Manuskripte

In Kindern steckt manchmal eine Weisheit, die macht uns Erwachsene geradezu sprachlos. Deshalb stellte Jesus einmal ein Kind in die Mitte und sagte:
„Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen.“ 

Sophia ist auch so ein Kind. Sophia will unbedingt ein Haustier haben. Aber ihre Mutter sagt immer wieder: Nein. Denn Sophia hat so viele Allergien, da soll sie nicht auch noch eine Tier-Haar Allergie dazu bekommen.

Das ändert aber nichts an ihrem Wunsch; Sophia möchte trotzdem ein Haustier haben, und sei es auch noch so klein.

Eines Tages beobachtet ihre Mutter, dass Sophia sich irgendwie sonderbar verhält, als sie von der Schule nach Hause kommt. Immer wieder guckt sie in ihre Hosentasche.
„Was hast du denn da?“  Fragt die Mutter.

Sophia holt vorsichtig ein verknülltes Taschentuch aus der Hosentasche. Sie sich wickelt es auf und eine reichlich mitgenommene Raupe kommt zum Vorschein. „Schau…“, sagt Sophia und streckt sie ihr stolz entgegen.

„Das ist eine Raupe“, sagt die Mutter und sieht genauer hin. „Aber… - die ist ja schon tot!“
„Na und?“ sagt Sophia. „Aus einer toten Raupe kommt auch ein Schmetterling. Nur ganz woanders. Deshalb können wir den Schmetterling auch nicht sehen.“

Für die Mutter ist die Sache klar: Die Raupe ist hinüber - aus und vorbei.
Aber für Sophia ist der Tod keine absolute Grenze. Eher ein anderer Zustand, aus dem sich auch noch alles Mögliche entwickeln kann. Man lebt auch nach dem Tod noch weiter. Nur woanders eben…

Und so ähnlich stelle ich mir das mit der Auferstehung vor.
Klar, mit den Augen der Vernunft ist tot gleich tot. Aus und vorbei. Da rührt sich gar nichts mehr.

Aber mit den Augen des Glaubens, sieht das völlig anders aus. Mit den Augen des Glaubens sieht man ein bisschen wie ein Kind: Sieht, dass da noch was verborgen ist, hinter der sichtbaren und begreifbaren Welt. Etwas, das höher ist als unsere Vernunft. Unmögliches kann möglich werden, tot bleibt nicht tot, sondern uns wird neues, vollendetes Leben geschenkt. 

Mit den Augen des Glaubens sieht man ein bisschen wie Sophia. Man hat eine Ahnung davon, was bei Gott alles möglich ist…

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„Ein Mensch sieht, was vor Augen ist; Gott aber sieht das Herz an“, sagt die Bibel (1.Sam 16,7).

Mein Herz hat Gott schon oft angesehen. Manchmal spüre ich das, wenn ich allein unterwegs bin, draußen, in der Natur. Oder wenn ich bete. Dann fühle ich mich angenommen und verstanden. Und irgendwie wird es mir dann leichter ums Herz, denn Gott brauche ich nichts vorzumachen.

Manchmal sieht Gott uns aber auch ins Herz mit den Augen eines anderen Menschen. Und meine Erfahrung ist: Menschen, deren Leben zu Ende geht, haben diesen besonderen Blick…

Ich denke da an einen Patienten, den ich im Krankenhaus besucht habe. Eigentlich hatte er mit Kirche nichts am Hut. Das sagt er gleich, als ich mich vorstelle. Dennoch bittet er mich, dass ich mich setze. Und dann erzählt er - ohne Umschweife - von der niederschmetternden Diagnose, mit der er ringt. Und welche Folgen das hat, für seine Familie...

Seltsam, wie schnell ein Vertrauen zwischen uns ist - wie aus dem Nichts.   
Irgendwann atmet er tief durch und sagt:
„Naja, so ist das Leben. Alle haben an etwas zu tragen…“
Dann schaut er mich aufmerksam an und meint:
"
Sie auch. Das sehe ich in ihren Augen.“

Das kam überraschend für mich. Und sofort schwimmen mir die Augen. Es war nämlich der Todestag meiner Freundin. Und ich war traurig. Ich schaue ihn an und nicke. Das genügt ihm.

