Manuskripte

Feiertage kommen und gehen. Wurde vor 25 Jahren der Buß- und Bettag in ganz Deutschland als Feiertag abgeschafft, bekamen die Menschen in Schleswig-Holstein den Reformationstag im letzten Jahr als Feiertag dazu. In Berlin ist dafür der 8. März arbeitsfrei, also der internationale Frauentag.

 

Feiertage kommen und gehen, weil die Frage, was in Deutschland ein Feiertag ist, von den Parlamenten geregelt wird - für ganz Deutschland im Bundestag und für die Länder in den Landtagen. Feiertage kommen und gehen, das ist eine Folge der Demokratie. Und morgen ist der internationale Tag für Demokratie. Kein richtiger Feiertag, aber immerhin ein Aktionstag, der von den Vereinten Nationen ausgerufen wurde, um die Demokratie zu stärken.

Ich muss zugeben, dass die Kirchen nicht immer Freunde der Demokratie waren, aber das ist lange her. Inzwischen ist für die Kirchen klar: Demokratie ist nicht nur die Gesellschaftsform in der wir leben, sondern auch die Gesellschaftsform, die sie selbst unterstützen und stärken wollen. Auch, wenn das heißt, dass Feiertage eben kommen und gehen, weil gewählte Parlamente darüber entscheiden. Und nicht immer alle mit den Entscheidungen zufrieden sind.

Demokratie ist im Zweifel anstrengend, weil verschiedene Menschen verschiedene Bedürfnisse und Ansichten haben. Und bei 80 Millionen in Deutschland sind das ganz schön viele Ansichten und Bedürfnisse. Aber auch in einem kleinen Dorf mit 200 Leuten, sind demokratische Entscheidungen nicht immer leicht. Immer und immer wieder muss gestritten und ein Kompromiss gefunden werden.

Dafür, finde ich, ist die Demokratie die Gesellschaftsform, die die Freiheit des Menschen am besten schützt und zum Ausdruck bringt. Ich finde das sehr christlich. Und wo könnte man die Freiheit des Menschen besser bedenken, als an freien Tagen? – oder eben morgen am internationalen Tag für Demokratie.

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Früher waren Sekten ein großes Thema bei uns in der Schule. Im Reliunterricht hat man über die Moon-Sekte oder die Bhagwan-Sekte gesprochen und davor gewarnt. Heute, habe ich den Eindruck, spielt das nicht mehr eine so große Rolle. Die einzige Sekte, vor der ich in der letzten Zeit gewarnt wurde, ist die Greta-Sekte. So werden die Friday-for-future Demos nicht selten genannt, mit denen Greta Thunberg angefangen hat.

 

Wenn es früher um Sekten ging, dann waren das Gruppierungen, die irgendwie religiös waren mit einem Guru, der die Leute einer Gehirnwäsche unterzogen hat. Bei Sekten wird den Menschen das Geld aus der Tasche gezogen und die Sektenmitglieder verlieren mehr und mehr ihren eigenen Willen. Es hieß, sie hören auf, selbstständig zu denken und machen nur noch, was der Guru sagt. Von manchen Sekten hat man gehört, da wurden vor allem die weiblichen Mitglieder vergewaltigt und die Sektenanführer haben ganze Gruppen in den gemeinschaftlichen Suizid getrieben.

Das ist unser Bild von Sekten und ja, sowas gab und gibt es. Aber trifft das auf eine 16jährige Schwedin zu und die Leute, die denken wie sie?

Wikipedia hat eine andere – weniger reißerische – Definition von Sekten: Unter religiösen Sekten versteht man: „neue, meist kleine Schulrichtungen“, also Gruppen, die eine andere Meinung haben, als die bisherige „Mutterreligion“. So wie es am Anfang auch bei den Christen so war. Die waren ja auch erstmal eine kleine jüdische Sekte, die andere Schwerpunkte gesetzt hat als das Judentum sonst.

Ob Greta Thunberg, also eine neue Schulrichtung angestoßen hat? Jedenfalls nicht bei Naturwissenschaftlern, denn die sind auf ihrer Seite und der Meinung, dass gegen den Klimawandel etwas getan werden muss.

