Manuskripte

Die Schwelle für abschätzige Bemerkungen über Andere sinkt.
Macht da Widerrede Sinn? Oder besser - einfach Überhören? 

Im Roman »Jugend ohne Gott« von Ödon von Horvath – aus dem Jahr 1938 – ist das die Schlüsselszene: Die Hauptfigur ein Lehrer. Er leidet unter seinen rassistisch-indoktrinierten Schülern. Und sagt sich: „Ich werde mich hüten, ... auch nur die leiseste Kritik zu üben. … Wenns auch weh tut, was vermag der Einzelne gegen Alle? … Ich will mich nicht mehr ärgern.“ (9).

Und dann kann er doch nicht an sich halten.
Als ein Schüler im Aufsatz schreibt: „Alle Neger sind hinterlistig, feig und faul“, kann er sich bei der Heftausgabe den Kommentar nicht verkneifen: „Auch Neger sind doch Menschen.“

Seine Schüler sind empört.
Dieser eine Satz hebt die eingeübte Trennung vom Hass gegen „die Anderen“ und der Liebe zu „den Eigenen“ auf. Es regt sich mehr als Widerspruch. Dem empörten Vater des Schülers hält er entgegen: „… das steht doch bereits in der Bibel, dass alle Menschen Menschen sind!« Punkt. Aus. Mehr nicht. 

Mich fasziniert – wie einsilbig und klar der Lehrer in Horvaths Roman reagiert.
Als würde es über ihn kommen. Von innen heraus. Ohne jeden Schnörkel.

Aber kann so ein apodiktischer Satz wie „Alle Menschen sind Gottes Ebenbilder“ wirklich etwas bewegen? Im Roman bleiben die Schüler unbeeindruckt davon.

Und doch steht diese eine Wahrheit ausgesprochen - im Raum. 

Ich frage mich das, weil ich ähnliche Erfahrungen kenne:

Jahr für Jahr fahre ich mit Jugendlichen nach Grafeneck.

Hier wurden 1939/40 mehr als 10.000 Menschen ermordet.

Seelisch Erkrankte, körperlich Behinderte.

Ich glaube, im Lauf der Jahre werden meine Impulse und Hinweise immer knapper.

Ein Brief. Ein Gedicht. Ein Bild. Wenige Worte.

Ich will Ihnen mehr Raum und Zeit geben für eigene Empfindungen.

Selber hinschauen, selber nachempfinden.


Manchmal werfe ich mir hinterher vor:

Du hättest besser informieren müssen, mehr über die Verbrecher und ihre Verbrechen aufklären müssen. Im Detail. 

Doch dann merke ich:

Damit die Jugendlichen nicht nur wissen, was damals für Verbrechen passiert sind,

kommt es auf Empathie an – auf Mitgefühl.

Information allein reicht nicht aus, damit in ihnen eine innere Grundhaltung wächst, die sie prägt.

Damit es auch aus ihnen herausplatzen kann - wie aus dem Lehrer in Horvaths Roman.

Darum ist beides so wichtig: Information und Mitgefühl.
Denn klare Kante – entschiedene Widerrede – basiert auf Empathie.

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Klassentreffen - die Einladung kam per Mail.

Kann ich – will ich – soll ich dabei sein? Soll ich es diesmal versuchen? 

Was bringt so ein Treffen?

Schwelgen in Erinnerungen? Schmerzende Vergleiche?

Die einen haben Erfolg – die anderen nicht.

Das ist keine einfache Gemengelage. 

Bei Schulabschluss-Jubiläen drängt sich eine Teilnahme auf:

25 Jahre – 40 Jahre und so weiter – das sind Etappen - wie Lebensbilanzen, wie
Zwischensummen: Was ist seither geworden? Und wieso?
Was ist aus Träumen und Hoffnungen und Wünschen geworden?

Was denken die Anderen heute? Zu Fragen der Gegenwart?

Was erwarten und wünschen sie sich heute?

Die gemeinsamen Jahre in der Schule haben geprägt.

