Manuskripte

Ein Friseur hat mir mal gesagt, es gebe keine einzige Frau, die mit ihren Haaren zufrieden ist. Jedenfalls kenne er keine. So ist er den größten Teil des Tages damit beschäftigt, aus lockig glatt und aus glatt lockig zu machen, aus braun platinblond und aus aschblond hennarot oder tiefschwarz. Und wenn die Haare ausnahmsweise mal so sind, wie frau sie möchte, dann kann sie ja mit der Figur weitermachen. Im Sportstudio zum Beispiel. Denn es geht längst nicht mehr nur darum, abzunehmen, ein Körper muss heute 'definiert ' werden. Ganz bestimmte Muskelpartien werden durch intensives Training so geformt, dass man oder frau irgendwann aussieht wie eine antike Statue, vielleicht auch wie ein Bodybuilder.

Mag sein, dass es Menschen gibt, die dann wirklich mit sich zufrieden sind und sich gut fühlen. Ich habe aber den Verdacht, dass dieses 'Spiel' nie wirklich zu gewinnen ist. Und vor allem nicht dauerhaft. Immer werde ich irgendwas finden, das ich ändern oder perfektionieren muss, um so zu sein, wie ich mir mich vorstelle. Ich habe als junges Mädchen davon geträumt, ebenmäßig gebräunte Haut zu haben, das war damals besonders schick. Das Einzige, was ich erreicht habe, war ein Sonnenbrand, der sich mir nicht nur in die Haut, sondern auch in die Erinnerung eingebrannt hat. Braun zu werden jedenfalls werde ich für den Rest meines Lebens nicht mehr versuchen. Und auch manches andere hat sich im Lauf der Jahre und Jahrzehnte relativiert. Nicht dass ich heute überhaupt nicht mehr an mir arbeite, aber ich arbeite mich nicht mehr an mir ab.

Dass ich's gut sein lasse, endlich, dass ich mich gut sein lasse, so gut ich halt bin und so gut ich's halt hinkriege, das gelingt mir mit den Jahren besser. Ich glaube, wenn ich mich annehme, bin ich auch im Einklang mit meinem Schöpfer. Denn schließlich war er's ja, der mich so und nicht anders gewollt und geliebt und geschaffen hat.

In einer Talkshow rund um das Thema Schönheit und Schönheitsideale hat eine Psychologin mal gesagt: "Es gibt Möpse, und es gibt Windhunde. Wenn ein Mops versucht, ein Windhund zu werden, dann wird er ein unglücklicher Mops, aber nie und nimmer ein Windhund." (MDR am 31.08.2011)

Wer will schon ein unglücklicher Mops werden? Wenn schon Mops - oder was auch immer - dann doch lieber ein zufriedener. Und überhaupt: Wer sagt denn, dass der Windhund, nur weil er ein Windhund ist, glücklicher ist in seiner Haut, pardon, in seinem Fell?

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Er hat nicht den besten Ruf. Wo immer er auftritt, misstraut man ihm erst mal. Und man sagt ihm nach, er sei oft faul. Ichspreche vom: Kompromiss. Keiner mag ihn, aber jeder braucht ihn. Im Privaten, im Beruf, in der Politik, kein Lebensbereich würde funktionieren, wenn Menschen nicht fähig wären, aufeinander zuzugehen und Kompromisse zu schließen. 

Ein bekannter Spruch sagt: "Ein Kompromiss ist dann vollkommen, wenn alle unzufrieden sind."[1] Da ist was dran, denn jeder der Kontrahenten hat ja am Ende das Gefühl, nachgegeben zu haben. Und dieses Gefühl ist auch der Grund, weshalb der Kompromiss nirgendwo so richtig beliebt ist. Aber so ein schlechtes Image hat er nicht verdient, denn ein guter Kompromiss ist eben keine Niederlage, sondern ein Sieg. Ein Sieg der Vernunft, des Gemeinsinns, oft sogar des Friedens über einen drohenden Krieg. Deshalb habe ich mir vorgenommen, den Kompromiss mal mit neuen Augen anzuschauen, ihn  aufzuwerten und höher zu schätzen als ich es lange Zeit getan habe. Dazu habe ich mir bewusst gemacht, was ich im Alltag für einen guten Kompromiss brauche. 

