Manuskripte

11SEP2019
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Jetzt sind sie also vorbei, die Sommerferien. Viele freuen sich, dass es wieder losgeht, andere fangen weniger gern an. Und manchen ist eher bange vor all dem, was im neuen Schuljahr auf sie zukommen wird. Dazu gehört für viele auch, dass ihre Leistung regelmäßig gemessen und beurteilt wird, durch Klassenarbeiten, Tests, Klausuren, Hausarbeiten. Aber auch Lehrer und Lehrerinnen leiden darunter, dass sie Schüler möglichst objektiv nach ihrer Leistung einstufen müssen. Denn jeder Mensch ist so viel mehr, als das, was er leistet oder nicht leistet. Und jeder hat sein persönliches Maß, was er leisten kann. Und dieses Maß ist auch nicht immer gleich. Da ist die Tagesform und die Stimmung, die heute so ist und morgen ganz anders sein kann, gerade auch in der Pubertät, wo eh alles durcheinander purzelt. Da kann ein Krach mit der Freundin oder mit den Eltern einen ganz in Beschlag nehmen. Oder die Oma wird krank. Oder ein Geschwisterkind braucht die ganze Fürsorge der Eltern und der Bruder oder die Schwester kommt darüber zu kurz. Es sind viele Bedingungen, die da zusammenkommen. Und am Ende steht dann eine Note, der man all das nicht mehr ansehen wird.

Bei einer amerikanischen Schriftstellerin habe ich ein paar Gedanken gefunden, die mir schon oft geholfen haben. Ich möchte sie heute Morgen weitergeben, gerade auch allen, die heute eher mit Bangen anfangen.

Wir müssen nie etwas besser machen, als wir dazu imstande sind. Wir tun für den gegebenen Augenblick unser Bestes, dann lassen wir los. Wenn wir etwas wiederholen müssen, geben wir wieder unser Bestes. Wir können nie mehr tun oder etwas besser machen, als wir jetzt dazu in der Lage sind. Wir strafen uns selbst und machen uns krank, wenn wir mehr erwarten als unser Bestes für den jeweiligen Augenblick. Sich um gute Leistungen zu bemühen, ist eine positive Eigenschaft. Sich um Perfektion zu bemühen, ist selbstzerstörerisch... Es gibt Tage, an denen unser Bestes weniger ist, als wir erhofften. Dann beginnen wir morgen von neuem... Manchmal ist Kritik angebracht; wenn sie aber alles ist, was wir uns zu geben haben, dann geben wir uns auf. Heute also will ich mein Bestes tun, dann lasse ich los...

Diese Sätze sind kein Gebet im strengen Sinn. Aber sie helfen mir, barmherzig zu sein und barmherzig zu schauen, mit den Augen Gottes, auf mich selbst - und auf alle, die heute in ein neues Schuljahr starten.

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Zitat: nach Melody Beattie, Unser Bestes akzeptieren, aus: Kraft zum Loslassen. Tägliche Meditationen für die innere Heilung, 30 August

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10SEP2019
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Ich sitze im Zug und warte darauf, dass er abfährt. Ein regnerischer Tag, die Fenster sind beschlagen. Trotzdem sehe ich im Anfahren gerade noch, dass an der Ecke des Bahnhofsgebäudes ein Sprayer am Werk war. In großen Buchstaben steht da schwarz auf schmutziggelb: "Alles so schön hier". Wie? Das kann doch nicht sein, nicht hier, nicht an diesem heruntergekommenen Bahnhof, der seit Jahren geschlossen ist und seither einer neuen Nutzung entgegen rottet. 

Klar, es istSachbeschädigung, Häuser zu besprühen, die einem nicht gehören. Aber diese verwahrloste Fassade kann eigentlich nichts mehr entstellen, und immerhin ist es eine Botschaft, die zweimal hinsehen lässt. Dochwarum gerade diese? Findet der Sprayer wirklich, was er schreibt? Oder meint er es ironisch und will eigentlich sagen, wie hässlich dieses Ambiente doch ist? 

