Manuskripte

SWR2 Zum Feiertag

Karoline Rittberger-Klas im Gespräch mit Prof. Johann Ev. Hafner, Potsdam

Rittberger-Klas: Engel sind in der Advents- und Weihnachtszeit allgegenwärtig. In Liedern und vor allem auf Abbildungen. Von der gediegenen Kunstpostkarte in der Buchhandlung bis zum quietschbunten Kinder-Adventskalender im Discounter - man entgeht ihnen nicht. Herr Professor Hafner, Sie sind katholischer Theologe und Professor für Religionswissenschaft und haben letztes Jahr eine Angelologie, eine Engellehre veröffentlicht. Sind auf den Weihnachtskarten, die Sie verschicken, auch Engel?

Prof. Hafner: Natürlich sind auf meinen Weihnachtskarten auch Engel. Das Praktische daran ist, dass ich Engelkarten auch an Leute schicken kann, die nicht unbedingt an Gott glauben, sondern die eher konfessionsdistanziert sind, und die können trotzdem mit Engeln was anfangen.

Rittberger-Klas: Auf den meisten Weihnachts-Deko-Gegenständen schwirren kindliche Gestalten mit Flügelchen herum. Warum eigentlich? Das hat mit der biblischen Vorstellung von Engeln recht wenig zu tun, oder?

Hafner: Ja und nein - die Engelchen, wie sie sie nennen, sind meistens verniedlichte Darstellung der englischen Heerschaaren, oder angelischen Heerscharen von denen in der Weihnachtsgeschichte berichtet wird. Sie drücken also Gottes Herrlichkeit aus. Verniedlicht werden sie dann in der Renaissancezeit, als man aus den Heerscharen, die ja soldatisch organisiert sind, dann Kinderscharen gemacht hat, weil die Renaissance und der Barock zurückgegriffen haben auf die Antike. Und dort finden wir viele solche Engelchen. Damals waren es aber Eroten oder Amoretten, die den großen Gott Zeus oder Dionysos begleitet haben. Und die Christen haben das dann übernommen und sagen, was in der Antike auf den Grabmälern schon schick war, das können wir in unseren Kirchen auch abbilden. Und so haben wir die Konjunktur von diesen kleinen Engelchen, die wir auch Putten nennen und die dann identifiziert werden mit den Heerscharen der Bibel.

Rittberger-Klas: Die himmlischen Heerscharen, sie haben es schon gesagt, die kommen ja auch in der Weihnachtsgeschichte vor, aber es kommt auch noch ein anderer Engel in der Weihnachtsgeschichte vor...

Hafner: Ja, der Engel des Herrn, das ist der Engel überhaupt, auf den der Name überhaupt zurückgeht, weil er der Malak, der Angelos ist, der Bote, der für Gott spricht und manchmal sogar so spricht, dass er verwechselbar wird mit Gott. Das ist im Alten Testament ganz deutlich, wenn man mit diesem Malak spricht, dann weiß man manchmal nicht, ist das jetzt die Herrlichkeit Gottes selber oder Gott selbst oder nur sein Gesicht oder vielleicht noch eine andere Person.

Rittberger-Klas: Der Verkündigungsengel und die himmlischen Heerscharen, da haben wir im Prinzip schon die beiden Hauptvorstellungen von Engeln, die es in der Bibel gibt...

Hafner: Ja, eine haben wir noch vergessen. Das sind die Hofstaatengel. Im Mesopotamischen, wo die Hebräische Bibel endredigiert wird, da herrschte die Vorstellung: Wenn es denn einen hohen Gott gibt, dann ist er immer umgeben mit einem Ministerrat, mit dem er sich berät. Das finden wir in manchen Psalmen, dass Gott in der Mitte sitzt und beratschlagt sich mit seinen Thronscharengeln, was er denn jetzt tun soll. Das Buch Hiob beginnt genauso, dass Gott fragt, ja soll ich jetzt den Hiob prüfen oder nicht und dann machen die so eine Art Konferenz. Und diese Vorstellung, dass Gott nicht alleine im Himmel sich seine Dinge ausdenkt, sondern dass er ein personales Gegenüber hat, mit dem er sich unterhält, das übernehmen die Christen vor allem mit der Vorstellung der Trinität und lösen damit diese Thronratvorstellung, die wir aus dem Mesopotamischen, aus der Hebräischen Bibel kennen, ab.

