Manuskripte

Weniger Eingriff in die Natur ist manchmal mehr hilfreich – nicht nur im Apfelanbau.

Kaum etwas läge dem Obst-Bauern meines Vertrauens ferner, als ein Loblied zu singen auf Faulheit und Untätigkeit. So war ich ziemlich verdutzt, als er mir von seinen Erfahrungen mit dem heißen Jahr 2018 erzählte. Eigentlich hatte ich nur gefragt, wie denn die Apfelernte gewesen ist – und vor allem: wie lange ich denn bei ihm Äpfel kaufen kann bis ins neue Jahr hinein. Die Erklärung war erst mal schwierig zu verstehen: Alles bisschen durchwachsen, sagt er; nur wo wir geschlampt haben, da wird’s gut. Wie bitte?

Bei Obstbäumen kann der Bauer die Natur ein wenig regulieren, erklärt er mir. Wenn er eine große Ernte will, beschneidet er seine Bäume nur wenig, lässt also viele Äste dran und Blüten und Frucht-Ansätze. Nachteil: die einzelnen Äpfel oder Birnen werden ein bisschen kleiner bleiben und weniger Zucker haben – der Baum verteilt seine Kräfte ja. Also: die Bäume stärker beschneiden, weniger Früchte kriegen – aber alle größer und mit mehr Geschmack. Letztes Jahr hat Bauer Hans eher großzügig beschnitten – ausgeizen nennt er das. Und weil die Sonne so doll geschienen hat und die Hitze heftig war, hat er schöne große und süße Früchte bekommen. Kleiner Nachteil: Die lassen sich viel schlechter lagern, weil sie zu groß süß und weich sind… Bauer Hans lässt dann eben viel Saft machen.

Und wir haben das Glück, dass er es gerade bei unseren Lieblings-Sorten nicht mehr geschafft hat mit dem Ausgeizen. Ergebnis: Viel mehr Äpfel sind gewachsen  aber schön knackig und vermutlich so lange haltbar, dass wir fast bis in den nächsten Sommer kommen werden.

Schon klar: Das war mehr Zufall als gewollt; aber sicher keine Faulheit. Und nebenbei wieder mal ein Beweis dafür, dass weniger oft mehr ist. Im Apfel-Fall bei Bauer Hans: Weniger Handarbeit am Baum macht mehr leckere und haltbare Früchte. Weniger Eingriff in die natürlichen Abläufe – das würden sich viele ja sowieso wünschen, an vielen Stellen in allen Bereichen. Weil Gottes Schöpfung schon ziemlich in Ordnung ist und zu wissen scheint, was sie tut. Und weil menschliche Eingriffe oft fatale Folgen haben.

Fragen von dieser Art werden sich immer wieder stellen: Mehr ausgeizen oder weniger; Flüsse eindämmen und kanalisieren – oder ihnen freien Lauf lassen; natürlich gewachsenes Gemüse kaufen oder nur das hübsch normgerechte; mit dem Rad zur Arbeit, zu Fuß zur – Schule oder mit dem prächtigen Auto... Gottes gute Schöpfung als Geschenk annehmen und pflegen und genießen: fände ich jedenfalls richtiger als sie zu beherrschen versuchen. Auf’s Ganze gesehen kommen alle damit besser zurecht: Mutter Erde und ihre Menschenkinder…

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Menschen sind auf der Flucht – schon immer; wer ihnen die Tür weist, lädt auch den Flüchtling Jesus gleich wieder aus – nicht nur kurz nach Weihnachten…

Immer noch sind siebzig Millionen Menschen auf der Flucht – alle zwei Sekunden muss jemand von zu Hause aufbrechen und fliehen; auch und gerade heute, in ganz Europa und im Nahen und Mittleren Osten und in Afrika – die Nachrichten sprechen immer noch fast täglich davon; und in vielen Ländern hat die Abneigung gegen die angeblich so vielen Fremden sehr seltsame nationale und populistische Bewegungen groß gemacht sogar im angeblich so christlichen Europa.

