Manuskripte

Guten Morgen, ich bin Kalle Grundmann aus Koblenz von der katholischen Kirche. Die Bibel ist ein unbequemes Buch. Besonders für die Reichen. Und damit auch für die Kirche selbst. Gut, dass es dieses Buch gibt und Sonntag für Sonntag daraus in den Gottesdiensten vorgelesen wird. Der Text, der heute in den katholischen Kirchen vorgelesen wird, hat es diesbezüglich mal wieder in sich. Die Geschichte vom reichen Mann und dem armen Lazarus. Der Reiche lebt in Saus und Braus und gibt dem armen Lazarus, der vor seiner Tür hungert, nicht einmal die Reste von seinem Tisch. Beide sterben. Während der Arme von den Engeln in Abrahams Schoß getragen wird, wir würden sagen in den Himmel kommt, erleidet der Reiche qualvolle Schmerzen in der Unterwelt. Klassisch gesprochen: Er kommt in die Hölle. Nun haben wir das heute nicht mehr so mit der Hölle. Auch ich kann mir nur schwer vorstellen, dass Gott einen Ort für uns bereit hält, wo nur Heulen und Zähneknirschen herrschen. Was ich aber schon glaube, dass es einen Ort geben wird, wo Gott für Gerechtigkeit sorgen wird. Für einen Ausgleich zwischen arm und reich. In der biblischen Geschichte bittet der Reiche aus der Hölle heraus um Linderung seiner Qualen. Abraham antwortet ihm darauf: „Denk daran, dass Du schon zu Lebzeiten deinen Anteil am Guten erhalten hast, Lazarus aber nur Schlechtes. Jetzt wird er dafür getröstet, du aber musst leiden.“ Knallhart, da kennt Abraham kein Pardon. Und die Geschichte geht noch weiter. Der Reiche erkennt: Er hat verloren, aber er will wenigstens noch seine Brüder warnen, die ebenfalls in Saus und Braus leben. Aber auch dieses Anliegen wehrt Abraham ab: „Sie haben doch Mose und die Propheten, auf die sollen sie hören.“ Und da hat Abraham Recht. Es gibt die Aussagen der Propheten, es gibt die Worte Jesu – so wie dieser Text hier. Es gibt im Grundgesetzt den Satz: Eigentum verpflichtet. Aufforderungen vorhandenen Reichtum zu teilen, einen Ausgleich zwischen arm und reich zu schaffen, für Gerechtigkeit zu sorgen, gibt es zur Genüge. An der Umsetzung hapert es. Bei den reichen Nationen in der Welt, bei den Reichen in unserm Land und auch bei uns, der reichen Kirche in Deutschland.

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„Dann werden manche von den Letzten die Ersten sein und manche von den Ersten die Letzten.“ (Lk 13,30) Heute enden die Olympischen Spiele in Brasilien und ausgerechnet heute wird dieser biblische Satz in den katholischen Gottesdiensten vorgelesen. Der berühmte Satz Jesu von den Ersten, die die Letzten und von den Letzten, die die Ersten sein werden. Ist natürlich Zufall aber kein schlechter. Denn in den vergangenen zwei Wochen bei Olympia in Rio ging es immer um die Frage: Wer ist der Erste: Wer kann am schnellsten laufen, am weitesten werfen und am höchsten springen. Trotz der edlen olympischen Idee von „Dabei sein ist alles“, faktisch interessierte: Wer landet am Ende auf dem Treppchen, wer wird erster, zweiter oder dritter und holt damit für sich und sein Land eine Medaille. Und ich gebe zu, auch ich habe mich morgens früh dabei erwischt, wie ich beim Zeitungslesen erstmal auf den Medaillenspiegel geguckt habe. Da bürstet dieser biblische Satz von den Ersten und Letzten doch ganz schön gegen den Strich. Er ist ein biblischer Hieb in meine Seite, der mir sagt: Jesus geht es nicht um die Ersten, die Sieger, die Champions. Ihm geht es um die Letzten, die Verlierer, um die sich keiner kümmert.  

