Manuskripte

Joh 20,1-18

„Das Grab ist leer, der Held erwacht, der Heiland ist erstanden.“ Ein schönes Osterlied. Voller Kraft, Zuversicht und Freude. „Da sieht man seiner Gottheit Macht, sie macht den Tod zuschanden.“ Mit tiefer Inbrunst werde ich es in diesen Tagen singen.

Wenn ich aber die biblischen Texte höre, die heute am Ostermorgen in den feierlichen Gottesdiensten in der katholischen Kirche vorgelesen werden, dann bin ich schon wieder ein bisschen zurückhaltender mit meiner Inbrunst. Singe nicht so laut vom Held, der da „erwacht und macht den Tod zu Schanden.“

Denn die, die da auftreten in der Ostergeschichte: Maria von Magdala, Petrus und Johannes sehen erstmal nicht den Helden, der den Tod überwunden hat. Sondern sie sehen nur das leere Grab. Sie gehen davon aus, dass man den Leichnam Jesu gestohlen hat. Auf die Idee seiner Auferstehung kommen sie nicht. Das ist einfach zu abwegig, zu unglaublich. Die beiden Jünger kehren vom leeren Grab wieder nach Hause zurück, während Maria von Magdala noch dort bleibt. Und jetzt berichtet die Bibel von Erscheinungen, die sie hat. Zuerst zwei Engel, die sie aber nicht beeindrucken. Und dann Jesus selbst, aber sie erkennt ihn nicht. Hält ihn für den Gärtner. Sie ist ganz gefangen von der Frage, wo man den Leichnam Jesu hingebracht hat. Erst als Jesus sie mit ihrem Namen anspricht: „Maria“, erkennt sie im Gärtner den Auferstandenen und spricht ihn an mit Rubbuni, das heißt Meister. Und mit dieser Geschichte, dieser Erscheinung der Maria von Magdala beginnt er, der Auferstehungsglaube, der Glaube, dass der Tod nicht das letzte Wort hat.

Die Frage, ob es wirklich der auferstandene Jesus oder doch nur der Gärtner war, stelle ich mir immer wieder. Und ich gebe zu, dass ich mit dem inbrünstigen Singen von „Das Grab ist leer, der Held erwacht“ manchmal auch gegen meine eigenen Zweifel ansinge. Aber wenn schon große Heilige wie Petrus, Johannes und Magdalena eine Zeit gebraucht haben, um im leeren Grab den auferstandenen Jesus zu entdecken, dann ist das wohl in Ordnung.

Heute ist Ostersonntag. Ich will mich freuen, für Zweifel ist auch nächste Woche noch Zeit. Deshalb voller Inbrunst: „Das Grab ist leer, der Held erwacht, der Heiland ist erstanden!“ Halleluja und frohe Ostern.

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„Ein Glaube, der nicht in die Krise gerät, um an ihr zu wachsen, bleibt infantil.“ Das hat einer gesagt, der sich mit dem Glauben auskennt: Papst Franziskus. Vor zwei Wochen habe ich es so in der Zeitung gelesen, in einem langen Interview, das Giovanni di Lorenzo, der Chefredakteur der Zeit, mit dem Papst führte. Di Lorenzo fragte den Papst über den Umgang mit Glaubenskrisen und dass dies wohl ein Tabuthema in der katholischen Kirche sei. Und darauf meinte der Papst. „Ich will nicht sagen, dass die Krise das tägliche Brot des Glaubens ist, doch ein Glaube, der nicht in die Krise gerät, um an ihr zu wachsen, bleibt infantil.“ Also ein Glaube, der keine Krise kennt, bleibt in den Kinderschuhen stecken. Ich versuche es jetzt schon mehrere Jahrzehnte: das mit dem Glauben. Und im Großen und Ganzen bin ich damit bis jetzt auch gut gefahren. Ich lebe gerne, bin eher ein fröhlicher Mensch, fühle mich wohl dort, wo ich lebe und hoffe, dass es gut ausgeht mit meinem Leben. Und trotz dieser eher optimistischen Grundhaltung kenne ich auch die Glaubenszweifel. Des Öfteren frage ich mich: Ist das wirklich wahr, die Geschichte mit Jesus und mit Gott, dem gütigen Vater im Himmel. Die Sache mit der Auferstehung und dem Leben nach dem Tod. Bei vielen Beerdigungen stelle ich mir die Frage, werde ich diese Verwandte, diesen Freund wirklich wiedersehen - da irgendwo im Jenseits? Oder ist das Ganze nur ein Märchen, eigentlich viel zu schön um wahr zu sein. Wissen, tue ich es nicht. Glauben – gerne, aber es klappt nicht immer.

