Manuskripte

Neun Monate noch bis Weihnachten. Kann schon sein, dass das im Moment nur mäßig interessant scheint; „drei Wochen nur bis Ostern“: das wäre jedenfalls näherliegend. Und trotzdem feiern die Kirchen heute genau das: Neun Monate bis Weihnachten.

Martin Luther hat es „eines der fürnehmsten Feste“ genannt. Und im katholischen Feiertagskalender ist es ein Hochfest. Und heißt „Verkündigung des Herrn“. Die Christen feiern den Tag, an dem ein Engel eingebrochen ist in den Alltag einer jungen Frau in der kleinen Stadt Nazaret in Galiläa. Mit einer Botschaft an Mirjam oder Maria: Du wirst schwanger und sollst einen Sohn zur Welt bringen. Und du sollst ihn Jesus nennen – Gott ist der Retter heißt das – und er wird König von Israel sein…

Wen wunderts: Maria ist erst mal erschrocken und dann ratlos. Wie soll sie schwanger werden – ist ja kein Mann da oder jedenfalls noch keine eheliche Verbindung. Und dann erzählt der Engel, wie das Wunder geschehen wird. Maria lässt sich darauf ein; vermutlich, ohne es zu verstehen. Aber das ist ihre Art, zu glauben: Sie lässt sich auf so eine riesige Herausforderung ein, obwohl sie sich damit selbst in Gefahr bringt. Unverheiratet schwanger – da drohte schon damals Schlimmes in der orientalischen Gesellschaft.

Aber mal ehrlich: Wer hätte bis heute verstanden, was da passiert. Um so wichtiger, das alles sozusagen zu erden und mit der wirklichen Realität zu verbinden. Deswegen heute, neun Monate vor dem Fest der Geburt: Fest der Ankündigung dieser Geburt. So wunderlich seltsam die Geschichte sein mag: Sie lässt sich am Kalender festmachen und an den natürlichen Abläufen.

Wie jeder andere Mensch braucht der kleine künftige Jesus neun Monate im Bauch seiner Mutter, bis er das Licht der Welt erblicken kann. Denn zur Welt kommt da einer von uns. Ganz Mensch eben.

Gottes Sohn sein: das wird er lernen. Weil er ein besonderes Verhältnis zu Gott hat und Gottes Liebe so sehr an sich heran lässt, dass er sie weitergeben kann. Das wird ihm eine ganz besondere Kraft geben – er wird Kranke gesund machen und Tote zurückrufen ins Leben.

Aber das dauert noch – erst mal neun Monate bis zur Geburt. Und dann dreißig Jahre unauffälliges Leben im Dorf Nazaret. Da können wir ruhig Karfreitag und Ostern feiern, in drei Wochen. Liegt im Moment einfach näher…