Wer bei Olympia gewinnt, den Sprung auf das Treppchen schafft, der hat einen Platz im Olymp sicher – im Götterhimmel der Sportler.  Aber im Himmel, um den es Jesus geht, ist er deshalb nicht gelandet. Da gelten andere Gesetze: Da werden die Ersten die Letzten und die Letzten die Ersten sein. Das klingt jetzt vielleicht nach einer billigen Vertröstung: Nach dem Motto: Mach Dir nichts draus, wenn Du hier auf Erden zu den Verlierern gehörst, im Himmel zählst du dafür zu den Gewinnern. Aber Vertröstung ist das nur, wenn man so tut, als ob  Himmel und Erde nichts miteinander zu tun hätten. Das ist aber nicht die Botschaft Jesu. Er betont immer wieder: Der Himmel, das Reich Gottes, hat hier auf der Erde zu beginnen. „Suchet zuerst das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit“ (Mt 6,33) fordert er von seinen Leuten. Anders ausgedrückt: Versucht immer wieder ein Stück Himmel auf die Erde zu holen. Stellt die Verlierer in den Vordergrund, kümmert euch um die, die nicht zu den Gewinnern gehören.  Also denke ich heute Morgen am Ende der Olympischen Spiele mal nicht an die Medaillengewinner, die konnten sich schon genug im Glanz ihrer Medaillen sonnen. Sondern an die, die den Sprung auf das Treppchen nicht geschafft haben. Sie haben ernst gemacht mir dem Satz: „Dabei sein ist alles“. Sie verdienen es, dass man auch ihren Einsatz würdigt. Aber ich denke nicht nur an die sportlichen Verlierer, sondern auch an viele Bewohner von Rio de Janeiro, die eher zu den Verlierern gehören.

Die Brasilianer sind ein Feier freudiges Volk. Sie können ausgelassen sein, tanzen, singen und gute Laune verbreiten, die einfach ansteckt. Von daher ein ideales Volk für die Olympischen Spiele, bei denen es ja auch auf die Atmosphäre, die Stimmung ankommt. Aber diese Ausgelassenheit und Freude der Brasilianer sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass viele von ihnen  zu den Verlierern von Olympia gehören. Da sind im Vorfeld Menschen von ihrem Land vertrieben worden, da wurden Wohnungen und Häuser platt gemacht, nur um Sportstätten zu bauen. Und natürlich hat es meist die getroffen, die eh nicht viel hatten. Und das viele Geld, das für Olympia verbaut wurde, fehlt natürlich an allen Ecken, insbesondere für soziale Maßnahmen. Schon lange vor den Olympischen Spielen haben sich deshalb viele katholische Einrichtungen in Deutschland zusammen mit dem Deutschen Olympischen Sportbund und dem Deutschen Behindertensportverband zusammengetan und die Aktion „Rio bewegt uns“ gegründet. Mit im Boot sitzen auch brasilianische Partner, unter anderem die Erzdiözese von Rio de Janeiro. Die Aktion ist nicht gegen die Olympischen Spiele, sondern sie will erreichen, dass auch die Armen in Rio was von Olympia haben. „Rio bewegt uns“ für viele Menschen in Deutschland gilt das im wahrsten Sinne des Wortes. Denn sie organisieren Spendenläufe quer durch die Republik und unterstützen mit dem gesammelten Geld soziale Projekte in Rio. Denn noch immer ist Rio die Stadt der zwei Gesichter. Großer Reichtum direkt neben bitterster Armut. In den Favelas, den vielen Armenvierteln der Stadt  gibt es keine gepflasterten Straßen, keine Müllabfuhr und nur selten Strom.

