Manuskripte

Die Leute sagen oft zu mir: „Wissen Sie was? Das Neue Testament und die Geschichten über Jesus – die sind schön. Aber das Alte Testament, mit diesem strafenden Gott, damit kann ich überhaupt nichts anfangen.“
Warum empfinden das eigentlich so viele Leute so: Der liebende Gott – hier; der strafende Gott – dort? Es ist doch immer derselbe Gott, von dem die Bibel spricht.

Ich erkläre mir das so: Die Menschen haben zu jeder Zeit mit Gott ihre Erfahrungen gemacht. Aber immer anders, eben. Denn die Zeiten wandeln sich. Und damit auch die Vorstellungen von Gott. Und je größer der zeitliche Abstand ist, desto schwerer tun wir uns mit den alten Vorstellungen der Leute, und ihren Geschichten.

In der Paradiesgeschichte mit Adam und Eva, zum Beispiel - da läuft Gott noch höchstpersönlich im Paradiesgarten herum und spricht mit den ersten Menschen. Und keiner stört sich daran. Die Menschen haben sich den Kontakt mit ihrem Schöpfer früher ganz leibhaftig vorgestellt.

In einer anderen Zeit haben sie Gott erlebt als den, der Partei ergreift, ja, der sogar in die Geschichte eingreift, und sein Volk aus der Sklaverei in Ägypten befreit.

Und wenn sie Durststrecken dabei erleiden mussten, dann war für sie klar: Das kommt davon, dass wir eben nicht genug Vertrauen in Gott gehabt haben.

Ja, und daneben gibt es noch Geschichten, die sind wirklich düster. – Aber auch das spiegelt etwas wider von den harten Lebensbedingung und dem Kampf ums Überleben. Und doch: Sieht man genauer hin, steht dies alles, die ganze Bibel, unter einer einzigen, großen Klammer:

Es beginnt mit den ersten Menschen: Adam und Eva. - Die verstoßen gegen alle Regeln. Nach damaligem Verständnis müssten sie eigentlich dafür sterben. Aber - so die Geschichte - Gott überlegt es sich anders. Warum?

Weil er die Menschen liebt. Er vertreibt sie nur aus dem Paradies. Und näht noch eigenhändig Kleider für sie, damit sie nicht frieren, dort, jenseits von Eden. Diese Geschichte steht ganz am Anfang des ersten, des Alten Testaments. Und nimmt vorweg, was Jesus später erzählen und zeigen wird:

Gottes Liebe und Erbarmen ist größer als alles, was Menschen sich je vorgestellt haben. Und das zieht sich durch wie ein roter Faden.

 

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Es gibt schlimme Bilder, die einen nicht mehr loslassen: Ein schlimmer Unfall, und man musste alles mitansehen. Eine Gewalttat und man wird Zeuge. Erlebnisse vom Krieg in Syrien oder Afrika, die Geflüchtete uns hier erzählen. Wie geht man damit um?Die einen können die Bilder zur Seite schieben und weitergehen. Andere erstarren.  

In der Bibel gibt es zwei Städte, die sprichwörtlich geworden sind für Orte schlimmer Erfahrungen: Sodom und Gomorrha. Wenn die Leute beschreiben wollten, wie schlimm es irgendwo zugegangen ist, dann sagten sie „wie Sodom und Gomorrha!“ Deshalb – so erzählt die Bibel, wollte Gott die Städte zerstören.

Doch wo man Gewalt und Terror bekämpft, trifft es auch immer Unschuldige. In Sodom lebte so eine Familie, und die will Gott retten. Er schickt zwei Boten in die Stadt – zwei Engel.  Die sollen den Lot, seine Frau und die beiden Töchter so schnell wie möglich aus der Stadt bringen. Die Situation in Sodom eskaliert und die Engel drängen die Familie von Lot, sich zu beeilen. Sie sagen:

„Seht euch nicht um und bleibt auch nicht stehen, sonst kommt ihr um!“ Und während sie fliehen regnet es Feuer und Schwefel auf Sodom und Gomorrha.