Also Greta und Sekte kommen bei mir irgendwie nicht zusammen. Aber wahrscheinlich soll es ja auch einfach eine Beleidigung sein.

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Im Urlaub am See hatte ich einen glatten, flachen Kieselstein in der Hand. Er war ganz flach fast rund  und lag gut in der Hand und das Wasser war ruhig – ideale Bedingungen um den Stein im See ditschen zu lassen.

 

Wie oft werde ich es wohl schaffen, diesen Stein von der Wasseroberfläche hochspringen zu lassen, bei diesen perfekten Bedingungen? Dreimal, viermal? Geht es überhaupt einen Stein fünfmal ditschen zu lassen?

Der Stein lag gut in der Hand. Er war noch warm von der Sonne und plötzlich wurde ich ängstlich. Was wenn ich nicht im richtigen Winkel werfe oder mit der falschen Drehung oder Geschwindigkeit? Dann ditscht er vielleicht nur einmal und verschwindet dann für immer auf dem Grund des Sees.

Schon seltsam, aber ich kenne den Gedanken: Bevor ich etwas Falsches mache, mache ich es lieber gar nicht.

Ich habe einen anderen Stein gefunden. Nicht so perfekt, wie der erste, aber der wird auch schön fliegen. Ich werfe. Zweimal schön geditscht.

Der perfekte Stein war immer noch in meiner Hand. Soll ich? Wenn ich ihn werfe, dann werfe ich ja den perfekten Stein weg! Auf den Grund des Sees

Ich zögere weiter. Völliger Quatsch bei so einem Stein, aber so ist das, wenn ich entscheiden muss, vor allem, wenn eigentlich alles klar zu sein scheint. Eine Freundin hat mir mal einen Bibelvers geschenkt: Gott hat uns den Geist der Kraft, Liebe und Besonnenheit gegeben, nicht den Geist der Furcht. Steht bei mir im Esszimmer als Kunstwerk.

Alles war perfekt. Der Stein, der See. Es geht um nichts und trotzdem zaudere ich. Ich habe den Stein nochmal in der Hand gewogen und mich daran erinnert, was mir meine Freundin geschenkt hat. Und dann geworfen. … War gut!

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Wenn ich „11. September“ in die Suchmaschine eingebe und auf Bilder klicke, dann sehe ich die bekannten Bilder. Die brennenden Türme des World-Trade-Centers. Tausendfach gedruckt und gesehen und auf ihre monströse Arte aber auch irgendwie interessant und faszinierend.

 

Denn Krieg und Zerstörung scheint schon immer interessant gewesen zu sein. Dass ist meine Erklärung dafür, dass es eine Unmenge an Schlachtengemälden gibt. In vielen Museen kann man die sehen. Friedensgemälde gibt es zwar auch – aber viel weniger.

Vielleicht liegt es ja daran, dass beim Krieg einfach mehr passiert. Da ist was los, da ist Bewegung drin. Dabei gibt es Friedensbilder, die richtig spannend sind. In der Bibel träumt ein Prophet davon, dass im Frieden, Wolf und Lamm miteinander weiden und auch Löwe und Rind (Jes 65) friedlich miteinander grasen. Stelle ich mir spannend vor.

Richtig spannend wird es, wenn ich mir keine Tiere vorstelle, sondern Menschen. Menschen, die eigentlich Feinde sind. Können die Frieden halten?

Phyllis Rodriguez und Aicha Al Wafis kommen dem jedenfalls nahe, finde ich. Die eine hat ihren Sohn Greg im World-Trade-Center verloren. Die andere ihren Sohn Zacharia Moussaoui. Er wurde zu lebenslanger Isolationshaft verurteilt. Man vermutet, dass er auch ein Flugzeug hätte fliegen sollen, aber vorher verhaftet wurde.

Phyllis und Aicha sind Freundinnen geworden, weil sie beide unter den Folgen des 11. Septembers zu leiden haben und es gibt Bilder von ihnen, wo sie sich umarmen.

Das ist ein wirklich spannendes Friedensbild. Und ich wünschte, Maler und diejenigen, die die Bilder betrachten, würden sich mehr für diese Bilder interessieren, anstatt für die Bilder der Zerstörung.