Aber auf der Flucht sind Menschen schon seit über zweitausend Jahren immer wieder mal. Die biblischen Lesungen in den Kirchen haben um Weihnachten herum daran erinnert. Daran, wie es der Familie Zimmermann Josef aus Nazaret ergangen ist, damals: Sowieso schon in einer fremden Stadt hatten sie ihren Sohn zur Welt gebracht, im Notquartier, bestenfalls einem besseren Stall. Und dann verbreitet sich die Nachricht, dass da gerade ein durchgeknallter Kleinmachthaber mit dem Titel König sich bedroht fühlt und mal eben alle neugeborenen Jungs totschlagen lässt. Herodes – politisch wirklich ein eher kleines Licht; aber die Besatzungsmacht ließ ihn machen – und wenn er seine Macht bedroht sah, sollte er doch dreinschlagen.

Laut Bibel hat da ein Engel den frischgebackenen Vater Josef nachts aus dem Schlaf gerissen. Er sagt: Steh auf, nimm das Kind und seine Mutter und flieht nach Ägypten – der König trachtet euch nach dem Leben.

Das Jesuskind verbringt seine ersten Tage und Jahre auf der Flucht – kann man da noch ernsthaft fragen, auf welcher Seite Christenmenschen heute zu stehen haben? Man kann – schon vor längerer Zeit bekam ich eine Mail, in der jemand seinen Austritt aus der katholischen Kirche bekanntgab. Begründung: Die Kirchen, speziell die katholische Kirche sei Schuld an der Flüchtlingswelle – so nannte er das.

Schuld an der Welle! Einfach weil christliche Stimmen darauf hinweisen, dass Menschen auf der Flucht menschlich behandelt gehören, aufgenommen versorgt integriert – einfach weil sie Menschen sind und keine Welle. Weil christliche Hände helfen, wo es nur geht – wo soll da Schuld sein?

Es ist einfach so herum richtig: Menschen, die heute auf der Flucht sind wie Jesus und seine Leute damals: In ihnen treffen wir ihn selbst. So rettet man nämlich am Ende das christliche Abendland, das so oft beschworene. Hat er schon selbst so gesagt: Ich war fremd – und ihr habt mich aufgenommen. Und „Herr, wo hätten wir dich denn fremd gesehen und aufgenommen…“ muss nach unseren Erfahrungen in den letzten Jahren niemand mehr fragen.

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Seit dem letzten Mai ist sie in aller Munde – naja: beinahe jedenfalls. Die DSGVO – die europäische DatenschutzGrundverordnung regelt unter anderem noch mal deutlicher und schärfer das so genannte „Recht am eigenen Bild“. Na gut – vielleicht ja nur noch mal deutlicher als früher; niemand darf ohne ausdrückliche Zustimmung niemand fotografieren oder gar das Bild irgendwo öffentlich machen. Und für Kinder und Jugendliche unter sechzehn müssen auch die Eltern zustimmen, schriftlich am besten.

Keine Frage: Es ist einfach viel zu viel Schindluder getrieben worden; da haben Leute Fotos geschossen und oft genug die Menschen selbst getroffen, die sie angeblich nur abbilden wollten. Am liebsten in den nur so genannten „Sozialen Netzwerken“. Und mit Fotos, die den Getroffenen oder die Betroffene in einer irgendwie albernen Haltung oder Pose zeigen oder mit Menschen um sich herum, die Hörner zeigen oder Zähne oder einen Vogel oder schlimmeres. Ganz zu schweigen von verfälschten Fotos, Gesichtern auf nackte Figuren montiert und solchem Dreck mehr.

Wer Menschen so vorführt, gehört verwarnt oder bestraft. Weil es gibt ein paar ziemlich rücksichtslose Typen, die mit ihrer Kamera und online machen, was sie wollen, ohne große Rücksicht zu nehmen. Und weil es Kinder und Jugendliche besonders übel treffen kann – längst vor jedem Porno-Verdacht übrigens: richtig, dass ihre Rechte noch mal besonders geschützt sein sollen. Falsche Fotos von dir online auf Fakebook oder Instagram – und deine Bewerbungsunterlagen für die neue Stelle fallen gleich hinten runter; egal, ob die Bilder uralt sind.