Irgendwie haben wir für einen Augenblick die Rollen getauscht. Er hat das Verborgene gesehen, das kein anderer gesehen hat. Und hat mit mir gefühlt. Und ich durfte für einen Moment sein, wie mir zumute war.

Beim Abschied hält er meine Hand eine Weile fest und drückt sie an sich. Es braucht keine Worte mehr. „Ein Mensch sieht, was vor Augen ist; der Herr aber sieht das Herz an“, sagt die Bibel. Ja, und manchmal sieht er mit den Augen eines Mitmenschen.

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Kehrt um, sagt die Bibel, kehrt um und ihr werdet leben!
Klingt gut, ist aber oft nicht so einfach. Wie geht man mit einem Fehler um, der eigentlich strafbar ist? Ein Fehler, so groß, dass man gar nicht weiß, wie man den wieder gutmachen kann? 

Eine Freundin von mir hat so etwas Mal hautnah miterlebt.
Es war viele Jahre her, da hat ihr Mann ihr eine Kette geschenkt, mit einem Brillant -Anhänger. Sie liebte die Kette sehr und hat sie oft getragen. Bis sie plötzlich verschwunden ist. Sie konnte sich das überhaupt nicht erklären. Sie hat überall gesucht. Aber die Kette blieb verschwunden.

Jahre später, sie hat die Kette längst vergessen, klingelt es an ihrer Haustür. Sie öffnet und ein fremder Mann steht vor ihr. Sie staunt nicht schlecht, als sich der Mann vorstellt: Pfarrer sei er, und er habe den Auftrag, ihr was zu überbringen. Sie bittet ihn herein und wartet gespannt. Da holt er einen Briefumschlag aus seiner Tasche und übergibt ihn ihr. Sie öffnet ihn und traut ihren Augen kaum: Im Umschlag liegt die verlorene Halskette. 

Dann erfährt sie vom Pfarrer die ganze Geschichte: Der Mann, der die Kette gestohlen hat, hatte mal als Handwerker in der Wohnung meiner Freundin zu tun gehabt. Er brauchte ein Verlobungsgeschenk und da kam ihm die Kette gerade recht.   

Doch seine Freundin konnte nicht glauben, dass er sich so eine Kette leisten konnte. Und bedrängt ihn solange, bis er schließlich zugibt, dass er die Kette gestohlen hat. Und bis er einsieht, dass er einen großen Fehler begangen hat. – Doch wie die Sache wieder gerade biegen?

Die Freundin des Mannes hat ein paar Jahre gewartet. Dann hat sie sich an ihren Pfarrer gewandt und ihn gebeten: „Könnten sie die Kette an die Besitzerin zurückgeben und sich in unserem Namen bei ihr entschuldigen?“

Und so hat sich der Pfarrer der Sache angenommen, und im Namen des Mannes um Vergebung gebeten. Und das Schöne ist: Meine Freundin hat sich so über die Kette und die Geschichte gefreut, dass sie alles andere vergessen und vergeben hat.

Kehrt um und ihr werdet leben, sagt die Bibel. Weil man dann neu anfangen kann.

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Geht das zusammen: Verbrechen und Mitmenschlichkeit? – Also: Kann ein Mensch böse und gut zugleich sein?

Ich habe da eine interessante Geschichte gehört, über einen Einbrecher:
E
in Arzt im Ruhestand, schon etwas älter, wird nachts von so komischen Geräuschen wach. „Das muss ein Einbrecher sein…“, denkt er. Und weil er außerdem noch Jäger ist, steht er leise auf und holt sein Gewehr. Und schleicht langsam die Treppe herunter, um nachzusehen, woher die Geräusche kommen. Und da ertappt er doch tatsächlich einen Einbrecher auf frischer Tat!

Vermutlich hat er dann „Hände hoch, oder ich schieße“ gerufen, oder so was ähnliches. Aber der Einbrecher ist schneller und rennt weg. Der Hausbesitzer läuft hinterher und verfolgt ihn mit dem Gewehr. Doch mitten im Lauf erleidet einen Herzstillstand und bricht zusammen.

