Manuskripte

Verwundert habe ich vor Jahren bei einem Traugespräch gehört, dass die junge Frau ihre Eltern erst noch einladen müsse, die wüssten noch gar nichts von der bevorstehenden Hochzeit. "Wissen Sie, ich habe nie wirklich einen Vater gehabt", sagt die Tochter des selbständigen Handwerkers, "darum zieh' ich das jetzt auch ohne ihn durch".
"Sie hat ja recht", meinte geknickt und ziemlich traurig der Vater bei einem späteren Gespräch: "als die Kinder klein waren, habe ich nicht viel mit ihnen anzufangen gewusst - "später, wenn man vernünftig mit ihnen reden kann ..." habe ich mir immer gesagt - und dann habe ich ja auch das Geschäft aufgebaut, für die Kinder, habe ich mir immer gedacht.
Und heute ist es zu spät ... keines der Kinder will ins Geschäft einsteigen. Sie sagen: "So wollen wir nicht leben, dass der Ehepartner und die Kinder immer zuletzt kommen und meine Kinder dauernd das Gefühl haben, sie sind dem gestressten Vater eher lästig ..." - na ja", meint er schließlich mit gezwungenem Lächeln, "vielleicht kann ich als schlechtes Beispiel dienen, wie man es nicht machen soll...!"
Diese Einsicht ist, auch wenn sie verspätet kommt, nicht selbstverständlich und ich achte den Mann noch heute dafür. Vor lauter Tüchtigkeit vielleicht, hatte dieser Vater nicht die Zeit, sich mit seinen Kindern zu befassen und ihnen beizustehen.
Wie steht doch in der "christlichen Haustafel" im Kolosserbrief (Kol 3, 21): Ihr Väter, erbittert eure Kinder nicht, damit sie nicht scheu werden.
Ob sich das, wenn wir jetzt "altersmilde" werden, noch nachholen oder nachbessern lässt?
Für den erwähnten Vater ergab sich noch eine Chance: Ein "spätes Kind", ein Nachzügler, wurde ihnen geboren und der Vater hat sich um 180 Grad gewendet. Diesem Kind jetzt wurde er ein aufmerksamer und zugewandter Vater und es war rührend mit anzusehen, wie die beiden an einem oft frühen Feierabend miteinander "g'schirrten".
Seine schon erwachsenen Kindern nahmen die späte Einsicht und Entschuldigung des Vaters an. So haben sie neu miteinander anfangen können und es ist keine Verbitterung geblieben. "Ihr Väter, erbittert eure Kinder nicht, damit sie nicht scheu werden."
Ein 'spätes Kind' gab diesem Mann die Chance, neu anzufangen. Vielleicht hilft manchem von uns "altersmilde" Gewordenen schon eine "späte Einsicht", dass man manches vernachlässigt hat, als die Kinder klein waren. Daraus kann sich die Chance zum offenen Gespräch ergeben. Das kann Verbitterungen lösen und macht einen neuen Anfang möglich.
So können wir uns jetzt einander erwachsen zuwenden.
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Wo gehöre ich eigentlich hin, frage ich mich jetzt, wo ich älter werde. Wie viele meiner Generation bin ich viel herumgekommen und weiß nicht so recht, wo ich jetzt eigentlich hingehöre, auch später, im Ruhestand.
Ein altes Ehepaar bringt mich auf eine Möglichkeit:
"Unsere 'Goldene Hochzeit' würden wir gerne daheim feiern, in dem 'Kirchle' in meinem Heimatdorf, in dem wir vor 50 Jahren getraut wurden!", sagt der "goldene Bräutigam" beim Vorgespräch.
Nein, gelebt hätten sie nie dort. Dort sei er halt aufgewachsen, in dem kleinen Dorf auf der Alb. Dann hatte er Soldat werden müssen und sei nach der Gefangenschaft nur kurz dort gewesen. Auf seiner Suche nach Arbeit in der Stadt hätten sie sich dann gefunden. Mehrmals sind sie in dem halben Jahrhundert umgezogen, in eine andere Stadt, in ein anderes Haus, haben sich jeweils eine neue Existenz aufgebaut.
"Jetzt geht es uns wie unseren Kindern, dass wir gar nicht so recht sagen können, wo wir denn zu Hause sind ... - vielleicht überall ein wenig ...," sagt er und fügt lächelnd hinzu: "bloß die Schnecken haben ihr Heim immer dabei".
