Manuskripte

23MAI2020
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Wenn in diesem Jahr nicht alles anders wäre, dann hätten genau vor einer Woche die Oberammergauer Passionsspiele begonnen. Sie mussten wie so Vieles verschoben werden. Seit 1634 stellen die Dorfbewohner alle zehn Jahre die letzten fünf Tage im Leben Jesu nach. Zum Dank dafür, dass das Dorf bei einer schweren Epidemie nicht ganz ausgelöscht worden war. Es war nicht Corona, damals, es war die Pest, die Angst und Schrecken verbreitete und Vielen den Tod brachte.

In unserer Tradition ist es nicht üblich, den Glauben auf der Theaterbühne darzustellen. Und wenn, dann nur in den Krippenspielen der Kinder. In Oberammergau, da ist das anders. Da gehört es dazu, dass das ganze Dorf auf den Beinen und auf der Bühne ist. Über 2000 Menschen wirken da mit. Denn alle, die Einheimische sind oder schon lange dort leben, haben das Recht, mitzuspielen. Eine Rolle zu übernehmen im Leben Jesu.

Auch vor 2000 Jahren, als die reale Passion Jesu ihren Lauf genommen hat, waren viele Menschen beteiligt. Haben eine ‚Rolle gespielt‘, im doppelten Sinn. Es waren Menschen wie ich und vielleicht auch wie Sie, die damals beteiligt waren, als es für Jesus um Leben und Tod ging. Die ‚mitgespielt‘ haben, aktiv in tragenden Rollen oder eher am Rand und gleichgültig.

Und solche Menschen werden es auch heute sein, die in Oberammergau dabei sind. Sie spielen oft ein ganzes Leben lang mit, alle zehn Jahre. Allerdings: in immer wieder anderen Rollen. Der Jesus-Darsteller von gestern kann diesmal der sein, der ihn im Stich lassen wird oder gar zum Tod verurteilen. Die unbedeutende Magd am Feuer kann irgendwann die mitfühlende Veronika verkörpern, die Jesus ein Taschentuch reicht. Oder Maria von Magdala, die als erste erfahren hat, dass Jesus auferweckt wurde.

Mich fasziniert, dass die Rollen in diesem Stück immer wieder neu und anders besetzt werden. Auch bei mir wechselt das immer wieder. Manchmal fühle ich mich Jesus und seiner Botschaft ganz nah und stark genug, mit ihm durch alles hindurchzugehen. Und dann wieder bin ich voller Zweifel und halte mich am Rand auf, bei den Zuschauern, die erst mal sehen wollen, wie die Sache ausgeht.

Wenn ich bei den nächsten Aufführungen mitwirken würde, welche Rolle wäre dann wohl die meine?

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22MAI2020
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Gekränkter Stolz. Kaum ein anderes Gefühl kann so sehr an meinem Selbstbewusstsein nagen. Da hab ich doch so viel geleistet und bin so tüchtig und wichtig, und dann werde ich einfach übergangen. 

Kränkungen solcher Art gibt es nicht nur im persönlichen Bereich. Auch das stolze Selbstbild der Menschheit kann tiefe Kränkungen erfahren. Darauf hat vor über hundert Jahren Sigmund Freud hingewiesen. Er hat in der Geschichte drei große Kränkungen ausgemacht, die alle mit umstürzenden wissenschaftlichen Erkenntnissen verbunden sind. 

Die erste große Kränkung der Menschen in ihrem Selbstbild ist danach die Entdeckung von Nikolaus Kopernikus im 16. Jahrhundert. Er hat erkannt, dass die Sonne der Mittelpunkt des Universums ist, und nicht die Erde und nicht der Mensch auf ihr. 

Die zweite Kränkungist für Freud mit dem Namen Charles Darwin verbunden. Die biologische Verwandtschaft mit den Tieren, insbesondere den Affen, erschien den Menschen damals als größte Demütigung. 

