Manuskripte

Wie oft habe ich schon an Gott gezweifelt. Meistens dann, wenn ich einen Brass habe auf die Welt oder aufs Leben. Wenn ein Zyklon gerade über die ärmsten Länder fegt. Oder wenn jemand viel zu früh stirbt. Oft habe ich das Gefühl, Gott tut nichts gegen die schlimmen Dinge auf der Welt. Oder er ist nicht da, wenn´s mir schlecht geht.

Diese Frage, wo Gott ist, wenn´s drauf ankommt, die stellen viele Menschen. Und eine brauchbare  Antwort ist total schwierig. Mir helfen dabei drei Aspekte.

Der erste heißt: Als Gott den Mensch erschaffen hat, hatte er nicht die Idee einer gesteuerten Marionette, sondern die eines ebenbürtigen und freien Partners, mit dem er in Beziehung treten kann. Denn die freiwillige Liebe zählt so viel mehr als die erzwungene. Aber Freiheit heißt eben auch, dass sich Menschen gegen Gott entscheiden. Dass sich Menschen gegen Menschen entscheiden, dass sie sich gegen das Klima oder gegen das Leben entscheiden. Das ist der Preis der Freiheit.

Der zweite Aspekt: Viele Dinge werden erst klar, wenn ich sie in einem größeren Zusammenhang sehe - das Universum ist so groß. Ich als Mensch sehe Ursache und Wirkung meistens in meinem beschränkten Umfeld, kann aber nicht ermessen, wozu etwas noch gut sein könnte. Das Bild eines gewebten Teppichs ist da hilfreich. Von hinten sehe ich da nur ein chaotisches Gewirr aus Fäden und Farben. Wird der Teppich aber umgedreht, bekommen alle Knoten und offenen Enden plötzlich den Sinn eines Musters.

Und dann hilft mir noch ein dritter Aspekt: Da ich nicht alles verstehen kann, bleiben einfach Fragen. Und manchmal muss ich mich auch bei Gott beklagen, meinen Frust rausschreien, das haben viele bereits vor mir getan. Sogar Jesus hat am Kreuz noch geschrieben: „Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“

Und trotz all dem halte ich fest an ihm. Und ich hoffe, dass er mich nicht hängen lässt, wenn´s drauf ankommt.

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Ich habe einen Text gelesen über Gott und Vollmilch. Erst mal hab ich ihn überhaupt nicht kapiert. Vielleicht geht´s Ihnen anders. Der Text geht so: „Gestern Gott getroffen. Wir standen an der Kasse, er kaufte Milch, Eier und Käse. Mein Blick blieb an der Milchtüte hängen. Es war Vollmilch. Eigentlich klar“*

Hä? Mir war erst mal gar nichts klar. Warum kauft Gott Vollmilch? Immerhin hat mich der Text zum Nachdenken angeregt. Es hat gerattert bei mir, und dann habe ich mich an eine Stelle im Neuen Testament erinnert gefühlt. Da sagt Jesus: „Ich bin gekommen, damit ihr das Leben habt, und es in Fülle habt.“ Seitdem ist unter Theologen oft vom „Leben in Fülle“ die Rede. Aber ist damit Vollmilch gemeint?

Warum nicht. Es passt jedenfalls gut zu meiner Vorstellung von Gott: Gott ist fett. Sogar fetter als 3,8 %, er ist 100 %. Er kann alles möglich machen, er kleckert nicht, er klotzt.

Das sehe ich, wenn im Frühjahr die Knospen aufspringen, wenn die Wiesen blühen, wenn ich sehe, wie viele Arten von Tieren, Fischen und Insekten es gibt. Wenn ich ein Schwarzwald-Panorama genieße, wenn ich in den Bergen bin oder an einem endlosen Sandstrand. Wenn ich frische Morgenluft einatme oder wenn ich mit Freunden am Lagerfeuer sitze. Wenn ich Saxofon spiele oder frischen Rhabarberkuchen esse. Wenn mich leichter Sommerregen trifft oder wenn mein kleiner Sohn mich anruft. Wenn ein Herbststurm an mir rüttelt oder wenn ich mich nach einem langen Tag todmüde aufs Bett fallen lasse.

