Manuskripte

SWR1 Sonntagmorgen Begegnungen

Anne-Sophie StolzWolf-Dieter Steinmann trifft Anne-Sophie Stolz, Fotografin aus Karlsruhe

ungeschönt - nicht unschön

Sie ist Fotografin. Ich war richtig neugierig auf sie. Weil ich auch ein bisschen fotografiere, zum Spaß. Bei ihr ist es Kunst.
Und Fotos von ihr haben mich neugierig gemacht: Im Kalender der evangelischen Fastenaktion „7 Wochen ohne“. Die hat das Motto: „Du bist schön - 7 Wochen ohne runtermachen.“ Anne- Sophie Stolz weiß, Fotos können runtermachen.

Fotos lösen auch immer Emotionen aus, sie können Kritik ausüben oder auch Selbstzweifel hervorrufen. Deshalb können sie auch runtermachen. Ich glaube, grade auch dieses Selbstzweifel hervorrufen. Dass man anfängt sich zu vergleichen.

Ja, so geht ‚runtermachen‘. Ich muss den andern nur dazu bringen, dass er sich vergleicht. ‚Die hat bessere Noten, der verdient mehr oder der oder die sieht besser aus. Anne-Sophie Stolz mag das nicht. Aber oft haben wir Ideale, die runtermachen, in uns.

Wenn ich Frauen fotografiere, merkt man schon, dass sie denken, wie sie vielleicht schöner aussehen, wenn sie vielleicht ein Gesicht machen, wie sie grade machen. Das ist schade. Vielleicht liegt das auch wieder an diesem Idealbild, das wir haben, das sehr beeinflusst ist, von dem was andere denken.

Andere, das heißt sicher auch „wir Männer“? Wenn ich andere an Idealbildern messe, tue ich ihnen Unrecht. Anne-Sophie Stolz macht darum keine Ideal-Fotos.

Ich glaube schon, dass ich vielleicht Bilder mache, die vielleicht nicht typisch schön sind, oder auch so ein bisschen was Demaskierendes haben, vielleicht ein bisschen Kritik üben oder manchmal auch überspitzt sind.

Sie hat zB. eine Gruppe junger Mädchen bei einem Festumzug fotografiert: Ohne Gesichter. Nur geblümte Röcke. Beine. Füße in Sandalen. Und auf einmal wird das schön.

Ungeschönt bedeutet ja nicht unschön. Ungeschönt ist für mich viel mehr, eine gewisse Echtheit oder eine Jetzt-Zustand. Wenn ich jemand fotografiere, dann hat es sehr viel mit mir zu tun, dann stelle ich eine Beziehung her.

„Der Mensch sieht was vor Augen ist, Gott aber sieht das Herz an,“ steht in der Bibel. So gesehen ist „Schönheit“ in Wahrheit nicht äußerlich. Ein Mensch wird schön, wenn ich ihn achte, liebe. Und Schönheit kann von innen kommen. Wie bei den alten Männern auf einem Foto des Fastenkalenders.

Sind schon schöne Männer, für meinen Begriff der Schönheit. Also interessant einfach, weil sie auch so eine gewisse Art von Humor besitzen, das mag ich halt ganz gern, wenn ich merke, die können sich auch so selbst auf die Schippe nehmen.

„Ungeschönt schön.“ Anne- Sophie Stolz lehrt Schönheit neu zu entdecken. Nicht nur bei Menschen. Ungesehene Schönheiten gibt es viele in Gottes Schöpfung.

Es geht um Pflanzen, Blumen, Kräuter am Wegesrand, die eigentlich immer, komplett unbeachtet sind. Ich mag echt eher Land. Es ist immer so dieses Suburbane, oder eben die Kleinstädte, die mich faszinieren, die Menschen in den Kleinstädten, dieses Alltägliche, Banale.

Um zu sehen, wieviel Schönheit gerade darin liegt, muss man ‚schöpferisch‘ sehen.