"Alles so schön hier", und das in einer so tristen Umgebung. Dieser Widerspruch hat mich zunächst mal draus gebracht, aus meiner eigenen Wahrnehmung, aus der ganz selbstverständlichen Spur, dieses marode Gebäude  hässlich zu finden. Und es hat mich zugleich erheitert, eine eigenartige Leichtigkeit in diesen grauen, drögen Morgen gebracht. 

Vor allem aber hab ich angefangen, nach Schönem zu suchen und damit zu rechnen, dass ich Schönes finde. "Alles so schön hier", denke ich inzwischen oft, gerade, wenn etwas  mal so gar nicht schön ist, eine Umgebung, oder auch eine Situation, in der ich stecke. Es ist für mich wie ein modernes Psalmwort. Auch die Psalmen der Bibel beschreiben oft einen Kontrast zwischen dem, was gerade sichtbar ist und dem, was darunter liegt, die Grundierung sozusagen. Und diese Grundierung der Welt ist die Schönheit, die Gott in seine Schöpfung hineingelegt hat. Und die blitzt immer wieder durch, oft ganz unvermutet.  Und manchmal bleibt sie auch unentdeckt. 

"Alles so schön hier". Das Graffito vom Bahnhof hat sich mir eingeprägt und streift meine Gedanken immer wieder. Und  manchmal denke ich dann noch weiter und sage: "Danke, Gott. Danke, dass du mir immer wieder zeigst, wie schön deine Welt ist, in und unter all dem, was nicht schön ist und auch nicht gut."  

'Danke' hab ich auch gesagt, als ich vor Tagen beim Warten auf den Zug zwischen den Gleisen noch eine späte Mohnblüte entdeckt habe, die da still vor sich hin blüht, einfach so - und einfach so schön.

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09SEP2019
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Wenn die Urlaubszeit zu Ende geht, erinnere ich mich jedes Jahr an ein Erlebnis der besonderen Art. Es liegt schon lange zurück, aber es hat sich in mein Gedächtnis eingeprägt wie Weniges sonst. Bei der Rückfahrt aus einem schönen Urlaub am Atlantik wurde uns mal das Auto geklaut. Nach einer längeren Mittagspause war es wie vom Erdboden verschwunden, unauffindbar, einfach weg. Zum Glück hatten wir wenigstens Ausweise und Geldbeutel bei uns. Nach der Prozedur bei der Polizei war's schon spät, und wir fanden ein kleines Hotel zum Übernachten. Die mitfühlende Wirtin half aus, so gut sie konnte, mit einer Probetube Zahnpasta und einer Zahnbürste für drei. Immerhin, besser als keine. Am nächsten Tag die Fahrt nach Hause, im leeren Leihwagen, ganz ohne Gepäck.

Mir war völlig klar, welche Unannehmlichkeiten auf mich zukommen würden. All die Formalitäten gleich nochmals mit der deutschen Polizei, dann mit der Versicherung, der ganze Papierkrieg. Die vielen kleinen Alltagsdinge, die ich neu besorgen musste, Nagelschere, Sportschuhe, Unterwäsche und tausend Kleinigkeiten. Ganz zu schweigen von einem neuen Auto. Das würde viel Zeit brauchen, und richtig viel Geld. Das alles stand mir klar vor Augen. Und trotzdem: Ich war in einer Stimmung, die ich so überhaupt nicht kannte und die ich mir selbst nicht erklären konnte. Ich war ganz seltsam ruhig. In mir war eine Ruhe, die sich so leicht angefühlt hat, ja geradezu heiter. Eine Art von Frieden ohne Sorge um Künftiges, ohne Ansprüche, ohne Bedürfnisse. Leben habe ich da gespürt, einfach nur Leben.

'Leben in Fülle', denke ich heute, wenn ich mich an diese kurze, einzigartige Zeit erinnere. 'Leben in Fülle', so hat Jesus das Leben genannt, das gut ist und ganz, dem nichts fehlt, weil Gott alles gibt, was seine Geschöpfe brauchen – was sie jetzt gerade brauchen. ‚Wunschlos glücklich’, sagt man gern, wenn man es weniger fromm ausdrücken will.

