Manuskripte

Treffen sich zwei Planeten. Sagt der eine:
„Hey, wie geht´s?“
Antwortet der andere:
„Ach, nicht so gut. Ich glaub, ich hab Menschen…“
„Oh, das ist schlimm“, sagt der erste. „Das hatte ich auch schon. Aber weißt du was? Das geht vorüber.“

Vielleicht kennen Sie den Witz. Er ist schon alt, trotzdem muss ich immer wieder drüber lachen. Weil ich ganz automatisch die Perspektive wechsle. Der Witz bringt mich dazu, mich in unseren Planeten Erde zu versetzen. – Ja, das muss sich schlimm anfühlen, wenn man „Menschen“ hat:

Und damit den ganzen Dreck, den sie machen; die Abwässer und Industrieabfälle, die sie ins Meer kippen; den atomaren Müll, den sie unter die Erde bringen; die Wälder, die sie abholzen; die Luft, die sie verpesten; die Kriege, die sie führen. Ganz zu schweigen von der Geschwindigkeit, mit der sie sich vermehren. Das muss sich ja wirklich anfühlen wie eine üble Krankheit. 

 „Es ist zwar schlimm, aber es geht vorüber.“ Sagt der andere Planet zum Trost.
Es erledigt sich sozusagen von selbst. Wie ein Schnupfen.

Für uns Menschen ist das allerdings keine tröstliche Aussicht. Es bedeutet ja: früher oder später erledigen wir uns von selbst. Die Zeichen dafür sind ja schon unübersehbar. 
Aber immerhin: der Planet überlebt. Die Schöpfung setzt sich durch.

Und deshalb habe ich noch Hoffnung. Nicht, weil ich an die Menschheit glaube, oder gar an ihre Vernunft. Nein, ich glaube einfach, dass es unserem Schöpfer nicht gleichgültig ist, was hier auf seinem wunderbaren Planeten Erden geschieht.
Sind wir noch zu retten? Ja, aber da muss schon ein Wunder geschehen.

Eigentlich glauben alle Christen an ein solches Wunder, auch wenn sie sich dessen vielleicht nicht immer bewusst sind. Ich denke an das Wunder, um das wir Christen regelmäßig und weltweit bitten. Wir beten im Vaterunser:

„Dein Reich komme; dein Wille geschehe,
wie im Himmel so auf Erden.“ 

Wir bitten da ja um nichts Geringeres, als dass endlich das Reich Gottes anbricht. In dem der Wille Gottes geschieht. Und nicht mehr der menschliche Wille, mit seiner ganzen Rücksichtslosigkeit und Zerstörungswut.
Dann wären wir gerettet: Wie im Himmel, so auf Erden...

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Ein Kind, das nicht gewollt ist. Das von den Eltern abgelehnt oder kaum wahrgenommen wird. Mich macht so eine Geschichte immer traurig. Und ich frage mich: was wird aus so einem Kind? Vor kurzem hat mir ein Mann seine Geschichte erzählt. Er war das jüngste von fünf Brüdern. „Alle hatten sich unbedingt ein Mädchen gewünscht“, erzählte er mir, „und waren dann furchtbar enttäuscht…“

Als Mutter kann ich mir gut vorstellen, dass  die Energie bei 5 Jungen ziemlich überstrapaziert war. Mich haben allein zwei Kinder gelegentlich an meine Grenzen gebracht.
Nur traurig, wenn ein Kind das so deutlich spürt. Wenn sich das als Grund-gefühl durchs Leben zieht - das kann zu einer ganz schönen Bürde werden.

 „Es gibt da eine Geschichte, die setzt dem Fass die Krone auf“, erzählt der Mann weiter. Aber er muss dabei selber lachen.
Eines Nachmittags, als er noch ein Baby war, fanden seine Brüder, es sei an der Zeit zu handeln. In der Nachbarschaft war ein kleines Mädchen auf die Welt gekommen. Es war Sommer und das Kind lag draußen im Kinderwagen. Da haben sie den kleinen Bruder genommen und die Babys einfach ausgetauscht.
„Und was mich an der Geschichte am meisten empört“, erzählt er, „wissen Sie, wann meine Eltern das bemerkt haben? Am späten Abend!“  
"
Naja“,  sage ich, „immerhin: die anderen Eltern waren auch nicht schneller…“ 
Wir müssen Tränen lachen.