Die Familie rennt und rennt. Nur Lots Frau nicht. Sie dreht sich um. Und erstarrt. Sie erstarrt zur Salzsäule, heißt es in der Bibel.Offenbar kann sie das nicht: einfach weitergehen und alles zurücklassen… All die Erinnerungen…. Da waren doch Nachbarn und Freunde… Menschen, die sie kannte. Ihr Zuhause. Und jetzt wird alles zerstört. Sie kann nicht wegsehen! 

Es gibt diese beiden Reaktionen:
Weiterrennen und alles andere ausblenden – oder vollkommen erstarren. Aber es muss nicht für immer sein. Auch die Getriebenen und die Versteinerten können wieder lebendig werden. Wenn jemand ihr Herz berührt. Manchmal braucht es dazu Therapeuten. Manchmal Engel, die einen an die Hand nehmen und herausführen…Und manchmal genügt auch ein einfacher Mit-Mensch.   

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Große Konflikte haben oft eine alte Geschichte. Ich denke etwa an Erbstreitigkeiten. Wenn man da nachhakt, geht es oft gar nicht in erster Linie ums Geld. In Wirklichkeit geht es um tiefsitzende Kränkungen aus der Kindheit; und das Gefühl, immer schon zu kurz gekommen zu sein… 

Manche solcher Konflikte lassen sich bis hin in biblische Zeiten zurückverfolgen. Z.B. die Konflikte zwischen Juden und Muslimen. Wir alle, auch die Christen, haben ja gemeinsame Wurzeln. Da ist z.B. unser Stammvater Abraham. Er gilt als Vater des Glaubens, und zwar für alle drei Religionen. Und von Abrahams Söhnen wiederum ist Isaak Stammvater der Juden, Ismael der der Muslime.

Und das kam so:
Gott hatte dem Abraham immer wieder einen Sohn versprochen. Aber er und seine Frau Sara werden älter und älter, und es tut sich nichts.  Da nimmt Sara die Sache selber in die Hand: Sie hat eine ägyptische Magd, die heiß Hagar. Die führt sie ihrem Mann zu und macht sie - sozusagen - zur ersten Leihmutter. Als Hagar schwanger wird, schaut sie auf Sara herab. Und ab da schwelen die Konflikte nur so, zwischen den beiden Frauen.

Hagar bekommt einen Sohn, den Ismael. Aber nicht lange, da wird auch Sara schwanger und bekommt den Isaak. Jetzt will Sara, dass die Rivalin endlich verschwindet. Sie liegt Abraham so lange in den Ohren, bis er Hagar und das Kind nimmt und die beiden wort-wörtlich in die Wüste schickt. Um ein Haar wären sie verdurstet, hätte Gott sie nicht - in letzter Sekunde - gerettet.

Für den anderen Sohn - Isaak - nimmt die Geschichte auch eine dramatische Wendung: Um ein Haar hätte Abraham auch den Isaak geopfert, wenn Gott nicht in letzter Sekunde eingegriffen hätte. Eigentlich ist es eine Geschichte über elterliche Verfehlungen und Lieblosigkeit. Und eine Geschichte über tiefsitzende Kränkungen in der Kindheit; und das Gefühl, zu kurz gekommen zu sein.

Es ist aber auch eine Geschichte über Rettung. Und über den wahren Vater,  der über alle seine Kinder wacht: über Ismael und Issak gleichermaßen. Und also über Juden, Christen und Muslime. Denn bei Gott kommt am Ende keiner zu kurz.

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Manche Geschichten hören sich wie Märchen an. Das ist immer so, wenn das Ende der Geschichte fast zu schön ist, um wahr zu sein. Und doch gibt es sie - diese wahren Geschichten. Und ich finde: sie müssen weitererzählt werden. Damit sie anderen Hoffnung und Mut machen, die Angst haben.

Eine dieser wahren Geschichten ist die:
Da war eine Frau in einem kleinen Ort, die hatte das Hotel ihrer Eltern übernommen; kein großes Hotel, eher eine Pension, mit 10 Zimmern, oder so. Jedenfalls, mit den Jahren war der Frau alles zu viel geworden. Sie wollte die Pension eigentlich schließen, da kamen die Flüchtlinge. Und da hat sie einfach beschlossen, eine Unterkunft daraus zu machen. Sie bekam eine Gruppe junger Männer zugewiesen, aus Syrien und Afghanistan.