 „Leben in Fülle“ meint wohl ein „erfülltes Leben“. Das muss nicht vollgestopft sein mit Luxus oder Wellness. Die Dinge, die mich erfüllen, sind meistens eher klein und manchmal übersehe ich sie sogar. Deshalb ist es gut, wenn ich danach Ausschau halte.

*zitiert aus: Susanne Niemeyer: 100 Experimente mit Gott.

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In meinem Terminkalender stehen manchmal so ganz klein gedruckte Sachen. Heute zum Beispiel „Siebenschläfertag“. Ich hab mich schon lange gefragt, was der 27. Juni mit einem Siebenschläfer zu tun haben soll. Ich habe ein bisschen recherchiert und gemerkt: Mit dem kleinen Nagetier hat er gar nichts zu tun, dafür hat er ein bisschen mit mir zu tun.

An diesem Tag wird an die sieben Schläfer gedacht – also auseinander geschrieben. Die Legende sagt, dass sieben Brüder auf Befehl des römischen Kaisers verfolgt wurden, nur weil sie an Jesus geglaubt haben. Schließlich werden sie von Soldaten geschnappt und lebendig in einer Höhle eingemauert. Das Leben konnte grausam sein damals.

Fast 200 Jahre später ist das Christentum Staatsreligion. Es ist sogar erwünscht, an Jesus zu glauben. Ein Hirte möchte die zugemauerte Höhle als Schafstall benutzen und reißt die Mauer ein. Und dann – Schock -  sieht er die sieben eingemauerten Brüder von damals. Aber nicht etwa tot, sondern quicklebendig.

Eine Legende, wie gesagt. Und wie alle Legenden, so will auch diese eine Botschaft rüberbringen. Der Tod wird von vielen wie eine Mauer empfunden. Eine Mauer, die mich trennt von meinen Lieben, vom Leben, von den vielen schönen Erinnerungen. Und deshalb hat der Tod etwas Grausames.

Die Legende von den sieben Schläfern könnte mir Mut machen, dass diese Mauer nicht für immer steht, dass sie eines Tages eingerissen wird, und dass das Leben hinter der Mauer weiter gehen wird.

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Ein Ringkampf kann spannend sein. Ein Ringkampf mit Gott wohl eher nicht, denn Gott schlägt alle - könnte man meinen. In der Bibel wird von so einem Kampf erzählt, der aber völlig unerwartet ausgeht.

Jakob hat vor Jahren seinen Bruder übers Ohr gehauen. Es war so schlimm, dass der Bruder ihn dafür umbringen wollte. Jakob konnte gerade noch fliehen. Aber nach vielen Jahren zieht es Jakob zurück in seine Heimat. Er hat zwar Angst vor seinem zornigen Bruder, aber die Sehnsucht nach zuhause ist einfach größer.

In der Abenddämmerung kommt Jakob an den Fluss, der ihn noch von seiner Heimat trennt. Und plötzlich – wie aus dem Nichts – ist da ein Mann der ihn angreift. Die beiden schenken sich nichts und kämpfen die ganze Nacht. Als der Morgen dämmert sagt der Angreifer zu Jakob: „Jetzt lass mich endlich los“, und gibt ihm voll einen aufs Hüftgelenk mit. Jakob stöhnt auf und presst heraus: „Ich lasse dich nicht los, erst musst du mich segnen.“

Der Angreifer sagt: „Du sollst ab jetzt „Gottesstreiter“ heißen, denn mit Gott und Mensch hast du gestritten und gesiegt.“ Und dann segnet er Jakob tatsächlich. Jakob ist fix und fertig und froh und sagt zu sich: „Ich habe Gott von Angesicht zu Angesicht gesehen und bin doch mit dem Leben davongekommen.“ Dann zieht er hinkend der aufgehenden Sonne und seiner Heimat entgegen.