Die dritte große Kränkung unseres Stolzes sah Freud in seinen eigenen Erkenntnissen.  Bei seiner Arbeit als Psychiater fiel ihm auf, wie stark unser Gefühlsleben, aber auch unser Denken von der Kraft des Unbewussten bestimmt wird. Wir sind gleichsam nicht ‚Herr im eigenen Haus‘. Noch eine ungeheure Kränkung, geradezu eine Majestätsbeleidigung für aufgeklärte Menschen. 

Vielleicht ist ja auch das, was wir derzeit erleben, eine solche Kränkung. Eine vierte. Wir verfügen über atemberaubende Technologien, haben die ganze Welt zu einem vernetzten Dorf gemacht und entwerfen Maschinen, die an unserer Stelle denken und entscheiden können. Und dann – kommt da so ein Virus und legt die ganze Welt lahm. Verunsichert unstief.Zeigt uns, dass wir keine Götter sind und auch keine werden. Sondern Teil der Schöpfung bleiben. Ihren Gesetzen unterworfen, von denen wir geglaubt hatten, wir hätten sie quasi selbst in die Hand genommen. 

Die historischen ‚Kränkungen‘, die Sigmund Freud beschrieben hat, haben uns zurechtgestutzt in unserem Größenwahn und in unseren Allmachtsphantasien. Auch die Kränkung mit Namen Corona wird uns verändern. Wie, das weiß noch niemand. Aber ich habe die Hoffnung, dass uns das nicht nur schmerzen wird. Sondern, bei allem Schmerz, auch zeigen, was wirklich wichtig ist.

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21MAI2020
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Was man nicht mehr hat oder nicht mehr darf, das wird gerade dadurch besonders kostbar. Das wussten wir schon immer. Aber so richtig bewusst ist es uns erst in den vergangenen Wochen geworden. Besonders, wie wichtig körperliche Nähe ist. Klar, wir hatten schon Kontakt, manche sogar viel Kontakt. Und doch: Es hat etwas gefehlt, das durch noch so viel Telefonieren und Skypen nicht wirklich auszugleichen ist. 

Das spürt man erst recht, wenn man einen geliebten Menschen durch den Tod verloren hat. So ging es auch den Freunden Jesu vor zweitausend Jahren. Die brutale Hinrichtung am Karfreitag hat alles zerstört, was sie gehofft und geglaubt hatten. Aber dann spricht sich unter seinen Freunden herum, er sei gar nicht tot, er lebe, und er zeige sich immer wieder, hier und da, ganz unvermutet, und immer merke man erst hinterher, dass er es war, er selbst, der Tote, der Lebende. Nicht zu greifen sei er. Nicht festzuhalten. Nicht anzufassen. Nicht zu fassen er selbst, nicht zu fassen, was man sich erzählt.

Vierzig Tage sei das so gegangen, erzählt der Evangelist Lukas. Und dann, bei der letzten Begegnung, da sei er vor ihren Augen ‚in den Himmel erhoben‘ worden. 

Wie die Geschichte des Jesus von Nazareth weiterwirken würde, das kann damals niemand ahnen. Das Einzige, was seinen Freunden bleibt, ist sein Abschiedswort: Ich gehe, und doch bleibe ich bei euch – für immer.Sie brauchen eine Weile, bis ihnen klar wird: So wird er ihnen jetzt nicht mehr begegnen, nicht mehr wie ein leibhaftiger Mensch, den man sehen und hören kann, den man umarmen will und festhalten. Aber anders wird er da sein. Wenn wir uns an ihn erinnern, sagen und tun, was wir von ihm gelernt haben, dann wird es sein, wie wennwir ihn hören, sehen, umarmen würden. 

Und das spüren Christen und Christinnen bis heute. Nein, nicht immer, und auch nicht immer so, dass es sich warm und heimelig anfühlt. Jesus an meiner Seite, das ist zugleich auch herausfordernd. Bin ich denn wirklich bereit, nach seinem Maßstab zu leben? Ich bin es nicht immer. Aber immer, wenn ich mich an ihn erinnere, schaut er mir gleichsam über die Schulter, sieht mich an, ermutigt mich, nimmt mich mit. Ganz ohne Skype, ohne Zoom, noch nicht mal mit Telefon. Unfassbar.