Erstens: Unterschiedliche Menschen sind unterschiedlicher Meinung, weil jeder von ihnen seine ganz eigene Geschichte hat, die sein Leben und seine Überzeugungen prägt. 

Zweitens: Alle haben das Recht und den Anspruch, dass ihre Bedürfnisse wahrgenommen und ernstgenommen werden. Keiner ist wichtiger als der andere. Deshalb versuche ich, mich soweit wie möglich in die Situation des andern hineinzuversetzen. 

Drittens: Ein guter Kompromiss ist kein Wettbewerb, der Sieger und Besiegte hinterlässt. Es geht darum, dass alle sich bewegen und Maximalforderungen aufgeben. 

Viertens: Auch der beste Kompromiss wird nicht die absolute Gerechtigkeit schaffen und schon gar nicht den Himmel auf Erden. Solange ich unter irdischen Bedingungen lebe, gibt es keine Perfektion. Nicht nur ich bin unvollkommen, auch andere sind es und alles, was wir miteinander hinbekommen, mal besser, mal schlechter. Damit muss ich leben. Und gerade das motiviert mich, zu schauen, was denn möglich und machbar ist - und das dann auch zu versuchen. 

Für mich als Christin gibt es auch noch ein fünftens: Einen ehrlichen und echten  Kompromiss zu finden, ist für mich eine Voraussetzung für Gerechtigkeit und Frieden. Und eine unscheinbare Gestalt von Nächstenliebe. Aber eine umso so wichtigere.



[1]      Aristide Briand,1862 - 1932, französischer Politiker und Friedensnobelpreisträger

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Eine alte Dame geht durch den Park, allein. Nach einiger Zeit kommt ihr eine Gruppe von jungen Männern entgegen, die für bürgerliche Gemüter nicht gerade Vertrauen erweckend aussehen. Die Jungs haben offenbar Langeweile und ein bisschen viel Energie, mit der sie nichts anzufangen wissen. Als sie an der Dame vorbei gehen, kreisen sie sie ein, und einer sagt provozierend: "Na, Oma, haste Angst?" Darauf die Dame munter: "Ne, wieso denn, ihr seid doch da!" 

Überraschungseffekte. Die können manchmal etwas bewirken, was keine noch so logische und überzeugende Argumentation erreichen könnte. Für die Jungs, die die alte Dame erschrecken wollten, war klar: Wo wir im Pulk auftreten, da kriegen die Leute Angst. Das hat bisher noch immer funktioniert. Und dann kommt da eine scheinbar hilflose Frau und stellt ihr ganzes Weltbild auf den Kopf. 

Die Anekdote von den Jungs und der alten Dame erinnert mich an eine Erzählung aus der Bibel. Denn Jesus war ein Meister der Überraschungseffekte. Da war zum Beispiel ein gewisser Zachäus. Ein korrupter Subunternehmer der römischen Besatzungsmacht, von dem alle wussten, dass er nur auf Kosten anderer zu seinem Geld gekommen ist. Entsprechend unbeliebt war er, natürlich. Als Jesus in die Stadt kommt und alle sich um ihn drängen, da will Zachäus zuschauen. Nur ein bisschen, und am besten so, dass er was sehen kann, aber nicht gesehen wird. Deshalb sucht er Tarnung und klettert auf einen Baum. Aber Jesus bemerkt ihn trotzdem. Geht auf ihn zu - und landet einen Überraschungscoup: Er lädt sich einfach bei ihm zum Essen ein. 

Jesus hat Zachäus damit kalt erwischt, oder heiß, oder wie auch immer. Jedenfalls so heftig, dass er danach sein ganzes Leben umgekrempelt hat. Jesus hat in dem Menschen Zachäus offenbar das getroffen, was bei aller kriminellen Energie doch gut und intakt und integer geblieben ist. Den innersten Kern der Person, der niemals ganz ausgelöscht werden kann. Weil auch unter dicken Schichten von Bosheit und Verkommenheit das Bild noch da ist, das sein Schöpfer ihm auf dem Grund der Seele eingeprägt hat. 