Das muss man sich mal vorstellen: Wie die Kinder das kleine Mädchen schlafend im Kinderwagen entdecken, und ruck-zuck einen Plan aushecken… - Kinder haben manchmal einen gnadenlosen Sinn fürs Praktische - ohne sich auch nur im Mindesten um die Folgen zu scheren…

Man fragt sich natürlich auch: Bei welcher Gelegenheit haben die Eltern den Tausch wohl bemerkt? Vielleicht beim Wickeln? Und dann haben sie sich ihr Kind erstmal richtig angeschaut…?

Was ich an der Geschichte erstaunlich finde: Als 5. Kind groß zu werden, ist ja eine echte Lebensaufgabe. Trotzdem hat der Mann es geschafft, zu einem fröhlichen Menschen heranzuwachsen. Offenbar hat Gott ihn mit viel seelischer Robustheit gesegnet. Und manchmal genügt es für ein Kind, wenn noch ein anderer Mensch segnend die Hand über es hält – die Oma, die Tante. Oder ein freundlicher Lehrer, der es fördert.

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Manchmal ist es wie verhext: Da hat man es gerade besonders eilig und alles geht schief. Man will noch schnell die Einkäufe wegräumen, und die Packung Eier fällt auf den Boden…

Einmal habe ich in der Hektik sogar vergessen, die Beifahrertür meines Autos zu schließen. Und sie ist dann - beim rückwärts Ausparken - an einer Laterne hängengeblieben. Das war dann ziemlich teuer…

Und vor ein zwei Wochen bin ich der Länge nach die Straße runtergefallen, mitten in die Matsche. – Da ist nämlich gerade eine Baustelle und es regnete in Strömen.  Ich hatte mich extra schick gemacht - wir waren eingeladen. Aber wir waren spät dran. Deshalb habe ich mich so beeilt, dass ich über meine eigenen Füße gestolpert bin. Mit dem Ergebnis, dass ich mich komplett umziehen musste. Und wir noch später dran waren.

In solchen Augenblicken könnte ich schier über mich selbst verzweifeln. Als ich meiner Kollegin davon erzähle, sagt sie:
„Dazu sag ich nur eines: FRAU  RICHTER  FÄHRT  SUPER.“
"Wie? Was soll denn das nun wieder heißen?“ Frage ich.
„Denk doch mal scharf nach.“
„FRAU  RICHTER  FÄHRT  SUPER…?  Hm. - Also einmal: Da ist eine Richterin, die kann toll Autofahren. Oder: Da ist eine Richterin, die fährt Super-Benzin. Oder: Die Frau ist gar keine Richterin, sie heißt bloß so. So wie du.“
"
Richtig.“ Sagt die Kollegin. „Aber das ist noch nicht alles. Es hat noch eine tiefere Bedeutung. Streng dich noch ein bisschen an“

Ich habe mich angestrengt. Aber es hat nichts genutzt. Schließlich sagt sie:
„Denk doch mal an was ganz Dummes, was mir passiert sein könnte…?“

Frau Richter, die im richtigen Leben nicht Richterin sondern Pfarrerin ist, fährt nämlich einen Diesel… Und jetzt ahnen Sie schon, worauf die Sache hinaus-läuft: Ja, genau, Frau Richter hat SUPER  FALSCH getankt. Und das hat sie erst bemerkt, als das Auto liegen geblieben ist. Sowas ist schweineteuer.

Mich hat die Geschichte getröstet. Da stehe ich nicht so allein da, mit meinen Dummheiten. Und wie so oft: wenn eine damit anfängt, fallen den anderen auch ihre Missgeschicke ein.
- Was im Übrigen auch sehr viel unterhaltsamer ist, als die Geschichten, in denen man alles richtig gemacht hat…

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"So nimm denn meine Hände und führe mich, bis an mein selig Ende und ewiglich…“ So heißt ein bekanntes Kirchenlied. Ein Klassiker, vor allem auf Beerdigungen. Ich persönlich fand es lange Zeit zu gefühlsselig. Bis ich die Geschichte des Liedes kennengelernt habe.

Die Dichterin des Liedes heißt Julie von Hausmann. Sie wurde vor 200 Jahren geboren. 

Als sie noch ganz jung war, hat sie sie sich Hals über Kopf in einen jungen Mann verliebt. Aber der junge Mann stand kurz davor, auszureisen, nach Afrika. Er wollte Missionar werden. Vor seiner Abreise haben die beiden sich noch schnell verlobt. Und haben verabredet, dass Julie sobald wie möglich nach-kommen solle.