Der Fotograf meines Vertrauens erzählt, allerdings, noch mal was anderes: Die VierzehnJährige rastet schier aus, als sie am Bildschirm ein Porträtfoto  auswählen soll: Oh mein Gott – wie sieht die denn aus – neue Bilder machen – ist ja furchtbar! Und das etwas ältere Semester: macht den Fotografen gleich aufmerksam, dass er mit Photoshop ja sicher dafür sorgen kann, dass Falten oder sowas auf meinem Foto verschwinden. Nur ganz selten hört er „Bingo das bin ich, bloß nichts mehr verändern“. Fotografie liefert eben ein reales Abbild; das kann mich gern auch mit mir selbst konfrontieren. Das ist doch gut!

Denn natürlich hat jeder Mensch das Recht auf das eigene Bild. Aber wie das aussieht, beeinflussen wir schon auch selbst – ein kleines Lächeln, eine nachdenkliche Stirnfalte, ein offener Blick: so kann mich ruhig jedes Foto zeigen – in beinah jeder Umgebung. Und ich stehe zu mir selbst, auch wenn mein Bild Falten zeigt und graues Haar.Darf gern auch öffentlich werden. Wobei: ich würde auch am liebsten gefragt werden und zustimmen. Weniger wegen DSGVO – einfach, weil es sich so gehören würde!

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Wohnst du noch, möchte man fragen wie das große schwedische Möbelhaus, wohnst du noch, oder spendest du schon… So viel wie den blau-gelben Jahres-Umsatz haben die Deutschen 2018 gespendet. Oder so viel wie die Großstadt Köln am Rhein im gleichen Jahr laut Stadthaushalt ausgeben konnte. Über fünf oder sogar sechs Milliarden Euro. Je nach Forschungsinstitut.

Beeindruckende Zahlen, finde ich. Sie widerlegen – ansatzweise zumindest – das Gerede von der Egoismus-Republik Deutschland. Zumal die Zahlen auch weiter steigen, im Jahresvergleich. Und weil sich zeigt, dass die Spenderinnen und Spender auch auf akute Not reagieren. Das wird jetzt auch wieder so sein, denke ich, wenn Caritas International und Brot für die Welt und Rotes Kreuz und andere um Spenden bitten für die vielen tausend Opfer des Tsunami in Sumatra und Java.

Also alles gut? Nun ja – jedenfalls wäre da noch viel Luft nach oben. Denn nur ein eher kleiner Teil aller Deutschen macht da überhaupt mit. 25 Prozent, gerade mal ein Viertel. Und die mit eher überschaubaren Summen – pro Nase, meine ich. Zwischen vierunddreißig und sechsunddreißig Euro – also rund zehn Cent am Tag. Schon klar: Für viele ist auch das viel Geld. Aber für so viele andere, wenigstens Mittelverdiener oder sogar Reiche doch eher ein Klacks, oder?

Vielleicht hat Papst Franziskus ja doch Recht, wenn er zu Weihnachten die Gier beklagt, die sich weltweit gierig ausbreite. Das Mehr-Haben-Wollen – aber auch das Festhalten-Wollen. Die mangelnde Bereitschaft, zu teilen, was die Menschen haben.

Schade ist das – und ein Schaden für die Armen – denen es oft genug ja am Lebensnotwendigen fehlt. Und schade auch für die Reichen und Mittelreichen und alle anderen, die lieber festhalten als zu teilen. Denn auch ihre Welt wird ja nur vordergründig schöner und lebenswerter, je mehr sie haben und besitzen und sich leisten können. In Wirklichkeit bleibt die Welt so lange ein Jammertal für alle, solange Reichtum und Sicherheit und Friede so ungleich verteilt bleiben wie das immer noch ist.

Als Werbe-Texter würde ich das vielleicht mal für eine Spendenaktion von Diakonie oder Caritas vorschlagen. (Das Honorar für den Spruch würde ich natürlich spenden – komplett!) Also: Lebst du noch für dich selbst oder teilst du schon mit den fernen Nächsten

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Wie sind Sie in das neue Jahr gestartet – und welcher Typ sind Sie eher: Pessimist oder Optimist – oder die oder der Zuversichtliche? Stephen Hawking hat dazu die bekannte Geschichte erzählt von den drei Fröschen, die in den Sahnetopf gefallen sind – und davon, wie das Schicksal davon abhängen kann, mit welcher Haltung man / frau der Wirklichkeit begegnet.