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Morgen fängt auch in Baden-Württemberg die Schule wieder an. Ganz komisch so mitten in der Woche. Nur für die Erstklässler geht es vielerorts ein wenig später los. Oft gibt es dann auch einen Gottesdienst.

 

„Auch wenn jetzt der ‚Ernst des Lebens‘ anfängt, also was ganz arg Wichtiges: Ihr seid nicht allein! Gott, meint es gut mit euch, deshalb ist er auch in der Schule bei euch!“

So oder so ähnlich heißt es dann bei den Einschulungsgottesdiensten. Und ich überlege, wo ich das erlebt oder gespürt habe in der Schule, dass Gott mit dabei war. Natürlich geht es in Reli um Gott, wenn man denn in den Religionsunterricht geht, aber das meine ich nicht. Wo war bei mir Gott in der Schule?

Als erstes: – ich gebe es zu – vor vielen Klassenarbeiten! Ich hatte fast immer Angst vor Klassenarbeiten, vor allem Mathe, später auch Englisch. Also habe ich gebetet: „Hilf mir jetzt lieber Gott!“. Ich habe schnell gemerkt, dass mir Gott keine guten Noten zaubert. Aber ich bin ruhiger geworden, wenn ich gebetet habe und ich konnte gelassener bleiben, wenn ich dann doch Mut zur Lücke beweisen musste.

Dann gab es mal einen schweren Konflikt in unserer Klasse, Mobbing würde man das heute vielleicht nennen. Wir hatten als Schüler den Mut und die Ausdauer es anzusprechen und auszudiskutieren. Es ist nicht alles gut geworden, aber wir haben es einigermaßen hinbekommen. Ich finde das heute noch erstaunlich.

Und dann, als ich Anja unten auf dem Schulhof geküsst habe. Ich war mir damals sicher, dass dieses gute Gefühl was mit Gott zu tun hat.

Als Vater wünsche meinen Kindern auch, dass ihnen, wenn die Schule jetzt wieder anfängt, nicht nur die Mathematik, der Sport oder Physik über den Weg laufen, sondern eben das ganze Leben und damit auch Gott. Ich glaube dann wird es richtig gut.

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Wer nicht brav ist, der kommt nicht in den Himmel. Gott schaut die Menschen an und dann werden sie von ihm bewertet. Daumen hoch oder runter. So kann man Gott sehen. Ich finde das aber arg abenteuerlich. Weil ich das mit dem Bewerten überhaupt kritisch finde. Darauf bin ich bei einem Gespräch mit Burkard gekommen.

 

Der hat mir nämlich von seiner Arbeit erzählt. Seine Firma verkauft Filzgleiter im Internet. Und er hat gesagt: „Eine schlechte Bewertung auf einem Portal im Internet und schon brechen die Umsätze ein!“

Deshalb geht Burkard den schlechten Bewertungen nach. Er stellt oft fest, dass die wütenden Beschwerden geschrieben werden, bevor die Leute die Gebrauchsanleitung gelesen haben. Oder die Menschen sind Betrügern aufgesessen. Sie haben geglaubt, ein Schnäppchen zu machen und stattdessen schlechte Ware mit falschem Etikett bekommen. „Natürlich machen wir auch Fehler. Dann wird die Ware ohne Frage ersetzt oder das Geld wird zurück überwiesen“, hat Burkhard gesagt.

Etwas zu bewerten ist eine komplizierte Angelegenheit, finde ich, jedenfalls wenn man es fair machen will. Da muss man nur mal Lehrer und Lehrerinnen fragen.

Ich nehme Bewertungen am ehesten von Freunden an, also Menschen, die ich kenne, denen ich vertraue und von denen ich weiß, dass sie mich grundsätzlich mögen. Weil ich weiß: Es geht ihnen nicht darum, ihre Wut an mir auszulassen. Sie wollen einfach auf einen Fehler aufmerksam machen. Da geht es nicht um Daumen rauf oder runter.

Und ich finde, dass das bei Gott eben auch nicht so ist. Gott lässt nicht Wut ab. Er versteht, wenn Fehler passiert sind und warum. Und dann will er helfen, das irgendwie wieder in Ordnung zu bringen und gut zu machen.