"Und an jedem Ort waren Menschen, die unsere Freunde wurden", ergänzt die Ehefrau, "und einige sind es dann lebenslang geblieben, über alle Entfernung und alle Belastungen hinweg. Es klingt vielleicht ein wenig "groß", aber ich empfinde mich geborgen im Herzen dieser Menschen, die uns Gott geschickt hat ...".
Von dieser alten Frau habe ich gelernt: 'Geborgenheit' kann ich nicht auf der Landkarte finden als Ort, wo ich hingehöre. 'Geborgenheit' findet man unterwegs, auf dem Weg. Auf diesem Weg begegne ich Menschen, die mir wichtig werden, die mich kennen und mögen und die mich begleiten.
Manche dieser Menschen gehen ein Stück des Weges mit mir, solange wir am selben Ort wohnen, solange wir über die gemeinsame Arbeit zusammen sind oder was immer uns sonst verbindet. Manchmal, wenn dieses Gemeinsame wegfällt, verliert sich die Zugehörigkeit nach und nach. Aber ich erinnere mich oft und bleibe geprägt davon, was wir füreinander waren.
Andere Beziehungen bleiben erhalten. Mal näher, mal ferner begleiten wir einander auf unseren unterschiedlichen Lebenswegen und teilen Sorgen und Freuden miteinander.
So empfinde ich mich 'geborgen und zugehörig' zu Menschen, die mich einen Abschnitt oder gar den Lebensweg begleiten.
"Daheim" fühlt sich das alte Ehepaar aber dann doch "in dem 'Kirchle' im Heimatdorf", in dem "alles" anfing.
Dort finden sie die Geborgenheit im Alter ...
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Wo kann ich mich geborgen fühlen, wenn ich älter werde?
Ein Bild gefällt mir halt immer noch, auch wenn es mir selbst manchmal ein bisschen kitschig vorkommt: Vor ein paar Tagen habe ich wieder eine Schafherde mit ihrem Schäfer gesehen. Der führte sie heim in den Pferch und wenn sich ein Schaf zu weit weg wagte und ängstlich blökte, rief der Hirte es. Schnell drängte sich das Schaf zur Mitte der Herde, suchte die Geborgenheit der Menge.
Manchmal beneide ich so ein Schaf, ehrlich. Einer von vielen zu sein, Entscheidungen anderen überlassen, nicht auf mich gestellt zu sein, in der Herde daheim, das hat etwas Verlockendes. Das andere habe ich oft genug - und habe eben manchmal auch genug davon -: Allein mit der Furcht, mich falsch entschieden zu haben, allein mit der Trauer über verpasste Chancen, einsam aber auch, wenn ich mich über etwas freue, das gelungen ist.
Zwischen dem fragwürdigen Kitsch des Herdentiers und dem 'einsamen Kämpfer' steht ein biblisches Gedicht, der Psalm 23:
Der HERR ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.
Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser. Er erquicket meine Seele. Er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen.
Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich. Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde.
Du salbest mein Haupt mit Öl und schenkest mir voll ein.
Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang, und ich werde bleiben im Hause des HERRN immerdar.
Diese Worte beschreiben, wo und vor allem bei wem ich Geborgenheit finden kann. Sie versprechen nicht, mich aus Schwerem herauszuhalten, sondern dass ich auch im Unglück nicht allein bin. Dieser 'Hirte' befähigt mich zum Leben und entmündigt mich nicht. Er stärkt und bestärkt mich auf meinem Weg, auch wenn er mir schmerzliche Erfahrungen nicht erspart. Dieser Hirte verführt mich nicht, das 'finstere Tal' zu vermeiden, aber ich muss es auch nicht mit vor Einsamkeit zugeschnürtem Hals durchschreiten.
Diesem Hirten kann ich trauen, der verführt mich nicht, gedankenlos in der Herdemitzulaufen. Der ermutigt mich, meinen eigenen Weg zu gehen.
Bei diesem Hirten bin ich geborgen: Mit meiner Angst zu versagen wie mit meiner Freude über Gelungenes.
Bei diesem Hirten kann ich mich geborgen fühlen 'mein Leben lang', auch am Ende meines Lebens ...