Das war damals freilich nicht so einfach. Es mussten viele Papiere besorgt werden. Und die Schiffe fuhren auch nicht so oft. Es vergingen viele Monate, bis sich Julie von Hausmann endlich auf die Reise machen konnte. Und das war im Übrigen auch ganz schön mutig von ihr. Denn so eine Schiffsreise war damals ziemlich ungemütlich. Und gefährlich obendrein. Und es war ja auch eine Reise ins ziemlich Ungewisse.

- Aber was tut man nicht alles für die Liebe…Jedenfalls, Julie von Hausmann übersteht alle Strapazen. Und dann endlich ist der ersehnte Hafen in Sicht! Nur, im Hafen steht kein Verlobter. Niemand wartet auf sie.
Also macht sie sich alleine auf den Weg zur Missionsstation. Als sie endlich am Ziel ist, erntet sie nur trauriges Kopfschütteln. Einer fasst sich ein Herz, führt sie zum Friedhof und weist auf ein Grab. Nur wenige Tage vor ihrer Ankunft ist ihr Verlobter gestorben.

Noch in derselben Nacht, heißt es, habe Julie von Hausmann diese Liedverse geschrieben: So nimm denn meine Hände und führe mich, bis an mein selig Ende und ewiglich. Zuerst könnte man denken, Julie von Hausmann meint ihren Verlobten. Aber es ist ein Gebet, eine Bitte an Gott, das so weitergeht:

In dein Erbarmen hülle mein schwaches Herz.
Und mach es gänzlich stille in Freud und Schmerz.
Wenn ich auch gleich nichts fühle von deiner Macht,
du führst mich doch zum Ziele, auch durch die Nacht.

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Eine Taufe ist ein fröhliches Fest. Normalerweise. Da wird ja ein neues Gemeindemitglied in die Kirche aufgenommen - auch wenn es meist noch ziemlich klein ist, oft noch ein Säugling. Die Gemeinde bringt den Täufling vor Gott und tauft ihn in seinem Namen. Und dann wird er gesegnet. Und das ist in der Regel natürlich eine feierliche und fröhliche Angelegenheit, die für Gewöhnlich auch hinterher in der Familie noch gebührend begangen wird.

Aber wie ist das, wenn eine Taufe von tragischen Ereignissen überschattet ist? Ich habe schon erlebt, dass gerade jemand aus der Familie gestorben ist; in den dramatischsten Fällen war es ein Elternteil des Täuflings. Wenn dann vorne am Taufbecken einer der beiden wichtigsten Menschen im Leben eines Kindes fehlt, dann überlagert der Schmerz so ziemlich die Freude über die Geburt und die Taufe dieses Kindes.

Solche Taufen habe ich aber nicht nur als schwer erlebt, sondern auch als besonders intensiv und eindrücklich. Alle waren mit großem Ernst dabei. Denn sie haben eben erst erfahren müssen, wie zerbrechlich das Leben ist. Und wie nötig so ein kleines Kind den Segen Gottes braucht. 

Warum taufen wir Kinder? Die Taufe erinnert uns zuerst daran: das Leben – unser eigenes und das der Kinder - ist uns geschenkt worden - und zwar als Leihgabe, auf Zeit.

Und gleichzeitig verheißt uns die Taufe: ganz gleich wie zerbrechlich und endlich unser Leben ist - Gott wird es nicht loslassen; wird uns nicht verlassen,  was auch geschieht Meine Erfahrung ist: gerade Menschen, die Leben und Tod, Dankbarkeit und Trauer, so dicht beieinander erfahren, haben oft eine tiefe, stille Ahnung davon…

Vor ein paar Jahren habe ich zwei Geschwisterkinder getauft, deren Mutter die zweite Geburt nicht überlebt hat. Bei dieser Taufe waren es auch die Kinder, die die Erwachsenen immer wieder in die Gegenwart zurückgeholt haben:

Nach der Taufe habe ich die beiden Täuflinge auf den Arm genommen, für die Erinnerungsfotos. Als ich den größeren, den Vierjährigen auf dem Arm halte, stehe ich direkt neben dem Taufbecken. Ich bemerke gar nicht, wie er seine Hand ins Wasser taucht. Plötzlich läuft mir Wasser über den Kopf. Ich schaue mich etwas verwirrt um, da lacht er mich an und sagt:
„Ich hab dich auch getauft.“