Den Leuten im Ort standen die Haare zu Berge. Sie sagten: „Hast Du nicht Angst, so ganz allein mit lauter jungen Männern…? Was da alles passieren kann!“  „Nein“, sagte sie. „Das sind alles gute Jungs. Da brauche ich keine Angst zu haben.“
Vielleicht hatte die Frau einfach Glück. Vielleicht spielte auch ihr Vertrauen eine Rolle; und ihr Mut, ein Risiko einzugehen und etwas zu wagen...

Jedenfalls: Die jungen Männer behandelten sie mit Respekt, als sei sie ihre Mutter. Sie hatten ja alle keine Mutter mehr um sich. Und sie vermissten das so. Und der Frau machte es Freude, sie zu umsorgen, denn sie hatte keine Kinder.

Doch miteinemmal wird die Frau schwer krank. Sie ist so schwach, sie kann wochenlang nicht mal mehr aus dem Bett. Die Nachbarn sagen: „Sie muss in ein Pflegeheim, sonst stirbt sie uns noch.“

Aber die jungen Männer sehen das anders. Sie sagen zu der Frau: All die Monate hast du für uns gesorgt. Und jetzt sorgen wir für dich!“ Und sie machen einen Plan; sie kochen und putzen und kümmern sich abwechselnd um die Kranke, bis sie wieder auf die Beine kommt.

Mittlerweile haben einige eine Arbeitsstelle gefunden und sind weggezogen; einer hat geheiratet. Aber die Frau ist die Ersatzmutter geblieben, und sie kommen sie immer noch besuchen. Geradezu märchenhaft schön. Und doch eine wahre Geschichte.

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"Puls of Europe“ - so heißt die Bewegung, die sich jeden Sonntag trifft. Puls von Europa. Der erste Impuls ging von Frankfurt aus; jetzt pulsiert es im ganzen Land. Es sind große, fröhliche Kundgebungen mit vielen blauen Fähnchen mit gelben Sternen.

Auf diesen Kundgebungen habe ich Leute aller Altersgruppen gesehen. Die Jungen demonstrieren, weil sie Europa wegen seiner Freizügigkeit lieben. Sie haben einen Teil ihrer Ausbildung in anderen Ländern verbracht und diese Erfahrungen wollen sie nicht mehr missen. Sie schwärmen von ihren Begeg-nungen und Freundschaften, mit Franzosen und Italienern und Polen und Belgiern…. Und wie ihre Generation das eint und verbindet.

Ja, und die Alten erinnern an den letzten Weltkrieg mit all seinem Schrecken. Und an erste, zaghafte Annäherungen - damals noch - zwischen Feinden. Die Nachfahren dieser ehemaligen Feinde stehen heute Hand in Hand im Schweigemarsch und versichern sich gegenseitig ihre Solidarität  und ihr Mitgefühl, wenn irgendwo in Europa wieder der Terror zugeschlagen hat.

Dahinter wollen diese Alten nie wieder zurück. Sie sagen: „Jahrelang hat eine große Mauer Deutschland geteilt; das liegt noch heute wie eine alte Narbe auf unserer Seele.“ Nein, von Abschottung und Grenzen haben sie für alle Zeiten genug!

 „Ciao, bella“ - „Hallo Schöne“, höre ich jemanden hinter mir sagen. Ich drehe mich um. Zwei Italienerinnen fallen sich zur Begrüßung um den Hals. Wie schön, diese Leichtigkeit und das bunte Treiben. Davon würde ich mir mehr wünschen. Gerade weil es nicht einfach ist: Mit Europa und all seinen großen, ungelösten Problemen. Puls of Europe - mich stimmt diese Bewegung hoffnungsfroh.

Als ich schon gehen will, gegen Ende der Kundgebung, tritt ein junger Mann ans Mikrofon:
„Liebe Leute, ich habe eine Bitte“, sagt er „Wir sind jetzt so viele hier, wir behindern die Stadtbusse. Wenn aber jeder drei Schritte nach vorne geht, dann reicht der Platz für alle.“  Durch die Menge geht ein Lachen. Und eine wunderbare Energie und Kraft. Fünfhundert Leute treten drei Schritte vor - eine einzige Woge. Ja, der Puls von Europa, das sind wir.