Der pessimistische Frosch also: Ist in die Sahne gefallen, sieht, dass keinerlei Hoffnung besteht, zappelt noch kurz und ertrinkt. Der optimistische Frosch geht ja alles ein wenig positiver an; er schleckt erst mal von der leckeren Sahne, paddelt ein wenig und wenig systematisch, hofft auf Rettung – und als die Kräfte nachlassen, geht auch er unter und ertrinkt.

Der zuversichtliche Frosch weiß, dass es eigentlich hoffnungslos ist; aber solange er noch Kraft spürt – und gestärkt von der Sahne, in der er schwimmt, paddelt er doch mal los. Und zwar schön nachhaltig, also kraftsparend wie für die Langstrecke und immer und immer weiter im Kreis herum. Er ist gerettet, als er die Sahne zu Butter geschlagen hat und über den Butterberg nach draußen hüpfen kann.

Das ist Zuversicht – christlich würde man  es vielleicht auch Hoffnung nennen: Auch wenn die Situation aussichtslos scheint, auch wenn die Lage verfahren ist: Nicht aufgeben, sich der eigenen Kräfte versichern und sie gut einteilen – und nachhaltig aktiv werden.

Es war eine solche Zuversicht, mit der Stephen Hawking fünfzig Jahre lang mit einer Krankheit leben konnte, die seinen Körper Schritt für Schritt immer weiter gelähmt hat – und in dieser zuversichtlichen Lebenszeit ist er der berühmteste und wichtigste Astrophysiker aller Zeiten geworden, hat uns erklärt, wie die Welt im Urknall entstanden ist und was sie bis heute zusammenhält. Na gut, als er dann in den letzten Jahren meinte, dass die Menschheit wohl auf der Erde nicht überleben kann, sondern sich mal in den Weltraum aufmachen sollte, konnten ihm viele nicht mehr wirklich folgen.

Aber da geht christliche Hoffnung noch einen Schritt weiter als Hawking: Sie weiß, dass es mehr gibt für die Menschheit und für jeden und jede Einzelne – mehr als dieses irdische Leben mit seinen vielen Begrenzungen und hoffnungslosen Überforderungen. Sie weiß, dass sie die Rettung geschenkt bekommt und schon eine Ahnung davon geschenkt bekommen hat. Gott hat sich endgültig und verbindlich auf die Welt eingelassen und lässt niemand untergehen. Und deswegen ist christliche Hoffnung unterwegs mit der Zuversicht des zuversichtlichen Frosches im Sahnetopf: Die Welt zu verbessern, wo immer es von uns abhängt: Das ist der Auftrag einer Hoffnung, die sich auf Gott verlässt. Deswegen ist er Mensch geworden.

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Jetzt sind sie dahin, die drei Könige oder Magier aus dem Osten. Nein nein, keine Angst – nächstes Jahr ist es wieder ein Feiertag jedenfalls in BadenWürttemberg – Montag, 6. Januar ist arbeitsfrei… Aber dahin, also weg, auf dem Heimweg, sind sie auch nach der Geschichte, die die Bibel über sie erzählt. Ich wüsste nur zu gern, was sie so geredet haben unterwegs. Seltsames hatten sie erlebt. Waren einem Stern hinterhergelaufen, auf der Suche nach einem neu geborenen König der Juden. Und dann hatte es aufgehört mit der Sterndeuterei und die Hoftheologen in Jerusalem hatten sie nach Betlehem geschickt – ein ziemliches Kaff. Und der Stern stoppt über einem Stall! Königskind in einem Futtertrog im Stall statt Himmelbett im Palast.

Aber da waren sie schon richtig – und ihre Geschenke durchaus passend und willkommen. Alles in Ordnung, irgendwie – nur dass ihnen dann bei Nacht ein Engel erscheint und sie auf einem anderen Weg nach Hause schickt. Nicht mal die selbstverständlichen diplomatischen Gepflogenheiten dürfen sie absolvieren – Höflichkeitsbesuch bei König Herodes, Kranzniederlegung am Mahnmal also: Fällt alles aus. Umweg durch die Wüste – um das Kind zu beschützen, das auch schon auf der Flucht ist.