Hier lebt der Großteil der Bewohner von Rio. Die meisten von ihnen sind schwarz, haben Gelegenheitsjobs und nur zwei Zimmer für ihre fünfköpfige Familie. Sie arbeiten als Putzfrauen, Busfahrer oder Strandverkäufer. Das sind sie die Letzten, von denen Jesus spricht. Ihnen gelten die Projekte von „Rio bewegt uns“. Überall dort, wo sie zu den Ersten werden, wo sie im Vordergrund stehen, da geschieht er, der Himmel, das Reich Gottes. Immer wieder, jeden Tag neu, wenn auch oft nur im Verborgenen. Und das schöne: Er geschieht in Rio sogar bei den Olympischen Spielen. „Rio bewegt uns“ sei dank.

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Jeden Morgen ein eisiger Blick, niemals ein Lächeln. Sie ist eine unangenehme Person. Jeden Morgen kommt sie an die Pfarrhaustür und holt sich ihren Schein ab. Einen Gutschein für ein Essen im Restaurant für Wohnungslose. Sie ist nicht die einzige, etwa zwanzig Leute kommen jeden Morgen aus diesem Grund an die Pfarrhaustür. Die meisten sind Stammkunden, auf die Dauer kennt man sich. Viele von Ihnen sind freundlich und man kommt ins Gespräch. Oft sind es nur unverbindliche Tür- und Angelgespräche über das Wetter oder so. Manchmal aber erzählen sie auch von ihrem Alltag, von den Schwierigkeiten mit den Behörden und natürlich vom Geld, rumkommen mit Hartz IV ist ein heißes Thema. Es kommt auch vor, dass die Gespräche noch tiefer gehen, dann erzählen einige auch mal von ihrer Lebensgeschichte. Wie das so gekommen ist, dass sie heute ganz unten stehen. Häufig kommt die Formulierung: „Das hätte ich mir vor 10 Jahren nicht träumen lassen, dass ich heute für einen Essensgutschein an die Pfarrhaustür kommen muss.“ Es sind viele darunter, die einen ganz normalen Job hatten, Familie, Wohnung, eben ein ganz normales Leben. Und dann ist irgendetwas schief gelaufen. Arbeitsplatzverlust, Scheidung, Alkohol, Schulden und dann ging's bergab.

Sie erzählt nie etwas von sich. Ich weiß so gut wie nichts von ihr. Sie schleudert einem allmorgendlich nur entgegen: „Ich hätt gern den Schein.“ Wenn sie mal mehr sagt, dann schimpft sie über alles und jeden und dass es überhaupt eine Frechheit sei, dass wir ihr nur einen Essensgutschein geben würden. Sie brauche mehr, sie brauche Geld. Und egal ob sie redet oder schweigt, immer trifft einen dieser eisige Blick. Sie ist kein einfacher Mensch, begegnet sie mir auf der Straße, möchte ich am liebsten die Seite wechseln. Und doch weiß ich, sie ist ein einzigartiger Mensch. Sie ist ein Geschöpf Gottes, von Gott geliebt. Und deshalb hat sie ein Recht auf meinen Respekt, meine Achtung und meine Freundlichkeit, auch wenn’s mir schwer fällt. 

 

 

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Täglich beten Millionen Menschen für Frieden und Gerechtigkeit auf der Welt. Das ist sicherlich gut. Aber die kritische Frage lautet: Bringt’s was?

Ich glaube die Frage, ob Beten was bringt oder nicht, hängt nicht davon ab, wie viele Menschen beten und um was sie bitten, sondern vielmehr davon wie die Menschen beten.

Ein täglicher und intensiver Beter ist Don Camillo, Pfarrer in einer Stadt in Oberitalien und ewiger Gegenspieler von Peppone, dem kommunistischen Bürgermeister des Ortes. Es ist Wahlkampfzeit, Peppone verfasst Wandzeitungen. Da Rechtschreibung nicht seine starke Seite ist, strotzen diese nur so vor Schreibfehlern. Der ganze Ort lacht über ihn. Damit nicht genug, jede Nacht schreibt irgendein Schmierfink über die Wandzeitungen mit dicken roten Buchstaben: „Peppone ist ein Esel“. Dieser Schmierfink ist natürlich Don Camillo.