Die vielen Dinge des täglichen Gebrauchs habe ich natürlich wieder nachgekauft, und längst erinnert nichts mehr an den Autoklau. Aber dieses Gefühl, diesen Geschmack von Leben kann ich in meiner Erinnerung immer noch abrufen. Und ich wünsche mir, dass ich in der 'Fülle der Dinge', die ich habe und gebrauche, niemals ganz vergesse, wie die 'Fülle des Lebens' geschmeckt hat.

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„Mit dem Glauben hab ich so meine Probleme.“ Das höre ich immer wieder. Zum Beispiel, wenn ich jemand kennenlerne und erzähle, dass ich einen seelsorgerlichen Beruf habe. So war es auch bei Tanja. Auf einer Feier von gemeinsamen Freunden sind wir uns – mehr oder weniger zufällig – begegnet. Beim Spaziergang nach dem Essen kamen wir erstaunlich schnell tiefer ins Gespräch. Sie erzählte mir, wie ernsthaft sie als Kind geglaubt hat, und auch später hat sie sich noch um ihren Glauben bemüht. Es ist ihr aber zunehmend schwergefallen, das Glaubensbekenntnis der Christen nachzuvollziehen. Eine Verbindung zu Gott, ja, die habe sie schon noch, aber da stehe so einiges dazwischen, vor allem eben manche Glaubenssätze, die sie nicht teilen kann. Für Tanja ist es gar nicht so sehr die Kirche mit all ihren Fehlern und Verfehlungen, ihrem Glauben steht vor allem die christliche Lehre, das Bekenntnis im Weg.

Ich war beeindruckt, wie viel mir diese Frau erzählt hat, die mich ja gar nicht gekannt hatte. Und auch ich hab ihr erzählt, wie sich das bei mir entwickelt hat mit dem Glauben, in welche Umbrüche und Krisen mich mein Theologiestudium geführt hat und natürlich auch manches andere, was mein Leben so mit sich gebracht hat. Und dann habe ich ihr auch erzählt, was mir heute wichtig ist. Dass ich gar nicht mehr den Anspruch habe, alle Sätze des Glaubensbekenntnisses mit gleicher Überzeugung zu sprechen. Ich glaube nämlich inzwischen, dass das niemand kann.

Für meinen Glauben gibt es drei Kernsätze. Der erste: Alles, was ist, kommt aus Gottes Hand und kann niemals herausfallen. Der zweite heißt: In Jesus von Nazaret schaue ich Gott gleichsam ins Gesicht. Und der dritte: Gott wirkt in der Welt als eine gute Kraft, die durch keine Macht auszulöschen ist. Man kann das alles auch ganz anders ausdrücken. So klingt es in meinen Worten.

Tanja hat mir dann gesagt, was bei ihr vom Glauben geblieben ist, durch alle Zweifel hindurch. Sie hält sich eher ans Praktische. Im Weltladen arbeitet sie mit und bei einer Bürgerinitiative, die sozial benachteiligte Kinder unterstützt.
„Mit dem Glauben hab ich so meine Probleme“, hatte Tanja am Anfang des Gesprächs gesagt. Am Ende hat sie erstaunt festgestellt, dass ihr Leben immer noch vom christlichen Glauben geprägt ist. Auch wenn sie nicht immer daran denkt.

 

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Beim Erben, sagt man, hört der Spaß auf. Ein Anwalt, der oft damit zu tun hat, hat mir erzählt, dass er immer wieder überrascht sei, worum es bei Erbstreitigkeiten oft geht. „Manchmal sehe ich Menschen vor mir sitzen, die wieder zu Kindern werden“, sagte er, „zu Kindern, die miteinander um die Liebe der Mutter oder die Anerkennung des Vaters rivalisieren, ein letztes Mal.“ Nur so lässt sich vielleicht erklären, warum erwachsene Menschen erbittert um ein paar angeschlagene Kaffeetassen streiten können, oder um eine alte Baumsäge. Es scheint eine schwierige Sache zu sein, das Erben.