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20MAI2020
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Wonnemonat – so hat man früher etwas blumig den Mai genannt. Die kalte und dunkle Jahreszeit ist endgültig vorbei, alles treibt, wächst, blüht. Der Hormonspiegel hebt sich und mit ihm die Laune. So erleben es viele. 

Aber nicht alle. Längst nicht alle. Denn traurig oder beschwert kann man zu allen Jahreszeiten sein. Anlässe dazu gibt‘s ja immer. Und außer der kollektiven Krise, die wir gerade erleben, gibt es ja auch persönliche Krisen, die keine Rücksicht auf Jahreszeiten nehmen. Aus der Begleitung von trauernden Menschen weiß ich, dass viele gerade den Frühling als sehr zwiespältig erleben. Die Natur blüht nur für sich selbst, völlig unbeeindruckt von persönlichem Schmerz. Dazu kommt, dass das Frühjahr als die schönste Jahreszeit gilt, die gewissermaßen von selbst Laune macht und Lebensfreude weckt. Menschen, die trauern oder niedergeschlagen sind, fühlen sich dadurch auch noch unter Druck gesetzt. Und werden in ihrer Trauer noch einsamer. 

Aber sind denn alle anderen gut drauf? Nein, weiß Gott nicht. Der Mann, dessen Ehe gerade geschieden wurde, sieht nur Pärchen durch den Park gehen. Und die Frau, die sich schon so lange ein Kind gewünscht hat, sieht nur schwangere Frauen und süße Babys. Es gibt viel Trauer, die Menschen in sich tragen. Und der Mai, der scheint nicht nur die Freude zu verstärken, sondern auch die Trauer. 

Überhaupt fühlt sich jetzt Vieles viel intensiver an. Auch unsere Sehnsucht. Nach Menschen, die wir vermissen. Nach einem Leben, das wieder unbeschwerter ist. Das satt ist und prall und wirklich lebendig, und das zu dem passt, was die Natur uns gerade vor Augen führt. 

Wenn ich aber bei meiner Sehnsucht bin, dann bin ich auch bei meiner Hoffnung. Als Christin glaube ich, dass meine Sehnsucht kein blindes Gleis ist. Sie verheißt mir, dass da mehrist, als ich jetzt gerade spüre und sehe. Dass ich gehalten bin von einer großen, liebenden Hand, so stelle ich mir Gott am liebsten vor. Darin hat alles Platz, was ich mit meinenHänden nicht halten kann. Nicht festhalten und nicht aufhalten. Alles Schöne und alles Zwiespältige, alle Menschen, die den Frühling genießen und die anderen, die er eher traurig macht. Jetzt, im ‚Wonnemonat‘ Mai. Und ebenso in jeder anderen Zeit.

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19MAI2020
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Ein paar Stunden lang war er wohl der einsamste Mensch unseres Sonnensystems. Michael Collins, einer der drei Astronauten, die unterwegs waren zur ersten Mondlandung in der Geschichte der Menschheit. Seine Kollegen Armstrong und Aldrin haben die Oberfläche des Mondes schon betreten, hundert Kilometer über ihnen umkreist Collins den Erdtrabanten in der Kommandokapsel. Bei jeder Umrundung verschwindet Collins für einige Zeit hinter der dunklen Rückseite des Mondes, in der so genannten Mondnacht. In dieser Zeit ist der Funkkontakt zur Erde unterbrochen, der Astronaut mutterseelenallein auf sich selbst gestellt. Und dann kommt auch noch eine böse Überraschung: Die Kühlflüssigkeit wird zu kalt, Collins muss entscheiden, was jetzt zu tun ist. Ohne die Möglichkeit, sich mit dem Kontrollzentrum zu beraten. Sein Überleben und das seiner beiden Kollegen hängt jetzt davon ab, dass er richtig entscheidet. Er hat die Nerven behalten und das Richtige getan.