Und jetzt passiert das Erstaunliche: Als der Dieb merkt, dass sein Verfolger stehengeblieben ist, sieht er sich um. Er erkennt den Ernst der Lage, läuft zurück, ruft einen Krankenwagen und macht Widerbelebungsversuche, bis der Rettungsdienst kommt. Und der Mann überlebt.

Also, so paradox das ist, es geht zusammen: Verbrechen und Mitmenschlichkeit.

Offenbar hatte dieser Einbrecher keine Skrupel beim Stehlen. Aber als es um Leben und Tod geht, kann er einfach nicht anders handeln. – Ausgerechnet ein Krimineller, von dem man das am allerwenigsten erwartet.

Jetzt ist das natürlich eine außergewöhnliche Geschichte. Und doch, wenn man genauer hinsieht, sind die meisten Menschen so: gut und böse zugleich. Schon Paulus, in der Bibel, weiß ein Liedchen davon zu singen:

„Nicht das Gute, das ich tun will, tue ich“, sagt er, „sondern das Böse, das ich nicht tun will…“.

Ich glaube, so sind wir Menschen gestrickt. Wir haben alle Möglichkeiten in uns. Manchmal bewähren sich unsere guten Anteile. Und manchmal setzt sich das Zerstörerische in uns durch. Deshalb müssen wir aufeinander achtgeben. Damit keiner abgeschrieben wird und verloren geht.

Und das Schöne ist: manchmal wachsen wir auch über uns selbst hinaus. Das sind so Situationen, in denen wir beherzt einspringen - ohne groß Vor- und Nachteile abzuwägen - und zupacken, helfen, oder was immer die Situation gerade verlangt. Wie dieser Einbrecher.

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„Ich habe doch gar nichts gemacht“, erzählt mir eine Frau. „Ich hab doch nur zugehört!“ Sie wollte ihre Mutter besuchen, im Krankenhaus, und ist aus Versehen in das falsche Zimmer gelaufen. Da lag eine alte Dame, die war da ganz allein. Eigentlich wollte sie gleich wieder gehen, aber die Frau hat sie so traurig und verloren angesehen, da ist sie geblieben.

Und die alte Dame hat ihr erzählt, dass sie in der letzten Zeit so viel an die schlimmen Zeiten denken muss, an den Krieg und die Nazis. Und dass ihre Mutter sie immer beschworen hat, doch den Mund zu halten. Weil man immer Angst haben musste, denunziert zu werden. Und sie hat erzählt von den vielen Kindern, die an Diphterie gestorben sind, früher; und von ihrem Mann und von Kriegsgefangenschaft.

Als die Frau sich schließlich von ihr verabschieden will, hat die alte Dame lange ihre Hand festgehalten und hat gar nicht aufgehört, sich zu bedanken.

„Und dabei habe ich doch gar nichts gemacht.“ Sagt die Frau zu mir. „Einfach bloß zugehört…“.

Bloß zugehört…?“ Sage ich. „Wissen Sie eigentlich, was für eine Fähigkeit das ist: Zuhören? Das ist etwas ganz Besonderes, wenn einem jemand die ungeteilte Aufmerksamkeit schenkt. Das tut so gut - manche Menschen fühlen sich hinterher wie neugeboren. Deshalb hat die alte Dame sich auch so bedankt.

Ich denke an das Buch „Momo“, von Michael Ende:

Momo ist ein Mädchen. An einer Stelle wird beschrieben, wie gut sie zuhören kann. Momo kann auf geradezu geniale Weise zuhören. Sie hört so zu, dass die Leute ganz von selbst Lösungen für ihre Probleme finden. Und dabei sagt Momo kein einziges Wort. Sie hört nur zu. Aber eben so, dass die Leute hinterher das Gefühl haben, Momo hätte sie beraten. Weil sie ihren Gedanken so weiten Raum gegeben hat, dass sie sie zu Ende denken konnten.

Zuhören ist eine großartige Fähigkeit. Es ist die Fähigkeit, innezuhalten und ganz beim anderen zu sein. Das ist Balsam für die Seele.

Und selbst, wenn man nicht sehr gut darin ist - es lässt sich jederzeit erlernen.  Und vor allem: man kann es jeden Tag neu üben.