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Evangelische in Italien. Doch, die gibt es. Nicht alle in Italien sind katholisch. Und - jedenfalls im Norden - sind die evangelischen Italiener noch sehr von der deutschen Sprache geprägt. Und deshalb habe ich im Schatten einer evangelischen Kirche in Italien am gestanden und mich mit Susanne auf Deutsch unterhalten. Sie ist der Liebe wegen nach Italien gezogen, hat sie mir erzählt und ihrer Kirche ist sie treu geblieben. Mehr noch: Für Susanne ist die evangelische Kirche eine Verbindung zu ihrer alten Heimat. Die ganze Woche ist sie in Italien, spricht Italienisch und trifft sich mit ihren italienischen Freunden und Familien. Sie liebt Italien und trotzdem schätzt sie ihre evangelische und – deutsch sprechende - Kirche in Italien. Religion und Muttersprache scheinen eng miteinander verbunden zu sein.

Aber es gibt eine Veränderung: Auch Italiener finden aus verschiedenen Gründen Gefallen an  dieser Kirche und kommen in die Gottesdienste ohne, dass sie Deutsch können. Also müssen Kompromisse gefunden werden. Die Predigt ist inzwischen auf Italienisch und es werden immer mehr italienische Lieder gesungen.

„Ich kann natürlich Italienisch“, hat Susanne gesagt, „aber als der Pfarrer das erste Mal auf Italienisch gepredigt hat, fand ich das echt komisch!“ Das religiöse Herz spricht wohl zuerst die Muttersprache.

In der Bibel gibt es eine Geschichte, bei der alle Sprachbarrieren aufgehoben werden. An Pfingsten feiern Christen das. Gottes Geist kann es machen, dass sich alle Menschen untereinander verstehen, heißt es da, egal welche Muttersprache man hat.

Aber an Susanne lerne ich: Muttersprache bleibt. In ihr spricht Erinnerung und das religiöse Herz. Umso mehr Respekt habe ich deshalb vor allen, die ihre Muttersprache für eine andere eintauschen und damit klar machen: Es ist am Wichtigsten, dass wir uns untereinander verstehen. Und wenn wir gemeinsam von Gott hören – in welcher Sprache auch immer - schenkt uns das auch eine gemeinsame Zukunft.

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Die Bundeswehr veranstaltet Rekrutengelöbnisse immer wieder im Bendlerblock in Berlin. Das ist nicht zufällig. Denn das ist der Ort an dem diejenigen erschossen wurden, die sich am Attentat auf Adolf Hitler beteiligt hatten. Am 20. Juli 1944 war das, also heute vor 75 Jahren.

Inzwischen wird den Menschen von damals Respekt gezollt. Und das Gelöbnis der neuen Rekruten im Bendlerblock soll daran erinnern: Es war richtig, dass die Männer damals Widerstand geleistet haben. In dieser Tradition sieht sich die Bundeswehr heute. 

Dabei galten die Männer des 20. Juli noch lange nach dem Krieg nicht als Helden, sondern schlicht als Vaterlandsverräter.

Die Generäle damals haben tatsächlich aus ganz verschiedenen Motiven gehandelt. Mich beeindruckt allerdings nur eines: Nämlich, dass Menschen - und gerade auch mir fremde und unbekannte Menschen - dadurch besser leben können und gerettet werden.

Seine Regierung verraten um Menschenleben – egal ob deutsch, christlich oder muslisch, schwarz oder weiß zu retten, das kann ich verstehen. Und so war das vermutlich auch beim Pfarrer Dietrich Bonhoeffer, der Teil der Verschwörergruppe war. Er wusste jedenfalls, was mit Juden in Nazideutschland passiert und dass dieses Nazideutschland auf alle Fälle verraten werden muss. Bonhoeffer war allerdings auch klar: Wie auch immer ich in dieser Situation handle: ich mache mich schuldig, aber die Würde des Menschen zu verteidigen, ist das wert.