Deshalb haben mir die Worte des Papstes gut getan. Krisen gehören zum Glauben dazu. Mehr noch: Ohne sie kann der Glaube nicht wachsen, er bleibt in den Kinderschuhen stecken. Wenn schon der Papst so klare Worte dazu findet, gibt es eigentlich keinen Grund, Glaubenskrisen zu einem Tabuthema zu machen.

* Die Zeit – Wochenzeitung für Politik, Wirtschaft, Wissen und Kultur. 9. März 2017 Nr.11, S. 15

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Wegwerfen oder behalten? Das ist im Moment eine Dauerfrage für mich. Ich muss aufräumen oder besser gesagt ausmisten. Mein Arbeitszimmer bekommt einen neuen Boden und dafür muss alles raus. Schränke, Regale, Schreibtisch und vor allem die vielen Sachen, die sich darin befinden. Nicht nur Bücher, Zeitschriftenartikel, CDs und Akten aller Art, sondern auch die vielen kleinen Sachen. Vom Glücksschwein, das mir mal einer geschenkt hat, über die Muschel vom Strandurlaub bis hin zu den ersten Gemälden der Enkelkinder. Ich gebe zu, ich tue mich schwer mit dem Wegwerfen, denn mit allem sind Erinnerungen verbunden und meist positive. Ich hoffe mal, auch wenn ich die Muschel wegwerfe, dass die Erinnerungen an den Strandurlaub bleiben werden. Denn ich kann nicht alles aufbewahren, dafür reicht der Platz einfach nicht. 

Im Moment ist Fastenzeit und da passt das ganz gut mit dem Aufräumen und Ausmisten. Denn darum geht es auch beim Fasten. Es geht um ein innerliches Aufräumen und Ausmisten. Umkehr nennt die Bibel das. Sprich man soll alles, was man so tut und denkt, auf den Prüfstand stellen. Ist das noch das, was ich eigentlich will? Entspricht das noch meinen Zielen, meinen Vorstellungen vom Leben: Die Mitgliedschaft in diesem Verein, die Spende für jenen Club, das Engagement in der Sache oder bin ich einfach nur zu faul, mich zu verändern, was anders zu tun, Neues zu beginnen.

Genau wie bei den vielen kleinen Sachen in meinem Arbeitszimmer, tue ich mich auch beim innerlichen auskehren schwer. Aber wenn ich was Neues machen will, muss ich dafür Platz machen und das heißt: Ich muss mich von Altem verabschieden. Manchmal auch von etwas, was mir sehr lieb und teuer ist. Was ich auch hier erhoffe: Dass die Erinnerungen daran bleiben werden.

So wie ich das Rauschen des Meeres hören kann auch ohne die Muschel auf meinem Schreibtisch.

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„I’am singing in the rain.” Wie ich finde ein wunderschönes Lied. Und das liegt nicht nur an seiner eingehenden Melodie und dem swingenden Rhythmus. Es liegt auch an dem einfachen Text und der Botschaft, die darin steckt. „I am singing in the rain“ – ich singe im Regen. Ich bin so gut drauf, dass ich mir durch das Wetter nicht meine Stimmung verderben lasse. Berühmt wurde das Lied durch das gleichnamige Filmmusical, das heute vor 65 Jahren Premiere hatte. Gene Kelly spielt darin einen Mann, der so verliebt ist, dass auch der dickste Regen ihn nicht davon abhält, zu singen und zu tanzen. Wie es im Text heißt: Ich lache die dunklen Regenwolken aus, weil ich die Sonne im Herzen habe.  