Michael Collins war der Mann im Mondschatten, und auch sonst blieb er eher im Schatten. Bei der Mondmission hatte Collins eigene Aufgaben, und nur weil er die präzise erfüllt hat, konnten die beiden anderen ihren spektakulären Gang auf dem Mond durchführen und wieder zur Erde zurückkehren. Erinnert uns das an irgendwas? Jetzt in dieser Zeit, in der es so viele Menschen gibt, die wir ‚stille Helden‘ nennen?

Interessant finde ich, was Michael Collins im Rückblick über seine Erfahrungen gesagt hat: „Ich glaube…, wenn die… Politiker dieser Welt ihren Planeten aus...100 000 Meilen Entfernung sehen könnten, würden sich ihre Ansichten fundamental ändern… Selbst die wichtigste Grenze wäre unsichtbar, der lauteste Streit unhörbar. Der kleine Globus würde sich weiter drehen, gelassen alle Teilungen ignorierenund stattdessen eine einheitliche Oberfläche präsentieren, die Verständnis und Gleichbehandlung fordert. Die Erde sollte so werden, wie sie sich uns zeigt: blau und weiß, nicht kapitalistisch oder kommunistisch; blau und weiß, nicht arm oder reich; blau und weiß, nicht neidisch oder beneidet."[1]

Verglichen mit Michael Collins ist der Abstand, den wir derzeit einhalten müssen, verschwindend gering. Und doch: Vielleicht kann diese Erfahrung auch unsere Perspektive ein bisschen zurechtrücken. Wäre das schön!

 

[1]Michael Collins, "Carrying the Fire", 1974. Zitiert nach t-online-Nachrichten vom 20.07.2019

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18MAI2020
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Was könnte man einem Hundertjährigen zum Geburtstag schenken? Gar nicht so leicht. Erst recht, wenn der Jubilar schon tot ist – und auch noch ein Papst war!

Johannes Paul II. wäre heute hundert. Aus diesem Anlass ging mir diese Frage durch den Kopf. Und auch eine andere: Was habe ich an ihm besonders geschätzt? Da musste ich nicht lange nachdenken: Barmherzigkeit. Die war ihm besonders wichtig. Es war ihm ernst damit, auch ganz persönlich. Das hat sich gezeigt, als ein Attentat auf ihn verübt wurde, das er um Haaresbreite überlebt hat. Johannes Paul II. hat seinem Attentäter vergeben. Er hat ihn im Gefängnis besucht und lange unter vier Augen mit ihm geredet. 

„Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist“. (Lukas 6,36) Dieser Aufforderung Jesu an seine Freunde wollte der Papst aus Polen folgen. Und darin fühle ich mich ihm sehr verbunden. Auch wenn ich manches andere, was er entschieden und vertreten hat, nicht verstehe und anders beurteile. Etwa sein ganz traditionelles Frauenbild oder seine enge Sexuallehre. Aber heute, an seinem runden Geburtstag, möchte ich das aufnehmen, was uns verbindet. Ich will diesen Tag zu einem ‚Tag der Barmherzigkeit‘ machen, zu meinem ganz persönlichen. Dieser Gedanke soll mich heute durch den Tag begleiten. Ob das vielleicht ein Geburtstagsgeschenk wäre? 

Barmherzig sein – da fang ich gleich mal bei mir selbst an, denn auch heute wird es viele Gelegenheiten geben, mich selbst fertigzumachen und zu verurteilen. Barmherzig will ich heute auch auf alles schauen, was mir begegnet. Auf Menschen, mit denen ich heute irgendwie Kontakt habe. Ich will einen liebevollen Blick einüben, der nicht nur kalt seziert, sondern versteht und notfalls auch großzügig verzeiht. Ich will mein Herz aufdehnen, damit es weit wird und viel Platz hat. Platz hat für Viele, die Erbarmen brauchen. Der barmherzige Blick sieht mehr, tiefer, anderes als nur die Oberfläche, die oft nur Fassade ist. Eine Fassade, die zusammengehalten wird von der Angst, kein Erbarmen zu finden. 