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„Lass dir an meiner Gnade genügen“, steht in der Bibel, „denn Gottes Kraft ist in den Schwachen mächtig“.

Ich muss an eine Patientin denken - die lag über Wochen und Monate im Krankenhaus; viele Operationen und immer wieder Intensivstation. Kaum dass sich ihr Zustand mal verbesserte, gab es eine neue Komplikation. Und wieder hing ihr Leben am seidenen Faden…
Eigentlich war es eine Situation zum Verzweifeln! Aber diese Frau ruhte irgendwie nicht nur in sich. Sie ruhte in Gott. Von ihr ging etwas Besonderes aus; eine Kraft. Obwohl sie doch so schwach war.

Und das spürte jeder auf der Station, auf der sie lange lag. Durch sie änderte sich etwas dort. Die Stimmung änderte sich. Die Leute gingen anders miteinander um. Freundlicher. Geduldiger. Bewusster... Und das fiel allen auf. Die Freundlichkeit und Güte dieser Frau ging irgendwie auf die anderen über.

Eine Krankenschwester erzählte mir: „Wenn ich mich über irgendetwas ärgere, oder mir wird grad alles zu viel, dann schau ich bei dieser Patientin rein. Und schon geht´s mir wieder besser.“
„Wie kommt das?“ frage ich.
„Tja, schwer zu sagen.“ Sie überlegt. „Ich glaube, es ist ihr Blick. Sie schaut einen mit diesen grundgütigen Augen an, …. und ich werde ruhig. Sie tickt aber auch anders, als die meisten Menschen. Wenn´s allen hier nicht schnell genug gehen kann, sagt sie: Gehen Sie doch ruhig zuerst zu den anderen Patienten. Ich habe Zeit… - Und wissen Sie was? Unter dem Pflegepersonal prügeln wir uns dann fast darum, wer sie waschen darf!“

Als ich die Frau besuche, weiß ich sofort, was die Krankenschwester meint. Schon beim Reingehen spüre ich so eine friedliche Atmosphäre.
Wie macht sie das bloß?“, frage ich mich. Dabei weiß ich nur zu genau, dass man so etwas nicht machen kann. Selbst wenn ich wollte, könnte ich es nicht machen, so zu sein wie diese Frau. Das ist eine Gnadengabe.

Aber ich kann mich davon bewegen lassen: Eben nicht immer stark sein zu wollen, sondern die eigenen Grenzen anzunehmen, und die Schwäche. Und sich Gottes Kraft anzuvertrauen. So wie es die Bibel sagt: „Lass dir an meiner Gnade genügen, denn Gottes Kraft ist in den Schwachen mächtig“.

 

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In Kindern steckt manchmal eine Weisheit, die macht uns Erwachsene geradezu sprachlos. Deshalb stellte Jesus einmal ein Kind in die Mitte und sagte:
„Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen.“ 

Sophia ist auch so ein Kind. Sophia will unbedingt ein Haustier haben. Aber ihre Mutter sagt immer wieder: Nein. Denn Sophia hat so viele Allergien, da soll sie nicht auch noch eine Tier-Haar Allergie dazu bekommen.

Das ändert aber nichts an ihrem Wunsch; Sophia möchte trotzdem ein Haustier haben, und sei es auch noch so klein.

Eines Tages beobachtet ihre Mutter, dass Sophia sich irgendwie sonderbar verhält, als sie von der Schule nach Hause kommt. Immer wieder guckt sie in ihre Hosentasche.
„Was hast du denn da?“  Fragt die Mutter.

Sophia holt vorsichtig ein verknülltes Taschentuch aus der Hosentasche. Sie sich wickelt es auf und eine reichlich mitgenommene Raupe kommt zum Vorschein. „Schau…“, sagt Sophia und streckt sie ihr stolz entgegen.