Jeden Abend betet Don Camillo vor dem großen Kreuz in der Kirche und bespricht seinen Tag mit Jesus. Seine Schmierereien verschweigt er natürlich, aber Jesus kommt ihm auf die Schliche und macht ihm klar, dass es unfair von ihm ist, Peppone - nur weil er die Rechtschreibung nicht beherrscht - vor allen Leuten lächerlich zu machen. Zunächst wehrt er sich natürlich gegen die Vorwürfe Jesu, aber der lässt nicht locker und auf die Dauer erkennt Don Camillo, dass er falsch gehandelt hat. Und am Ende korrigiert er – der katholische Pfarrer des Ortes - die kommunistischen Wandzeitungen, bevor sie auf gehangen werden. Und so muss sich Peppone  wegen seiner Rechtschreibfehler nicht mehr blamieren.

Ob beten was bringt, hängt nicht nur davon ab, was ich Gott sage, sondern auch, ob ich mir von Gott was sagen lasse.

 

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 „Der Schatz der Kirche, das sind die Armen“. Das hat er dem Kaiser klar gemacht: Der Heilige Laurentius. Heute ist sein Gedenktag. Er lebte im 3. Jahrhundert in der Zeit der Christenverfolgung. Er war Diakon und als solcher in der Gemeinde von Rom zuständig für die Finanzen und die soziale Arbeit. Er sorgte also dafür, dass die Armen, Witwen und Waisen nicht zu kurz kamen. Er kümmerte sich um das, was wir heute gerne die Caritas oder die Diakonie nennen.

Eine Legende erzählt folgende Geschichte: Der Kaiser Valerian lädt Laurentius vor und verlangt von ihm die Herausgabe der finanziellen Mittel der Gemeinde, wenn man so will des Kirchenschatzes. Laurentius erbittet sich drei Tage Bedenkzeit. Die werden ihm gewährt und Laurentius nutzt diese Zeit, um das Geld der Kirche an die Armen zu verschenken. Als Valerian ihn dann nach drei Tagen wieder nach dem Kirchenschatz fragt, präsentiert Laurentius ihm die beschenkten Armen. Und sagt: „Der Schatz der Kirche, das sind die Armen“. Das erzürnt natür­lich den Kaiser und der lässt daraufhin Laurentius umbringen. Am 10. August 258 erleidet Laurentius in Rom den Märtyrertod.

„Der Schatz der Kirche, das sind die Armen“. Damit hat Laurentius nicht nur dem römischen Kaiser clever geantwortet, sondern auch der Kirche etwas ganz wichtiges ins Stammbuch geschrieben: Normalerweise denken wir beim Thema Kirchenschatz an materielle Güter: Prächtige Kirchen, wertvolle Kunstwerke, Immobilien, Aktienpakete und sonstige Rücklagen. Laurentius macht klar: Der eigentliche Schatz sind die Armen. Für sie muss Platz sein in der Kirche und zwar nicht als Geduldete am Rande, sondern in der Mitte, denn um sie, muss sich alles drehen.  Ein großer Anspruch, aber einer, der nicht aufgegeben werden darf. Gut, dass Laurentius und andere Heilige immer wieder daran erinnern.

