Manuskripte

SWR2 Wort zum Tag

Woran glaubt, wer nicht glaubt? Über diese Frage haben vor ca. 15 Jahren die beiden Italiener Carlo Maria Martini und Umberto Eco diskutiert. Sie haben sich Offene Briefe geschrieben, daraus wurde ein Buch. Ich finde diesen Dialog heute so spannend wie damals. Martini war zu der Zeit Kardinal von Mailand, galt auch als Anwärter auf das Papstamt. Eco, Professor in Bologna, ist vor allem bekannt durch sein Buch und den Film „Der Name der Rose". Auch er wurde in seiner Kindheit und Jugend stark vom Katholizismus geprägt. Im Alter von 22 Jahren hat er mit dem Glauben an einen personalen und vorsorgenden Gott gebrochen. Er nennt diesen Bruch „das leidvoll erkämpfte Ergebnis einer langen und langsamen inneren Wandlung". Eco hat nicht das Bekenntnis gewechselt vom Glauben an Gott zu der Überzeugung: Es gibt keinen Gott. Er ist nicht Atheist geworden, sondern jemand, der sagt, dass wir nicht erkennen können, ob es Gott gibt, und dass wir mit dieser offenen Frage leben müssen.
Mir zeigt der Briefwechsel von Eco und Martini, dass Glaubende und sogenannte Nichtglaubende in derselben Situation sind. In der Situation, sich für eine Welt-Anschauung zu entscheiden, mit Gründen, aber ohne Beweise. Dass es Gott gibt, kann ich nur glauben. Dass es Gott nicht gibt, kann ich ebenfalls nur glauben. Und auch die Frage offenzuhalten, wie es Umberto Eco tut, setzt eine Glaubens - Entscheidung voraus.
Martini und Eco treffen sich auf dem Gebiet der Ethik, in der Beobachtung, daß Glaubende und Nichtglaubende Nächstenliebe praktizieren, und zwar die einen nicht geringer als die anderen. Martini fragt immer wieder: „Woher leuchtet (denn) das Licht des Guten?" (Woran glaubt, wer nicht glaubt?  Zsolnay-Verlag, 74) Wie lassen sich Maßstäbe finden, wie lässt sich Nächstenliebe auch um den Preis eigener Nachteile durchhalten ohne Glauben an einen transzendenten personalen Gott?
Eco verweist demgegenüber ganz und gar auf natürliche Ethik. Für ihn sind Menschen, die Gutes tun wollen und gut sein wollen, religiöse Menschen. Wir wissen „instinktiv", sagt er, „dass wir nur durch die Gegenwart anderer eine Seele haben..... (90)
Martini und Eco kommen in ihrem Briefwechsel immer wieder auf die große ethische Kraft zu sprechen, die sich bei Menschen verschiedener Weltanschauung findet. Wer Kraft aufbringt, gut zu handeln - sogar wenn es persönliche Nachteile bringt, der glaubt an einen Sinn.

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