Rittberger-Klas: Gehen die biblischen Schriften überhaupt davon aus, dass es eine spezifische Spezies „Engel" gibt? Ich erinnere mich an die These des Alttestamentlers Claus Westermann: "Der Engel kommt ins Sein mit seinem Auftrag, er vergeht mit der Erfüllung seines Auftrages, denn seine Existenz ist die Botschaft." Ein Engel wäre also jeder, der einen Auftrag, eine Botschaft von Gott hat

Hafner: Das ist jetzt sehr protestantisch gedacht, was Claus Westermann sagt, dass ein Engel nur aus der Funktion der Überbringung besteht. Damit hat er Recht, wenn man das auf die Angeli selber bezieht, die direkt diese Botenfunktion haben....

Rittberger-Klas: ...die Verkündigungsengel...

Hafner: ...die Verkündigungsengel. Aber damit kann man nicht erklären, dass die Bibel immer wieder Geschichten erzählt, dass man in den Himmel blickt und dort Gott mit anderen Engeln thront. Man kann auch nicht erklären, dass er mit einer Heerschar erscheint. Man kann nicht erklären, dass er einzelne Engel dann mit einem Namen versieht, der öfter auftaucht - also Gabriel taucht öfter in der Bibel aus, im Alten und im Neuen Testament. Und zu sagen, ein Engel ist nur die Botschaft, die er überbringt, und verdampft dann in dem Moment, wenn er sie überbracht hat, das ist sehr entmythologisierend gedacht und ich finde man tut der stabilen und wirklich vorherrschenden Engelvorstellung der Bibel damit nicht recht.

Rittberger-Klas: Sie haben gesagt, es ist eine protestantische Vorstellung. Sind Engel denn ein katholisches Thema? Sind Katholiken „Engel-affiner"?

Hafner: In gewissem Sinne ja. Die Reformation hat an Engel-Kult große Kritik geübt - und zu Recht. Aber man muss zugleich sagen: Luther und alle Kirchen der Reformation halten an der Engelverehrung fest und an der Vorstellung, dass es Engel geben müsse. Sie lehnen aber die Anrufung von Engeln ab - genauso wie man die Fürbitte von Heiligen nicht pflegen sollte, weil es nur einen Mittler gibt, einen, den man um Fürbitte anruft, das ist nämlich Jesus Christus selber. Aber sie finden auch in lutherischen Kirchen zuhauf Bilder, in denen Engelsfiguren dargestellt werden, wenn sie eben biblische Szenen wiedergeben.

Rittberger-Klas: Ja, und in Luthers berühmtem Morgengebet betet er ja auch: „Dein Heiliger Engel sei mit mir, dass der böse Feind keine Macht an mir finde". Also muss da die Vorstellung für ihn persönlich, in seiner persönlichen Frömmigkeit, auch dagewesen sein.

Hafner: Luther hat sowohl an die wirksame Existenz des Teufels als auch an die wirksame Hilfe der Engel geglaubt und er hat damit recht, dass man den christlichen Glauben nicht, wie es von vielen Theologen gemacht wird, auf eine Gott-Ich-Beziehung reduzieren darf - also dass man nur als Zweitakter denkt, der Erlöser und meine individuelle Seele, und wir beiden halten einen Dialog - sondern man muss im Dreitakter denken: Es gibt unsere hiesige Welt, in der wir leben, es gibt den hohen Gott, und es gibt aber neben unserer Welt noch eine zweite, eine transzendente, eigenständige Welt, in der diese Engel leben, und ihn lobpreisen und uns ab und zu erscheinen. Das christliche Bekenntnis beginnt im ersten Artikel schon mit der Aussage: Ich glaube an Gott, den Schöpfer des Himmels und der Erde. Wir glauben daran, dass Gott nicht nur eine Welt erschaffen hat, sondern eine zweite neben unserer, nämlich die angelische, die unsichtbare Welt.