„Das ist eine Raupe“, sagt die Mutter und sieht genauer hin. „Aber… - die ist ja schon tot!“
„Na und?“ sagt Sophia. „Aus einer toten Raupe kommt auch ein Schmetterling. Nur ganz woanders. Deshalb können wir den Schmetterling auch nicht sehen.“

Für die Mutter ist die Sache klar: Die Raupe ist hinüber - aus und vorbei.
Aber für Sophia ist der Tod keine absolute Grenze. Eher ein anderer Zustand, aus dem sich auch noch alles Mögliche entwickeln kann. Man lebt auch nach dem Tod noch weiter. Nur woanders eben…

Und so ähnlich stelle ich mir das mit der Auferstehung vor.
Klar, mit den Augen der Vernunft ist tot gleich tot. Aus und vorbei. Da rührt sich gar nichts mehr.

Aber mit den Augen des Glaubens, sieht das völlig anders aus. Mit den Augen des Glaubens sieht man ein bisschen wie ein Kind: Sieht, dass da noch was verborgen ist, hinter der sichtbaren und begreifbaren Welt. Etwas, das höher ist als unsere Vernunft. Unmögliches kann möglich werden, tot bleibt nicht tot, sondern uns wird neues, vollendetes Leben geschenkt. 

Mit den Augen des Glaubens sieht man ein bisschen wie Sophia. Man hat eine Ahnung davon, was bei Gott alles möglich ist…

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„Ein Mensch sieht, was vor Augen ist; Gott aber sieht das Herz an“, sagt die Bibel (1.Sam 16,7).

Mein Herz hat Gott schon oft angesehen. Manchmal spüre ich das, wenn ich allein unterwegs bin, draußen, in der Natur. Oder wenn ich bete. Dann fühle ich mich angenommen und verstanden. Und irgendwie wird es mir dann leichter ums Herz, denn Gott brauche ich nichts vorzumachen.

Manchmal sieht Gott uns aber auch ins Herz mit den Augen eines anderen Menschen. Und meine Erfahrung ist: Menschen, deren Leben zu Ende geht, haben diesen besonderen Blick…

Ich denke da an einen Patienten, den ich im Krankenhaus besucht habe. Eigentlich hatte er mit Kirche nichts am Hut. Das sagt er gleich, als ich mich vorstelle. Dennoch bittet er mich, dass ich mich setze. Und dann erzählt er - ohne Umschweife - von der niederschmetternden Diagnose, mit der er ringt. Und welche Folgen das hat, für seine Familie...

Seltsam, wie schnell ein Vertrauen zwischen uns ist - wie aus dem Nichts.   
Irgendwann atmet er tief durch und sagt:
„Naja, so ist das Leben. Alle haben an etwas zu tragen…“
Dann schaut er mich aufmerksam an und meint:
"
Sie auch. Das sehe ich in ihren Augen.“

Das kam überraschend für mich. Und sofort schwimmen mir die Augen. Es war nämlich der Todestag meiner Freundin. Und ich war traurig. Ich schaue ihn an und nicke. Das genügt ihm.

Irgendwie haben wir für einen Augenblick die Rollen getauscht. Er hat das Verborgene gesehen, das kein anderer gesehen hat. Und hat mit mir gefühlt. Und ich durfte für einen Moment sein, wie mir zumute war.

Beim Abschied hält er meine Hand eine Weile fest und drückt sie an sich. Es braucht keine Worte mehr. „Ein Mensch sieht, was vor Augen ist; der Herr aber sieht das Herz an“, sagt die Bibel. Ja, und manchmal sieht er mit den Augen eines Mitmenschen.

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Kehrt um, sagt die Bibel, kehrt um und ihr werdet leben!
Klingt gut, ist aber oft nicht so einfach. Wie geht man mit einem Fehler um, der eigentlich strafbar ist? Ein Fehler, so groß, dass man gar nicht weiß, wie man den wieder gutmachen kann? 

Eine Freundin von mir hat so etwas Mal hautnah miterlebt.
Es war viele Jahre her, da hat ihr Mann ihr eine Kette geschenkt, mit einem Brillant -Anhänger. Sie liebte die Kette sehr und hat sie oft getragen. Bis sie plötzlich verschwunden ist. Sie konnte sich das überhaupt nicht erklären. Sie hat überall gesucht. Aber die Kette blieb verschwunden.