Was für eine Geschichte! Sie steht dafür, wie es ist, wenn man mit Gott ringt. Oft ist es ein Suchen, ein Hadern. Und manche werden dabei auch enttäuscht und tragen Blessuren davon. Was ich aber mitnehme aus der Geschichte ist: Es lohnt sich zu kämpfen, es lohnt sich zu zweifeln. Und vielleicht lohnt es sich auch, verletzt zu werden. Denn in all dem kann Gott sich zeigen. Manchmal als ein zäher Partner, manchmal kompromissbereit. Aber am Ende – da steht der Segen.

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In Zagreb gibt es ein „Museum der zerbrochenen Beziehungen“. Mehr als 10.000 Objekte werden da mittlerweile ausgestellt: ein Glas voller Scherben zum Beispiel, ein Gartenzwerg oder die Asche eines verbrannten Hochzeitskleids.

Die Macher des Museums sind Olinka und ihr Exfreund Drazen. Als langsam klar wurde, dass die beiden sich trennen, wollten sie die gemeinsame Zeit nicht einfach ungeschehen machen. Sie wollten wertschätzend zurückblicken können. Und so ist die Idee zum Museum entstanden. Olinka sagt: „All diese Ausstellungsstücke repräsentieren eine Beziehung, die nicht mehr lebt. Aber es sind Beweise, dass die Liebe existiert hat.“

Und so wird zu jedem Objekt im Museum eine kleine Geschichte erzählt. Da ist zum Beispiel der kleine Snoopy aus Plüsch. Dazu schreibt Emma: „Er hat ihn mir mit 17 geschenkt. Nach 30 Jahren - drei Söhne und ein Haus später - hat er sich in eine andere verliebt, und mir das Herz gebrochen.“ Auch eine Axt wird ausgestellt, mit der aus Wut eine Wohnung zertrümmert wurde. Mittlerweile ist sie im Museum als „Ex-Axt“ bekannt. Oder ein kleiner Aufzieh-Hase namens „Honey Bunny“, der immer mit im Gepäck gesteckt hat, wenn einer der beiden Partner allein unterwegs war. Und dann ein Foto davon nach Hause geschickt: Honey-Bunny auf einer Wüsten-Düne, neben einem Rednerpult oder an einem verregneten Hotelfenster.

An den Ausstellungsstücken und ihren Geschichten kann man gut erkennen, welch große Rolle Gefühle spielen, wenn eine Beziehung zerbricht. Das kann wütend machen, todtraurig oder sehnsüchtig. Es kann enttäuschen, lähmen oder das Herz brechen. Viele Museumsbesucher fangen in der Ausstellung an zu weinen.

Olinka ist überzeugt: „Wenn eine Beziehung zerbricht, kannst du zwar Tabula Rasa machen. Aber das passt nicht zu allen. Jemand, mit dem du dein Leben geteilt hast, hinterlässt eine Spur. Das Museum ist ein Plädoyer dafür, die Vergangenheit nicht wegzuwerfen, sondern sie anzuschauen.“

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Seit dem Wochenende werden die Tage wieder kürzer. Für mich liegt in der Sommer-Sonnenwende immer ein Hauch von Torschlusspanik: Hab ich etwa den Sommer verpasst? Ich war doch noch kein einziges Mal am Baggersee. Was sollte ich alles noch tun, damit es auch bei mir Sommer wird? Es ist auf jeden Fall ein guter Zeitpunkt nachzudenken.

Das findet auch Johannes der Täufer. Heute ist sein Gedenktag, genau in der Jahresmitte.
Johannes lebt zurzeit Jesu, ist gleich alt und auch ein Prediger. Er ist ein bisschen freaky: lebt in der Wüste und ist mit ganz wenig zufrieden. Viele Menschen hören ihm zu und bewundern ihn. Sie lassen sich von ihm im Jordan taufen - unter fließendem Wasser. Das ist ein Zeichen, dass sie wieder rein werden wollen von all dem, was sie belastet. Johannes wird nicht müde allen zu sagen: „Kehrt um! Denn das Himmelreich ist nahe!“

