Manuskripte

SWR1 Sonntagmorgen Begegnungen

„Sie verkauften alles, was sie besaßen.“

Gemeinsam zu leben, zu glauben, zu arbeiten und alles zu teilen – das klingt ganz gut und doch irgendwie utopisch. Martin Klotz-Woock lebt in einer solchen Gemeinschaft, schon seit 30 Jahren. Die 50 Mitglieder der christlichen Basisgemeinde Wulfshagenerhütten bei Kiel machen Ernst damit, weitgehend auf Eigentum zu verzichten. Martin Klotz-Woock: Jeder, der hier lebt, bekommt ein monatliches Taschengeld von 50 € für  persönliche Dinge, wenn man mal ins Kino gehen will oder auch ein Eis essen will. Das ist jetzt auch kein Gesetz, wenn jemand mal was Größeres vorhat im Monat und man merkt, man kommt mit den 50 € nicht hin, dann kann man sich auch noch nen Zuschlag holen. 

Miteinander leben und teilen

Er wirkt in sich ruhend, als ich Martin Klotz-Woock besuche. 50 Menschen – Kinder, Erwachsene und Altgewordene leben in Wulfshagenerhütten in kleinen Wohneinheiten zusammen. Sie leben und arbeiten zusammen, feiern Feste und Gottesdienste. Alle fühlen sich berufen zu einem solchen Leben. Wie Martin Klotz-Woock haben sie eine Lebensentscheidung für diese Gemeinschaft getroffen. Vor dieser Entscheidung war er lange Zeit auf der Suche.

Ich bin viel gereist, war in Asien ne Weile, dann zwei Jahre durch Europa gefahren, und bin in der zeit auf Klöster gestoßen, und habe mich dort sehr aufgenommen gefühlt und Zuhause, weil dort habe ich ein anderes Miteinander erlebt im Umgang, in der Form, in der wir miteinander arbeiten, und wie man einander wertschätzt. Und das hat mich letztendlich inspiriert, zu gucken, gibt es auch Gemeinschaften, vielleicht Klöstern ähnlich, wo auch Familien leben, die anders miteinander wirtschaften und arbeiten.

Leben, so wie es in der Bibel steht – eben alles zu teilen, diese Idee ließ Martin Klotz-Woock nicht mehr los. Er suchte Kontakt zur Basisgemeinde Wulfshagenerhütten, lebte dort für einige Zeit als Gast, doch eine Entscheidung konnte er nicht, noch nicht treffen. Er war weiter auf der Suche. Dann ein zweiter Besuch, und es wurde wieder nichts.

Nach diesen 4 Wochen war ich wieder weg, (….ab 0’54) Aber es hat mich nicht mehr losgelassen. Kam dann wieder zurück, war dann 1 Jahr hier, und selbst nach diesem Jahr hatte ich noch kein klares Ja für ein ganzes Leben, bin nochmals weggegangen, und es hat nochmals 1 ½ Jahre gedauert, bis Gott mir sehr deutlich gezeigt hat, dass er mich an diesen Ort hier hinrufen möchte.

In der Basisgemeinde finden alle eine Möglichkeit zur Arbeit – in der Hauswirtschaft oder im Büro, in der Kinderbetreuung oder in der Werkstatt. Martin Klotz-Woock ist gelernter Betonbauer, also zog es ihn in die Werkstatt. Dort werden Bewegungsgeräte für Kindergärten, Schulen und therapeutische Einrichtungen produziert. Vom Verkauf lebt die Gemeinschaft. Bis auf ein kleines Taschengeld geht das Gehalt komplett an die Gemeinschaft. Martin Klotz-Woock zitiert die Heilige Schrift:

Ein prägender Satz ist aus der Apostelgeschichte 2:  Alle, die gläubig geworden sind, bildeten eine Gemeinschaft, sie verkauften alles, was sie besaßen und teilten miteinander, was sie hatten. Und lebten in Eintracht und Liebe miteinander. Das war das, was die Welt, die Menschen erkannt haben von der Botschaft Jesu, dass sie im Leben erkennbar ist.