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Wenn die Wirklichkeit einen Bischof bekehrt – dann ist er wieder nah beim Volk…
„Wenn viele Menschen sich von der Kirche entfernen, dann liegt das daran,
dass die Kirche sich zu weit von den Menschen entfernt hat.“
Oscar Arnulfo Romero hat das festgestellt, damals war er Erzbischof von San Salvador;
ermordet haben sie ihn heute vor siebenunddreißig Jahren.
Das Mordkommando hat ihn am Altar erschossen, mitten in seiner letzten Messe.
Noch am Tag davor hatte er die Soldaten und Polizisten angesprochen, in seiner letzten Predigt, und sie aufgefordert, dass sie ungerechten Befehlen widerstehen sollten.
Für das Volk arbeiten statt für die Unterdrücker und gegen das Volk.
In El Salvador herrschte damals eine Militärjunta;
unliebsame Politiker und Gewerkschafter verschwanden, Bauern verloren ihr Land,
streikende Arbeiter wurden mit Waffengewalt niedergemacht.
Und eigentlich hatten die führenden Schichten gedacht, der Erzbischof würde im Grunde gut zu diesem System passen, als er neu ernannt worden war.
Er war jedenfalls bekannt als ein konservativer und linientreuer – also nah bei den Mächtigen und Reichen, dachten sie.
Oscar Romero hat sich bekehren lassen.
Irgendwie hat er im neuen Amt die eigentlichen Probleme gesehen – und immer lauter dagegen protestiert.
Er ist nah zu den Leuten gekommen, von denen sich seine Kirche so weit entfernt hatte.
Romero protestierte gegen bestechliche Gerichte und die Ausbeutung der Armen.
Ganz auf der Seite des Volkes, unterstützte er den Freiheitswillen der armen Leute.
Er hat gewusst, dass er auf der Todesliste der Militärs ganz oben stand.
Asyl in anderen Ländern hat er abgelehnt. Er kann doch sein Land und sein Volk nicht allein lassen. Das Volk von El Salvador hat ihn heiliggesprochen und eigentlich das Volk von ganz Südamerika auch.
Die offizielle Kirche hat lange gebraucht – viel länger als für die Heiligsprechung von Papst Johannes Paul dem Zweiten. Von dem hatte Romero sich wohl auch ziemlich weit entfernt gefühlt. „Ich glaube, ich werde nicht noch einmal nach Rom kommen,“
hat er mal gesagt. „Der Papst versteht mich nicht.“
Mit Papst Franziskus hätte er es wohl leichter gehabt. Der versucht wenigstens, seine Kirche auch zu bekehren, näher wieder bei den Menschen zu sein,bei den Leuten, von denen sie sich entfernt hat.

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Balkissa hat die Gäste aus Deutschland schwer beeindruckt. Sie ist neun, lebt mit ihren Eltern in einem kleinen Dorf in Burkina Faso, in Westafrika, am Rand der Sahelzone. Zu sehen ist Balkissa gerade überall in Deutschland – sie ist das Poster-Girl auf dem Plakat, mit dem die katholische Entwicklungs-Organisation Misereor zur Fastenaktion in diesem Jahr einlädt.

Ins Bild gekommen ist Balkissa, weil sie eine Idee hatte – und weil sie damit so gut zum Misereor-Motto passt: Die Welt ist voller guter Ideen – lass sie wachsen. Balkissas Idee war erst mal nur gut für sie selbst: Sie hat ihre Sonnenbrille verkehrt herum aufgesetzt – Unterkante nach oben, sozusagen – und damit hatte sie die Gläser genau auf Augenhöhe. Für ihr Gesicht war der Nasenbügel einfach viel zu hoch ausgeführt.

Voller guter Ideen – das aber ist zugleich ein Signal für einen neuen Blick auf Afrika und andere südliche Weltgegenden. Zu diesem Perspektiv-Wechsel lädt Misereor immer wieder ein – dieses Jahr eben mit dem Beispiel Burkina Faso. Da unterstützt das Hilfswerk zum Beispiel Frauen-Genossenschaften mit einem Mini-Molkerei-Projekt. Es ist sowieso schwierig genug, in der trockenen Savannen-Landschaft Rinder zu halten und zu ernähren – aber für viele auf dem Land die einzige Einkommens-Quelle. Besser, die Milch möglichst vor Ort zu lagern und zu verarbeiten; auf dem Transport bei der Hitze in die Stadt verdirbt viel zu viel. Die Lösung sind winzige Molkereien, mit Strom aus der Sonne, mit einer guten Kühlanlage und mit Kesseln, in denen unter anderem Quark und Joghurt entstehen.

Andere Bauern haben neue Wege erfunden, Schädlinge von den Äckern wegzuhalten – mit natürlich vorhandenen Nützlingen, also ziemlich Bio; oder wie sie die frisch geernteten Zwiebeln gut lagern, damit sie sich länger auf dem Markt verkaufen und zu besseren Preisen.

Solche Ideen lohnt es, zu entdecken und zu unterstützen. Wer Afrika nur als armen und hilfe-bedürftigen Kontinent betrachtet, sollte mal die Perspektive wechseln – so wie Balkissa die Blickrichtung ihrer Brille.