Ich finde, die Mitte des Jahres ist ein guter Zeitpunkt nachzudenken. Nicht nur, wie es noch ein guter Sommer werden kann, sondern was noch passieren muss, damit es ein gutes Jahr wird. Was ist aus all den guten Vorsätzen vom Jahresbeginn geworden? Ich wollte doch aufhören mit meinem Job als Notenwart und dafür mehr Klavier mit meinem kleinen Sohn üben. Ich wollte doch mal für Oma kochen, weil sie mir immer die Hemden bügelt. Ich wollte doch mal eine Übernachtungstour bei Freunden starten, weil ich sie immer mehr aus den Augen verliere.

OK, ich merke schon, die Jahresmitte ist ein guter Zeitpunkt darüber nachzudenken, was bisher gelaufen ist und was nicht. Denn noch liegen gut 180 Tage vor mir, um dem Jahr noch das ein oder andere Krönchen aufzusetzen.

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Jesus hat ein Gleichnis erzählt, das immer wieder für Empörung sorgt. „Das ist doch ungerecht!“, sagen die Leute. Jesus und ungerecht? Das passt doch irgendwie nicht, oder?

Das ungerechte Gleichnis geht so: Ein Herr geht auf Reisen und vertraut sein Geld drei Dienern an. Einem gibt er fünf, einem zwei und dem letzten ein Talent Silber. Das war ein Haufen Geld. Ein Talent sind ca. 60 Kilo Silber, heute wären das 25.000 Euro pro Talent.

Der erste Diener erwirtschaftet zu den fünf Talenten noch weitere fünf dazu. Auch der Zweite kann das Kapital verdoppeln: Aus zwei Talenten macht er vier. Der Dritte ist ein bisschen risikoscheu. Er gräbt ein Loch und versteckt das Geld.

Schließlich kommt der Herr zurück. Voller stolz präsentieren die ersten beiden Diener ihre 100 % Dividende und werden über den Klee gelobt. Der dritte  stammelt etwas kleinlaut: „Herr, ich wusste, dass du streng sein wirst, wenn ich´s verbock. Deshalb habe ich das Geld lieber eingegraben. Aber immerhin: Hier hat du alles unbeschadet wieder.“ Der Herr ist daraufhin stinksauer und sagt: „Du bist schlecht und faul. Ich nehme dir das Talent weg und gebe es dem ersten.“

Puh, hört sich nach Kapitalismus in Reinform an: Der am wenigsten bekommen hat, muss es auch noch an den Reichsten abgeben. Will Gott etwa, dass die berühmte Schere zwischen arm und reich immer größer wird? Eigentlich hat sich Jesus doch für das Gegenteil eingesetzt: die Schwachen stark machen.

Deshalb deute ich das Gleichnis so: Reichtum verpflichtet. Wer viel hat, der soll auch viel geben. Jesus wollte vielleicht damit sagen: Wenn du viele Fähigkeiten hast, dann ist das ein Hinweis darauf, dass Gott dir besonders viel zutraut: Gehe gewinnbringend mit ihnen um. Ob du ein Talent hast oder viele – setzte sie ein zum Wohl der Menschen.

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Der Yosemite Nationalpark im Westen der USA ist ein richtiges Naturereignis: steile Felswände, seltene Tiere und spektakuläre Wasserfälle. Wer hier wandert, dem kann das Herz aufgehen. Mit verantwortlich dafür ist John Muir. Er ist schon vor gut 100 Jahren gestorben. Und er war es, der Präsident Roosevelt davon überzeugt hat, dieses Gebiet zum Nationalpark zu machen. Er hat den Präsidenten einfach zu einer mehrtägigen Camping-Tour durch das Yosemite-Tal eingeladen. Der Rest lief dann von allein, weil dem Präsidenten aufgegangen ist, dass diese einzigartige Natur unbedingt erhalten bleiben muss.