Sie sind mitgegangen.
Diese Jahre durchgehen, durchsprechen, erinnern – das kann man gut mit denen, die dabei waren.

Manche Schulklassen halten eng zusammen.
Jahr für Jahr gibt es Engagierte, die einladen und sich treffen.
Vielleicht werden gemeinsame Unternehmungen oder auch ein gemeinsames Engagement verabredet. Denkbar ist das. Aber auch realistisch? 

Ich denke mir:
Hab´ bloß keine zu hohen Erwartungen. Denn: Das kann gehörig daneben gehen.
Es muss ja nichts wieder neu aufleben.

Doch das eine – das reizt mich – und das wäre mir ein so großer Gewinn - und die Reise wert: Erinnerungen teilen. 

In der Bibel heißt es »Du sollst Vater und Mutter ehren«.
Was wörtlich soviel bedeutet wie: Nimm ihre Lebensgeschichte nicht auf die leichte Schulter – gib ihr Gewicht. Sie hat mit dir zu tun.
Auf die eigene Lebensgeschichte gewendet – kann das bedeuten:
Du sollst auch deine eigene Vergangenheit ehren! Und ihr Gewicht geben!
Sie ernst nehmen!
Hinschauen auf das, was war: Im Beruf, in der Partnerschaft und in der Familie.
Schau auf die wunderbaren Momente!

Schau auch auf Verirrungen und Verletzungen - auf das, was misslungen ist – ­
und auf das, wofür man sich heute noch schämt. 

Allein ist das schwierig.
Mit denen, die einen von früher kennen, die prägende Jahre miterlebt haben – ist das eine besondere Chance.
Nimm die eigene Lebensgeschichte wichtig. Genau das kann bei einem Klassentreffen passieren.

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30 Jahre Mauerfall – lang ist das her. Doch meine Reisen in die DDR vor dem Mauerfall sind mir nah und frisch in Erinnerung. Warum eigentlich? 

Bei Besuchen in der DDR – bei Verwandten in Köthen, bei Studierenden in Berlin – sind mir so warmherzige Menschen begegnet.
Ganz ohne Karrierespleen. Geld und seine Vermehrung war nicht ihr Thema. Gespräche ohne Filter - mit Tiefgang: Über Liebe, Tränen und Ängste, über Kunst und Politik.

Doch schon im nächsten Moment konnte diese Vertrautheit wie weggewischt sein.

Ich erinnere mich: in der Disko hat jemand meinen Cousin angesprochen: Er wisse, wie er nach Finnland kommen und wie er ihm dabei helfen könne. Ein Spitzel?

Wie wurden Schüler von ihren Eltern gedrillt, damit sie auf die Frage in der Schule, was sie denn am Wochenende alles im Fernsehen geschaut haben, ja nicht von West-Fernsehsendungen erzählten. ((Die Schere im Kopf – von klein auf.)) 

Neben brutaler Gewalt gegen Andersdenkende, die es auch gegeben hat, sind das eher harmlose Beispiele. Doch perfide Überwachung im Alltag schüchtert ein - zerfrisst gegenseitiges Vertrauen – erstickt das freie Wort.

In einer Diktatur den Mund aufmachen für Freiheit und Menschenrechte - dazu gehört Mut.
Viele sind dafür aufgestanden – vor 30 Jahren – und haben die SED-Diktatur in der DDR überwunden. Überall waren kirchliche Gruppen dabei. Sie haben sich von ihren Ängsten – die sie auch gehabt haben – nicht abhalten lassen.
Mit Gottes-Zusage im Ohr und im Herzen – „Fürchte Dich nicht, ICH bin bei Dir!“ – sind sie auf die Straße gegangen. Zuerst zaghaft und dann immer mutiger.
So brachen in Leipzig Abertausende nach dem Friedensgebet von der Nikolaikirche zu den Montagsdemonstrationen auf. In Berlin war die Zionskirche - in der Dietrich Bonhoeffer einst Pfarrer war – ein Ort, wo mit Mahnwachen auf Menschenrechtsverletzungen hingewiesen wurde. 