 

 

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Wie ist Gott? Wie verhält er sich zum Menschen? Das ist eine der Hauptfragen der Bibel. Und die biblischen Erzähler versuchen in einer ganzen Reihe von Geschichten und Bildern diese Frage zu beantworten. Ein besonders schönes ist das Bild des Winzers. Gott ist der Winzer und wir, die Menschen sind der Weinberg, so nachzulesen beim Propheten Jesaia (Jes 5). Für mich als Mensch von Rhein und Mosel ein besonders schönes und griffiges Bild. Wenn ich auf unsere steilen Weinberge sehe, dann merke ich wie viel Arbeit so ein Winzer hat. Wie er sich um den Weinberg mühen muss, damit da ein vernünftiger Wein wächst: Pflanzen, Schneiden, Binden, Aufgraben, Ausgeizen, Düngen, Spritzen und was da alles bei Hitze und Kälte, Sonnenschein und Regenwetter geschafft werden muss. Und so ist also Gott, er müht sich um uns Menschen. Das ist die Erfahrung der Bibel. Aber - und das ist auch ausgesagt in dieser Bibelstelle bei Jesaia - Gott will, dass dabei was Gutes  herauskommt, dass wir – um im Bild zu bleiben - gute Früchte hervorbringen. Damals bei Jesaia war das nämlich nicht so. Der Prophet beklagt sich darüber, dass das Volk keine süßen Trauben, sondern nur saure Beeren hervorbringt. Und er sagt auch deutlich, worin die sauren Beeren bestehen: Es herrscht Ungerechtigkeit im Volk. Die Starken schützen die Schwachen nicht, die Rechte der Witwen, Waisen und Fremden werden nicht beachtet, überall herrscht soziale Ungerechtigkeit. Nun, ob wir heute vor Gott viel besser dastehen, als das Volk Israel damals? Auch bei uns im Land herrscht Ungerechtigkeit, es gibt einige Reiche und viele Arme. Und weltweit gesehen schreit die Ungerechtigkeit  nur so zum Himmel. Auf der nördlichen Halbkugel herrscht Überfluss und im Süden verhungern die Menschen.

Und wie geht Gott damit um, heute im Jahr 2016? Ich glaube, dass er sich immer noch nicht mit der Ungerechtigkeit auf der Welt abgefunden hat. Aber ich hoffe auch, dass er noch immer ein geduldiger Winzer ist. Der sich trotz allem um uns sorgt. Der die Hoffnung nicht aufgibt, dass wir Menschen auch süße Trauben hervorbringen können. Für Frieden und Gerechtigkeit sorgen können, im Großen wie im Kleinen.

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Heute ist Feiertag – sogar ein gesetzlicher, staatlich geschützt. Aber nur in einer einzigen Stadt in Deutschland: in Augsburg. Dort begeht man heute das Augs­burger Hohe Friedensfest. Der Hintergrund: Augsburg spielte in der Frage des Religionsfriedens in Deutschland eine große Rolle. Da war zunächst das Jahr 1530, da formulierte man auf dem Reichstag in Augsburg die „Confessio Augustana“, das Augsburger Bekenntnis. In dem bis heute verbindliche Grundsätze der lutherischen Kirche festgelegt sind. Kurze Zeit später, 1548, proklamierte sich Augsburg zur ersten so genannten paritätischen Reichsstadt, was bedeutete, dass alle Ämter der Stadt doppelt besetzt waren, von einem Katholiken und von einem Protestanten. Und 1555 kam es hier zum Augsburger Reichs- und Religionsfrieden, der Pax Augustana. Protestanten und Katholiken waren im Deutschen Reich ab sofort gleichberechtigt. Der hier ausgehandelte Religionsfriede hielt aber leider nicht sehr lange, es kam zum Dreißigjährigen Krieg und danach zu einer Art Kaltem Krieg zwischen Protestanten und Katholiken. Der ist Gott sei dank vorbei. Protestanten und Katholiken gehen heute in der Regel recht friedlich miteinander um. Der Friede zwischen den Konfessionen ist hergestellt, aber der zwischen den verschiedenen Nationalitäten, Religionen und Kulturen ist eine wichtige Aufgabe. Dafür gab es in Augsburg in den letzten Wochen eine ganze Reihe von Vorträgen, Ausstellungen, Gottesdiensten und Konzerten. Heute, an ihrem Friedensfeiertag machen die Augsburger eine ganz besonders schöne Veranstaltung. Die Friedenstafel im Annahof. Alle sind eingeladen, egal welcher Herkunft. Jede und jeder bringt für sich und seine Tischnachbarn etwas zum Essen und Trinken mit. Und das teilt man dann miteinander. Man isst und trinkt, redet und lacht und lernt sich so kennen. Ganz einfach! Denn Frieden geschieht da, wo Menschen – gleich welcher Religion und Weltanschauung -  miteinander essen, trinken und ins Gespräch kommen.