John Muir konnte noch mehr als Nationalpark. Er war ein echter Universalgelehrter. Er hat Bücher geschrieben, war Erfinder und dazu noch Naturforscher. Aber vor allem hat er es geliebt, rauszugehen in die Natur. Er hat einmal einen Satz gesagt, der mich berührt: „Wenn ich in die Landschaft des Yosemite-Parks eintauche, dann ist das für mich wie eine Taufe im warmen Herzen der Natur.“

John Muir vergleicht das wandern, schauen, staunen mit einer Taufe. Das finde ich interessant. Während John Muir in die Natur eintaucht, wird man bei der christlichen Taufe ins Wasser eingetaucht. Heute ist meistens nur noch ein Übergießen mit Wasser übriggeblieben, aber ursprünglich wurde man richtig unter Wasser getaucht. Und das Gefühl, wenn man wieder auftauchte sollte deutlich machen: Mit der Geburt tauchen wir ein ins irdische Leben. Und mit dem Tod tauchen wir wieder auf – hinein ins ewige Leben. Dieser Gedanke ist faszinierend: Als ich geboren wurde, bin ich eingetaucht in unsere Welt. Aber im Gesamten gesehen ist mein Leben nur ein kurzer Augenblick. Und die eigentliche Wirklichkeit ist viel größer. Erst wenn ich sterbe werde ich wieder Teil dieser anderen Wirklichkeit.

Es gibt Momente, da kann ich auch im Hier und Jetzt schon ahnen, dass es diese andere Wirklichkeit gibt, die viel weiter ist als meine enge Welt. Und vielleicht ist es das, was John Muir gemeint hat mit dem Ausdruck, dass man getauft wird „im warmen Herzen der Natur“. Ich habe auch manchmal das Gefühl, total eins zu sein mit der Natur. Das kann mir auf einer sonnendurchfluteten Waldlichtung passieren, wenn es leicht harzig riecht und die Insekten im Sonnenlicht tanzen. Oder auf einem verschneiten Gipfel, wenn weit und breit kein Mensch zu hören ist. Nur Stille, Schnee und blauer Himmel.

Dann fühle ich mich so verbunden mit Gott und meiner Welt, dass ich manchmal sogar eine Gänsehaut kriege. Und das ist für mich dann auch wie eine kleine Taufe: Eine Ahnung davon, zusammen zu gehören, eine Ahnung, dass es noch eine weitere Welt gibt – größer, weiter und paradiesisch.

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Es gibt Abende, da muss es einfach raus – vielleicht auch heute Abend. Dann komm ich nach Hause und rufe schon im Treppenhaus laut „Feierabend!“ Damit lasse ich alles hinter mir, was mich geärgert oder angestrengt hat. Und ich freue mich auf den Abend und aufs Wochenende.

Dieses „Feierabend“-Rufen ist auch Teil einer Legende. Es geht um eine Magd mit dem schönen aber heute seltenen Namen Notburga. Sie hat im 13. Jahrhundert in Tirol gelebt und soll bei einem Bauern gearbeitet haben. Eines Abends möchte der Chef die gesamte Erntemannschaft nochmal auf die Felder schicken um Weizen zu schneiden – obwohl die Kirchenglocken schon den Feierabend eingeläutet haben. Da kommt es zum Eklat: Die Magd Notburga brüllt laut „Feierabend!“ und wirft dabei ihre Sichel in die Luft.

Jetzt kommt der etwas unwahrscheinlichere Teil der Legende. Aber ich finde ihn wunderschön und deshalb erzähle ich auch so gerne davon: Die Sichel, die Notburga in die Luft wirft, bleibt mitten in der Luft schweben – so wie wenn man einen Film anhält. Es gibt alte Bilder, da wird Notburgas Sichel von Engeln gehalten, auf anderen bleibt die Sichel an einem Sonnenstrahl hängen. Auf jeden Fall sind überirdische Kräfte im Spiel. Gleich wie es war, der Bauer ist so beeindruckt oder verdutzt oder verängstigt, dass er Notburgas Feierabend-Forderung akzeptiert und alle Mägde und Knechte nach Hause schickt.