Ich glaube, das lässt sich auch auf die Religionen übertragen. Das Judentum, das Christentum und der Islam, diese Religionen sind gleichsam wie drei Geschwister, die gemeinsam ein großes Erbe bekommen haben. Und jedes beansprucht für sich, der rechtmäßige Haupterbe zu sein, das Lieblingskind, dem der Vater seinen Nachlass anvertrauen wollte.

Ein Dichter hat dieses gemeinsame göttliche Erbe einmal mit einem kostbaren Ring verglichen, den der Vater seinen drei Kindern hinterließ. Der Ring hatte eine besondere Kraft: Wer ihn trägt, wird ein gerechter, mitfühlender Mensch, der von allen geschätzt und geachtet wird. Der Vater hatte aber nur einen solchen Ring und doch waren ihm alle seine Kinder gleich lieb. Deshalb ließ er zwei Kopien anfertigen, so konnte er jedem Kind einen Ring vererben. Die Kopien waren so gut, dass man äußerlich gar nicht mehr unterscheiden konnte, welcher der drei Ringe denn nun der ursprüngliche war. Die Echtheit sollte sich anders beweisen: nicht durch den Ring selbst, sondern durch den, der ihn trägt. Der Träger muss durch sein Leben unter Beweis stellen, dass er den echten Ring am Finger hat.

Der Dichter, der das erzählt hat, ist Gotthold Ephraim Lessing. Heute jährt sich sein Todestag. Schade nur, dass in den Jahrhunderten seit seinem Tod noch nie jemand gesagt hat: Das ist doch genial, das versuchen wir jetzt mal, wir Juden, wir Christen, wir Muslime. Lasst uns doch freundlich und friedlich darum wetteifern, wer die menschlichste Religion hat, die am meisten Liebe, Verständnis, Hilfsbereitschaft und Frieden in die Welt bringt.
Vielleicht sollten wir das ausprobieren, wir Kinder und Erben des einen Vaters.

 

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Mit Sprache kann man Stimmung machen. Je nachdem, welchen Begriff ich für eine Sache gebrauche, stelle ich sie gut oder schlecht dar. Mir fällt auf, dass immer wieder neue Begriffe in Umlauf gebracht werden, um etwas, das eigentlich gut ist, schlechtzureden. Die ersten, bei denen ich das bemerkt habe, waren die ‚Gutmenschen‘. Auf einmal wurden Menschen, die versucht haben, anderen zu helfen, als naive Idealisten belächelt, die keine Ahnung von der Welt haben. Zum Glück haben viele sich davon gar nicht irritieren lassen und dadurch gezeigt, dass es ihnen um die Sache ging und nicht darum, selbst gut dazustehen.

Ähnlich schlecht wie den ‚Gutmenschen‘ ging es auch der ‚Nächstenliebe‘. Auf einmal wurde von ‚Übernächstenliebe‘ gesprochen und geschrieben. Die Botschaft sollte wohl heißen: Bei uns gibt’s doch schon genug Arme, um die sich die Christen kümmern können. Ja, bei uns gibt es viele Menschen, die Hilfe brauchen. Und es wird auch geholfen, in der Nachbarschaftshilfe, bei Hausaufgaben, im Tafelladen, in der Pflege, in Wärmestuben für Obdachlose. Tag für Tag, ohne dass man‘s immer merkt.

Aber in dem Wort von der ‚Übernächstenliebe‘ liegt noch eine andere Aussage, und die ist erst recht abschätzig gemeint. Es ist der unausgesprochene Nachsatz: Was gehen uns die Leute aus anderen Ländern an? Ja, sie gehen uns an, auch sie. Die, die in fernen Ländern leben und dort bleiben, und die, die ihr Elend hierher treibt, weil sie hier auf bessere Chancen hoffen. Sie gehen uns an. Nicht nur, weil in einer globalisierten Welt alles mit allem zusammen hängt. Zum Beispiel unsere Wirtschaftskraft mit der Armut in anderen Ländern. Sie gehen uns an. Alle, die Hilfe brauchen, haben den Anspruch, dass ich in ihnen meine Nächsten sehe. Auch wenn ich nicht allen helfen kann. 