Nebenbei kommt dann zum Beispiel auch in den Blick, dass Milchpulver aus Europa den Markt für afrikanische Milch kaputt macht. Und dass „billig billig kaufen“ und „Reste werden weggeschmissen“ keine besonders nachhaltige Perspektive ist.

Bestimmt ist die Welt voller guter Ideen – auch hier. Wer über das Bild der kleinen Balkissa mit ihrer Brille lächelt, hat vielleicht ja auch schon eine gute Idee; lasst sie wachsen!

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Überraschend aktuell, das Thema – wo doch die ersten Städte sehr konkret darüber nachdenken, den Autoverkehr auszusperren, damit die Menschen noch genug Luft haben. Oder wenigstens die Diesel-Autos – oder mindestens die Personenkraftwagen, weil Busse und Lieferwagen so schnell nicht auf elektrisch umgestellt werden können. Feinstaub – na gut, den können gute Filter noch wegfiltern. Aber jetzt auch noch die Stickoxide…

Ich sollte da vielleicht an eine Aktion der beiden großen Kirchen erinnern, hier im Südwesten der Republik, die schon ins zwanzigste Jahr geht: Die Aktion Autofasten.

Fasten – ja gut, das ist bekannt: Eine Zeit lang, sieben Wochen zum Beispiel von Aschermittwoch bis Ostern auf etwas Bestimmtes zu verzichten, kann gut sein. Für uns Kinder gab es (natürlich nur teilweise freiwillig) keine Süßigkeiten – und wenn wir was geschenkt bekamen, kam es „in die Dose“; die blieb bis Ostern tabu. Wer fastet, kann einfach noch mal erleben, wie abhängig sie oder er von manchen Sachen ist. Kann sich frei machen davon. Eine gute Vorbereitung auf Ostern – das Fest der Freiheit vom Tod und damit der ganz großen Unabhängigkeit…

Und vor zwanzig Jahren sind eben ein paar Kirchenleute unter anderem im Bistum Trier auf die Idee gekommen: Lass uns doch mal daran erinnern, wie gedankenlos viele oder die meisten am Auto hängen – sogar in der Stadt; selbst für die paar hundert Meter zur Bäckerei oder zum Kindergarten setzen sich viele ins Auto, obwohl sie gut zu Fuß gehen könnten…

Selbstverständlich ist das eigentlich nur eine Übung – und jede und jeder wird sie auf die eigene Lebenssituation anpassen: Anders auf dem Land als in der Stadt; mit Kindern anders als ohne… Aber gut wäre es, möglichst viele Leute lernen beim Autofasten, wie viel schöner es ist, zu Fuß zu gehen oder mit dem Rad zu fahren oder nette andere Menschen unterwegs im Bus oder in der Bahn zu treffen. Lauter positive Eindrücke – kein Stück Auto-Hass, den die Kirchen da verbreiten wollen.

Einfach nur ein bisschen mehr Liebe zur Schöpfung und bewusste Rücksicht  auf das ErdKlima, damit alle was davon haben: Luft zum Atmen, weniger Lärm, weniger Ressourcen-Verbrauch… Irgendwie mehr Unabhängigkeit von Sachen und Gewohnheiten. Ein Stück Befreiung also – auch schon in der Zeit vor Ostern.

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Kommt ihr Töchter – helft mir klagen! Seht, wie Jesus sein Kreuz trägt und wie er geopfert wird … Musikalisch ist das ein Haupt-Text jetzt vor Ostern. Die Matthäus-Passion von Johann Sebastian Bach fängt so an: mit der Einladung zur Klage um Jesus von Nazaret, wie er verhaftet wird, gefoltert, in einem lächerlichen Gerichtsverfahren verurteilt. Und den sie schließlich am Kreuz ermordet haben.