Für mich klingt das wie ein Tipp für alle, die zu Überstunden gezwungen werden. Von ihrem Chef oder von sich selbst. Ich stehe mir für einen rechtzeitigen Feierabend oft auch selbst im Weg. Nur noch kurz die Mails checken. Und den letzten Punkt von meiner To Do Liste hier, den krieg ich auch noch weg. Und ich finde, dass das nicht nur für Arbeitstätige gilt. Ich brauche auch eine Pause von der Haus- oder der Gartenarbeit, vom Fensterputzen, vom Bügeln, vom Holz machen oder von ehrenamtlichen Tätigkeiten.

Man muss vielleicht nicht gleich „Feierabend“ durchs Büro oder durchs Haus brüllen, wenn´s reicht. Aber ich glaube es ist schon wichtig, den Wunsch nach genügend Freizeit klar und deutlich zum Ausdruck zu bringen, egal in welcher Position ich bin. Notburga war ja auch „nur“ eine Magd.  

Vielleicht ist für solche Fälle die Sichel der Notburga ein gutes Zeichen. Die bleibt in der Legende ja in der Luft schweben wie ein Standbild. Mit einem sauberen Schnitt die Arbeit beenden und am nächsten Arbeitstag das Standbild wieder weiter bewegen. Vielleicht denken Sie ja dran, wenn heute Abend das Wochenende lockt: An die Heilige Notburga, Schutzpatronin des pünktlichen Feierabends.

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Es ist sehr populär: das Victory-Zeichen, also zwei Finger wie ein V in die Luft gestreckt. So richtig bekannt geworden ist es im Zweiten Weltkrieg, als der britische Premierminister Winston Churchill es in jede Kamera gezeigt hat.

Aber davor war das V ein Zeichen des Widerstands gegen die Deutschen. Im Jahr 1941 hat der Belgische Politiker Laveleye eine Radioansprache gehalten. Darin hat er seine Landsleute dazu aufgerufen, das V als Zeichen zu verbreiten. Daraufhin wurden Vaus im besetzten Belgien auf Gehwege und Häuserwände gemalt und in den Lack deutscher Autos gekratzt. Der britische Radiosender BBC gab sich das gemorste V – dreimal kurz, einmal lang – sogar als Erkennungsjingle.

So ein Geheimzeichen haben auch die ersten Christen gebraucht. Sie wurden vom Römischen Staat verfolgt und konnten nicht offen sagen, an wen sie glauben. Also haben sie als Zeichen einen Fisch an ihre Haustüren gemalt. Der Fisch sollte anderen Christen signalisieren: hier wohnen Gleichgesinnte, hier bist du willkommen und sicher, du darfst sagen, was du denkst, bekommst vielleicht sogar ein Bett und ein Essen, und wenn du möchtest, können wir auch gemeinsam beten.

Warum aber haben die ersten Christen ausgerechnet ein Fisch als Geheimzeichen gewählt? Gut, er ist wie das Victory-V schnell und einfach mit zwei Bögen gemalt. Und der Fisch nimmt Bezug auf ein sehr berühmtes Wunder Jesu: Er hat Tausende von Menschen satt gemacht, indem er sie aufgefordert hat, das Wenige, was sie hatten, zu teilen: fünf Brote und zwei Fische.

Es gibt aber noch einen Grund für den Fisch als Geheimzeichen: Das Wort „Fisch“ heißt auf Griechisch „Ichthys“ und ist gleichzeitig eine Abkürzung. Jeder griechische Buchstabe von „Ichthys“ ist Anfangsbuchstabe für ein eigenes Wort: Das I steht für Jesus, das CH für Christus und der Rest für die griechischen Wörter „Sohn Gottes und Retter“.

Der Fisch und das Victory-V waren also beide ursprünglich ein Geheimzeichen und auch eine Art Glaubensbekenntnis in Kurzform. Das V sollte sagen: Wir widerstehen den Deutschen und glauben an unseren Sieg. Und der Fisch hieß und heißt heute noch: Ich oute mich als Christ und stehe dazu, dass mir Jesus wichtig ist.

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