So hat Jesus Menschen angeschaut, zum Beispiel den Gauner Zachäus. Auch der alten  Dame ist es gelungen, die wilden Jungs mit diesem Blick anzuschauen. Und ich nehme mir vor, das auch zu versuchen. Bin mal gespannt, was für Überraschungseffekte ich dabei erlebe.

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Jetzt sind sie also vorbei, die Sommerferien. Viele freuen sich, dass es wieder losgeht, andere fangen weniger gern an. Und manchen ist eher bange vor all dem, was im neuen Schuljahr auf sie zukommen wird. Dazu gehört für viele auch, dass ihre Leistung regelmäßig gemessen und beurteilt wird, durch Klassenarbeiten, Tests, Klausuren, Hausarbeiten. Aber auch Lehrer und Lehrerinnen leiden darunter, dass sie Schüler möglichst objektiv nach ihrer Leistung einstufen müssen. Denn jeder Mensch ist so viel mehr, als das, was er leistet oder nicht leistet. Und jeder hat sein persönliches Maß, was er leisten kann. Und dieses Maß ist auch nicht immer gleich. Da ist die Tagesform und die Stimmung, die heute so ist und morgen ganz anders sein kann, gerade auch in der Pubertät, wo eh alles durcheinander purzelt. Da kann ein Krach mit der Freundin oder mit den Eltern einen ganz in Beschlag nehmen. Oder die Oma wird krank. Oder ein Geschwisterkind braucht die ganze Fürsorge der Eltern und der Bruder oder die Schwester kommt darüber zu kurz. Es sind viele Bedingungen, die da zusammenkommen. Und am Ende steht dann eine Note, der man all das nicht mehr ansehen wird.

Bei einer amerikanischen Schriftstellerin habe ich ein paar Gedanken gefunden, die mir schon oft geholfen haben. Ich möchte sie heute Morgen weitergeben, gerade auch allen, die heute eher mit Bangen anfangen.

Wir müssen nie etwas besser machen, als wir dazu imstande sind. Wir tun für den gegebenen Augenblick unser Bestes, dann lassen wir los. Wenn wir etwas wiederholen müssen, geben wir wieder unser Bestes. Wir können nie mehr tun oder etwas besser machen, als wir jetzt dazu in der Lage sind. Wir strafen uns selbst und machen uns krank, wenn wir mehr erwarten als unser Bestes für den jeweiligen Augenblick. Sich um gute Leistungen zu bemühen, ist eine positive Eigenschaft. Sich um Perfektion zu bemühen, ist selbstzerstörerisch... Es gibt Tage, an denen unser Bestes weniger ist, als wir erhofften. Dann beginnen wir morgen von neuem... Manchmal ist Kritik angebracht; wenn sie aber alles ist, was wir uns zu geben haben, dann geben wir uns auf. Heute also will ich mein Bestes tun, dann lasse ich los...

Diese Sätze sind kein Gebet im strengen Sinn. Aber sie helfen mir, barmherzig zu sein und barmherzig zu schauen, mit den Augen Gottes, auf mich selbst - und auf alle, die heute in ein neues Schuljahr starten.

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Zitat: nach Melody Beattie, Unser Bestes akzeptieren, aus: Kraft zum Loslassen. Tägliche Meditationen für die innere Heilung, 30 August

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Ich sitze im Zug und warte darauf, dass er abfährt. Ein regnerischer Tag, die Fenster sind beschlagen. Trotzdem sehe ich im Anfahren gerade noch, dass an der Ecke des Bahnhofsgebäudes ein Sprayer am Werk war. In großen Buchstaben steht da schwarz auf schmutziggelb: "Alles so schön hier". Wie? Das kann doch nicht sein, nicht hier, nicht an diesem heruntergekommenen Bahnhof, der seit Jahren geschlossen ist und seither einer neuen Nutzung entgegen rottet. 