Mein ‚Tag der Barmherzigkeit‘, vielleicht kann er mein Herz ein bisschen weiter machen, verständnisvoller, kompromissfähiger. Eben: barmherzig, wie auch Gott, den wir Vater nennen, barmherzig ist.

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17MAI2020
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Auf einer Party steht ein Grüppchen von Gästen mit Prosecco-Gläsern in der Hand beim Smalltalk. Im Lauf der Unterhaltung sagt einer der Gäste zu einem anderen: „Christ sind Sie? Ach, interessant. Und was macht man da so?“ 

Thomas Plaßmann bringt es in seinem Cartoon auf den Punkt: Das Christentum ist bei uns nicht mehr die prägende Größe, an der sich alle ausrichten. Es ist nur noch eine Stimme im vielstimmigen Konzert der Werte und Überzeugungen.

„Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die euch erfüllt.“ Das hat ein gewisser Petrus gegen Ende des ersten Jahrhunderts an Gemeinden in Kleinasien geschrieben; in den katholischen Gottesdiensten wird die Bibelstelle an diesem Sonntag gelesen. Die Christen galten damals als neue Sekte, die argwöhnisch beobachtet wurde, vielleicht auch schon verfolgt. Petrus will sie ermutigen, dennoch offen zu dem zu stehen, was sie glauben. 

In vielen Ländern der Welt ist das auch heute harte Realität. Christen werden diskriminiert, schikaniert, gedemütigt, verfolgt, getötet. Wie gut haben wir’s dagegen doch! 

Trotzdem: Auch ich brauche Mut, um zu dem zu stehen, was mir wichtig ist, auch wenn es zum Glück nicht um Leben und Tod geht. Ich erinnere mich an eine typische Situation, die schon lange zurückliegt. Ich war in einer Reisegruppe. Es wird heftig vom Leder gezogen gegen die Kirche, meine Kirche. Niemand weiß, dass ich dazugehöre. Wie reagiere ich? Oute ich mich? Und was sage ich dann? Dass ich an meiner Kirche leide und mich für Vieles schäme, was in ihr so offensichtlich falsch läuft? Dass ich aber trotz allem bei ihr bleibe, weil mir der Glaube so kostbar ist, den sie mir vermittelt hat? Ich habe mich nicht geoutet. Weil ich dachte, ich kann mich in dieser Atmosphäre sowieso nicht verständlich machen. Und auch, weil ich nicht mutig war. Nicht mutig genug.

Rede und Antwort stehen über meinen Glauben. Ach, wenn das nur so einfach wäre! Wenn ich immer und überall ganz souverän sagen könnte, was ‚man als Christ so macht‘, was ich glaube und hoffe. Und zwar so, dass es Menschen heute verstehen und davon angesprochen werden. 

Vielleicht sollte ich‘s mal ganz einfach probieren, ganz schlicht und ganz ehrlich sagen: ‚Man versucht, so zu leben, wie Jesus gelebt hat – so gut man‘s halt kann, und manchmal auch so schlecht. So mach ich’s jedenfalls.‘  

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14SEP2019
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Ein Friseur hat mir mal gesagt, es gebe keine einzige Frau, die mit ihren Haaren zufrieden ist. Jedenfalls kenne er keine. So ist er den größten Teil des Tages damit beschäftigt, aus lockig glatt und aus glatt lockig zu machen, aus braun platinblond und aus aschblond hennarot oder tiefschwarz. Und wenn die Haare ausnahmsweise mal so sind, wie frau sie möchte, dann kann sie ja mit der Figur weitermachen. Im Sportstudio zum Beispiel. Denn es geht längst nicht mehr nur darum, abzunehmen, ein Körper muss heute 'definiert ' werden. Ganz bestimmte Muskelpartien werden durch intensives Training so geformt, dass man oder frau irgendwann aussieht wie eine antike Statue, vielleicht auch wie ein Bodybuilder.