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Was haben wir Älteren weiterzugeben, wenn wir den nachfolgenden Generationen die Hand reichen, im 'Bund der Generationen'? Das ist wohl einiges an Wert, nicht umsonst spricht man von der kommenden als der "Generation der Erben". Wir hinterlassen unseren Kindern wohl vieles, von dem sie leben können, aber auch so manche "Altlast":
Viele von uns Älteren verstehen zu einseitig, dass nur durch materiellen Wohlstand 'gutes Leben' möglich sei. Was nichts kostet, ist nichts wert. Und umgekehrt: Wer sich was leisten kann, der lebt gut!
Gern haben wir angenommen, dass für wachsenden Wohlstand Luft und Wasser umsonst, also 'kostenlos', verbraucht werden. Wir haben nicht groß protestiert, weil wir ja alle etwas davon hatten.
Jetzt werden Wohlstand oder auch Luft und Wasser ein knappes Gut, für die nachfolgenden Generationen.
Diese aber müssen Fehler und Sünden der vorangegangenen 'ausbaden'. Der Prophet Jeremia beschreibt das mit einem Bild: "Die Väter haben saure Trauben gegessen, und den Kindern sind die Zähne davon stumpf geworden" (Jer. 31,29). Zum Glück geht der Bibeltext noch weiter: Gott verspricht den Vätern damals und uns heute (und selbstverständlich auch den Müttern) "einen neuen Bund". Den will er in ihr Herz und ihren Sinn schreiben. Ob wir uns zu diesem "neuen Bund" anregen lassen, einem 'neuen Bund der Generationen'? Und auch zu einer anderen Weise, mit unseren 'Altlasten' umzugehen?
Wie das aussehen kann, hat mir neulich ein Bekannter klar gemacht:
Beim Eintritt in den Ruhestand hat er in seiner Abschiedsrede gemeint:
"Jetzt, wo wir 'alles' haben: Haus, (große oder kleine) berufliche Karriere, die Kinder sind nicht mehr finanziell von uns abhängig, jetzt also haben wir doch nichts mehr zu verlieren. Wir können ohne große Rücksichten zu nehmen für eine gerechtere Politik eintreten und unsere 'Altlasten' aufarbeiten."
Ich hoffe darum auch auf einen neuen "Bund der Generationen": Wir Älteren können vielleicht lernen, den jüngeren vorzuleben, dass 'gutes Leben' nicht automatisch 'mehr haben' bedeutet und auch Verantwortung für nachfolgende Generationen einschließt.
Wir können unseren Lebensstil gelassen vereinfachen. Beim renovieren vom "Häusle" können wir auf 'Nachhaltigkeit' sehen und beim Autokauf vor allem auf die Umweltfreundlichkeit.
Und gerade wir Älteren müssten es nicht mit dem bitteren Gesicht des Verzichts tun können, sondern mit der gewissen - ja - "Leichtigkeit des Seins", weil 'der neue Bund' doch in unser Herz und Sinn geschrieben ist ...
https://www.kirche-im-swr.de/?m=3532
"Unsere Gesellschaft wird älter – in einem bislang nicht da gewesenen Ausmaß. Das ist neu, aber nicht bedrohlich, wenn es gelingt, den Wandel zu gestalten." Das habe ich vor kurzem gelesen und ich finde: Es klingt besser als das ewige Gejammer darüber, dass wir immer älter werden. Daran ist ja nun einfach nichts zu ändern. Deshalb wird es gut sein, wenn wir das beste daraus machen.
Wie das ganz praktisch aussehen kann, habe ich ganz in der Nähe von Schwäbisch Hall entdeckt. Dort hat man bemerkt, dass auch Wohnsiedlungen "altern". Z. B. verkommen die einmal kleinkindgerecht angelegten Spielplätze, sobald die Kinder der ersten Generation aus dem Spielalter raus sind. Oder die Plätze werden ganz geschlossen.
Diesen Fehler wollte man in Michelfeld grade nicht machen. Da entsteht ein "Mehrgenerationentreff" auf dem Spielplatz und drum herum: Für kleine Kinder Sandkasten und Rutsche, ältere Kinder sollen mit fließendem Wasser "matschen" können. Jugendliche haben einen eigenen Bereich und es soll eine Kugelspielbahn geben für Ältere und Familien. Eine Wiese wird gestaltet, zum Picknicken und zum Federball- und Volleyballspielen. Man hält zudem Ausschau nach Spielgeräten, an denen sich auch ältere Menschen versuchen können.