Nächstenliebe  ist so etwas wie das christliche Markenzeichen in der Welt, denn sie ist das Vermächtnis, das Jesus uns hinterlassen hat. Deshalb ist sie zu kostbar, um sie für Flügelkämpfe zu instrumentalisieren. Aber wenn die Wörter schon mal in der Welt sind: Meinetwegen kann man‘s auch Übernächstenliebe nennen – solange die nicht gegen die vermeintlich nähere Nächstenliebe ausgespielt wird. Ich reg mich ja auch nicht mehr auf, wenn mich jemand als Gutmenschen bezeichnet. Besser Gutmensch als Schlechtmensch.

 

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Der alte Indianer, so erzählt eine Geschichte, saß mit seinem Enkel am Lagerfeuer. Die Bäume standen wie dunkle Schatten, das Feuer knackte und die Flammen züngelten in den Himmel. Lange schwiegen sie, dann sagte der Alte: “Manchmal fühle ich mich, als würden zwei Wölfe in meinem Herzen miteinander kämpfen. Einer der beiden ist rachsüchtig, aggressiv und grausam. Der andere dagegen ist liebevoll, sanft und mitfühlend.” „Und welcher der beiden Wölfe wird den Kampf um dein Herz gewinnen?” fragte der Junge.“ „Der, den ich füttere”, antwortete der Alte.

Auf diese Geschichte stieß ich genau zur richtigen Zeit. Es gab eine unschöne Situation, bei der ich mich sehr geärgert hatte, über Strukturen, die ich nicht ändern konnte, über Personen, die ich als arrogant und unzuverlässig empfunden hatte, und über mich selbst, weil ich auch nicht souverän damit umgehen konnte. Noch einige Zeit später war da in mir so ein Bodensatz an Groll, der immer wieder aufgerührt wurde, wenn ich daran zurückdachte.

Dann habe ich diese Geschichte von den beiden Wölfen gehört – und fing also an, genauer hinzuschauen, wie’s den beiden bei mir denn so geht. Dabei fiel mir auf: Der Wolf, der nachtragend und aggressiv ist, stand ganz gut im Futter – klar, den hatte ich ja auch eine ganze Weile gemästet. Mit meinem Ärger, meiner verletzten Eitelkeit, meinem Groll. Und der andere, der liebevolle, sanfte und mitfühlende, der ist darüber zu kurz gekommen, geradezu ausgehungert hatte ich ihn. Jetzt sollte er mal eine Extraportion ‚Futter‘ bekommen. Ich habe mir die Personen, mit denen ich nicht klar gekommen war, vorgestellt und versucht, mich in sie hineinzuversetzen. Und tatsächlich: Sie waren ganz ähnlich wie ich, auch sie wollten ihre Sache gut machen, auch sie mussten sich an ihre Vorgaben halten, auch sie hatten ihre persönlichen Grenzen und Eitelkeiten. Genau wie ich. Als ich das erkannt habe, konnte ich freundlicher auf die Sache schauen, und mein Ärger wurde weniger, am Ende war er ganz verflogen. Ich hatte den richtigen Wolf gefüttert.

Die beiden ‚Wölfe‘, sie sind ein Bild für ganz unterschiedliche innere Kräfte und Gefühle, die mich gerade leiten. Es hilft mir, mich selbst zu verstehen. Und es hilft mir, verständnisvoller und barmherziger zu schauen, auf andere, und auf mich.

 

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Ich höre gern zu. Zum Beispiel, wenn Menschen, die viel älter sind als ich, von sich erzählen. Und besonders aufmerksam werde ich, wenn es Menschen sind, die ihr Leben unauffällig gelebt haben, ihr persönliches, einmaliges Leben, das glücklich war und mühsam, reich und karg, schön und schwer.