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Kol 3,2

„Richtet euren Sinn auf das Himmlische und nicht auf das Irdische!“ Das ist so ein biblischer Satz, der häufig missbraucht wird. Er steht im Brief des Apostels Paulus an die Kolosser und wird heute in den katholischen Gottesdiensten vorgelesen. Missbraucht wird dieser Satz, wenn damit die Menschen vertröstet werden. Nach dem Motto: Wenn du hier auf der Erde zu denen gehörst, die immer zu kurz kommen, mach Dir nichts draus. Denk an den Himmel, da wird dir alles vergolten werden. „Richte deinen Sinn auf das Himmlische und nicht auf das Irdische.“ Besonders schlimm, wenn solche Sätze von denen gesagt werden, die die Macht und das Geld haben. Wo das passiert, kann ich den Vorwurf von Lenin, „Religion sei Opium für das Volk“ gut nach vollziehen. Und sind wir ehrlich: Mit dem Hinweis auf den Himmel hat die Kirche lange Zeit die Armen und Rechtlosen ruhig gestellt, sie vertröstet und damit den Mächtigen gedient.  Und bei den islamischen Hasspredigern, die heute junge Leute mit dem Hinweis auf den Lohn im Himmel zu Selbstmordattentäter machen, läuft die Geschichte ähnlich ab.

Leider sind biblische Sätze vor Missbrauch nicht geschützt. Um zu verstehen, was sie meinen, muss man sich immer den Kontext anschauen, in dem sie geschrieben wurden.  Paulus stellt in diesem Abschnitt im Kolosserbrief den alten gegen den neuen Menschen. Der alte Mensch orientiert sich für Paulus am Irdischen, an Macht, Reichtum und Einfluss, das sind seine Werte. Der neue Mensch, der Getaufte, der sich an  Jesus Christus orientiert, der richtet sich am Himmel aus. Und das heißt: Friede, Gerechtigkeit und die Gleichheit aller Menschen, das sind seine Werte. Und zwar nicht für ein Leben in Zukunft oder gar nach dem Tod, sondern für das Leben hier und jetzt. Für das, was ich heute zu tun oder auch zu lassen habe. „Richtet euren Sinn auf das Himmlische und nicht auf das Irdische“ bedeutet deshalb: Den Himmel im Kopf zu haben aber mit beiden Beinen auf der Erde zu stehen. Es geht darum, sich hier auf der Erde für den Himmel einzusetzen. So viel Himmel wie möglich, für so viele Menschen wie möglich, auf die Erde zu holen. Der Himmel ist keine einseitig jenseitige Geschichte, die sich erst nach dem Tod abspielt, sondern der Himmel geschieht bereits jetzt hier auf der Erde. Und zwar überall, wo Menschen das Leben und das, was zum Leben notwendig ist, miteinander teilen. Und es lohnt sich, seinen Sinn daran aufzurichten.