Wie gesagt: Zu gern wüsste ich, was sie sich unterwegs zu erzählen hatten. Was wir von dem Kind wissen, welche Botschaft er für die Menschen hatte von Gottes angefangener Zukunft und von der Rolle, die die Menschen übernehmen können, damit Gottes Zukunft Wirklichkeit wird: das muss ja erst noch kommen.

Sie werden mehr Fragen nach Hause gebracht haben als Antworten. Sie werden den Zweifel im Gepäck gehabt haben, ob die Sterne vielleicht lügen oder ob sie gar nichts zu sagen haben. Vermutlich haben die Könige aus dem Osten sich vorgenommen, dieses seltsame Kind und seine weitere Entwicklung im Auge zu behalten. Wo so viel Seltsames passiert ist, wo ein Stern oder eine himmliche Konstellation den Blick der Welt auf einen einzelnen Menschen lenkt: da muss mehr sein als nur ein Kind armer Leute in einem Schafstall auf dem Dorf.

Wir wissen mehr; wir wissen, dass sie den Messias gefunden hatten, der auch sie retten würde – auch wenn sie das noch nicht wissen konnten. Ein Retter für die ganze Welt – und in Gestalt der drei weisen Könige aus dem Osten hat die Welt ihn ja schon gesehen, vorerst noch, ohne ihn zu erkennen. Aber das geht ja heute noch vielen fast genau so...

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Kaum eine Aufforderung so häufig wie diese im Advent: Freut euch!…

 

Gaudete heißt der dritte Adventssonntag morgen  auf katholisch und evangelisch. Weil nämlich im Sonntagsgottesdienst der erste Satz so anfängt: Freut euch!

Hm – es kommt natürlich ein bisschen darauf an, wie man es ausspricht. Wie einen Befehl, im Kommando-Ton: Freut euch!? Ist schwierig. Weil es eher verschreckt und einschüchtert, so gebellt. Freude, denke ich, muss sich einstellen oder irgendwie ergeben –  angeordnete Freude ist so absurd wie „Sei endlich mal spontan und lass dich nicht immer kommandieren!“

Aber – alternativ – esoterisch gesäuselt „freuet euch“? Käme mir albern vor – irgendwie unernst und ein bisschen gaga. Vermutlich könnten sich damit heute auch nur wenige anfreunden oder sich gar davon anstecken lassen.

„Gaudete – freut euch“ – das ist anders:  Es ist einerseits richtig kernig und ernst gemeint; und es ist eine freundliche Einladung. Macht aufmerksam, dass es Grund genug gibt, sich zu freuen. So ist das auch in dem ersten Satz der Sonntagsmesse am dritten Advent. Auch wenn die Leute es noch nicht gemerkt haben, sagt der Profet Jesaja, hunderte Jahre vor Christi Geburt:  das ist Grund genug zum Freuen. Gott ist nah. Das Warten hat ein Ende – bald schon,  oder nein – eigentlich: ist es jetzt schon zuende.

Klar, das musste Israel damals erst mal entdecken. Aber anscheinend geht es den Christinnen und Christen heute ganz ähnlich.  „Freut euch – Gott ist nah“ – das meint einerseits: in zwei Wochen schon ist Weihnachten.  Wo wir feiern, dass Gott heruntergekommen ist  und als Mensch lebt – gleich nebenan. Einer, den ich auf der Straße treffen kann, der oder die mir was Gutes tut – oder meine Hilfe braucht.

Was vielleicht noch mal wieder neu zu entdecken wäre: Gott ist nah zu Weihnachten – da lässt er sich ein wenig leichter spüren als in den Alltagen des Jahres vorher und nachher. Jedenfalls, wenn die Gottes-Geburt noch stark genug ist und in den Herzen und Köpfen der Menschen ankommt.

Und Gott ist nah und Anlass zur Freude auch im Alltag, lange vor Weihnachten schon und hoffentlich auch über die Festtage hinaus. Sicher auch eine Herausforderung –  weil ich die Begegnung mit ihm auch schon mal übersehen könnte.

Er ist da und er wird auch wiederkommen –  auch daran erinnert Weihnachten dann  in einer guten Woche. Ich freu mich jedenfalls – fühlt sich gut an: Gott ist nah!  

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Ein wenig seltsam fühlt es sich schon an:  Heute ist mein letzter offizieller Arbeitstag. Ich gehe bald in Rente – und wegen Überstunden-Ausgleich  und paar Urlaubstagen ist morgen schon Schluss.