Sehen lernen

Anne-Sophie Stolz ist Fotografin. Arbeitet für Magazine wie Neon. Und im Kalender der evangelischen Fastenaktion „7 Wochen ohne“ sind eine ganze Woche Fotos von ihr. Zum Motto „Du bist schön - 7 Wochen ohne runtermachen.“
Sie lebt in Karlsruhe, hat dort ihr Atelier. Ihre Liebe zu Fotos hat angefangen mit 7. Sie hat gemerkt: Jeder in der Familie hat sein Fotoalbum. Auch ihre beiden großen Geschwister. Nur sie nicht.

Dann habe ich in den ganzen Fotokisten rumgewühlt und mein eigenes kleines Fotoalbum gemacht. Also ging es eigentlich erst darum, dass man Phasen damit auch festhalten kann, ne Chronik, über sich selbst oder über andere.

Bald bekam sie die eigene Kamera, hat Technik und Licht verstehen gelernt und schließlich Fotografie studiert.
Ich wundere mich: Die erst 30jährige fotografiert immer noch auf Film. Nicht digital. Weil sie genauer sehen will.

Ich muss mich mehr konzentrieren, ich muss den Ausschnitt besser wählen, ich muss wissen wie ist das mit der Zeit, mit dem Licht, und dann kommt wieder dieser Überraschungsmoment, wo man sieht, ‚ach, das ist aber ein spannendes Bild geworden‘. Oder natürlich kann es auch sein, dass es in Hose ging.

Jeder kann heute ‚Schnapp-Schüsse‘ machen. Als Fotografin muss sich Anne-Sophie Stolz da behaupten. Was kann sie, was ich nicht kann? Sie schießt nicht schnell, sieht genauer.

Dieses intensive Auseinandersetzen, dass ich weiß, was ich mach, auch wenn man es vielleicht manchmal nicht sieht, oder dass es eben nicht die schönen Bilder sind, die XY für schön empfindet. Aber dass ich es gern mache und dass da Liebe drin steckt.

Aber sie ist überzeugt, dass auch Sie und ich unser Auge schulen können. Oder genauer: Uns schulen, unsere Liebe zum Sehen. ZB. indem wir langsam unterwegs sind.

Dass man sich die Zeit nimmt, vielleicht nicht mit dem Fahrrad die Strecke A-B fährt, sondern seine Kamera nimmt und läuft. Dass man unterschiedliche Perspektiven von etwas aufnimmt und dann später erkennt, dass jede Perspektive eine ganz andere Wirkung hat.

Wie sonst auch: Es ist ein Unterschied, ob ich auf Menschen runterschaue. Oder ob ich ihre Perspektive einnehme. Ob ich Menschen nur wissenschaftlich sehe oder auch als Geschöpf Gottes.

Ich glaube an Gott und an die Seele des Menschen. Das ist was, was ich nicht in Worte packen kann, was für mich trotzdem existent ist.

Jeder Mensch ist eine Seele. Verletzlich. Wertvoll. Niemand ist zuerst reich oder arm, sondern zuerst göttlich. Darum gilt das Motto der Fastenaktion: „7 Wochen ohne runtermachen.“ Sie hofft, dass der Kalender dabei eine Sehhilfe wird.

Dass man diese kleinen Dinge wahrnimmt, dass man vielleicht mal um die Ecke schaut, oder dass man größer schaut. Oder dass man dankbar ist, für das, was so um einen rum eigentlich ist. Was man eigentlich nur richtig beobachten muss und dann ganz viel entdeckt.

ZB. wie Normales schön wird, wenn man die gängigen Schönheitsideale durch-schaut. Anne-Sophie Stolz hofft, dass wir andere neu sehen und uns.

Du bist schön, du bist ein Talent: Dass man mehr wieder sich selbst schätzt oder mit seinem Makel akzeptiert.

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