Eine von diesen Stillen, Unauffälligen ist Waltraud. Als ich sie zum ersten Mal gesehen habe, stand sie in der Küche eines Vereinsheims und hat Berge von schmutzigen Tellern und Gläsern gespült. Ich fand die scheue, zierliche Frau gleich sympathisch, aber es war nicht leicht, mit ihr Kontakt zu bekommen. Erst nach und nach hat sie erzählt, auch, wie das war in ihrem Leben. Wie sie erst auf dem Hof ihrer Eltern gearbeitet hat, dann die Eltern und eine Tante gepflegt, und als sie gestorben waren, fing sie an, in einer Näherei zu arbeiten. Spät hat sie einen Mann kennengelernt. Der war verwitwet und brauchte eine Frau, die ihn und seine halbwüchsigen Söhne versorgte. Nach der Heirat hat sie bemerkt, dass der Mann gewalttätig war und dazu ein Trinker. Waltraud hielt aus, auch für die Kinder. Er wurde bald krank, und sie hat ihn gepflegt, bis er schließlich starb. Als sie selbst alt geworden war, war sie auch noch arm, denn für das Meiste, was sie in ihrem Leben geleistet hat, wird keine Rente bezahlt. Sie hat’s genommen, wie sie alles genommen hat in ihrem Leben. Ohne Aufbegehren, ohne Empörung, auch ohne viele Worte. „Der Herrgott hat immer geholfen“, das war das Einzige, was sie dazu sagen konnte.

Heute beurteilt man Vieles anders, würde Waltraud ermutigen, dass sie sich behauptet und aufbegehrt. Dass sie nicht alles gottergeben hinnimmt, was ihr das Leben schwer macht. Aber es war ihre Art. Und auch wenn es nicht meine Art wäre, ich habe großen Respekt vor ihr und ihrem Leben, das sie so unauffällig und doch so tapfer gemeistert hat.

Eine französische Schriftstellerin schreibt in einem geistlichen Tagebuch: „…wir haben vergessen, dass es Äste gibt, die im Feuer verbrennen, und dass es Bretter gibt, die unter unseren Tritten langsam abgetreten werden. Wir haben vergessen, dass es nicht nur Fäden gibt, die man mit der Schere durchschneidet, sondern auch Fäden in einem Kleidungsstück, die täglich dünner werden am Körper dessen, der es trägt.“[1]


 

[1]Früchte bringen in Geduld, in: Madeleine Delbrêl, Der kleine Mönch. Ein geistliches Notizbüchlein

 

 

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„Wissen Sie eigentlich, was Ihr Geld auf der Bank so treibt?“ Diese Frage habe ich vor vielen Jahren mal gehört, zur selben Zeit, hier auf diesem Sendeplatz. Es ist schon ganz lange her, dass ein Kollege mit dieser verblüffenden Frage seinen Beitrag eröffnet hat. Damals hatte ich noch kein Geld übrig, das ich auf eine Bank hätte bringen können. Aber die Frage hat bei mir gezündet, und ich habe sie seither nie vergessen.

Auch nicht, als ich später dann tatsächlich die Möglichkeit hatte, etwas Geld zurückzulegen. Welche Anlageform sollte ich wählen? Was erwarte ich von meinem Geld? Soll es hohe Renditen erwirtschaften? Soll es besonders sicher sein? Und was soll die Bank oder die Gesellschaft, der ich es anvertraue, damit finanzieren? Und vor allem: was soll eben nicht mit meinem Geld finanziert werden, etwa die Rüstungsindustrie oder Koltanminen, die arme Länder ausbeuten und verwüsten?