Ich finde das ganz spannend, weil so "das Miteinander der Generationen" in den Alltag umgesetzt wird. Das wird nicht einfach sein und nicht ohne gelegentliche Konflikte abgehen. Aber ein Miteinander kriegt man eben nur hin, wenn sich die Generationen auch begegnen können und man die verschiedenen Altersstufen nicht "auseinandersortiert". Zusammenhalten ist wohl nur mit mehr Begegnung zu haben - und Berührungspunkte sind nun einmal auch Reibungspunkte.
Wichtig scheint mir dazu, dass wir offen auf andere zugehen, mit der Möglichkeit rechnen, dass es auch zu Auseinandersetzungen kommt und das nach dem "Jesus- Prinzip": "Behandelt die Menschen so, wie ihr selbst von ihnen behandelt werden wollt! "(Mt. 7, 12)
Da könnte dann ein Älterer mit einem Augenzwinkern zu einer Gruppe Jugendlicher sagen: "Beim Wegtragen der leeren Getränkedosen habt ihr's ja dann leichter ...!" Und die Jungen wiederum brauchten sich nicht gleich gemaßregelt fühlen und grinsend antworten: "Na klar doch!"
Ich bin gespannt, ob wir noch mehr solcher "Spielplätze" hinkriegen, wo sich vielfältige Kulturen, unterschiedliche Altersgruppen und verschiedene Gesellschaftsschichten begegnen können nach dem "Jesus - Prinzip" ...
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Manchen steckt anscheinend Weihnachten noch in den Knochen - nicht nur wegen der Pfunde, die sich angesammelt haben.
"Puh, das ist ja grade nochmal gutgegangen!", bekomme ich von einer jungen Schwester zur Antwort. Ich hatte sie gefragt, wie sie denn den Weihnachtsbesuch bei der Familie verbracht hätte.
"Na ja," sagt sie auf meinen erstaunten Blick, "das ist doch so eine Sache mit dem 'Fest des Friedens'; da nimmt man sich das ganze Jahr nicht viel Zeit füreinander und vermeidet 'schwierige Themen' (also solche, die zu Auseinandersetzungen führen könnten). Dann hat jeder an Weihnachten den Wunsch, friedlich 'in Familie zu machen'. Manchmal habe ich das Gefühl gehabt, vor lauter Harmonie auf einem Pulverfass zu sitzen."
Ich hab' mich gleich ein wenig ertappt gefühlt, ich bin selber so ein "Harmoniker" und habe nichts lieber als ein "harmonisches Miteinander". Ich hab' mich allerdings im Verdacht, das soll nach dem Motto geschehen: "Wenn nur alle so wären, wie ich sein sollte!" ...
Und dann denke ich auch: Es müssen ja nun wirklich nicht immer alle unterschiedlichen Auffassungen erst ausgeräumt werden, bevor man dann gemütlich beieinander sein kann. Dass man unterschiedlicher politischer Meinung ist, ist doch längst bekannt und dass man sich trotzdem mögen kann, ist auch längst bewiesen.
Ich bin dabei an die Fabel vom Zankapfel erinnert:
"Als Herakles einst durch eine Bergenge schritt, lag dort etwas, was wie ein Apfel aussah. Er versuchte es zu zertreten. Als er aber sah, dass es sich verdoppelte, trat er stärker darauf und traf es mit seiner Keule. Da blähte es sich zu etwas ganz Großem auf und versperrte ihm den Weg. Nun warf er die Keule fort und blieb verwundert stehen. Da erschien Athene und sagte zu ihm: "Lass ab! Was du siehst, ist Zanksucht und Streit. Wenn man es unangefochten lässt, bleibt es, wie es von Anfang an war. Wenn man es aber aufnimmt, schwillt es so auf.""
Die Erfahrung aus dieser Fabel gilt gewiss für die "alten Hüte", die ich bei Streit in der Familie gern herausziehe: "So warst du schon immer ... - ... wie deine Mutter ... Du immer mit deiner konservativen Einstellung". So wird nichts gelöst und alter Streit wird größer.Das ist in keiner Weise hilfreich.