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Ich will Euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet. So spricht Gott in der Bibel, genauer gesagt im Buch Jesaia (66,13). Er wendet sich damit an das Volk Israel, als es diesem so richtig dreckig geht. Komisch, denke ich. Immer reden wir von Gott als dem Herrn oder dem Vater und hier auf einmal will Gott selbst wie eine Mutter sein, wird er auf einmal weiblich. Ein bisschen ärgert mich das auch, als ob ich als Mann und Vater nicht auch trösten könnte? Muss ich dafür in die Mutterrolle gehen? Und dann denke ich zurück. Und wenn ich da ganz ehrlich bin, wenn ich mir als Kind die Knie aufgeschlagen habe und Trost brauchte, bin ich auch zur Mutter gelaufen, nicht zum Vater. Und wenn meine Kinder von der Rutsche gefallen sind, haben sie sich auch eher von meiner Frau trösten lassen als von mir. Es ist mühsam, darüber zu diskutieren, dass Mütter besser trösten können einfach weil sie Mütter sind oder weil man sie darauf hin erzogen hat. Ob’s an den Genen oder an der Erziehung liegt? Fakt ist, wenn es ums trösten geht, will Gott lieber eine Mutter sein als ein Vater. Ihm macht es dann nichts aus, das Geschlecht, das man ihm ansonsten so zuschreibt, einfach mal zu wechseln, weiblich zu werden.  

Eigentlich gar nicht so schlecht, was Gott mir - als Mann -  da so vormacht. Wenn trösten können etwas Mütterliches ist, dann sollte ich eben mal die weiblichen Anteile in mir aktivieren. Denn von der Biologie her wissen wir: Jeder und jede hat auch ein bisschen was vom andern Geschlecht. Als Vater kann ich auch Mutter, so wie viele Mütter auch Vater sein können. Einfach mal probieren. Vielleicht schaffe ich es ja, dass meine Enkel, wenn sie vom Baum gefallen sind und Trost brauchen, auch mal zu mir kommen. Freuen würde es mich auf alle Fälle.

 
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Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit: Liberté, Egalité und Fraternité daran wird heute in Frankreich wieder erinnert. Am 14. Juli 1789 brach mit dem Sturm auf die Bastille in Paris die französische Revolution aus. Und das waren die Forderungen der Revolutionäre: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Diese Forderungen waren damals nicht nur gegen den absolutistischen König und den Adel gerichtet, sondern auch und gerade gegen die Kirche, speziell gegen die Leitung der Kirche, gegen den Klerus. Verständlich, denn die Kirche war ein ungutes Verhältnis mit den Mächtigen eingegangen, Thron und Altar stützten sich gegenseitig. Unverständlich, wenn man auf den Anfang der Kirche schaut. Jesus selbst hätte wohl diese Forderung direkt unterschrieben und für Paulus, der Jesus in Europa erst bekannt gemacht hat, waren das geradezu seine Lieblingsforderungen. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Starke Sätze spricht er da zum Beispiel im Brief an die Galater: Zur Freiheit hat uns Christus befreit! (Gal 5,1). Oder, wenn es um die Gleichheit geht: Es gibt nicht mehr Juden und Griechen, nicht Sklaven und Freie, nicht Mann und Frau, denn ihr alle seid einer in Jesus Christus (Gal 3,27). Und Brüderlichkeit ist für ihn selbstverständlich, permanent spricht er die Mitglieder in den verschiedenen christlichen Gemeinden als seine Brüder an. Sicherlich heute sprechen wir lieber von Geschwisterlichkeit als von Brüderlichkeit. Aber da waren sowohl Paulus als auch die Revolutionäre in Frankreich Männer ihrer Zeit. 

Freiheit, Gleichheit, Geschwisterlichkeit. Durch die französische Revolution sind daraus politische Forderungen geworden, aus denen letztlich unsere heutigen Demokratien hervorgegangen sind. Für mich sind es aber auch Werte, die mich als einzelnen Menschen stark machen und zwar so, dass meine Stärke nicht auf der Schwäche des andern aufbaut. Ich bin ein freier Mensch. Ich muss mich vor niemandem klein machen. Ich darf aber auch andere nicht klein machen, denn es sind meine Brüder und Schwestern. Freiheit, Gleichheit und Geschwisterlichkeit. Ich fühle mich gut aufgehoben in diesen Werten. Der französischen Revolution und Paulus sei dank. 

 
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