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Viele schwören auf den gesunden Menschenverstand.
Albert Einstein hat jede Menge anspruchsvolle Vorträge über Raum und Zeit gehalten. Einmal - so erzählt man - steht ein Zuhörer auf und widerspricht:

„Was Sie hier ausgeführt haben, ist mir viel zu spekulativ. Wir sind doch nicht in der Kirche. Nach meinem gesunden Menschenverstand kann es nur das geben, was man sehen und überprüfen kann.“

Einstein lächelt und antwortet: „Na, dann kommen Sie doch bitte mal nach vorne und legen Sie Ihren gesunden Menschenverstand hier auf den Tisch.“

Ja, der menschliche Verstand ist schon eine äußerst nützliche Einrichtung, aber er hat seine Grenzen. Und gerade die wesentlichen Dinge kann man eben nicht mit dem Verstand erfassen: Die Liebe, zum Beispiel. Oder die Hoffnung. Oder den Glauben.

Und für mich gehört gerade zu einem Menschen mit gesundem Menschenverstand dazu, dass er sich dieser Begrenztheit bewusst ist.

Ich kenne beispielsweise einen Arzt, der ist durch und durch Schulmediziner. Und wie Schulmediziner eben sind, glauben die auch nur an das, was sie sehen und überprüfen können. Homöopathie etwa gehört nicht dazu.
Am Ende einer Untersuchung wird dieser Arzt immer mal wieder gefragt: "Ach, Herr Doktor, was ich Sie noch fragen wollte: Ich hab das so ne Warze, die geht nicht weg. Können Sie mir da was empfehlen?“

Dann greift er regelmäßig nach einer Packung homöopathischer Kügelchen und gibt seinen Patienten drei davon. Die gucken ihn dann ganz ungläubig an.
Und er sagt: „Sie wissen ja, ich halte nichts davon. Aber meine Frau hat mir die gegeben, und sie schwört darauf. Und soll ich ihnen was sagen? Bei den meisten Patienten gehen die Warzen wirklich davon weg.“ 

 „Bist du da nicht inkonsequent?“ fragen ihn manchmal seine Kollegen.
„Nö“, meint er. „Nur weil ich nicht verstehe, wie es funktioniert, muss ich es doch nicht gleich verwerfen.“ Ich weiß auch nicht, wie vieles funktioniert… - Nehmen wir die Liebe…

Oder warum Menschen, die an Gott glauben, oft über sich selber hinauswachsen. Das geht auch über meinen Verstand. Aber was wären wir ohne Menschen, die glauben und lieben; und gegen jede Wahrscheinlichkeit auf das Gute hoffen…?

https://www.kirche-im-swr.de/?m=21818

„Wie hältst du das eigentlich aus, immer mit kranken Menschen und Sterbenden zu tun zu haben? Das schüttelt man doch abends nicht so einfach aus den Kleidern!“ Das werde ich oft gefragt.

Als Pfarrerin geht es mir nicht anders als in jedem anderen sozialen Beruf. Wenn man andere Menschen begleitet, gehen einem immer Schicksale nach; das lässt sich kaum vermeiden. Und das finde ich das auch gar nicht schlimm. Ich habe mir ja mit Absicht einen sozialen Beruf ausgesucht; und da will ich eben auch mein Herz einbringen. 

Natürlich brauche ich dazu auch immer wieder Pausen. Abstand. Auch, um mir klar zu machen:
Es sind  ja nicht meine Krankheiten, mit denen ich mich beschäftige. Und es ist auch nicht mein Sterben. Es geht mir zwar nahe – aber es ist das Leid der an-deren. Ich begleite es nur.

Allerdings - eines erstaunt mich dabei immer wieder:
Eigentlich habe ich fast immer das Gefühl, ich bekomme mehr, als ich gebe. Und verlasse das Krankenhaus seltsam gestärkt. Vielleicht, weil ich es als ein unschätzbares Glück empfinde, wenn anderen Menschen mir vertrauen. 

Und noch etwas erstaunt mich immer wieder: Von den Kranken oder Sterbenden geht auch eine seltsame Kraft aus. Manchmal kommt sie aus einem Prozess der inneren Reifung: Da hat jemand aufgehört, gegen das Unabwendbare anzukämpfen. Hat es angenommen… Und ruht plötzlich in sich, dem Himmel näher…

Aus solchen Augen spricht manchmal eine Weisheit, die mir noch verborgen ist. Und eine Dankbarkeit, die mich berührt.