Klar, es istSachbeschädigung, Häuser zu besprühen, die einem nicht gehören. Aber diese verwahrloste Fassade kann eigentlich nichts mehr entstellen, und immerhin ist es eine Botschaft, die zweimal hinsehen lässt. Dochwarum gerade diese? Findet der Sprayer wirklich, was er schreibt? Oder meint er es ironisch und will eigentlich sagen, wie hässlich dieses Ambiente doch ist? 

"Alles so schön hier", und das in einer so tristen Umgebung. Dieser Widerspruch hat mich zunächst mal draus gebracht, aus meiner eigenen Wahrnehmung, aus der ganz selbstverständlichen Spur, dieses marode Gebäude  hässlich zu finden. Und es hat mich zugleich erheitert, eine eigenartige Leichtigkeit in diesen grauen, drögen Morgen gebracht. 

Vor allem aber hab ich angefangen, nach Schönem zu suchen und damit zu rechnen, dass ich Schönes finde. "Alles so schön hier", denke ich inzwischen oft, gerade, wenn etwas  mal so gar nicht schön ist, eine Umgebung, oder auch eine Situation, in der ich stecke. Es ist für mich wie ein modernes Psalmwort. Auch die Psalmen der Bibel beschreiben oft einen Kontrast zwischen dem, was gerade sichtbar ist und dem, was darunter liegt, die Grundierung sozusagen. Und diese Grundierung der Welt ist die Schönheit, die Gott in seine Schöpfung hineingelegt hat. Und die blitzt immer wieder durch, oft ganz unvermutet.  Und manchmal bleibt sie auch unentdeckt. 

"Alles so schön hier". Das Graffito vom Bahnhof hat sich mir eingeprägt und streift meine Gedanken immer wieder. Und  manchmal denke ich dann noch weiter und sage: "Danke, Gott. Danke, dass du mir immer wieder zeigst, wie schön deine Welt ist, in und unter all dem, was nicht schön ist und auch nicht gut."  

'Danke' hab ich auch gesagt, als ich vor Tagen beim Warten auf den Zug zwischen den Gleisen noch eine späte Mohnblüte entdeckt habe, die da still vor sich hin blüht, einfach so - und einfach so schön.

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Wenn die Urlaubszeit zu Ende geht, erinnere ich mich jedes Jahr an ein Erlebnis der besonderen Art. Es liegt schon lange zurück, aber es hat sich in mein Gedächtnis eingeprägt wie Weniges sonst. Bei der Rückfahrt aus einem schönen Urlaub am Atlantik wurde uns mal das Auto geklaut. Nach einer längeren Mittagspause war es wie vom Erdboden verschwunden, unauffindbar, einfach weg. Zum Glück hatten wir wenigstens Ausweise und Geldbeutel bei uns. Nach der Prozedur bei der Polizei war's schon spät, und wir fanden ein kleines Hotel zum Übernachten. Die mitfühlende Wirtin half aus, so gut sie konnte, mit einer Probetube Zahnpasta und einer Zahnbürste für drei. Immerhin, besser als keine. Am nächsten Tag die Fahrt nach Hause, im leeren Leihwagen, ganz ohne Gepäck.

Mir war völlig klar, welche Unannehmlichkeiten auf mich zukommen würden. All die Formalitäten gleich nochmals mit der deutschen Polizei, dann mit der Versicherung, der ganze Papierkrieg. Die vielen kleinen Alltagsdinge, die ich neu besorgen musste, Nagelschere, Sportschuhe, Unterwäsche und tausend Kleinigkeiten. Ganz zu schweigen von einem neuen Auto. Das würde viel Zeit brauchen, und richtig viel Geld. Das alles stand mir klar vor Augen. Und trotzdem: Ich war in einer Stimmung, die ich so überhaupt nicht kannte und die ich mir selbst nicht erklären konnte. Ich war ganz seltsam ruhig. In mir war eine Ruhe, die sich so leicht angefühlt hat, ja geradezu heiter. Eine Art von Frieden ohne Sorge um Künftiges, ohne Ansprüche, ohne Bedürfnisse. Leben habe ich da gespürt, einfach nur Leben.