Ich erinnere mich an meine Zeit als Pfadfinder. Jedes Jahr waren wir im Zeltlager und oft hatten wir kein gutes Wetter. Manchmal tagelang nichts als Regen. Da hatte man nur zwei Möglichkeiten: Entweder den Lagerkoller bekommen und sich gegenseitig anmotzen oder „I’am singing in the rain“ singen und trotz Dauerregens Spaß miteinander haben. Singen, tanzen, lachen, Karten spielen, Geschichten erzählen und sich einfach nicht daran stören, dass die Klamotten langsam nass und der Schlafsack klamm wurde. Mit „I’am singing in the rain“ haben wir dem Regen getrotzt und die Stimmung hoch gehalten.

Sicherlich viele meiner Probleme, die ich heute habe, sind größer als der Dauerregen damals im Pfadfinderzeltlager. Aber was meine Stimmung betrifft, so hilft es mir manchmal auch heute noch einfach mal „I’am singing in the rain“ zu singen. Und dabei mit den Fingern zu schnipsen und mit den Füßen zu tanzen. Das löst natürlich meine Probleme nicht, aber es hilft mir mich für einige Minuten mal von meinen Problemen zu lösen. Und das tut einfach nur gut. 

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Als Kind kannte ich keine Protestanten

500 Jahre Reformation – das ist 2017 das große Thema. Ein Grund zu feiern – Geburtsstunde der evangelischen Kirche. Aber auch ein Grund nachdenklich zu sein, denn damit hat die Trennung der Christen in Deutschland in Protestanten und Katholiken begonnen. Und es war weiß Gott eine harte Trennungsgeschichte. Viel böses Blut ist geflossen, leider auch im wortwörtlichen Sinne.

Ich selbst bin katholisch. Vor gut 60 Jahren bin ich mehr oder weniger in diese meine Kirche hineingeboren worden. Denn ich entstamme aus einer durch und durch rheinisch-katholischen Familie aus der damals noch recht katholischen Stadt Koblenz. So gesehen habe ich mehr als ein Zehntel der Trennungszeit zwischen Katholiken und Protestanten persönlich erlebt. Und wenn ich auf diese, von meinen persönlichen Erfahrungen abgedeckte Zeit schaue, muss ich sagen: Da ist mit der Zeit immer weniger böses Blut geflossen; im Gegenteil die Trennungsgeschichte hat sich in diesen 60 Jahren, in meiner Lebenszeit, zu einer Geschichte der Annäherung, der Versöhnung und des Miteinanders entwickelt.

Als Kind kannte ich keine Protestanten, keine Evangelischen. In der Familie gab’s keine und in der Schule auch nicht. Ich bin noch in die katholische Bekenntnisschule gegangen. Protestanten waren eine Ausnahmeerscheinung. Sie hatten fast schon etwas exotisches, sie waren eben anders. Mir ist eine Geschichte noch im Kopf. Meine Eltern haben sich im Urlaub in Bayern mit einer Familie aus Hessen angefreundet und die waren evangelisch. Und just an einem Karfreitag kamen die uns überfallartig besuchen. Die waren in ihrem Sonntagsanzug und bei uns wurde geputzt. Meine Mutter zauberte schnell für die Gäste noch einen Kuchen auf den Tisch, den wir aber gar nicht essen durften, denn an Karfreitag aßen wir als Katholiken doch keinen Kuchen. Und ich wurde - obwohl Gäste da waren – um drei Uhr nachmittags in den Karfreitagsgottesdienst geschickt. Ein bisschen schräg war das alles schon. Für unsere evangelischen Gäste aus Hessen waren wir wohl die Exoten, die an Karfreitag das Haus putzen, in Werktagsklamotten rumlaufen, keinen Kuchen essen und nachmittags die Kinder in den Gottesdienst schicken.

