Manuskripte

Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

„Jeden Freitag Nachmittag besuchte ich meinen Großvater. Dann war in der Küche seines Hauses der Tisch zum Teetrinken bereits gedeckt. Wenn wir unseren Tee getrunken hatten, stellte mein Großvater stets zwei Kerzen auf den Tisch und zündete sie an. Dann wechselte er auf Hebräisch einige Worte mit Gott. Ich saß da und wartete geduldig, denn ich wusste, jetzt würde gleich der beste Teil der Woche kommen. Wenn Großvater damit fertig war, mit Gott zu sprechen, dann wandte er sich mir zu und sagte: “Komm her geliebte kleine Seele“. Ich baute mich dann vor ihm auf und er legte mir sanft die Hände auf den Scheitel. Dann begann er stets, Gott dafür zu danken, dass es mich gab und dass Er ihn zum Großvater gemacht hatte. Er sprach dann immer irgendwelche Dinge an, mit denen ich mich im Verlauf der Woche herumgeschlagen hatte und erzählte Gott etwas Echtes über mich. Wenn ich während der Woche etwas angestellt hatte, dann lobte er meine Ehrlichkeit darüber, die Wahrheit gesagt zu haben. Wenn mir etwas misslungen war, dann brachte er seine Anerkennung dafür zum Ausdruckt, wie sehr ich mich bemüht hatte. Wenn ich auch nur kurze Zeit ohne das Licht meiner Nachttischlampe geschlafen hatte, dann pries er meine Tapferkeit, im Dunkeln zu schlafen. Und dann gab er mir seinen Segen.

Diese kurzen Momente waren in meiner ganzen Woche die einzige Zeit, in der ich mich völlig sicher und in Frieden fühlte. Für meinen Großvater war mein Dasein allein schon genug. Und wenn ich bei ihm war wusste ich mit absoluter Sicherheit, dass er Recht hatte.

Mein Großvater starb, als ich sieben Jahre alt war. Es war schwer für mich, ohne ihn zu leben. Zuerst hatte ich sogar richtig Angst. Aber mit der Zeit begann ich zu begreifen, dass ich auf irgendeine geheimnisvolle Weise gelernt hatte, mich durch seine Augen zu sehen.“

 Die Geschichte hat mich berührt. Denn jeder Mensch braucht das: Einen, der etwas Echtes über ihn sagt. Das Erleben: Allein, dass ich da bin, genügt. Jemand nennt mich eine geliebte Seele.

 "Der Segen meines Großvaters" von Rachel Naomi Remen aus "der andere Advent 2013"

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