'Leben in Fülle', denke ich heute, wenn ich mich an diese kurze, einzigartige Zeit erinnere. 'Leben in Fülle', so hat Jesus das Leben genannt, das gut ist und ganz, dem nichts fehlt, weil Gott alles gibt, was seine Geschöpfe brauchen – was sie jetzt gerade brauchen. ‚Wunschlos glücklich’, sagt man gern, wenn man es weniger fromm ausdrücken will.

Die vielen Dinge des täglichen Gebrauchs habe ich natürlich wieder nachgekauft, und längst erinnert nichts mehr an den Autoklau. Aber dieses Gefühl, diesen Geschmack von Leben kann ich in meiner Erinnerung immer noch abrufen. Und ich wünsche mir, dass ich in der 'Fülle der Dinge', die ich habe und gebrauche, niemals ganz vergesse, wie die 'Fülle des Lebens' geschmeckt hat.

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„Mit dem Glauben hab ich so meine Probleme.“ Das höre ich immer wieder. Zum Beispiel, wenn ich jemand kennenlerne und erzähle, dass ich einen seelsorgerlichen Beruf habe. So war es auch bei Tanja. Auf einer Feier von gemeinsamen Freunden sind wir uns – mehr oder weniger zufällig – begegnet. Beim Spaziergang nach dem Essen kamen wir erstaunlich schnell tiefer ins Gespräch. Sie erzählte mir, wie ernsthaft sie als Kind geglaubt hat, und auch später hat sie sich noch um ihren Glauben bemüht. Es ist ihr aber zunehmend schwergefallen, das Glaubensbekenntnis der Christen nachzuvollziehen. Eine Verbindung zu Gott, ja, die habe sie schon noch, aber da stehe so einiges dazwischen, vor allem eben manche Glaubenssätze, die sie nicht teilen kann. Für Tanja ist es gar nicht so sehr die Kirche mit all ihren Fehlern und Verfehlungen, ihrem Glauben steht vor allem die christliche Lehre, das Bekenntnis im Weg.

Ich war beeindruckt, wie viel mir diese Frau erzählt hat, die mich ja gar nicht gekannt hatte. Und auch ich hab ihr erzählt, wie sich das bei mir entwickelt hat mit dem Glauben, in welche Umbrüche und Krisen mich mein Theologiestudium geführt hat und natürlich auch manches andere, was mein Leben so mit sich gebracht hat. Und dann habe ich ihr auch erzählt, was mir heute wichtig ist. Dass ich gar nicht mehr den Anspruch habe, alle Sätze des Glaubensbekenntnisses mit gleicher Überzeugung zu sprechen. Ich glaube nämlich inzwischen, dass das niemand kann.

Für meinen Glauben gibt es drei Kernsätze. Der erste: Alles, was ist, kommt aus Gottes Hand und kann niemals herausfallen. Der zweite heißt: In Jesus von Nazaret schaue ich Gott gleichsam ins Gesicht. Und der dritte: Gott wirkt in der Welt als eine gute Kraft, die durch keine Macht auszulöschen ist. Man kann das alles auch ganz anders ausdrücken. So klingt es in meinen Worten.

Tanja hat mir dann gesagt, was bei ihr vom Glauben geblieben ist, durch alle Zweifel hindurch. Sie hält sich eher ans Praktische. Im Weltladen arbeitet sie mit und bei einer Bürgerinitiative, die sozial benachteiligte Kinder unterstützt.
„Mit dem Glauben hab ich so meine Probleme“, hatte Tanja am Anfang des Gesprächs gesagt. Am Ende hat sie erstaunt festgestellt, dass ihr Leben immer noch vom christlichen Glauben geprägt ist. Auch wenn sie nicht immer daran denkt.