Abgesehen von solchen seltenen Begegnungen verbrachte ich meine Kindheit und auch Jugendzeit in einer mehr oder weniger Protestanten freien Zone. Das hat sich als Erwachsener geändert – Gott sei dank! Dazu mehr gleich nach der Musik.

 

Musik

 

Heute ist Ökumene für mich selbstverständlich

In den SWR 4 Sonntagsgedanken geht es heute um 500 Jahre Reformation und wie ich als Katholik die letzten 60 Jahre davon erlebt habe. Nach einer rein katholisch geprägten Kindheit und Jugendzeit begann ich das Studium der katholischen Theologie. Natürlich interessierte ich mich als Student auch für den Protestantismus und die evangelische Theologie. Aber eher theoretisch, wissenschaftlich. Vieles was ich dort fand, hat mich sehr angesprochen: Pfarrer dürfen heiraten, auch Frauen dürfen Pfarrer werden und ganz besonders: In der evangelischen Kirche gibt es mehr Demokratie. Die Kirchenleitungen werden gewählt und ein evangelisches Presbyterium hat viel mehr zu sagen als ein katholischer Pfarrgemeinderat. Das alles hat mir sehr gefallen. Aber wenn ich an die evangelischen Gottesdienste denke, die waren dann doch sehr befremdlich. Die lange Predigt, die unbekannten Lieder und alles sehr nüchtern.

Richtig in Berührung gekommen mit evangelischen Menschen aus Fleisch und Blut bin ich erst in meiner ersten Stelle als Seelsorger. Die war – Gott sei es gelobt – in Neuwied, einer der wenigen evangelischen Städte im Rheinland. Da habe ich sie dann endlich kennengelernt, die Protestanten. Und zwar nicht nur die von der Landeskirche, auch viele kleinere Kirchen und Gemeinden. Mit den evangelischen Pfarrern, insbesondere auch den Pfarrerinnen habe ich wunderbar zusammengearbeitet.

Heute arbeite ich wieder in meiner Heimatstadt Koblenz und die Zusammenarbeit mit meinen evangelischen Kolleginnen und Kollegen ist selbstverständlich. Große Projekte machen wir gemeinsam. Auf der Bundesgartenschau 2011 in Koblenz gab es nur eine Kirche, die von Koblenz. Ich selbst fühle mich heute in der evangelischen Florinskirche fast schon so zuhause wie in den katholischen Kirchen von Koblenz. Es ist wie bei Onkel und Tante, die um die Ecke herum wohnen. Wo man weiß, wo das Bier im Keller steht und man sich aus dem Kühlschrank auch ungefragt einen Joghurt nehmen kann. Aber man den Mülleimer nicht ausleeren muss. Und wenn man es trotzdem tut, wird man gelobt. Ein Grund mehr, warum ich gern in der evangelischen Florinskirche bin.

500 Jahre Reformation. Ob ein Grund zum Feiern oder zum Nachdenken, das kann jeder für sich selbst entscheiden. Ich möchte beides tun: Über die Trennung und das viele böse Blut, was geflossen ist, nachdenken und gleichzeitig feiern. Feiern, dass sich die Trennungsgeschichte in den letzten Jahrzehnten in eine Annäherungsgeschichte, in Versöhnung und ein ökumenisches Miteinander verwandelt hat – Gott sei es gedankt!