Die Bibel beschreibt das auf wunderschöne Weise. Da sagt Gott zu einem, der sich grenzenlos ohnmächtig fühlt: „Lass dir an meiner Gnade genügen. Denn meine Gnade ist in den Schwachen mächtig.“ (2.Kor 12,9)

Wer die Kontrolle an Gott übergibt, der erlebt offenbar eine ungeahnte Freiheit. Und einen ungeahnten Frieden. - Gnade, eben. Und etwas davon geht auf die über, die ihm nahe sind.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=21817

 Im Krankenhaus will ich eine Patientin besuchen und stelle mich als Krankenhausseelsorgerin vor. Sie sieht mich skeptisch an. „Solange Sie mich nicht trösten wollen...“

„Versprochen!“ sage ich. „Ich werde Sie bestimmt nicht trösten.“
Sie lacht und ich darf mich zu ihr setzen. „Was ist denn so schlimm am Trösten?“ frage ich.

„Ach, die vielen Sprüche. Das ertrag ich nicht. Ich liege hier schon seit drei Monaten, wegen diesem blöden Keim, der sich da nach meiner Hüft O.P. eingenistet hat, und nicht mehr raus will…  Da kommt man schon an seine Grenzen, auch nervlich. Und dann die vielen Operationen: Hüftgelenk wieder raus, Platzhalter rein… - na, sie kennen das bestimmt schon.

Jedenfalls, neulich besucht mich eine Bekannte, die ist so ein bisschen fromm. Und die sagt doch glatt zu mir: Der Herrgott lädt keinem mehr auf, als er tragen kann. Da fällt einem doch nichts mehr ein!“
 „Ja“, sage ich, „solche Sprüche sind kein Trost. Die machen es oft nur noch schlimmer. Wie haben Sie reagiert?“

„Ich war stinkwütend! Eigentlich wollte ich ihr an den Kopf knallen: Bei dir ist das vielleicht so… - Ich bin ja ziemlich direkt. Aber dann ist mir im letzten Augenblick wieder eingefallen, dass ihr Sohn vor vielen Jahren durch einen Motoradunfall ums Leben gekommen ist. Das war schrecklich! Und da habe ich mir eine Antwort verkniffen.“

 „Gut, dass Ihnen das eingefallen ist. Das hätte was auslösen können…“
„Oh, ja. Und dann wäre ich die Böse gewesen…“ Sie verzieht das Gesicht und wir müssen beide lachen.

„Mir ist die Geschichte aber noch lange nachgegangen“, sagt sie. „Der Herrgott lädt keinem mehr auf, als er tragen kann… Also, ich mag den Spruch immer noch nicht. Aber vielleicht hat er ja meiner Bekannten damals geholfen, weil sie gläubig ist…“

„Das ist  gut möglich“, sage ich. „Aber es macht einen großen Unterschied, ob man so einen Satz zu sich selber sagt, oder zu einem anderen.“Sie nickt. „Aber ehe ich den Satz zu mir selber sagen würde, müsste Gott sich ganz schön was anhören von mir, das können Sie mir glauben!“ Sie sieht mich an. Sie können ihm aber ruhig ausrichten, dass es nett von ihm war, Sie zu schicken.“

 

https://www.kirche-im-swr.de/?m=21816

„In Herne flogen bei einer Diskussion über Flüchtlinge Steine. In Godorf  bei Köln legten Brandstifter in einem neu errichteten Heim gleich zweimal Feuer. Und in Stuttgart brannte ein Übergangsheim bis auf die Grundmauern nieder…“ Nein, das sind keine aktuellen Nachrichten. Das alles ist ein viertel Jahrhundert her.

Sie stammen aus der Zeit kurz nach dem Mauerfall.  Auch damals war eine Grenze geöffnet worden. Auch damals gab es einen Flüchtlingsstrom. Und auch damals kamen die Neuen aus einer uns ziemlich fremden Kultur: nämlich aus der DDR, der  Deutschen Demokratischen Republik.

Ja, und auch damals hatten viele Angst. Die einen vor dem Unbekannten und Neuem; und vor Ablehnung und Hass… Die anderen hatten Angst, dass man ihnen etwas wegnimmt, was ihnen zusteht. Viele wünschten sich die Zeit zurück, wie es vorher war; manche sogar die Mauer... 
-Was ist geschehen, dass man sich kaum mehr daran erinnern kann?