Weil das alles gar nicht so leicht zu durchschauen ist, habe ich mal bei verschiedenen Banken nachgefragt. Ganz naiv bin ich mit einer Checkliste losgezogen. Dabei habe ich bald bemerkt, dass manche Banken gar kein Interesse hatten, mit mir ins Geschäft zu kommen, wenn ich schon anfange, solche Fragen zu stellen. Vielleicht waren ihnen die Anlagebeträge zu popelig oder sie wollten nicht wirklich Auskunft geben, was mein Geld bei ihnen denn so ‚treiben‘ würde.

Vielleicht ist das grenzenlos naiv. Aber nach einigem Suchen habe ich tatsächlich Spar- und Anlagemöglichkeiten gefunden, die meinen Vorstellungen und Werten entsprechen, na ja, sagen wir: die ihnen nicht krass widersprechen. Denn Geld anzusammeln, während anderswo Menschen nicht das Allernötigste haben, das macht mir immer wieder ein ungutes Gefühl. Weil ich mein Christsein ernst nehmen will. Natürlich sage ich mir auch, dass ich vorsorgen muss, sonst liege ich am Ende selbst anderen oder dem Sozialstaat auf der Tasche. Aber wie viel ist sinnvolle Vorsorge? Und wo beginnt die Freude am Haben sich zu verselbständigen und schließlich zur Gier zu werden?

Ich werde mit diesen Fragen nicht fertig. Sie treiben mich einfach um. Und ich finde es wichtig, dass sie mich umtreiben. Deshalb will ich wenigstens wissen, was mein Geld auf der Bank so treibt. Und selbst entscheiden, was es treiben darf und was nicht.

 

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„Es hat einfach nicht sein sollen.“ Dabei hatte ich mir solche Mühe gegeben, das Projekt, das mir übertragen wurde, gut zu machen. Ich war motiviert, weil ich gesehen hatte, dass es wichtig und sinnvoll war. Und ich wusste, dass ich das auch konnte. Aber es kam anders. Kurz vor dem Abschluss stürzte das Programm ab, so gründlich, dass ein großer Teil der Arbeit nicht mehr zu rekonstruieren war. Der Termin, auf den hin das Ganze zulief, war nicht mehr zu halten, und jede weitere Arbeit wäre sinnlos gewesen. Trotz aller Anstrengung, der Plan ist gescheitert.

Vergeblich. Eine bittere Erfahrung, die niemandem erspart bleibt. Dabei ist ein Flop im Beruf ja noch lange nicht das Schlimmste. Viel schlimmer ist es, wenn man sagen muss: Wir haben alles versucht, aber die Krankheit war nicht zu heilen. Oder: Ich habe so sehr um diese Beziehung gekämpft, und doch gab es keine gemeinsame Zukunft.

„Wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen…“ (Lukas 5,5) Diesen Satz kann man heute in den katholischen Gottesdiensten hören. Es sind ein paar Fischer aus dem Freundeskreis um Jesus, die sind nach einer langen Nacht auf dem See mit leeren Netzen zurückgekommen. Jetzt bereiten sie alles wieder vor, denn am Abend geht es ja wieder hinaus, Enttäuschung hin oder her. Da kommt Jesus und sagt ihnen, sie sollen nicht warten, sondern jetzt gleich, am helllichten Tag, nochmals rausfahren. Und tatsächlich: es wird der Fang ihres Lebens. Eine Wundergeschichte. Und wie alle Wundergeschichten völlig unwahrscheinlich, viele sagen: unmöglich.

Das eigentliche Wunder ist für mich nicht der Fang an sich, der so groß ist, dass die Netze reißen. Das größte Wunder der Fischfanggeschichte liegt für mich in diesem Vertrauen, dass mit Jesus alles möglich wird. In diesem Mut, seinem Wort zu folgen, ohne Angst, sich vor den Fischerkollegen zu blamieren. In dieser Erwartung, die sich auch von enttäuschenden Erfahrungen nicht kleinkriegen lässt. Das heißt nicht, dass immer alles genauso läuft, wie ich’s erwarte, weiß Gott nicht. Aber mit dieser Haltung kann ich dann notfalls auch gelassener sagen: „Es hat nicht sein sollen“. Denn vielleicht soll es ja beim nächsten Mal sein.

 

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