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2. Fastensonntag Lesejahr A , Gen 12,1-4a

Er ist der Urvater des Glaubens für sowohl für Juden, für Christen als auch für Muslime:  Abraham. In den katholischen Gottesdiensten wird heute Morgen von ihm erzählt. Und zwar die Stelle im Buch Genesis, dem ersten Buch Mose, wo es heißt: „Der Herr sprach zu Abram: Zieh weg aus deinem Land, von deiner Verwandtschaft und aus deinem Vaterhaus in das Land, das ich dir zeigen werde. Ich werde dich zu einem großen Volk machen, dich segnen und deinen Namen groß machen.“ (Gen 12,1) Und auf Grund dieser Zusage Gottes macht er sich auf den Weg. Von Ur in Mesopotamien über mehrere Stationen bis hin in das Land Kanaan. Es ist kein äußerer Grund, der ihn treibt. Zumindest wird nichts davon erzählt. Keine Hungersnot, kein Krieg, keine Verfolgung. Also er ist  kein Flüchtling in unserm heutigen Sinne. Kein Vertriebener eher ein Getriebener. Angestoßen von einer inneren Stimme, einem inneren Drang, die Bibel spricht von Gott, der sich bei ihm meldet.

Abraham ist einer, der  sich aufmacht Gewohntes zu verlassen und das im Vertrauen auf Gott. Auf einen Gott, der ihm zusagt: Ich bin bei Dir, Du brauchst keine Angst zu haben. Und dieses Vertrauen macht Abraham zum Urvater des Glaubens.

Gewohntes Verlassen ist eine Sache, der auch ich mich immer wieder stellen muss. Das muss nicht immer mit einem Ortswechsel zu tun haben. Wenn sich meine familiäre Situation verändert: Ich auf einmal mit Frau und Kindern lebe oder umgekehrt wieder alleine. Wenn sich meine berufliche Situation verändert: Ich eine neue Stelle antrete oder gar in Rente gehe. Wenn sich meine gesundheitliche Situation verändert: Ich nicht mehr auf die Berge klettern kann, mir die Puste ausgeht, wenn ich mich zuviel anstrenge. Immer muss ich mich von Gewohntem verabschieden, muss mein Leben umbauen, mich auf Neues einstellen. Das ist nicht immer einfach und läuft nicht immer glatt. Aber auch Abraham ist die Strecke nach Kanaan mit vielen Umwegen, Irrungen und Verwirrungen gelaufen.

Im Vertrauen auf Gott Gewohntes verlassen. Das hat Abraham vorgelebt. Ich gebe zu, mir gelingt es nicht immer so zu vertrauen wie er. Oft zweifle ich. Und da hilft es mir, mich an Abraham zu erinnern, mir ein Beispiel an ihm zu nehmen, dem Urvater des Glaubens.     

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Es ist eines der schönsten Gebete, das ich kenne. Das Gebet um den Humor.
Es wird gerne dem Heiligen Thomas Morus oder zu gut englisch Thomas More zugeschrieben. Er lebte im 16. Jahrhundert und war lange Zeit Berater des englischen Königs Heinrich VIII. Hat aber dessen Politik der Loslösung der Kirche von Rom nicht mitgemacht und wurde deshalb von Heinrich wegen Hochverrat hingerichtet.

Höchstwahrscheinlich ist das Gebet aber gar nicht von ihm, sondern von Thomas Webb, einem methodistischen Prediger aus dem 18. Jahrhundert. Aber mit Humor betrachtet, ist das auch gar nicht so wichtig. Das Gebet beginnt mit etwas, das jeder kennt und mit dem viele Probleme haben, aber von dem man eigentlich nicht spricht – erst recht nicht in einem Gebet.

Es beginnt mit dem Satz: "Schenke mir eine gute Verdauung, Herr, und auch etwas zum Verdauen.“ Das gehört schon zum Humor: Dinge nennen, über die man normaler weise nicht spricht oder höchstens nur in Andeutungen. Wer Humor hat, kann sich über solche Konventionen hinweg setzen. Weiter heißt es: „Schenke mir eine Seele, der die Langeweile fremd ist, die kein Murren kennt und kein Seufzen und Klagen, und lasse nicht zu, dass ich mir allzu viel Sorgen mache um dieses sich breit machende Etwas, das sich 'Ich' nennt.“

