Den die Himmel hochverehren, dem der Chor der Engel singt,
dessen Ruhm sollt ihr vermehren, da er euch den Frieden bringt!

Der sanfte Friedensbringer. Mir ist kein Beispiel aus der Weltgeschichte bekannt, wo das funktioniert hätte. Alle sind sie gescheitert oder gar zu Tode gekommen: Mahatma Gandhi, Martin Luther King. Und eben auch der Mann aus Nazareth, um den es hier geht. Jesus geht nach Jerusalem, weil er weiß, dass es jetzt ernst wird. Seine Zeit auf der Erde tritt in ihre finale Phase. Jesus scheint sich im klaren zu sein, dass es dazu keine Alternative gibt. Wer vom Gott Abrahams erzählt, wer in den Glaubensspuren des Volkes Israel geht, der muss die Menschen in Jerusalem gewinnen, und sich mit den Mächten auseinandersetzen, die dort am Werk sind. Da geht es dann um Politik und persönliche Interessen, und leider nur nebenbei auch um den Glauben an Gott. Der wird für so manches missbraucht, was gar nicht zu ihm passt. So wie wir das heute auch erleben - bei den Fanatikern von IS und andernorts. Jesus weiß: Diesen Zusammenprall der Kräfte muss er aushalten. Erst wird gejubelt, dann verdammt; erst geliebt, dann getötet. Wenn Gott wirklich Mensch geworden ist, dann muss er diese Konfrontation aushalten. Und es scheint so, als ob er seinen Tod dabei einkalkuliert.

Mögen Welten einst vergehen, ewig fest besteht sein Thron.

So endet das Lied. Triumphal. Selbstbewusst. Beinahe arrogant. Mir stellt sich zumindest die Frage, ob ich das heute so noch singen will. Immerhin ist das Lied über zweihundert Jahre alt. Verfasser und Komponist sind unbekannt.

Mögen Welten einst vergehen, ewig fest besteht sein Thron.

Jesus verlangt etwas von denen, die sich ihm anschließen. König will er lieber keiner sein. Ihm ist klar, was passiert, wenn man ihn in diese Rolle zwängt. Wenn aber König, dann ganz anders, als die Leute es erwarten. Nein, er erwartet etwas von ihnen: dass sie auf das verzichten, was sie zu viel haben und mit den Armen teilen; dass sie nicht einem zujubeln, den sie aus eigenen Interessen wollen, sondern allein vor Gott niederknien; dass sie endlich damit aufhören, sich um die besten Plätze zu streiten.

 

(Unbekannt; Gerlach, Günter  SINGT DEM KÖNIG FREUDENPSALMEN. (Vorspiel - 1. u. 2. Strophe - Zwischenspiel - 3. u. 4. Strophe) (Lied Nr. 55)  Meyer, Wolfgang (Orgel); Chor des Canisius-Kolleg-Berlin; Leitung: Gerlach, Günter.)

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