 

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Beim Erben, sagt man, hört der Spaß auf. Ein Anwalt, der oft damit zu tun hat, hat mir erzählt, dass er immer wieder überrascht sei, worum es bei Erbstreitigkeiten oft geht. „Manchmal sehe ich Menschen vor mir sitzen, die wieder zu Kindern werden“, sagte er, „zu Kindern, die miteinander um die Liebe der Mutter oder die Anerkennung des Vaters rivalisieren, ein letztes Mal.“ Nur so lässt sich vielleicht erklären, warum erwachsene Menschen erbittert um ein paar angeschlagene Kaffeetassen streiten können, oder um eine alte Baumsäge. Es scheint eine schwierige Sache zu sein, das Erben.

Ich glaube, das lässt sich auch auf die Religionen übertragen. Das Judentum, das Christentum und der Islam, diese Religionen sind gleichsam wie drei Geschwister, die gemeinsam ein großes Erbe bekommen haben. Und jedes beansprucht für sich, der rechtmäßige Haupterbe zu sein, das Lieblingskind, dem der Vater seinen Nachlass anvertrauen wollte.

Ein Dichter hat dieses gemeinsame göttliche Erbe einmal mit einem kostbaren Ring verglichen, den der Vater seinen drei Kindern hinterließ. Der Ring hatte eine besondere Kraft: Wer ihn trägt, wird ein gerechter, mitfühlender Mensch, der von allen geschätzt und geachtet wird. Der Vater hatte aber nur einen solchen Ring und doch waren ihm alle seine Kinder gleich lieb. Deshalb ließ er zwei Kopien anfertigen, so konnte er jedem Kind einen Ring vererben. Die Kopien waren so gut, dass man äußerlich gar nicht mehr unterscheiden konnte, welcher der drei Ringe denn nun der ursprüngliche war. Die Echtheit sollte sich anders beweisen: nicht durch den Ring selbst, sondern durch den, der ihn trägt. Der Träger muss durch sein Leben unter Beweis stellen, dass er den echten Ring am Finger hat.

Der Dichter, der das erzählt hat, ist Gotthold Ephraim Lessing. Heute jährt sich sein Todestag. Schade nur, dass in den Jahrhunderten seit seinem Tod noch nie jemand gesagt hat: Das ist doch genial, das versuchen wir jetzt mal, wir Juden, wir Christen, wir Muslime. Lasst uns doch freundlich und friedlich darum wetteifern, wer die menschlichste Religion hat, die am meisten Liebe, Verständnis, Hilfsbereitschaft und Frieden in die Welt bringt.
Vielleicht sollten wir das ausprobieren, wir Kinder und Erben des einen Vaters.

 

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Mit Sprache kann man Stimmung machen. Je nachdem, welchen Begriff ich für eine Sache gebrauche, stelle ich sie gut oder schlecht dar. Mir fällt auf, dass immer wieder neue Begriffe in Umlauf gebracht werden, um etwas, das eigentlich gut ist, schlechtzureden. Die ersten, bei denen ich das bemerkt habe, waren die ‚Gutmenschen‘. Auf einmal wurden Menschen, die versucht haben, anderen zu helfen, als naive Idealisten belächelt, die keine Ahnung von der Welt haben. Zum Glück haben viele sich davon gar nicht irritieren lassen und dadurch gezeigt, dass es ihnen um die Sache ging und nicht darum, selbst gut dazustehen.

Ähnlich schlecht wie den ‚Gutmenschen‘ ging es auch der ‚Nächstenliebe‘. Auf einmal wurde von ‚Übernächstenliebe‘ gesprochen und geschrieben. Die Botschaft sollte wohl heißen: Bei uns gibt’s doch schon genug Arme, um die sich die Christen kümmern können. Ja, bei uns gibt es viele Menschen, die Hilfe brauchen. Und es wird auch geholfen, in der Nachbarschaftshilfe, bei Hausaufgaben, im Tafelladen, in der Pflege, in Wärmestuben für Obdachlose. Tag für Tag, ohne dass man‘s immer merkt.