Die tiefste Grundlage des Humors ist, sich selbst nicht zu wichtig zu nehmen. Es ist immer wieder schön, humorvollen Menschen zu begegnen, sich mit ihnen zu unterhalten. Denn sie haben die Wahrheit nicht für sich gepachtet, sie lassen Platz für andere Meinungen und Ansichten. Zusammenfassend heißt es am Ende des Gebetes: „Herr, schenke mir Sinn für Humor. Gib mir die Gnade, einen Scherz zu verstehen, damit ich ein wenig Glück kenne im Leben und anderen davon mitteile." Einen guten Start in die Karnevalstage wünsche ich Ihnen. Egal ob sie dabei mitmachen oder das Ganze stattdessen mit Ihrem ganz eigenen (vielleicht etwas anderen?) Humor betrachten

 

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„Wir kommen alle, alle, alle in den Himmel, weil wir so brav sind. Das sieht selbst der Petrus ein, er sagt: Ich lass gern euch rein, ihr ward auf Erden schon die kleinsten Engelein.“

Ein beliebter Karnevalsschlager. Obwohl er schon ziemlich alt ist, wird er bis heute ganz gerne gesungen. Man kann so schön darauf schunkeln. Das Lied stammt aus dem Jahre 1952, der beliebte Volkssänger Jupp Schmitz aus Köln hat es gesungen.

Knapp 50 Jahre später geht es wieder in einem Karnevalsschlager um Himmel und Engel. Die Band „die Höhner“, ebenfalls aus Köln, singt: Der liebe Gott weiß, dass ich kein Engel bin. So`n kleiner Teufel steckt doch in jedem drin. Der liebe Gott weiß, dass ich kein Engel bin, das mit dem Himmel, das kriegen wir schon hin!

In den 50er Jahren war klar: Wenn man brav ist, ein Engel auf Erden, dann kommt man in den Himmel. Heute sagt man: Irgendwie wird man das mit dem Himmel schon hin bekommen, auch wenn man ein kleiner Teufel ist. Karnevalsschlager greifen eben zu jeder Zeit das auf, was man so landläufig denkt.

Heute ist Weiberfastnacht. Und damit beginnt traditionell der Straßenkarneval. Und ich denke mal, viele werden in diesen Tagen sowohl das Lied vom Jupp Schmitz als auch das von den Höhnern singen. Sie werden singen, dass sie brave Engel sind und dass sie kleine Teufel sind. Und das stimmt wohl auch, denn in jedem steckt wohl beides und zwar zu allen Zeiten.

Was den Himmel betrifft, so weiß ich nicht, ob wir „alle alle alle hineinkommen“ bzw. das irgendwie „schon hinkriegen“. Das zu klären, überlasse ich lieber dem lieben Gott.  Für mich ist es wichtiger, für so viele Menschen wie möglich möglichst viel Himmel auf die Erde zu holen. Und zwar hier und heute. Und Himmel ist da, wo alle was zu essen und zu trinken haben, wo man feiert, singt, lacht und tanzt. Viel Spaß im Karneval!

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„Iss freudig dein Brot und trink vergnügt deinen Wein …
und mit der Frau, die du liebst, genieße das Leben alle Tage deines Lebens.“
(Koh 9,7-9)

Das ist so ein typischer Ratschlag aus dem Alten Testament. Genauer gesagt aus dem Buch Kohelet – wie wir Katholiken sagen – oder gut evangelisch: aus dem Buch Prediger. Dabei haben viele Sätze in diesem Buch eher einen pessimistischen Zug. Ganz häufig kommt die Feststellung: „Alles ist Windhauch.“ Immer wieder wiederholt Kohelet, der Prediger, diesen Satz. Alles ist für nichts.

„Ich beobachtete alle Taten, die unter der Sonne getan wurden. Das Ergebnis: Das ist alles Windhauch und Luftgespinst.“(Koh 1,14) oder: „Was geschehen ist, wird wieder geschehen, was man getan hat, wird man wieder tun: Es gibt nichts Neues unter der Sonne.“ (Koh 1,9).