Diese Geschichte wird mit viel guter Musik erzählt, zwei Stunden lang. In verteilten Rollen – ein Tenor-Sänger erzählt den Text des Evangeliums; ein Bassist übernimmt die Worte von Jesus, ein paar Frauen-Rollen sind dabei. Einer der zwei Chöre spielt den Mob, die Volksmassen, die Demonstranten. Der andere Chor vertritt die Gemeinde – sie lassen sich einladen, sie schauen zu und verstehen immer mehr, dass diese Geschichte mit ihnen zu tun hat. Und sei es nur mit wie zufälligen Wortspielen – etwa in dieser Szene:

Jesus kündigt an, dass einer seiner zwölf Freunde ihn verraten wird. Die fragen erstaunt und verwirrt: Herr, bin ich’s – oder ich – bin etwa ich’s? Da unterbricht der zweite Chor die Szene und singt – stellvertretend für die ganze Gemeinde: „Ich bin’s, ich sollte büßen – weil ich schuldig bin…“

Das alles ist sehr dramatisch in Szene gesetzt – auch ohne Kostüme und Theater auf der Bühne. Die Musik zieht einen herein in die Geschichte, wie Jesus von Nazaret seinen letzten Weg geht. Sie geht mit ihm mit, zögert, geht in sich, wiederholt Worte und Sätze. Dramatisch also – und zugleich meditativ. So, wie es in der Bibel ja auch aufgeschrieben ist. Eine Geschichte, die den gläubigen Menschen sagt: Gott selbst ist heruntergekommen – ein Mensch; er hat die Mächtigen gestört, bis sie ihn schließlich beseitigen mussten, um selbst an der Macht zu bleiben. Eine Geschichte also, wie sie auch heute noch immer wieder vorkommt. Deswegen spricht sie auch Menschen an, die sich weniger gläubig finden.

Sicher, es gibt modernere Formen, das alles darzustellen - Jesus Christ Superstar ist das bekannte Musical, es gibt Theater-Stücke, berühmte Filme… Und eben jedes Jahr wieder hunderte Sängerinnen und Sänger, große und kleine Orchester, die eine der PassionsMusiken von Johann Sebastian Bach erarbeiten – oder andere alte Musik, die immer noch modern ist. Ich werde mitsingen, als Bass im Chor. Und bestimmt gibt’s Passionsmusik auch irgendwo und irgendwann in Ihrer Gegend!

 

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Wie das wohl war in so einer orientalischen Gesellschaft: Josef, der Zimmermann, verlobt mit einer jungen Frau aus dem Dorf, erfährt irgendwie: Mirjam ist schwanger. Vor der Ehe. Und jedenfalls von einem anderen Mann. Dass er noch nicht mit ihr zusammen war, weiß er ja mal mindestens.

Noch bis vor ein paar Jahren wäre so was selbst hier bei uns gefährlich gewesen; Menschen in südländischeren Gegenden haben so was ganz selbstverständlich gefunden: Ausgestoßen oder gleich gesteinigt worden wäre „so eine“ damals, in Galiläa, Israel, vor zweitausend Jahren. Hätte sogar eine vorgeblich religiöse Begründung gehabt.

Aber der Zimmermann tickt offensichtlich anders. Er vergisst, dass er blöd dastehen könnte –  der gehörnte Verlobte. Ihm ist das offensichtlich gleichgültig. Er nimmt seine Verlobte zu sich, berichtet die Bibel. Er wird dem Kind ein guter Vater, auch wenn das Kind sehr wahrscheinlich einen anderen Vater hat. “Das ist doch der Sohn des Zimmermanns“, sagen sie später im Dorf über Jesus, den Sohn der Maria; wissen also nichts von einer ungeklärten Vaterschaft. Ist doch einer von uns – was hat der uns von Gott zu erzählen… Der Sohn des Zimmermanns – und Josef steht vielleicht daneben. Und ich bin sicher: Er denkt und fühlt, dass sie Recht haben, obwohl er es ja eigentlich besser weiß.