 

Dabei: Ich fühle mich keine Spur von alt oder verbraucht. Und ob ich den wohlverdienten Ruhestand wohl verdient habe? Insgesamt ist die Kirche im Bistum Trier  wohl ganz zufrieden gewesen mit mir.

Und ich selbst? Für Rückblicke hatte ich eigentlich keine Zeit in den letzten Wochen –  die langfristigen jedenfalls müssen erst mal noch warten. Anders als der tägliche Rückblick oder die Frage: Was hat mich in der vergangenen Woche bewegt –  was  habe ich getan und gelassen – und warum;  und: Was hat Gott mir da gesagt oder mich spüren lassen: Soviel Aufmerksamkeit habe ich selbst in diesen etwas hektischen Wochen schon auch meinem eigenen Alltag gewidmet. Mit Höhen und Tiefen und mit Spannung und Langeweile und viel Arbeit – manchmal sinnvoller Arbeit und gelegentlich mit auch ziemlich mechanischen Tätigkeiten... Doch, insgesamt hat’s gestimmt; und wo nicht, war eine Kurskorrektur möglich. Und Gott zu danken für schöne Erfahrungen –  und mich zu beklagen, wenn es weniger gut gelaufen ist, natürlich auch. Das gehört zu meinem Leben dazu, wie gesagt.

Für den ausführlicheren Rückblick auf neununddreißig Jahre im Beruf habe ich ab Montag und dann nach Weihnachten noch ein bisschen Zeit. An meinem Schreibtisch schafft schon der neue Kollege –  und ich habe eine Art Urlaub und kann mich an die neue Freiheit gewöhnen. Schon auch möglich, dass sie aus der Redaktion gelegentlich mal  was fragen müssen – wahrscheinlich habe ich das eine oder andere Dokument  ein bisschen zu gut versteckt, irgendwo.  Aber sie werden ohne mich auskommen.

Jede und jeder ist ersetzbar – jedenfalls in der beruflichen Funktion. Möglich, dass das ein bisschen wehtut, erst mal. Aber ich werde auch dankbar sein,  dass ich ein bisschen was einbringen konnte; mich und die Gaben, die der liebe Gott mir mitgegeben hat. Oft genug hat es mich auch herausgefordert,  selten bin ich richtig gescheitert öfter mal habe ich wohl haarscharf danebengelegen. Die Kirche und die Leute haben’s ausgehalten –  auch das ist ein Geschenk von Gott. Und auch nach der beruflich bezahlten Zeit bin ich ja noch da –  gelegentlich auch ehrenamtlich. Und hier in SWR 2 sicher auch.

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Schweden und andere Länder hoch im Norden feiern heute das Lucia-Fest;  und manchmal benutzt die Werbung das Bild auch in Mitteleuropa:  „typisch schwedisch“ ziehen Mädchen und junge Frauen durchs Haus  mit einem Lichterkranz auf dem Kopf.

Dabei ist das Lucia-Fest selbst schon so etwas wie  ein christlich getaufter oder eben gekaperter vorchristlich-heidnischer Brauch. Der dreizehnte Dezember war in Schweden bis ins Jahr 1700 der kürzeste Tag des Jahres –   dann erst haben sie dort  den allgemein üblichen modernen Kalender eingeführt –  mit dem 21. als kürzestem Tag.

Und umgeben ist der kürzeste Tag ja von den längsten dunklen Nächten; gegen diese Dunkelheit zündeten die Menschen dort im Norden wie überall auf der Welt Lichter an; schon immer –  Kerzen als Zeichen: Das Licht soll stärker sein als die bedrohliche Nacht. Und schon das kleinste Licht vertreibt bekanntlich die ganze Dunkelheit.

Als Schweden christianisiert wurde,  brachten die Missionare die heilige Lucia mit. Eine junge Frau, die schon im vierten Jahrhundert in Sizilien gelebt hat und gestorben ist – als Märtyrerin ermordet.  Weil sie wollte nämlich ihren Glauben lieber allein leben als mit dem jungen Mann,  dem sie eigentlich versprochen war. Eigentlich eine ziemlich moderne,  fast schon irgendwie emanzipierte junge Frau;  und zwar schon kurz vor dem Ende der römischen Antike!