Wir sind wohl irgendwie zusammengewachsen – das ist geschehen. Wir sind normal geworden, für einander, Alltag. Ossis sind nichts Besonderes mehr. Und Wessis auch nicht. Kamen früher alle rüber, sind manche Städte im Osten mittlerweile richtig angesagt. Und dann geht der Strom plötzlich in die andere Richtung.

Die Jungen, z.B. meine Kinder, können sich gar nicht mal mehr daran erinnern, dass es jemals anders war: Ein geteiltes Land. – Mit geteilten Köpfen und geteilten Herzen; und mittendurch eine brandgefährliche Mauer.

Es hat viel Geduld und Zeit gebraucht, mit der Annäherung. Viel guten Willen auf allen Seiten. Der Weg war gepflastert mit Anstrengungen und Rück-schlägen…

Aber die gute Nachricht ist: Irgendwann haben wir uns an aneinander gewöhnt. Selbst diejenigen, die das gar nicht wollten. Die positiven Kräfte hatten einfach den längeren Atem.Und deshalb habe ich auch so meine Hoffnungen, in der Flüchtlingskrise:

Dass es irgendwann, wenn sie mal überstanden ist, einfach normal sein wird, dass es noch bunter geworden ist, in unserer Gesellschaft. Dass wir uns  aneinander gewöhnen. Selbst diejenigen, die das gar nicht wollen.
Und die Jungen sich nicht mal mehr daran erinnern, dass es jemals anders war…

https://www.kirche-im-swr.de/?m=21815

Spirituelle Erfahrungen kann man sogar beim Essen kochen machen. Ich hatte ein Erlebnis mit einem toten Huhn – die Vegetarierinnen und Veganer unter Ihnen mögen es mir bitte nachsehen.

Eigentlich habe ich schon lange keinen Appetit mehr auf Hühnchen Fleisch, nach allem, was man im Fernsehen so sieht; und wie die Tiere in der Massenzucht bei uns behandelt werden: wie Waren - und nicht wie Lebewesen.
Aber dann habe ich so ein richtig schönes Huhn im Bio-Markt gesehen.

Dieses Huhn hat mir schon bei der Zubereitung mächtig Ehrfurcht eingeflößt. Bei einem ganzen Huhn lässt sich ja schwerlich übersehen, dass es mal ein Tier war, mit Beinen und Flügeln; eins, das noch vor ein paar Tagen gackernd und nichts ahnend durchs Gehege gelaufen ist. Und das jetzt als Nahrung vor mir liegt.

Es gibt Naturvölker, die bitten das Tier, das sie erlegt haben, um Verzeihung. Und sie bedanken sich bei ihm.
So in etwa lässt sich das beschreiben, was in mir vorgegangen ist. Einerseits tat´s mir Leid um das Huhn. Andererseits war ich dankbar, dass ich es zum Essen hatte. Das klingt vielleicht ein bisschen schräg, mit einem toten Huhn zu reden. Aber es hat meine Haltung verändert. Meine Haltung zu allem, was ich esse.

Eigentlich sollte man immer Achtung haben vor dem, was man zu sich nimmt.
Schließlich ist alles, was wir an Lebensmitteln kaufen, durch viele Hände gegangen, bis es auf unserem Teller landet. Das Gemüse hat jemand gepflanzt. Jemand musste es pflegen. Und jemand musste es ernten. Und es waren viele Wege nötig, bis wir es kaufen konnten.
Wenn man sich das so bewusst macht, versteht man besser, warum es früher üblich war, vor dem Essen zu beten.

Da haben die Leute noch am eigenen Leib erfahren, mit wie vielen Mühen und Anstrengungen all das verbunden war, was wir uns heute mal eben in den Einkaufswagen legen. Dem Himmel sei Dank! Haben sie gesagt, wenn es ausreichend Regen und Sonne gegeben hat, um was ernten zu können.

Übrigens, wenn Sie auch zu denen gehören, die gerne artgerecht gehaltene Hühnchen essen wollen - es ist gar nicht so teuer. Ich habe ausgerechnet: mein Huhn hat für drei verschiedene Gerichte gelangt. Und wir sind zu zweit dreimal davon  satt geworden. Und ne Hühnersuppe gab´s noch obendrein.

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