Wenn die Rekruten also am Bendlerblock vereidigt werden, finde ich das gut. Dass sie das Land verteidigen und damit alle Menschen, die darin wohnen. Und dass sie im Zweifel Widerstand leisten, sollte der Staat die Würde und das Leben irgendwelcher Menschen oder einer Menschengruppe antasten.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=29020

Ich finde es ja am besten, nackt in ein Gespräch zu gehen. Zumal in ein schwieriges. Also, ich meine nicht ohne Kleider. Aber ohne Unterlagen, ohne Hilfsmittel und ohne mir schon alles schon im Kopf zurecht gelegt zu haben.

Warum ich aber nackt sage, hat mit Adam und Eva zu tun. Weil die auch nackt waren. Und die Geschichte in der Bibel erzählt: Als sie noch nackt waren, da hat das mit dem Gespräch zwischen Gott und den beiden gut geklappt. Vor allem: Sie hatten keine Angst vor Gott.

Erst nachdem sie vom Baum der Erkenntnis genascht haben, merkten Sie: Wir sind ja nackt! Und sie hatten Angst vor Gott und da haben sie sich das berühmte Feigenblatt umgebunden.

Oft habe ich schon erlebt, dass alle Unterlagen und alle zurechtgelegten Worte eben nur das sind: Feigenblätter dafür, dass ich Angst vor einem Gespräch habe, weil ich nicht weiß, was ich da zu erwarten habe.

Ich habe gemerkt: Wenn ich nackt in ein schwieriges Gespräch gehe, dann kann ich mich nicht verstecken. Das ist ganz schön aufregend, aber ich habe gelernt: So kann ich viel besser zuhören. Und Zuhören ist sowieso oft viel wichtiger, als zu reden.

„Wer hat euch eigentlich gesagt, dass ihr nackt seid?“ Fragt Gott, Adam und Eva. Und ich denke: Wer hat mir eigentlich eingeredet, dass ich ohne meine Unterlagen und vorformulierten Worte ein schwieriges Gespräch nicht überleben würde?

Meine Erfahrung, vor allem wenn ich mit Trauernden spreche: Das meiste ergibt sich aus der Situation. Und nein: Ich bleibe nicht stumm. Auch wenn meine Worte oft nur gestammelt sind. Aber das macht nichts – denn es ist ehrlich. Und das ist immer besser als irgendein Feigenblatt.

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Es gibt wertvolle und es gibt weniger wertvolle Schiffsbrüchige. Klingt zynisch, ist aber so: Das kann man sogar ausrechnen. 2018 wurden 356 Menschen aus Nord und Ostsee gerettet. Die Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger hat dafür 39 Millionen Euro aufgewendet. Das heißt: Jeder Schiffbrüchige, der aus Nord und Ostsee gerettet wurde ist 109.550 Euro wert. Die Seawatch3, das Schiff eines Vereins zur Rettung von Flüchtlingen in Seenot, hat 2018 etwa 3000 Menschen aus dem Mittelmeer gerettet. Dabei hatte sie  Gesamtausgaben von 1,4 Millionen Euro. Das  macht pro Geretteten einen Wert von ca. 460 Euro.

Mich macht das schon richtig wütend, denn als Christ sage ich: Jedes Menschenleben ist in gleicher Weise heilig. Egal ob es im Mittelmeer oder in der deutschen Nordsee um sein Leben kämpft.

Inzwischen können das wohl immer weniger Menschen verstehen, dass es wertvollere und weniger wertvollere Schiffbrüchige gibt. Und wollen nicht akzeptieren, dass denen aus dem Mittelmeer auch nicht mehr geholfen werden soll. Also haben sich Städte und Kommunen in ganz Deutschland bereit erklärt, auch über die gesetzlich verpflichtende Quote hinaus Schiffbrüchige aufzunehmen und sie zu versorgen. Inzwischen gibt es 66 Städte und Kommunen in ganz Deutschland, die sich in der Aktion Seebrücke zu sogenannten „Sicheren Häfen“ erklärt haben.

Ich bin froh und dankbar über dieses humanitäre Engagement auch über all religösen und sozialen Grenzen hinweg. Menschen, die sagen: Es gibt keine wertvolleren oder weniger wertvollen Menschen, sondern es gibt das Leben, das muss geschützt und bewahrt werden. Und sei es noch so kostenintensiv. Denn: der Wert eines Menschen hängt nicht von seiner Herkunft ab.

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