Manuskripte

Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Weniger Stress, mehr Bewegung, eine gesündere Ernährung und mehr Zeit für die Familie und Freunde. Das sind laut Umfragen die beliebtesten Vorsätze für das neue Jahr.

Und inzwischen gibt es stapelweise Ratgeber, wie diese Vorsätze über die ersten Januartage hinaus durchgehalten werden können.

Auch mir fällt manches ein, das ich gerne an mir ändern würde: geduldiger mit mir und mit anderen zu sein, wenn wieder mal was nicht so schnell geht, wie ich mir das gewünscht hätte. Oder mir Konflikte nicht zu sehr zu Herzen zu nehmen.

Doch ich weiß, dass mir dazu ein Vorsatz am Jahresanfang wenig hilft. Denn meine Haltung ändere ich nicht einfach so von heute auf morgen. Das dauert länger.

Eine Erzählung aus Tibet beschreibt das sehr anschaulich:

Ich gehe die Straße entlang. Da ist ein tiefes Loch im Gehsteig. Ich falle hinein. Ich bin verloren…ich bin ohne Hoffnung. Es dauert endlos, wieder herauszukommen.

Ich gehe dieselbe Straße entlang. Da ist ein tiefes Loch im Gehsteig. Ich tue so, als sähe ich es nicht. Ich falle wieder hinein. Ich kann nicht glauben, schon wieder am gleichen Ort zu sein. Immer noch dauert es sehr lange, herauszukommen.

Ich gehe dieselbe Straße entlang. Da ist ein tiefes Loch im Gehsteig. Ich sehe es. Ich falle immer noch hinein…aus Gewohnheit. Meine Augen sind offen. Ich weiß, wo ich bin. Ich komme sofort heraus.

Ich gehe dieselbe Straße entlang. Da ist ein tiefes Loch im Gehsteig. Ich gehe drum herum.

Ich gehe eine andere Straße. (nach Sogyal Rinpoche)

Mit manchen meiner Gewohnheiten geht es mir wie mit dem Loch in der Straße. Es dauert eine ganze Weile, bis ich gelernt habe es anders zu machen. Das muss ich üben – mehrmals und nicht nur in den ersten Januartagen.

Die Erzählung ermutigt mich aber, es immer wieder zu versuchen, selbst wenn ich wieder in das gleiche Loch gefallen bin. Und sie erlaubt mir, nicht zu streng mit mir zu sein, wenn ich es nicht auf Anhieb schaffe. Irgendwann gelingt es mir vielleicht aus alten Gewohnheiten herauszukommen. Und dann kann ich auch ganz neue Wege gehen.

 

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