Rittberger-Klas: Das interessante ist ja, dass gerade heute, in unserer sehr säkularen Gesellschaft, Engel Konjunktur haben. In einer Umfrage wurde festgestellt, dass in Deutschland mehr Menschen an Engel glauben als an Gott. Wie passt das zusammen?

Hafner: Ich erkläre das, dass mit dem Abschmelzen der hochtranszendenten Vorstellungen - also dass Leute an einen souveränen, geschichtsmächtigen Gott glauben - dann die vielen kleinen Transzendenzen, die vielen kleinen Mittlerwesen, wieder stärker in den Blick kommen. Also Leute sind in der säkularen Gesellschaft eher geneigt an Engel zu glauben  oder die Engel für wahrscheinlich zu halten, unter anderem auch deshalb, weil man sie erstens besser persönlich gebrauchen kann - da schwingt die Vorstellung mit: jeder hat seinen eigenen Schutzengel - und zweitens, weil Engel weniger kompliziert sind. Christus oder Gott sind hochgradig dogmatisiert, da haben wir ganz große Aussagen der Kirchen, wie Gott zu denken ist, wie viele Naturen Christus hat, wie die Trinität sich zueinander verhält. Bei den Engeln gibt es nur ein einziges Dogma. Sie sind insofern weniger vermint, man kann weniger falsch machen, wenn man an Engel glaubt. Und man kann auch mit Engeln spielen, ohne dass man gegen irgendwelche theologischen Regeln verstößt.

Rittberger-Klas: Es ist mehr Platz für eigene Vorstellungen , individuelle Vorstellungen... Kann man auch sagen: Menschen brauchen Engel, weil ihnen Gott zu fern, zu abstrakt ist geworden ist, zu hoch?

Hafner: Vielleicht ist es sogar umgekehrt. Vielleicht haben wir durch unsere Verkündigung Gott so sehr in die Welt herabgeholt - dass wir sagen, die Gottesvorstellung ist wichtig, um moralisch zu sein, um die Werte in der Gesellschaft zu haben, um den Mitmenschen als Mitmenschen zu akzeptieren - vielleicht haben wir Gott so irdisch gemacht, dass es wieder ein Bedürfnis gibt, wieder das Transzendente, das Hohe, das Überirdische zu bewundern. Und die Engel bedienen dieses Bedürfnis.

Rittberger-Klas: Engel sind auch ein beliebtes Motiv in religiöser Kinderliteratur. Dabei gibt es viel Kitsch. Was ist für Sie eine gute Art, Kindern nahe zu bringen, was Engel sind?

Hafner: Eines meiner Lieblings-Engelbücher für Kinder ist Opas Engel, weil es zeigt, dass Engel immer auch mit dem Ernst des Lebens zu tun haben und nicht nur mit der Verhübschung. Das Buch handelt davon, dass ein Opa, der im Sterben liegt, seinem Jungen noch einmal sein Leben erzählt und in diesen Bildern, die diese Lebensstationen zeigen, immer wieder ein durchsichtiger Engel reingemalt ist, der eine Szene in die eine und nicht in die andere Richtung hat sich entwickeln lassen. Und es wird auf so eine lustige und gleichzeitig nicht alberne Weise gezeichnet und erzählt, dass es jedes Kind versteht und auch Erwachsene zum Nachdenken bringt.

Rittberger-Klas: Wenn ich mich richtig erinnere, weiß der Opa selber aber gar nicht, dass da ein Engel im Spiel war.

Hafner: Ja, der sagt dann oft nur: Ich habe Glück gehabt, und auf dem Bild sieht man, dass es nicht nur Glück und Zufall war, sondern dass ihm jemand noch zur Seite gestanden hat.

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