Und so macht er seitenweise weiter der Prediger Kohelet. Seine Überzeugung: Man kann sich abstrampeln wie man will, nichts Beständiges kommt dabei heraus. Und dann auf einmal sagt er diesen Satz: „Drum iss freudig dein Brot und trink vergnügt deinen Wein … und mit der Frau, die du liebst, genieße das Leben alle Tage deines Lebens.“

Was er damit sagen will: Gerade weil das Leben oft sehr frustrierend ist, einem nichts gelingen will und einem vieles sinnlos vorkommt, gerade deshalb ist es wichtig, die elementaren Dinge des Lebens zu genießen: Essen, Trinken, Lieben. Kein schlechter Rat. Ich will ihn mir zu Herzen nehmen. Und immer dann, wenn ich mal wieder frustriert bin, weil die Dinge nicht so laufen, wie ich mir das vorstelle oder wenn mich der Pessimismus angesichts der politischen Großwetterlage überfällt. Dann will ich mir genau für diese Dinge Zeit nehmen: Bewusst essen und bewusst trinken, den Geschmack von frischem Brot und gutem Wein auskosten bis zum letzten Krümel und letztem Tropfen. Und mich darüber freuen, dass Menschen um mich herum sind, die mir nicht egal sind und denen ich nicht egal bin. Bewusst all dies genießen. Denn wer nicht genießen kann, der wird auf die Dauer ungenießbar.

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„Ich bin vergnügt, erlöst, befreit, Gott nahm in seine Hände meine Zeit.“*
S
o beginnt ein Gedicht von Hanns Dieter Hüsch.
„Vergnügt, erlöst, befreit“ unter dieses Motto stellt die evangelische Kirche im Rheinland auch das Gedenken an die Reformation vor 500 Jahren. Als rheinischer Katholik finde ich das toll.

„Vergnügt, erlöst, befreit“ so sollten wir leben, wir Christen. Egal ob evangelisch oder katholisch. Hüsch hat das auf den Punkt gebracht. Und ich finde es gut, dass er das Wort vergnügt an den Anfang stellt. Und noch besser finde ich, dass die rheinisch evangelischen Geschwister diese Reihenfolge auch so gelassen haben:

„Vergnügt, erlöst, befreit“. Denn als Theologen – egal ob evangelisch oder katholisch - fällt es uns nicht schwer, diese drei Begriffe mit einander zu verbinden. Aber dann heißt die Reihe eher: Erlöst, befreit, vergnügt. Denn in der theologischen Argumentation kommt zuerst die Erlösung. Und die haben wir dem Kreuzestod Jesu Christi zu verdanken. Dann die Freiheit zu der uns – wie schon der Heilige Paulus im Römerbrief dargelegt hat – Jesus Christus befreit hat. Und nur deshalb können wir vergnügt durchs Leben gehen. Also das Vergnügen kommt erst zum Schluss, als Folge aus Erlösung und Befreiung.

Alles richtig, theologisch exakt, gute argumentative Reihe. Und doch: Viel schöner, viel näher bei den Menschen, ist die Reihenfolge des Poeten Hanns Dieter Hüsch. Bei ihm kommt das Vergnügen zuerst. Er bemüht nicht den Kreuzestod und auch nicht den Römerbrief, sondern er begründet sein „Ich bin vergnügt, erlöst, befreit“ mit der Gewissheit: „Gott nahm in seine Hände meine Zeit“. Dieser einfache Satz gibt ihm Gelassenheit und Ruhe. Schön, wenn bei den vielen Veranstaltungen im Reformationsjahr davon ein bisschen was rüberkommt. Und wir gemeinsam „vergnügt, erlöst, befreit“ als Katholiken, als Protestanten, als Menschen, als Geschöpfe Gottes durch die Welt gehen.

 

* Psalm. in: Hanns Dieter Hüsch. Das Schwere leicht gesagt. Herder 1994, S.45

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