Alles  zu verkaufen und dann mit allen zu teilen – ein schöner Gedanke, und ich merke in meinem Gespräch mit Martin Klotz-Woock, wie reich an Gütern und wie individuell mein Leben ist. Ein Tag in der Basisgemeinde sieht so aus:

Praktisch heißt das, dass wir miteinander einen Tagesablauf leben, das wir miteinander beten, miteinander Entscheidungen treffen, miteinander arbeiten, miteinander teilen – die Zeiten und die Finanzen -, und versuchen, dass jeder mit seinen Gaben und Möglichkeiten den Alltag mitgestaltet und prägt.

Die neue Lebensordnung Christi zu leben geht nur in Gemeinschaft

Martin Klotz-Woock erzählt mir auch von seinen Krisen. Obwohl es jeden Tag Auszeiten für Gebet und Gemeinschaftsleben gibt, hat er sich zu viel an Arbeit zugemutet. Er hat das fast zu spät gemerkt, wurde immer unzufriedener mit sich selbst.

Ich musste erleben, dass diese Auswirkungen hat auf meine Frau, meine Kinder, auf Geschwister hier in der Gemeinde auf zwischenmenschlicher Ebene und auch auf geistliches Wachstum.  Auch mein Glaube, meine persönliche Jesus-Beziehung, die braucht mehr Zeit und mehr Zuwendung, um aus der Verbindung heraus mit Christus leben zu können und den Tag zu gestalten.

Den ganzen Tag in einer Gemeinschaft mit 50 Menschen zu leben – ich stelle mir das sehr schwer vor.  Ich erzähle Martin Klotz-Woock von meinen Bedenken, doch er dreht den Spieß einfach um:

Wir haben da Freiheiten, die in der Gesellschaft nicht selbstverständlich sind. Z.B. hatte ich vor 2 Jahren so nen Punkt, so ich gemerkt habe, ich brauche ne Auszeit, konnte das hier kommunizieren, dann war großer Zuspruch da, und ich konnte ne Fahrradtour machen nach Italien für 6 Wochen, das wäre im normalen Angestelltenverhältnis so nicht denkbar.

Mich beeindruckt das Leben der christlichen Basisgemeinde Wulfshagenerhütten, auch wenn ich weiß, dass ich so nicht leben kann. Ob ich als Mensch mit Besitz und Einkommen eine Art Christ zweiter Klasse bin, frage ich Martin Klotz-Woock.

Ich glaube, es gibt keine Wertung bei Christus, ob jemand ein guter Christ ist oder mittelmäßiger Christ ist. Ich glaube. Das Wesentliche ist, dass man erkennt in seinem Leben, was seine Berufung ist, wofür man sein Leben geben möchte und einsetzen möchte und das auch tut, auch mit vielleicht mit Konsequenzen, die persönliche Nachteile mit beinhalten.

Andere Menschen sollen erkennen, dass ich von Gott berufen bin – das ist offenkundig in allen Lebensformen möglich. Die Basisgemeinde Wulfshagenerhütten hat heute Nachwuchsprobleme.  Junge Menschen und Familien mit Kindern lassen sich nur schwer für diese Form des Zusammenlebens begeistern. Die Gemeinschaft muss sich weiterentwickeln. Martin Klotz-Woock weiß, dass die Basisgemeinde sich selbst nicht genug sein darf.

Jetzt, im Laufe der Jahre, habe ich gemerkt, dass es wichtig ist, dass ich persönlich mehr Beziehungen habe, dass wir als Gemeinschaft mehr Beziehungen brauchen zur Welt, zu anderen Christen, zu anderen suchenden Menschen.

Auch nach 30 Jahren ist Martin Klotz-Woock von seiner Berufung für ein Leben in einer Basisgemeinde überzeugt. Er (!) konnte und kann nur so sein Leben als Christ überzeugend leben.

Man kann natürlich als einzelner predigen, von Jesus erzählen, aber das Sichtbarmachen der neuen Lebensordnung des Miteinanders, wie Christen miteinander leben sollten und füreinander einstehen, das geht nur in Gemeinschaft. Deshalb glaube ich, dass die Botschaft und die Vision, die hinter unserem Leben steckt, nach wie vor hoch aktuell ist und ich hoffe, dass das Menschen auch erreicht und bewegt, sich z.B. auf die Suche zu machen nach anderen Lebensformen.

 

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