„Wo der Geist des HERRn ist, da ist Freiheit!“, hat der Apostel Paulus einmal geschrieben. Mir scheint, dieser „Geist der Freiheit“ war vor dreißig Jahren mächtig wirksam und hat dabei geholfen, eine Diktatur gewaltfrei zu überwinden.

Bei allen Schwierigkeiten, die bis heute immer wieder das Zusammenwachsen von Ost und West erschweren: diesen Freiheitsgewinn klein zu reden, heißt /hieße, die Qualen einer Diktatur zu verharmlosen. 

Rede-, Demonstrations- und Versammlungsfreiheit – ohne Zensur Lesen und Schreiben können, was ich mag – das sind ganz elementare Fundamente eines freiheitlichen Miteinanders. Für mich sind diese Freiheiten seelische Grundnahrungsmittel. Erkämpft vor 30 Jahren und nun zu haben - in Ost und West.

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„Geben ist seliger als nehmen.“  Das ist ein Sprichwort mit vielen Facetten. Es steht in der Bibel. Jesus soll es so gesagt haben (Apg 20,35).

Ganz ohne Ironie oder andere Untertöne: „Geben  ist  seliger als nehmen.“ Wenn Reiche heute große Geldbeträge spenden, werden sie schnell kritisch beäugt. Ganz gleich ob sie Universitäten, gemeinnützige Stiftungen oder den Wiederaufbau der Kathedrale Notre Dame mit hohen Geldbeträgen unterstützen. Schnell stehen Mäzene und Sponsoren unter Verdacht. Wie oft höre ich: „Die tun das doch nur aus Eigeninteresse. Die wollen doch nur Aufmerksamkeit für sich erheischen.“

Ich tue etwas für Andere und tue es zugleich auch für mich? Ist das eigentlich prinzipiell anrüchig? Jesus animiert mit seinem Wort auf eine Weise gerade dazu: Wer etwas abgibt und spendet - tut Gutes, auch zu seinem Glück. „Geben ist seliger als nehmen.“ Wie gut, wenn ich etwas bekomme, empfange.

Nur gibt es offenbar noch eine Steigerung: Beglückender ist es, zu geben. Seliger - also noch mehr von Glück erfüllt  - ist, wer etwas ab-geben, hin-geben und verschenken kann.

Von Menschen mit einem wirklich dünnen Geldbeutel – wo Geld richtig knapp ist – erfahre ich das. Die sagen nämlich: Nicht dass ich mehr brauche, zeigt mir meine Not. Ich komme durch. Irgendwie. Hab´ das gelernt. Klappt schon. Aber das eine fehlt mir und tut mir weh: Ich kann niemanden einladen. In ein Café – zum Essen. Ich kann nichts verschenken. Es reicht gerade – aber nur für mich.“ Das ist wirklich bitter. Wenn man niemand etwas schenken oder von Herzen geben kann.

Von Kindesbeinen an wissen wir, was für ein Hochgefühl das ist, einem Anderen ein Geschenk zu machen. Von der ersten Idee bis zum Blick in die Augen der Beschenkten. Das Besorgen. das Basteln, das Einüben: Sei es ein Bild, eine Musik, oder etwas zum Essen oder Lesen. Das so selige Geben kennt viele Formen – keineswegs nur Geld und Bezahlung. Geben macht Freude. Und macht mich solidarisch mit Schwachen. Darum geht es dabei in der Bibel.

Ich denke, auch deshalb wollen Wohlhabende etwas abgeben. So in New York eine Gruppe, die sich „patriotische Millionäre“ nennt. Sie haben erklärt, sie wollen mehr Steuern zahlen – mehr abgeben. Sie tun es nicht aus Angst oder zähneknirschend. Sondern sie spüren: Das ist gerecht und sinnvoll und fördert ein friedliches Miteinander. Nicht alles für sich behalten! Hin-Gabe erhebt die Seele. Glücklich, wer genug bekommt. Und glücklicher, wer etwas geben kann und gibt.