Das, finde ich, ist die wirkliche Größe des Zimmermanns Josef aus Nazaret: Dass er treu gewesen ist, obwohl doch alles gegen diese Treue sprach. Vielleicht ist ihm ja wirklich ein starker und geschickter Engel erschienen, der ihm das alles erklärt hat, was bis heute kaum jemand richtig versteht…

Der hat es ihm jedenfalls so gut erklärt, dass Josef ein paar Jahre später sogar mit der nächsten seltsamen Geschichte zurechtgekommen ist: der frühpubertäre Jesus, gerade mal zwölf Jahre jung, bleibt einfach im Tempel in Jerusalem zurück; obwohl die Familie am Ende der Wallfahrt nach Nazaret unterwegs ist. Und blafft die Eltern an: Wusstet ihr nicht, dass ich im Haus meines Vaters sein muss…

Glückwunsch allen Josefs, Jupps, Joes – und den Josefas und Josefines – gestern hatten sie Namenstag, aber weil gestern Sonntag war, ist das Hochfest auf heute verlegt. Und ich wünsche Ihnen und allen anderen jedenfalls Mut; den Mut, treu zu sein – wie damals der Zimmermann in Nazaret.

 

 

https://www.kirche-im-swr.de/?m=23880

„Gegen die Irrtümer der Griechen“ – Contra errores Graecorum, hieß das Buch, das der päpstliche Hoftheologe Thomas von Aquin im Jahr 1263 im Auftrag des Papstes geschrieben hat. Gemeint war die griechisch-orthodoxe Kirche. Ich will es heute erwähnen, am Gedenktag des großen heiligen Kirchenlehrers Thomas – und zwei Tage nach der Gebetswoche für die Einheit der Christen.

 

Gegen die Irrtümer der griechischen Kirche – das klingt erst mal wie eine Kampfschrift. Sollte aber eigentlich – ganz im Gegenteil – eine theologische Basis sein, auf der die damals getrennten Kirchen wieder hätten zusammenfinden können.

 

Die erste große Kirchenspaltung war damals gerade 200 Jahre alt – eher eine kurze Zeit, verglichen mit den fünfhundert Jahren, die jetzt schon seit Martin Luthers Thesen und der großen Trennung der westlichen Kirchen vergangen sind. Möglich, dass da noch was drin gewesen wäre – eine Einigung oder wenigstens eine Verständigung. Dazu wollte Thomas beitragen. Die meisten so genannten „Irrtümer der griechischen Kirche“ entlarvt er als gegenseitige sprachliche Missverständnisse zwischen dem östlichen Griechisch und dem westlichen Latein.

 

Leider ist der große Thomas mit seiner guten Absicht gescheitert. Hat sich wohl auch an zu alten Texte abgearbeitet. Da wäre es schon geschickter gewesen, man hätte auf Augenhöhe und direkt miteinander gesprochen. Allerdings wäre das natürlich schwierig gewesen, solange beide Kirchen sich gegenseitig als Ketzer und Häretiker beschimpften – ganz abgesehen von Kriegen und wirtschaftlicher Konkurrenz rund ums Mittelmeer – die standen dann auch noch im Weg. Und gemeinsam gebetet hätten die Christenmenschen im Mittelalter kaum –  wenn schon, dann höchstens gleichzeitig und gegen die jeweils anderen.

 

Da sind wir heute ein großes Stück weiter. Eigentlich wissen inzwischen sogar die meisten Kirchenleitungen in Ost und West und Nord und Süd, dass es nur eine Kirche geben kann, wenn sie den Auftrag ihres Herrn Jesus Christus ernst nehmen wollen. Die Leute nehmen Kirche sowieso meistens als „eine Kirche“ wahr – jedenfalls die Leute, die das sowieso alles für Hokuspokus halten; aber immer mehr normale Kirchenmenschen auch.

 

Dass die Kirchen in Deutschland und Europa gemeinsam an fünfhundert Jahre Reformation erinnern, macht sie ein bisschen mehr wieder zu der einen Kirche, die Jesus wohl eher gewollt hat. Und da ist es doch gut, wenn alle gemeinsam beten – die eine Woche im Jahr – aber eigentlich immer und immer wieder.

 

 

 

 

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Trauer-Beflaggung heute an Schulen und Rathäusern und überhaupt an den öffentlichen Gebäuden im ganzen Land. Könnten eine Erinnerung an Bundespräsident Roman Herzog sein, der am 10. Januar gestorben ist, siebzehn Jahre nach dem Ende seiner Amtszeit. Heute Mittag wird er zu Grabe getragen.