Aber in dem Wort von der ‚Übernächstenliebe‘ liegt noch eine andere Aussage, und die ist erst recht abschätzig gemeint. Es ist der unausgesprochene Nachsatz: Was gehen uns die Leute aus anderen Ländern an? Ja, sie gehen uns an, auch sie. Die, die in fernen Ländern leben und dort bleiben, und die, die ihr Elend hierher treibt, weil sie hier auf bessere Chancen hoffen. Sie gehen uns an. Nicht nur, weil in einer globalisierten Welt alles mit allem zusammen hängt. Zum Beispiel unsere Wirtschaftskraft mit der Armut in anderen Ländern. Sie gehen uns an. Alle, die Hilfe brauchen, haben den Anspruch, dass ich in ihnen meine Nächsten sehe. Auch wenn ich nicht allen helfen kann. 

Nächstenliebe  ist so etwas wie das christliche Markenzeichen in der Welt, denn sie ist das Vermächtnis, das Jesus uns hinterlassen hat. Deshalb ist sie zu kostbar, um sie für Flügelkämpfe zu instrumentalisieren. Aber wenn die Wörter schon mal in der Welt sind: Meinetwegen kann man‘s auch Übernächstenliebe nennen – solange die nicht gegen die vermeintlich nähere Nächstenliebe ausgespielt wird. Ich reg mich ja auch nicht mehr auf, wenn mich jemand als Gutmenschen bezeichnet. Besser Gutmensch als Schlechtmensch.

 

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Der alte Indianer, so erzählt eine Geschichte, saß mit seinem Enkel am Lagerfeuer. Die Bäume standen wie dunkle Schatten, das Feuer knackte und die Flammen züngelten in den Himmel. Lange schwiegen sie, dann sagte der Alte: “Manchmal fühle ich mich, als würden zwei Wölfe in meinem Herzen miteinander kämpfen. Einer der beiden ist rachsüchtig, aggressiv und grausam. Der andere dagegen ist liebevoll, sanft und mitfühlend.” „Und welcher der beiden Wölfe wird den Kampf um dein Herz gewinnen?” fragte der Junge.“ „Der, den ich füttere”, antwortete der Alte.

Auf diese Geschichte stieß ich genau zur richtigen Zeit. Es gab eine unschöne Situation, bei der ich mich sehr geärgert hatte, über Strukturen, die ich nicht ändern konnte, über Personen, die ich als arrogant und unzuverlässig empfunden hatte, und über mich selbst, weil ich auch nicht souverän damit umgehen konnte. Noch einige Zeit später war da in mir so ein Bodensatz an Groll, der immer wieder aufgerührt wurde, wenn ich daran zurückdachte.

Dann habe ich diese Geschichte von den beiden Wölfen gehört – und fing also an, genauer hinzuschauen, wie’s den beiden bei mir denn so geht. Dabei fiel mir auf: Der Wolf, der nachtragend und aggressiv ist, stand ganz gut im Futter – klar, den hatte ich ja auch eine ganze Weile gemästet. Mit meinem Ärger, meiner verletzten Eitelkeit, meinem Groll. Und der andere, der liebevolle, sanfte und mitfühlende, der ist darüber zu kurz gekommen, geradezu ausgehungert hatte ich ihn. Jetzt sollte er mal eine Extraportion ‚Futter‘ bekommen. Ich habe mir die Personen, mit denen ich nicht klar gekommen war, vorgestellt und versucht, mich in sie hineinzuversetzen. Und tatsächlich: Sie waren ganz ähnlich wie ich, auch sie wollten ihre Sache gut machen, auch sie mussten sich an ihre Vorgaben halten, auch sie hatten ihre persönlichen Grenzen und Eitelkeiten. Genau wie ich. Als ich das erkannt habe, konnte ich freundlicher auf die Sache schauen, und mein Ärger wurde weniger, am Ende war er ganz verflogen. Ich hatte den richtigen Wolf gefüttert.

Die beiden ‚Wölfe‘, sie sind ein Bild für ganz unterschiedliche innere Kräfte und Gefühle, die mich gerade leiten. Es hilft mir, mich selbst zu verstehen. Und es hilft mir, verständnisvoller und barmherziger zu schauen, auf andere, und auf mich.

 

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