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„Die Gottesfurcht ist der Weisheit Anfang“ –heißt es einmal in einem biblischen Psalm (Ps 111,10). Doch wie oft quält Menschen in Krankheit und Not die Vorstellung: „Gott straft mich. Gott ist zornig auf mich. Vor dem muss ich mich fürchten.“

Ob ich will oder nicht: Mir sind solche Gedanken nicht fremd. Mit Drohgebärden und Strafen hat auch christliche Erziehung diese Vorstellung Menschen eingebläut. Sollte man angesichts solcher Erfahrungen nicht einfach „Gottesfurcht“ aus dem Wortschatz streichen? Was wäre schon verloren?

Unlängst hat mich allerdings ein Satz von Dr. Elisabeth Fries aufhorchen lassen. Sie schreibt: „Der Schritt von der Menschenfurcht zur Gottesfurcht verändert alles, befreit, setzt neu in Gang.“

Dr. Elisabeth Fries hat Furcht gesehen und erlebt. Viele Jahre war sie als Ärztin im Kongo tätig – und später dann jahrzehntelang bei der Beratung von traumatisierten Flüchtlingen für „refugio“. „refugio“ ist ein Verein, der Flüchtlinge auch dabei hilft, von ihren traumatischen Erfahrungen im Herkunftsland und auf der Flucht zu sprechen. Was Flüchtlingen gar nicht leicht fällt!

Und das ist die Erfahrung von Dr. Fries in ihrer Arbeit: Die Menschenfurcht – also die Furcht vor Menschen, die einem Böses antun können – steckt ganz tief in den Seelen – und sie lähmt. Sie zu überwinden, befreit zum Leben.

Aber wieso soll »Gottesfurcht« dabei hilfreich sein? Löst dabei nur die eine Angst die andere ab? Wenn es heißt: Gottesfurcht ist der Weisheit Anfang“ - dann verbinde ich damit: Ich habe Ehrfurcht vor dem, der mich bedingungslos liebt.

Wenn Menschen und Gewalten – Institutionen – über mich bestimmen wollen – mich in meinem Leben bedrängen, kommt da eine andere Stimme – eine andere Dimension in mein Leben. Ein Anfang, ein erster mentaler Schritt ist das, der mich freier atmen lässt. Ich habe noch nicht solche Gefahren und Qualen erleben müssen wie Menschen, die unter einem Terrorregimen leiden. Aber Angst vor Menschen, die kenne ich auch.

So verstandene Gottesfurcht kann mir dabei helfen, aus der Furcht vor Menschen rauszukommen: Gib Gott die Ehre! Gib IHM Gewicht in deinem Leben. Dann lässt du dich nicht erdrücken von denen, die dich in Angst und Schrecken versetzen. Ich denke, mutige Christen, die sich für andere eingesetzt haben – unter Lebensgefahr –, die haben genau aus dieser Quelle Kraft geschöpft.

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Sehen und Gesehen werden. Für viele ist das wie Sport - und zugleich eine tägliche Herausforderung, die schon am Morgen beginnt: Was ziehe ich an? Und hört den lieben langen Tag nicht auf: Wie bewege ich mich? Wie gestikuliere ich? Wie stelle ich mich dar? Sehen und Gesehen werden - und unablässig daran denken: Wie sehen mich Andere?

In der Schule, an der Uni, im Büro bei der Arbeit – unter Freunden. Das kann richtig anstrengend sein. Und manchmal zur Tortur werden. Wie kann ich da rauskommen?

Unlängst hat mich eine pädagogisch gebildete Frau auf eine Spur gebracht. Nach einem Nachmittag mit Jugendlichen. Über 90 sind da aus dem Stadtgebiet aus sieben Kirchengemeinden zum Singen zusammengekommen. In aller Regel ist das eine äußerst unruhige, aufgeregte Geschichte. Hippelig – mit viel Gelächter und Geschrei. Doch dieses Jahr war es so konzentriert und so ruhig wie nie zuvor. Was war anders?