Tatsächlich erinnern die Flaggen auf Halbmast an den Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus. Und damit auch wieder an Roman Herzog – als Bundespräsident hat er den Gedenktag 1996 verbindlich eingeführt.

„Die Erinnerung darf nicht enden;“, hat Herzog damals gesagt. „sie muss auch künftige Generationen zur Wachsamkeit mahnen. … (Erinnerung) soll Trauer über Leid und Verlust ausdrücken, dem Gedenken an die Opfer gewidmet sein und jeder Gefahr der Wiederholung entgegenwirken.“

Dass es der siebenundzwanzigste Januar wurde, hat einen konkreten historischen Anlass. Heute vor zweiundsiebzig Jahren hat die Rote Armee das KZLager Auschwitz-Birkenau besetzt; die Soldaten hatten die wenigen Überlebenden dort befreit und viele Tote gefunden. Die Nazischergen haben ja bis zum Ende ihres „Tausendjährigen Reiches“ weitergemordet. Tag der Befreiung des vielleicht schlimmsten Todeslagers – natürlich ist das nur ein Datum von vielen möglichen. Schreckliche Tage hätte es genug gegeben in der dunkelsten Zeit von Deutschland und Europa.

Aber dieser Tag ist doch auch bewusst gewählt. Erinnert an das Schreckliche und Unmenschliche; und zugleich steht er eben auch für die Hoffnung auf Befreiung. Es gibt tatsächlich eine Chance, dass so etwas nie wieder geschieht. Dass in diesem Land der Täter immer genügend Menschen darauf achten, wie sie miteinander leben und miteinander umgehen: Wie sie aufeinander achten und sich gegenseitig unterstützen; wie Fremde und Andersartige sich einbringen und integrieren können – und wie alle gemeinsam an der einen Gesellschaft arbeiten. Das wird eine bunte Gesellschaft sein – mit Menschen aus vielen Nationalitäten und Herkunfts-Ländern, mit vielen Formen an einen Gott zu glauben oder auch nicht, mit Dutzenden von Sprachen und Moden und sexuellen Orientierungen…

Tag der Befreiung von Auschwitz-Birkenau, Tag der Opfer von Nationalsozialismus und Rassismus - ein Tag der Hoffnung auf eine gute Zukunft dieses Landes und seiner Menschen in Europa.

In dieser Hoffnung wird heute Mittag in Schöntal auch der Gottesdienst für Roman Herzog gefeiert –

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„Wunder der Natur“ heißt meine Lieblings-Ausstellung, zur Zeit; schon über ein Jahr zu sehen im Gasometer Oberhausen. Wunder der Natur…

Drinnen neben tollen Fotos auch ein kleiner Film; da ist das Wunder ein Moment in der Kinderstube der kleinen Mandarin-Enten. Die Entenmutter hatte ihre Eier in einer Baumhöhle abgelegt und ausgebrütet; Sicher, gut geschützt vor irgendwelchen Nesträubern. Aber jetzt, vor vierundzwanzig Stunden sind sie erst geschlüpft, müssen sie raus. Fliegen lernen sie erst später. Aber wenn sie aus dem Baum krabbeln, geht’s erst mal zehn Meter senkrecht runter auf den Boden.

Es scheint den kleinen Enten eher unwohl zu sein, wie sie da hinauslugen. Vermutlich verhindert ihr Instinkt, dass sie springen – wäre ja auch lebensgefährlich. Aber dann macht die Entenmutter es ihnen vor - sie lässt sich einfach aus dem Baumloch fallen und landet unten in einem weichen Teppich aus Laub und Moos. Und lockt sie mit einem speziellen Ruf. Und – für mich ist das das Wunder – die Kleinen folgen der Mutter und springen ihr nach. Bei Menschen würde man es wohl Vertrauen nennen. Ob MandarinEnten auch sowas haben?