Mag sein, dass es Menschen gibt, die dann wirklich mit sich zufrieden sind und sich gut fühlen. Ich habe aber den Verdacht, dass dieses 'Spiel' nie wirklich zu gewinnen ist. Und vor allem nicht dauerhaft. Immer werde ich irgendwas finden, das ich ändern oder perfektionieren muss, um so zu sein, wie ich mir mich vorstelle. Ich habe als junges Mädchen davon geträumt, ebenmäßig gebräunte Haut zu haben, das war damals besonders schick. Das Einzige, was ich erreicht habe, war ein Sonnenbrand, der sich mir nicht nur in die Haut, sondern auch in die Erinnerung eingebrannt hat. Braun zu werden jedenfalls werde ich für den Rest meines Lebens nicht mehr versuchen. Und auch manches andere hat sich im Lauf der Jahre und Jahrzehnte relativiert. Nicht dass ich heute überhaupt nicht mehr an mir arbeite, aber ich arbeite mich nicht mehr an mir ab.

Dass ich's gut sein lasse, endlich, dass ich mich gut sein lasse, so gut ich halt bin und so gut ich's halt hinkriege, das gelingt mir mit den Jahren besser. Ich glaube, wenn ich mich annehme, bin ich auch im Einklang mit meinem Schöpfer. Denn schließlich war er's ja, der mich so und nicht anders gewollt und geliebt und geschaffen hat.

In einer Talkshow rund um das Thema Schönheit und Schönheitsideale hat eine Psychologin mal gesagt: "Es gibt Möpse, und es gibt Windhunde. Wenn ein Mops versucht, ein Windhund zu werden, dann wird er ein unglücklicher Mops, aber nie und nimmer ein Windhund." (MDR am 31.08.2011)

Wer will schon ein unglücklicher Mops werden? Wenn schon Mops - oder was auch immer - dann doch lieber ein zufriedener. Und überhaupt: Wer sagt denn, dass der Windhund, nur weil er ein Windhund ist, glücklicher ist in seiner Haut, pardon, in seinem Fell?

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13SEP2019
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Er hat nicht den besten Ruf. Wo immer er auftritt, misstraut man ihm erst mal. Und man sagt ihm nach, er sei oft faul. Ichspreche vom: Kompromiss. Keiner mag ihn, aber jeder braucht ihn. Im Privaten, im Beruf, in der Politik, kein Lebensbereich würde funktionieren, wenn Menschen nicht fähig wären, aufeinander zuzugehen und Kompromisse zu schließen. 

Ein bekannter Spruch sagt: "Ein Kompromiss ist dann vollkommen, wenn alle unzufrieden sind."[1] Da ist was dran, denn jeder der Kontrahenten hat ja am Ende das Gefühl, nachgegeben zu haben. Und dieses Gefühl ist auch der Grund, weshalb der Kompromiss nirgendwo so richtig beliebt ist. Aber so ein schlechtes Image hat er nicht verdient, denn ein guter Kompromiss ist eben keine Niederlage, sondern ein Sieg. Ein Sieg der Vernunft, des Gemeinsinns, oft sogar des Friedens über einen drohenden Krieg. Deshalb habe ich mir vorgenommen, den Kompromiss mal mit neuen Augen anzuschauen, ihn  aufzuwerten und höher zu schätzen als ich es lange Zeit getan habe. Dazu habe ich mir bewusst gemacht, was ich im Alltag für einen guten Kompromiss brauche. 

Erstens: Unterschiedliche Menschen sind unterschiedlicher Meinung, weil jeder von ihnen seine ganz eigene Geschichte hat, die sein Leben und seine Überzeugungen prägt. 

Zweitens: Alle haben das Recht und den Anspruch, dass ihre Bedürfnisse wahrgenommen und ernstgenommen werden. Keiner ist wichtiger als der andere. Deshalb versuche ich, mich soweit wie möglich in die Situation des andern hineinzuversetzen. 