Jahre später, sie hat die Kette längst vergessen, klingelt es an ihrer Haustür. Sie öffnet und ein fremder Mann steht vor ihr. Sie staunt nicht schlecht, als sich der Mann vorstellt: Pfarrer sei er, und er habe den Auftrag, ihr was zu überbringen. Sie bittet ihn herein und wartet gespannt. Da holt er einen Briefumschlag aus seiner Tasche und übergibt ihn ihr. Sie öffnet ihn und traut ihren Augen kaum: Im Umschlag liegt die verlorene Halskette. 

Dann erfährt sie vom Pfarrer die ganze Geschichte: Der Mann, der die Kette gestohlen hat, hatte mal als Handwerker in der Wohnung meiner Freundin zu tun gehabt. Er brauchte ein Verlobungsgeschenk und da kam ihm die Kette gerade recht.   

Doch seine Freundin konnte nicht glauben, dass er sich so eine Kette leisten konnte. Und bedrängt ihn solange, bis er schließlich zugibt, dass er die Kette gestohlen hat. Und bis er einsieht, dass er einen großen Fehler begangen hat. – Doch wie die Sache wieder gerade biegen?

Die Freundin des Mannes hat ein paar Jahre gewartet. Dann hat sie sich an ihren Pfarrer gewandt und ihn gebeten: „Könnten sie die Kette an die Besitzerin zurückgeben und sich in unserem Namen bei ihr entschuldigen?“

Und so hat sich der Pfarrer der Sache angenommen, und im Namen des Mannes um Vergebung gebeten. Und das Schöne ist: Meine Freundin hat sich so über die Kette und die Geschichte gefreut, dass sie alles andere vergessen und vergeben hat.

Kehrt um und ihr werdet leben, sagt die Bibel. Weil man dann neu anfangen kann.

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Geht das zusammen: Verbrechen und Mitmenschlichkeit? – Also: Kann ein Mensch böse und gut zugleich sein?

Ich habe da eine interessante Geschichte gehört, über einen Einbrecher:
E
in Arzt im Ruhestand, schon etwas älter, wird nachts von so komischen Geräuschen wach. „Das muss ein Einbrecher sein…“, denkt er. Und weil er außerdem noch Jäger ist, steht er leise auf und holt sein Gewehr. Und schleicht langsam die Treppe herunter, um nachzusehen, woher die Geräusche kommen. Und da ertappt er doch tatsächlich einen Einbrecher auf frischer Tat!

Vermutlich hat er dann „Hände hoch, oder ich schieße“ gerufen, oder so was ähnliches. Aber der Einbrecher ist schneller und rennt weg. Der Hausbesitzer läuft hinterher und verfolgt ihn mit dem Gewehr. Doch mitten im Lauf erleidet einen Herzstillstand und bricht zusammen.

Und jetzt passiert das Erstaunliche: Als der Dieb merkt, dass sein Verfolger stehengeblieben ist, sieht er sich um. Er erkennt den Ernst der Lage, läuft zurück, ruft einen Krankenwagen und macht Widerbelebungsversuche, bis der Rettungsdienst kommt. Und der Mann überlebt.

Also, so paradox das ist, es geht zusammen: Verbrechen und Mitmenschlichkeit.

Offenbar hatte dieser Einbrecher keine Skrupel beim Stehlen. Aber als es um Leben und Tod geht, kann er einfach nicht anders handeln. – Ausgerechnet ein Krimineller, von dem man das am allerwenigsten erwartet.

Jetzt ist das natürlich eine außergewöhnliche Geschichte. Und doch, wenn man genauer hinsieht, sind die meisten Menschen so: gut und böse zugleich. Schon Paulus, in der Bibel, weiß ein Liedchen davon zu singen:

„Nicht das Gute, das ich tun will, tue ich“, sagt er, „sondern das Böse, das ich nicht tun will…“.

Ich glaube, so sind wir Menschen gestrickt. Wir haben alle Möglichkeiten in uns. Manchmal bewähren sich unsere guten Anteile. Und manchmal setzt sich das Zerstörerische in uns durch. Deshalb müssen wir aufeinander achtgeben. Damit keiner abgeschrieben wird und verloren geht.

Und das Schöne ist: manchmal wachsen wir auch über uns selbst hinaus. Das sind so Situationen, in denen wir beherzt einspringen - ohne groß Vor- und Nachteile abzuwägen - und zupacken, helfen, oder was immer die Situation gerade verlangt. Wie dieser Einbrecher.

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