Jedenfalls sind sie schließlich alle sicher am Boden und werden fliegen lernen und auf dem See paddeln und Futter suchen… Wie gesagt: Nur eines von vielen Wundern der Natur, die da in tollen Fotos und Videos und ein paar echten Stücken ausgestellt sind.

Wenn ich zum dritten Mal in die Ausstellung gehe, werde ich das auch alles noch mal sehen und genießen. Vor allem aber werde ich mich wenigstens eine Stunde in die große Halle legen; die ist fast hundert Meter hoch und mittendrin schwebt mit zwanzig Meter Durchmesser eine Erd-Skulptur. Ein riesiger Ballon, draufprojiziert Millionen Bilder von Wettersatelliten, mit Tag und Nacht im Wechsel, mit Orkantiefs und Wolkenfetzen, mit dem Licht der großen Städte überall auf der Welt und dem Dunkel der Wüsten und der Ozeane.

Die Erde – der Heimatplanet – das eigentliche Wunder der Schöpfung. Unendlich groß und mächtig – und zugleich so verletzlich; den Menschen anvertraut und zugemutet und ausgeliefert zugleich.

Man muss das erleben, glaube ich. Und es lohnt sich wirklich – auch wenn der Weg weit ist nach Oberhausen im Ruhrgebiet. Die Wunder der Natur sind noch bis November zu sehen.     

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Genau ein Monat ist vergangen seit Weihnachten – kommt manchen viel weniger vor. Ja – es ist viel passiert seit dem Fest; die vielen anderen Feiertage, Silvester und Neujahr mit ihren guten Vorsätzen, in Baden-Württemberg und Bayern der Dreikönigstag; Manche haben auch KurzUrlaub gemacht, sind gewandert oder skigelaufen, wenn’s ein bisschen Schnee gab. Sogar im Privatleben: Viel los, vermutlich, bei vielen.

Und auch im öffentlichen Leben ist es ziemlich rund gegangen – weltweit bis zur Amtsübernahme des neuen US-Präsidenten am letzten Freitag. Und in Deutschland mit vielen Debatten über die Sicherheit nach den Berliner Attentaten; es geht um Menschen auf der Flucht und Männer mit terroristischen Absichten. Ziemlich offen ausgebrochen ist inzwischen der Wahlkampf; schließlich ist dies ein Jahr mit vielen Wahlgängen, bei uns und bei den Nachbarn…

Schon ein ganzer Monat – oder nur ein Monat!? Auch dieses Gefühl kommt ja vor. Manchen Menschen geht einfach alles zu langsam. Der Winter dauert (obwohl: hat ja auch erst spät richtig angefangen), es ist immer noch Krieg in Syrien und Afghanistan und vielen anderen Ländern; ...

Aber vor allem dauert es, finde ich, viel zu lange, bis Weihnachten und seine Botschaft endlich umgesetzt werden. Macht’s wie Gott – werdet Mensch, hat Franz Kamphaus, der frühere Bischof von Limburg, diese Botschaft mal als Buchtitel zusammengefasst. Gott lebt als Mensch unter Menschen und lädt damit ein, dass Gläubige und – warum nicht – auch Ungläubige es ihm gleichtun: Menschen werden also.

Schon klar: sind sie doch schon; jedenfalls biologisch und bürgerlich-gesetzlich. Aber in Punkto Menschlichkeit ist noch viel Luft nach oben. Die meisten wissen es eigentlich auch schon selbst.

Eine Kollegin spricht jeden Tag wenigstens zwei Frauen oder Männer an, die sie überhaupt nicht kennt. Manchmal bleibt es bei „Ich wünsche Ihnen einen guten Tag“. Aber oft entwickelt sich ein kleines oder längeres Gespräch; ein bisschen mehr Menschlichkeit zieht ein.

Menschwerdung – werde Mensch – lasst mehr Menschlichkeit zu unter euch und setzt sie selbst um: auch einen ganzen Monat nach Weihnachten bleibt das eine aktuelle Herausforderung. Sind ja noch elf Monate bis zum nächsten Christ-Fest…

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