Sonst wurden die Lieder immer an eine Leinwand projiziert. Doch diesmal fehlten Beamer und Laptop. Alle mussten in ein Liederbuch schauen. Aber was macht das schon aus?

Genau das hat mir die weise Frau am nächsten Morgen erklärt, als ich ihr davon erzählt habe. Für sie war das ganz klar: „Die Jugendlichen schauen in ein Buch“ – sagt sie – „jeder und jede für sich. Sie sind sich in dem Moment ziemlich sicher: Das machen die Anderen jetzt auch. So entsteht eine besondere Situation: Ich kann niemanden anschauen – und die anderen mich auch nicht. Da muss ich mich nicht zeigen – produzieren – inszenieren.  -  Das fährt die Aufregung und die Unruhe runter.“ -  Darum also war das Singen so konzentriert wie nie.

Für mich ist diese kleine Szene wie ein Gleichnis für das, wonach sich Jugendliche sehnen: Für sich sein zu können –  frei von vergleichenden und beurteilenden Blicken der Anderen. Manche fassen es trotzig in ein Glaubensbekenntnis: „Gott liebt mich! So wie ich bin. Ihr könnt mich mal. Gott schaut nicht auf das Äußere, „sondern auf das, was im Herzen ist.“

Ich kenne diese Sehnsucht. Und auch mir hilft dieser Glaube - von Jugend an. Das nach Äußerlichkeiten beurteilt werden - tritt zurück, bekommt so eine „himmlische Distanz“. Im Alltag helfen mir Momente – oft schon Augenblicke – in denen ich mir – manchmal mit geschlossenen Augen - das vergegenwärtige: Gott sieht auf das, was im Herzen ist. Da spüre ich Gottes Ja zu mir, so wie ich bin. Das gibt meiner Seele Kraft. Konkurrenz und Vergleich verschwinden nicht. Sie sind weiter irgendwie auch da. Doch sie entscheiden nicht mehr über mein Ansehen. Nicht in letzter Instanz.

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Wer mag, kann demnächst für 31.000 Euro als Weltraumtourist einen Ausflug zur Internationalen Raumstation buchen. 50 Jahre nach der ersten Mondlandung. Raus ins Weltall? Warum? Ist die Welt zu unwirtlich geworden?

 

Vor 50 Jahren betraten die ersten Menschen den Mond. David Bowie hat damals die Apollo Mission musikalisch kommentiert. Skeptisch. Mit seinem Song „Space oddity“, was soviel heißt wie: „Weltraum-Verrücktheit“.

Major Tom heißt der Astronaut im Lied. Der verliert den Boden unter den Füßen In jeder Hinsicht. In seiner „Blechbüchse – so nennt er seine Weltraumkapsel –  bricht der Kontakt zur Bodenstation ab. Ein technischer Defekt. Major Tom schwebt im grenzenlosen All „weit über dem Mond.“ Und sinniert: „Ich kann nichts machen – in meiner Blechbüchse.
„Können Sie uns hören?“ – ruft die Bodenstation immer wieder. Keine Antwort. „Sagt meiner Frau – ich liebe sie sehr.“ Doch auch diese Worte von Major Tom verhallen ungehört im All.

Ein Lied wie ein Gleichnis. Veröffentlicht 10 Tage bevor Neil Armstrong am 21. Juli 1969 als erster Mensch den Mondboden betreten hat - mit den Worten: „Ein kleiner Schritt für einen Menschen – ein riesiger Sprung für die Menschheit.“ Ein riesiger Sprung, und was für einer! Wie im Lied von David Bowie: Wo Menschen sich radikal von der Erde loslösen, verlieren sie Bodenhaftung, Kontakte, ihr Zuhause. Von heimgekehrten Astronauten der Mondlandeprogramme weiß man, wie schwer sie sich getan haben, wieder einen Fuß auf den Boden zu bekommen. Sozial, emotional, seelisch. Armstrong zog sich später in die Einsamkeit zurück, Aldrin wurde alkoholkrank und hatte schwere Depressionen.