Das geht allerdings nicht immer: Manchmal spreche ich aus lauter Harmoniesucht ein Problem nicht an. Dann wird nichts gelöst, sondern es fault unter der Harmonieoberfläche weiter, und wird zum faulen Zankapfel.
Dann wäre Weihnachten als 'Fest der Liebe und des Friedens' nicht die Feier der "Harmonie um jeden Preis". Schon eher das Fest, zu unterscheiden, was dem friedlichen Miteinander jeweils mehr dient: Den 'Zankapfel' mal liegen lassen oder ein klärendes Gespräch. ...
https://www.kirche-im-swr.de/?m=2889
In der letzten Woche habe ich Bilanz gemacht für das vergangene Jahr, Sie vielleicht auch. In den ruhigen Tagen "zwischen den Jahren" hat man ja Zeit dafür ...
Letzte Woche jedenfalls waren bei mir am Schreibtisch 'Bilanzen' dran: Portokasse, Fahrtenbuch für's Auto, Nebenkostenabrechnung und, das ist so eine Marotte von mir: Ich rechne aus, wieviel vom Häusle jetzt uns gehört und wieviel noch der Bank. Soweit also das, was in Zahlen ausgedrückt werden kann - und das ist, so ungern ich es mache, noch der leichtere Teil der Übung.
An diesen letzten Tagen des Jahres nehme ich mir auch Zeit für eine persönliche Jahresbilanz. Ich frage mich: Was habe ich erwartet und was davon hat sich erfüllt? Was haben andere von mir erwartet und ich bin dem nicht gerecht geworden. Es gibt dann auch genug Erfreuliches, auf das ich da komme und hin und wieder auch Erfolge, auf die ich ein wenig stolz bin. Und ein großes Maß an Anerkennung, Vertrauen und Zuneigung, unverdient viel davon.
Ich "verdiene" Lob und Anerkennung so viel oder so wenig wie jeder andere, das weiß ich. Und auf Nachsicht bei Versäumnissen und Fehlern, die ich gemacht habe, habe ich keinen Anspruch. Und doch neige ich dazu, Erfolge auf meiner "Haben-Seite" als "Eigenleistung" zu buchen. Wenn aber was schief gelaufen ist, dann schiebe ich das gern auf andere - oder wenigstens auf die Umstände, die halt nicht günstig waren.
Wenn ich mich dabei wieder einmal ertappe, erzähle ich mir gern - und jetzt ja auch Ihnen - die Geschichte vom schwäbischen Weingärtner, korrekt: vom "Wengerter".
Sein Wein wird von einem Käufer als ausgezeichnetes Tröpfle sehr gelobt. Da antwortet der Wengerter stolz: "Ja, oigas G'wächs, selber g'macht!"
Im Folgejahr wird sein Wein vom gleichen Kunden als "rechter Säuerling" verspottet, da meint er: "Ja, was willsch macha, so hât en dr Herrgott wachsa lassa ...!"
Ja, so ähnlich mache ich das auch. Und ich stell' mir vor, Gott hört dem Wengerter - und mir - zu, wie ich meinen Misserfolg bei ihm ablade; ich höre IHN sagen: "Na du bist mir ein Schluri". Dann kann ich auch über mich selbst ein wenig spotten und die Bilanz rückt sich für mich wieder zurecht: Was ist gelungen, was ging daneben; viel Anerkennung habe ich bekommen, nicht immer "verdient", sondern sozusagen "auf Bewährung".
So "habe ich das Jahr abgeheftet" und auf den "Aktendeckel" geschrieben:
Ich danke Gott von ganzem Herzen für alle Bewahrung im Jahr 2007 und für die "Bewährung", die er mir immer wieder einräumt! Und ich hoffe für Sie und für mich, dass wir das auch am Ende von 2008 sagen können.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=2888
Haben sie Ihnen gut getan, diese vielen Feiertage?
Dieser Serie von Feiertagen an Weihnachten und Silvester ging ja jeweils noch das Wochenende voran.
Und einer meint: "Jetzt langt's aber auch mal wieder mit Fest - und Feiertagen! Wird Zeit, dass mal wieder was geschafft wird!"
Ich tu mich schwer, ihm ganz recht zu geben: Klar, ein Fest, Festzeiten überhaupt, sind ja auch grade deshalb was Besonderes, weil sie die Ausnahme im Alltag sind. Damit muss auch der Werktag das Normale sein. Also gut: Für diesmal ist dann eben lang genug gefeiert! Dann schaffen wir halt wieder was ...