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Einer gegen den Rest der Welt - was kann denn einer allein schon ausrichten? Ich glaub ja: Wahre Wunder.

So geschehen in einer S-Bahn in Köln. Die Fahrgäste besteigen am frühen Morgen die S-Bahn. Die meisten sind noch müde, der Blick nach innen gerichtet; aber auch schon ein wenig in den Tag, der nichts wie Arbeit und Anstrengung verspricht. Manche Fahrgäste haben sich mit geschlossenen Augen nach hinten gelehnt; andere starren auf ihr Handy; wieder andere sind mit Musik verkabelt, den Blick ins Leere…

Plötzlich ertönt die Lautsprechanlage: „Verehrte Fahrgäste, hier spricht ihr Zugführer. Ich wünsche Ihnen einen wunderschönen, guten Morgen.“

Die Fahrgäste schauen verwundert auf.
„Ich habe die ganze Nacht durchgearbeitet und dies ist meine letzte Fahrt. Und wissen Sie was? Ich freue mich, dass Sie dabei sind.“   
J
etzt huscht ein Lächeln über viele Gesichter.

„Liebe Fahrgäste, gleich, wenn wir aus dem Tunnel rauskommen, schauen Sie doch bitte mal in Fahrtrichtung nach links.“ Ein paar Sekunden später schießt die S-Bahn aus dem Tunnel heraus und tatsächlich bewegen sich alle Köpfe nach links.

Dann die Stimme des Zugführers: „Sehen Sie diesen wunderschönen Sonnenaufgang, da hinten, die ersten Strahlen? Die möchten mit uns den Tag begrüßen. Sehen Sie doch mal genau hin, wie schön alles aussieht, in diesem ersten Morgenlicht…“

Die Leute sehen hin und nicken anerkennend. Manch ein Blick trifft sich, man lächelt sich zu.    

„Ja, liebe Fahrgäste, und bevor uns nun bald die ersten Gäste wieder verlassen, schauen Sie sich doch mal ihre Sitznachbarin oder ihren Sitznachbarn an und wünschen ihm einen guten Tag.“

Großes Gelächter. Und tatsächlich, wo man hinsieht, wünschen die Fahrgäste einander einen guten Tag; manche geben sich sogar die Hand und stellen sich vor. Der Zugführer hat sie verzaubert. Es war nur ein Einzelner. Aber alle steigen verändert aus.

 

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Inbegriff der Trostlosigkeit: krank, ohne Arbeit, ohne Lohn, nicht einmal ein Dach über dem Kopf.Der Reiche geht achtlos an Lazarus vorüber.
Doch als die beiden sterben, wandeln sich ihre Geschicke: Nun liegt Lazarus in Abrahams Schoss. Der vormals Reiche hingegen muss in der Hölle schmoren. Und als er auch nur um ein bisschen Wasser bittet, muss er erfahren: Da ist nichts zu machen. Die beiden Welten sind unerreichbar voneinander getrennt.

Die Geschichte hat zwei Botschaften. Eine an die Armen und eine an die Reichen. Den Armen sagt er: Lasst euch eure Würde und Hoffnung nicht nehmen. Es gibt eine ausgleichende Gerechtigkeit. Wenn nicht hier und jetzt, dann am Ende der Zeit, bei Gott.

Die andere Botschaft geht an die Mächtigen und Erfolgreichen. Für sie ist die Geschichte eine Warnung und ein Ruf in die Verantwortung.

Wenn wir hier, wo wir leben, achtlos über die Bedürfnisse der Ärmsten hinweggehen, wenn wir ihnen nur zugestehen, sich das zu nehmen, was von unserem Tisch fällt, wenn wir sie nicht Teil haben lassen an Arbeit und Bildung, dann wird das irgendwann für uns die Hölle werden.

Zum Teil können wir das ja schon erleben. Jahrelang haben wir vor Afrika das Meer leergefischt, haben Waffen an Dikatoren verkauft – bis es für die Menschen dort unerträglich wurde und sie jetzt vor Armut und Krieg fliehen - zu uns. 