Der kirchliche Feiertag der Märtyrerin Luzia war der 13. Dezember –  und an dem Tag hatten sie dort oben im Norden  den alten schwedischen Lichterbrauch. Lichter!? Da passte es gut, dass eine der Geschichten von Lucia erzählt, wie sie nachts heimlich Brot an die Armen der Stadt verteilt. Um die Hände frei zu haben,  habe sie sich die Lichter wie eine Krone auf den Kopf gestellt.

Na gut – heimlich Brot verteilen  und sich dabei selbst unter volle Beleuchtung stellen –  klingt ein bisschen widersprüchlich… Aber egal: Lucia scheint auch im wirklichen Leben ein Licht gewesen zu sein; ob mit oder ohne Lichterkranz. Und so ein Licht braucht diese dunkle Welt gerade heute wieder, nicht nur, weil die Nächte im Winter so lang sind und so finster. Schön, dass Santa Lucia ein bisschen mehr Licht bringt in den dunklen Dezember – ruhig auch schon zehn Tage vor Weihnachten.

Glückwünsche zum Namenstag für alle Luzias und Lucys und Lucilles!

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Der Weihnachtsbaum ist wahrscheinlich schon geschlagen; oder er steht sogar schon im Hof oder im Keller –  oder gleich im Wohnzimmer, wo er schon mal da war. Manche haben auch schon die Lichter dran. Vorweihnachtszeit geht – nahtlos sozusagen – in die Weihnachtstage über. Und nach dem Fest fliegt der Baum sowieso bald raus. …

 

Schon klar: Weihnachtsbaum kann ruhig schon im Advent stehen. Oder vielmehr in der Vorweihnachtszeit; so heißt es ja heute fast überall. Als Vorweihnachtsbaum. Draußen auf Straßen und Plätzen sind die Jahresendzeitbeleuchtungen schon seit Mitte November oder spätestens Anfang Dezember eingeschaltet. Hat alles mit dem Fest, das die Christenmenschen erst in zwölf Tagen feiern nur am Rande zu tun; mehr auf der geschäftlichen Ebene.  Manche Geschäftszweige machen in diesen sechs Wochen  fast ein Drittel oder mehr ihres Jahresumsatzes. Und Klappern beziehungsweise Leuchten und Lichterketten gehören zu dieser Art Handwerk einfach dazu.

Ist schon recht. Denn was eigentlich im Hintergrund dieser Zeit steht, also hinter Konsum- und Umsatz- und GeschenkeRausch bis Weihnachten, das lässt sich ja doch immer noch entdecken. Jedenfalls mit ein bisschen Anstrengung  und einem etwas genaueren Blick auf das Geschehen.

Weihnachten ist ja tatsächlich die Erinnerung daran, dass Gott die Menschen unendlich liebt; so sehr, dass er der Welt deswegen das größte denkbare Geschenk macht –  oder eigentlich das größte undenkbare: Da wird ja gefeiert, dass Gott sich selbst herschenkt. Alles hinter sich lässt, was ihn oder sie auf Abstand halten würde; einer von uns wird, als Mensch,  als Kind, dem seine Eltern sogar die Windeln wechseln müssen.

Eigentlich macht jedes Geschenk das nach,  mit dem Menschen andere Menschen beglücken. Und richtig glücklich macht so eine Gabe doch sowieso nur, wenn etwas von mir drinsteckt in dem, was ich der oder dem anderen schenke; ich spüre jedenfalls deutlich,  wieviel von sich selbst jemand mir in die Hand legt – oder wie wenig eben. Und so unpersönliche Austausch-Geschäfte könnten wir uns beiderseits lieber ersparen…

Geschenke machen Menschen natürlich auch in anderen Zeiten  als um Weihnachten und Jahreswende herum. Und deswegen könnte es fast schon egal sein,  wie lang die so genannte Vorweihnachtszeit ausgedehnt wird.  Andererseits: Ist doch gut,  mich noch mal ausdrücklich erinnern zu lassen,  von wie großen Geschenken ich eigentlich lebe. Ich würde sagen: Am liebsten am Weihnachtsfest. Und deswegen kommt bei mir auch der Baum erst zum Fest ins Haus.

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