Trotzdem, ich jedenfalls brauche diese Feiertage. Sie sind noch mal was ganz anderes als einfach 'bloß' Urlaub. Ich finde es so wichtig, dass wir gemeinsam Festtage feiern. Die übliche Geschäftigkeit ruht. Das Kaufen und Verkaufen, das Produzieren - alles ist unterbrochen. Wenigstens an diesen Feiertagen geht es nicht um Leistung und Produktivität, nicht um Effektivität und Profit.
Wir Menschen brauchen diesen geschützten Raum, es braucht die Ruhe der Feiertage, um wieder zu spüren, was mir die Familie, die Freunde "wert" sind. Wofür und wovon wir leben. Eben was wir einander wert sind. Das ist was anderes als das, was wir geleistet haben.
Die Jahreslosung für das grade begonnene Jahr passt mir da ganz gut: 'Jesus Christus spricht: "Ich lebe und ihr sollt auch leben"' (Joh 14, 19) Weil Gott es will, darum sollen wir leben. Ich muss keine Vorleistungen erbringen, keinen Leistungsnachweis vorweisen. Das gibt es umsonst, dass Gott zu mir sagt: Du bekommst das Leben geschenkt, weil du mein Kind bist.
Welch ein Gegensatz zum Alltag, in dem mir gebetsmühlenartig vorgerechnet wird, dass ich nichts geschenkt bekomme. Im Gegenteil: Was ich koste, wenn ich krank werde. Dass ich als Rentner bald nicht mehr bezahlbar bin, wenn man sich die Alterspyramide ansieht. Dass Deutschland in Europa die höchste Zahl an gesetzlichen Feiertagen habe, die Deutschen die meisten Urlaubstage hätten und dass wir alle noch mehr leistungsbereit werden müssten ...
Und Gott sagt da mal so eben zu uns: "Ich lebe und ihr sollt auch leben", das Leben ist geschenkt! Wenn das kein Grund zum Feiern ist. Und plötzlich wünsche ich mir noch mehr Feiertage, dass öfter im Jahr 'Weihnachten und Silvester und Ostern und Pfingsten' wird: Feiertage, an denen wir feiern, dass wir mit dem Leben Beschenkte sind, lange schon, bevor wir etwas dafür geleistet haben. Dann wüssten wir, was wir einander wert sind!
Gottes Menschlichkeit hat keinen festen Termin, ist nicht an gesetzliche Feiertage gebunden, aber: Wie gut, dass wir die Feiertage haben, um uns daran zu erinnern.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=2887
Muss es eigentlich so sein, dass man mit dem Älterwerden immer misstrauischer wird? Klar, man macht so seine Erfahrungen, wird so manches mal auch hereingelegt, vielleicht auch, weil man zu 'naiv' ist? Aber eigentlich hatte ich darauf gehofft, dass mir mit den Jahren 'Altersweisheit' geschenkt wird.
Volksweisheiten wie "traue keinem" helfen nicht weiter und verstärken das Misstrauen. Deshalb habe ich nach "Weisheit von oben" gesucht und bin auch gleich fündig geworden: "Die Weisheit von oben her ist zuerst lauter, dann friedfertig, gütig, lässt sich etwas sagen, ist reich an Barmherzigkeit und guten Früchten, unparteiisch, ohne Heuchelei."
Als junger Mensch bin ich auf andere zugegangen "lauter", kindlich, auch naiv und habe mir "blaue Flecken auf der Seele" geholt. Aber das meint diese Art Weisheit auch gar nicht. Wie kann einer gütig bleiben, lauter und friedfertig, wenn er doch immer wieder ausgenützt wird und betrogen?
Seit langem kenne ich einen heute sehr alten Mann, der nicht bitter oder misstrauisch geworden ist. "Der lebt seinen Glauben", finde ich. Wenn er Entscheidungen zu treffen hatte, tat er das in großem Gottvertrauen.
Einmal wurde er ziemlich übel hereingelegt. Da war er nicht gleich "friedfertig und gütig", sondern hat seinem Ärger und seiner Enttäuschung Luft gemacht. Damit aber ließ er es dann auch gut sein. Er ist an solchen Verletzungen nicht hängen geblieben. Er ging in seinem Gottvertrauen seinen Weg weiter und der üble Betrug blieb nicht an ihm haften.