Es ist keine Drohung, wenn Jesus sagt: Der Reiche muss in der Hölle schmoren. Es ist die natürliche Folge davon, dass der Reiche sich abgetrennt hat von der Not der Armen.
Es gibt eine ausgleichende Gerechtigkeit, meint Jesus. Böse Taten kommen zurück auf den, der sie tut. Wenn nicht hier, dann irgendwann.

Es lebt sich besser, wenn man den, der vor unserer Tür liegt wie Lazarus, oder der auf den Fluren unsrer Arbeitsamtämter wartet, nicht vergisst.  Es lebt sich besser, wenn alle teilhaben können an Arbeit, Lohn und Wohlstand.

 

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 „Das letzte Hemd hat keine Taschen“, sagt man. Alles, was wir im Laufe des Lebens angesammelt haben – wie müssen es zurücklassen. Selbst das, was uns auszeichnet, Titel und Ämter, alles. Jeder weiß das. Aber nicht jeder macht sich das klar…

Die Bibel erzählt die Geschichte von einem reichen Bauern, der hat das total verdrängt. Der freut sich über seine super Ernte und dass er nun Vorräte für Jahre hat. Jetzt hat er ausgesorgt. Er lehnt sich zufrieden zurück und beschließt, das Leben von nun an in vollen Zügen zu genießen.

Das ist ein bisschen wie mit der Rente: Die meisten freuen sich auf den Tag, an dem sie genug Arbeitsjahre auf ihrem Zeitkonto angehäuft haben. Endlich der wohlverdiente Ruhestand! Sagen sie sich. Jetzt nur noch  Freundschaften pflegen, Kontakte wieder aufnehmen, was unternehmen  - und endlich Zeit haben …

Das Dumme in der biblischen Geschichte ist:
Als der Bauer sich gerade zufrieden zurücklehnt, macht Gott ihm einen Strich durch die Rechnung. „Du Narr!“, sagt er. „Noch in dieser Nacht wird man dein Leben von dir zurückfordern. Wem wird dann alles gehören, was du angehäuft hast?“

Der Bauer hat die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Er hat vor lauter Pläne schmieden vergessen: Du bist ja gar nicht Herr über deine Lebenszeit! Es muss nur ein Unfall passieren, es muss einen nur eine Krankheit erwischen, und schon sind alle schönen Pläne über den Haufen geworfen! 

Natürlich müssen wir unser Leben planen und vorsorgen. Aber der reiche Bauer meint: Das hab ich mir verdient, das steht mir zu, nach der ganzen Plackerei!

Ich glaube, Gott stört sich an der Selbstgefälligkeit. Der Bauer plant alles ganz alleine. Er glaubt, er hat sich alles selbst zu verdanken. Kein Gedanke daran, dass er so viel Glück gehabt hat im Leben. Wir hören auch kein Wort der Dankbarkeit.

Und daran will die Geschichte erinnern: Nichts haben wir nur uns selbst zu verdanken. Nicht mal unseren Fleiß. Oder das Durchhaltevermögen. Alles das ist uns geschenkt. Auch ob wir die Zeit erleben, in der wir uns nach der vielen Arbeit ausruhen können, ist ein Geschenk. Eins, auf das man sich in aller Bescheidenheit freuen kann.

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Wer mag schon halbe Sachen? Ganz oder gar nicht – heißt es oft. Aber Halbheiten?
Mir ist aufgefallen: In Glaubensdingen gibt es viele Halbheiten. Es gibt Leute, die gehen zwar ab und zu in die Kirche und lassen sogar ihre Kinder taufen. Aber sie sagen von sich, dass ihre Zweifel stärker sind, als ihr Glaube. Oder dass sie nicht so ganz gläubig sind, aber auch nicht ganz ungläubig. Halt irgendwas dazwischen, eben.   

Fulbert Steffensky, ein bekannter Theologe, nennt diese Leute „Halbchristen“ - und er meint das gar nicht böse. Halbchristen - das sind für ihn die, die früher mal was mitbekommen haben von christlichen Bräuchen. Die vielleicht noch so ihre Kindheitserinnerungen haben. Von Weihnachten mit dem Krippenspiel oder Erntedank mit Kürbissen in der Kirche. Und die das noch immer schön finden, wenn sie dran denken. Aber sie denken eben nur ab und zu daran, bei bestimmten Gelegenheiten. Und dann glauben sie wie früher, als Kind.