Drittens: Ein guter Kompromiss ist kein Wettbewerb, der Sieger und Besiegte hinterlässt. Es geht darum, dass alle sich bewegen und Maximalforderungen aufgeben. 

Viertens: Auch der beste Kompromiss wird nicht die absolute Gerechtigkeit schaffen und schon gar nicht den Himmel auf Erden. Solange ich unter irdischen Bedingungen lebe, gibt es keine Perfektion. Nicht nur ich bin unvollkommen, auch andere sind es und alles, was wir miteinander hinbekommen, mal besser, mal schlechter. Damit muss ich leben. Und gerade das motiviert mich, zu schauen, was denn möglich und machbar ist - und das dann auch zu versuchen. 

Für mich als Christin gibt es auch noch ein fünftens: Einen ehrlichen und echten  Kompromiss zu finden, ist für mich eine Voraussetzung für Gerechtigkeit und Frieden. Und eine unscheinbare Gestalt von Nächstenliebe. Aber eine umso so wichtigere.



[1]      Aristide Briand,1862 - 1932, französischer Politiker und Friedensnobelpreisträger

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12SEP2019
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Eine alte Dame geht durch den Park, allein. Nach einiger Zeit kommt ihr eine Gruppe von jungen Männern entgegen, die für bürgerliche Gemüter nicht gerade Vertrauen erweckend aussehen. Die Jungs haben offenbar Langeweile und ein bisschen viel Energie, mit der sie nichts anzufangen wissen. Als sie an der Dame vorbei gehen, kreisen sie sie ein, und einer sagt provozierend: "Na, Oma, haste Angst?" Darauf die Dame munter: "Ne, wieso denn, ihr seid doch da!" 

Überraschungseffekte. Die können manchmal etwas bewirken, was keine noch so logische und überzeugende Argumentation erreichen könnte. Für die Jungs, die die alte Dame erschrecken wollten, war klar: Wo wir im Pulk auftreten, da kriegen die Leute Angst. Das hat bisher noch immer funktioniert. Und dann kommt da eine scheinbar hilflose Frau und stellt ihr ganzes Weltbild auf den Kopf. 

Die Anekdote von den Jungs und der alten Dame erinnert mich an eine Erzählung aus der Bibel. Denn Jesus war ein Meister der Überraschungseffekte. Da war zum Beispiel ein gewisser Zachäus. Ein korrupter Subunternehmer der römischen Besatzungsmacht, von dem alle wussten, dass er nur auf Kosten anderer zu seinem Geld gekommen ist. Entsprechend unbeliebt war er, natürlich. Als Jesus in die Stadt kommt und alle sich um ihn drängen, da will Zachäus zuschauen. Nur ein bisschen, und am besten so, dass er was sehen kann, aber nicht gesehen wird. Deshalb sucht er Tarnung und klettert auf einen Baum. Aber Jesus bemerkt ihn trotzdem. Geht auf ihn zu - und landet einen Überraschungscoup: Er lädt sich einfach bei ihm zum Essen ein. 

Jesus hat Zachäus damit kalt erwischt, oder heiß, oder wie auch immer. Jedenfalls so heftig, dass er danach sein ganzes Leben umgekrempelt hat. Jesus hat in dem Menschen Zachäus offenbar das getroffen, was bei aller kriminellen Energie doch gut und intakt und integer geblieben ist. Den innersten Kern der Person, der niemals ganz ausgelöscht werden kann. Weil auch unter dicken Schichten von Bosheit und Verkommenheit das Bild noch da ist, das sein Schöpfer ihm auf dem Grund der Seele eingeprägt hat. 

So hat Jesus Menschen angeschaut, zum Beispiel den Gauner Zachäus. Auch der alten  Dame ist es gelungen, die wilden Jungs mit diesem Blick anzuschauen. Und ich nehme mir vor, das auch zu versuchen. Bin mal gespannt, was für Überraschungseffekte ich dabei erlebe.

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