Der ist nicht bitter geworden und nicht misstrauisch, der hat die "Weisheit von oben".
Das ist es, was ich von dem alten Mann noch lernen kann und will: Nicht hängen zu bleiben am Ärger und Schmerz über vergangene Verletzungen. Denn damit reiße ich mir immer neu die Haut auf.
Mit Gottvertrauen weiterziehen und die Verletzungen zurücklassen. Wie oft schon habe ich gedacht: "Da kommst du nicht drüber weg!" Und dann erfahren, dass Gott mich hindurch bringt.
Mit Misstrauen dagegen verhindere ich nicht, dass mich vielleicht wieder einmal jemand hereinlegt. Ich hindere mich nur am Gottvertrauen, das mich doch weiterbringt.
"Die Weisheit von oben her ist zuerst lauter, dann friedfertig, gütig, lässt sich etwas sagen, ist reich an Barmherzigkeit und guten Früchten, unparteiisch, ohne Heuchelei."
Mit Gottvertrauen weiterziehen - das mit der Altersweisheit könnte doch noch was werden. https://www.kirche-im-swr.de/?m=2062
Wie sehr wir doch auf der Suche sind nach etwas, von dem wir leben können. Ich meine so leben, dass es Freude macht und erfüllt ist ...
Wirklich glücklich leben, das ist weit mehr als Geld und Gut.
Und solch ein Leben hat nicht allzu viel damit zu tun, ob ich reich bin oder arm, ob ich mir alles leisten kann oder jeden Cent umdrehen muss. Wir sind, die meisten jedenfalls, frei von wirklicher äußerer Not, haben unser Auskommen, zu essen, ein Dach über dem Kopf, Kleidung ... Wirkliches Glück, erfülltes Leben ist davon nicht abhängig.
Eine Diakonisse im Ruhestand hat mir erzählt: "In unseren ersten Jahren als Gemeindeschwester haben wir ja nur ein bissschen Taschengeld gekriegt über unseren Lebensunterhalt hinaus. Aber wir waren versorgt und sind es bis heute im Alter.
Wir konnten aber nichts anhäufen, materiell meine ich. Also lebten wir vom Teilen. Wir teilten unsere Zeit mit den Kranken. Wir waren ja von der Sorge um unseren Lebensunterhalt befreit, also hatten wir unsere ganze Zeit zum Teilen. Wir sind als Diakonissen nicht an eine Familie gebunden, also konnten wir mit allen mitfühlen, die es brauchten.
Wir haben unser Können und Wissen in der Krankenpflege weitergeben können in den Gemeinden.
Und zu meinem 50jährigen Jubiläum hat die alte Oberin dann auch gesagt, ich hätte nicht vom Sparen gelebt, sondern vom Teilen. Vom Teilen der Gaben, die mir Gott gegeben hat.
Das stimmt: Meine Begabungen habe ich immer als etwas zum Weitergeben verstanden. So habe ich meinen Dienst getan, behütet und begabt durch Gott und es ist ein gutes und erfülltes Leben geworden ..."
"Wovon können wir leben?", habe ich gefragt und die alte Diakonisse hat mir gezeigt: Wir haben da einen Schatz an, der zum Teilen geradezu herausfordert: Wir haben so viele Gaben und Talente, jeder und jede! Und alles das sind Gaben, mit denen uns Gott begabt hat. Freilich, wir leben nicht als Diakonissen; aber wir können vielleicht dieses "behütet und begabt durch Gottes Hand" nachsprechen.
Dann kann ich diesen Schatz meiner Begabungen teilen, ohne dass er weniger wird! Wenn einer gewiss ist: für mich ist gesorgt, ich bin geliebt, dann hat er Herz und Hände frei für die Mitmenschen. Aller Kampf und aller Krampf um das Eigene hört auf.
Und ich spüre: Das macht Freude. Ich werde ja gar nicht ärmer, wenn ich vom Meinen abgebe, wenn ich mich für andere ausgebe! Wo man Liebe gibt, kommt Liebe und Leben zurück. Dafür und davon kann ich leben!!
https://www.kirche-im-swr.de/?m=2061

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