Es gab Zeiten, da hatte mancher Pfarrer für solche Halbheiten wenig Verständnis. Da hat er an Weihnachten die Gelegenheit dazu genutzt, die Leute ordentlich zu beschimpfen, weil sie nur an Weihnachten in die Kirche kommen.

Aber:
Solange sich Weihnachten ohne Gottesdienst nicht richtig anfühlt, ist da doch noch eine Sehnsucht. Ich glaub, diese Sehnsucht ist entscheidend. Wenn mich  die Sehnsucht treibt, dann bin ich noch nicht fertig mit dem Thema Glaube. Dann bin ich unterwegs. Und dann ist es auch nicht wichtig, ob ich richtig  genug glaube. Das kann ich sowieso lieber Gott überlassen. Und solange ich unterwegs bin, gehören Zweifel und Halbheiten zum Glauben dazu. So wächst der Glaube, in ganz kleinen Schritten.

Und wenn man unsicher ist und nicht so genau weiß:
Wie geht das eigentlich, glauben? Dann kann man in der Kirche zusehen, wie andere es machen. Manchmal steckt der Glaube der Anderen an. Manchmal lernt man es durch  Zusehen und sich was Abschauen.

Eigentlich braucht es nur den Mut, klein anzufangen. Bescheidenheit ist im Glauben eine gute Haltung. Und die Einsicht, dass wir alle immer nur unfertig vor Gott treten. Mit Halbheiten, eben...

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Abwarten und geduldig sein – manche halten das für vertane Zeit. Es sieht aus wie: nichts tun können oder wollen. Aber grade beim Nichtstun können große Dinge entstehen. Jesus erzählt dazu ein Beispiel aus der Natur.

 „Ein Bauer ging auf seinen Acker um zu säen“, sagt er. Und dann beschreibt er, was mit der Saat geschieht: Der Bauer säet sein Getreide aus und dann legt er sich schlafen. Am nächsten Tag geht er wieder auf sein Feld und denkt sich: „Jetzt kann ich nichts mehr tun. Was in meiner Macht steht, habe ich getan.“

Jetzt muss er warten und die Zeit für sich arbeiten lassen.  Das ist gar nicht so leicht. - Wird es Früchte tragen, was er gesät hat?  
So ist es einer alten Bekannten ergangen. Wir haben uns eine Ewigkeit nicht gesehen.
„Ich muss Dir unbedingt was zeigen“, sagt sie, kaum dass wir uns begrüßt haben. Sie zückt ihr Smartphone und wischt ein paar Bilder hin und her – dann hält sie es mir unter die Nase.

Ich erkenne zwei Gesichter. Junge Menschen, die mich fröhlich anlachen. „Deine Kinder…?“
Ja, genau. Aber schau doch mal, wo sie sind!“
Ich blinzle ein paar Mal, aber bei aller Mühe, ich kann nichts weiter erkennen.
"
Taize´! Sie sind in Taize´!“ ruft sie.
„In Taize´...?“

Taize´ ist eine Bruderschaft und Glaubensgemeinschaft in Frankreich. Viele junge Menschen fahren da hin. Ich mag es sehr.

Aber was in aller Welt ist daran so aufregend? Dann dämmert es mir. Früher haben sich ihre Kinder Null interessiert für ihre Arbeit als Pfarrerin in der Gemeinde, für den christlichen Glauben, oder für die Kirche…Sie hat ihre Kinder damals nie gedrängt, mit in die Kirche zu gehen. Und doch hat es ihr wehgetan.
„Hey, das ist ja toll! Wie ist denn das gekommen?“ frage ich.

„Keine Ahnung. Der Große hat seinen Bruder dazu eingeladen. Es war sein  Examensgeschenk:  Stell dir vor - eine Woche Taizé, drei Gottesdienste am Tag - und sie lieben es! Da haben sie mir das Bild geschickt. Ich kann es immer noch nicht glauben…“

Es ist wie bei dem Bauern: Wir tun etwas, aber ob es Früchte trägt, liegt nicht in unserer Hand. Und manchmal entsteht etwas Neues, wenn wir gar nicht mehr damit rechnen.  

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