In der Bibel werden Menschen verortet – mit Bodenhaftung. Sie werden ganz bewusst als „irdische Wesen“ gekennzeichnet - als „Erdlinge“. Das ist ihre Signatur. Der erste Mensch – Adam – trägt diese Signatur im Namen. Adam bedeutet nämlich „der von der Erde genommene.“ Also von Gott erschaffen, so wie wenn ein Töpfer ein Gefäß bildet. Das bedeutet zweierlei: Der irdische Mensch ist ein himmlisches Gefäß, prächtig und schön. Und zugleich: auch verletzbar und zerbrechlich und vergänglich.

Genau so liebe ich als Irdischer die Erde und die Irdischen. Ich muss nicht über meinen irdischen Lebensraum hinauswachsen. Denn wirklich himmlisch kann diese Erde sein – mit Freud und Schmerz. Auch deshalb plane ich – ganz abgesehen von Aufwand und Ökobilanz - keinen Ausflug ins All. Selbst wenn es einmal finanziell erschwinglich wäre.

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Meine Lebenszeit rast und vergeht wie im Flug. Jedenfalls empfinde ich das oft so. Eben noch Vater eines Schulkindes – jetzt schon Opa. „Was, das war vor zehn Jahren? Ich dachte, es ist erst 5 Jahre her.“ Man sagt, das läge am Älterwerden. Denn mit jedem weiteren Jahr wird ein Lebensjahr ein kleinerer Teil meines ganzen Lebens. Wie schnurrt meine erlebte Zeit zusammen. In der Bibel heißt es einmal: Tausend Jahre sind vor dir Gott / wie der eine Tag, der gestern vergangen ist, und wie eine Nachtwache. (Psalm 90,4).

 

Merkwürdig:  1.000 Jahre sollen bei Gott nur wie ein Tag und eine Nachtwache sein? 1.000 Jahre – das ist ein Zeitraum, den ich so gar nicht nachempfinden kann. Den ich mir bestenfalls denken kann. Und jedes Mal, wenn ich darüber nachdenke, frage ich mich: Was könnte in dem Wort aus Psalm 90 an Lebensweisheit stecken?

Ich merke: Das Wort löst in mir sehr unterschiedliche Gefühle aus. Es kann mich bedrücken: Gott ist groß und mächtig und ewig. Und ich? Ich komme mir nur vor wie ein kleines, flüchtiges Wesen. Was ist mein Leben schon, wenn bei Gott 1.000 Jahre wie ein einziger Tag sind? Kaum bin ich da, schon bin ich verschwunden. Heißt das: Mein Leben ist nur ein Moment – wie ein Blitzlicht?

Doch wenn ich fürchte – mein Leben verrinnt im Nu – dann könnte mir diese Vorstellung auch ein Trost sein. Die Vorstellung nämlich: Gott – vor mir und nach mir – Gott vor allen Zeiten und nach allen Zeiten. Das hieße ja dann auch: Mein Leben und das meiner Lieben ist in Gott verbunden, in seiner Zeit – in dem, der Anfang und Ende ist.

Gottes Zeit und meine erlebte Zeit sind so verschieden. Gerade in dieser Vorstellung steckt für mich auch eine große Entlastung. Ich kann meine Lebensspanne, meinen Lebensbogenbogen hineinlegen in die Zeit des Ewigen. Oder - noch anders ausgedrückt – sagt mir das Psalmwort:

„Probiere doch einmal diesen Gedanken: Dein Lebensbogen ist umfangen und eingebettet in Gottes Zeit. In seinem langem Atem – von Ewigkeit zu Ewigkeit.“

Ich weiß wohl: Mein Leben ist zerbrechlich und vergänglich. Keine Frage. Doch mein Leben – so lässt das Psalmwort hoffen – hängt nicht in der Luft. Es ist mit Gott – mit Anfang und Ende verbunden. Es hat Anteil an Gottes Ewigkeit – und bekommt so Gewicht. Diese Vorstellung gibt meiner Seele Kraft, für jenen neuen Tag.

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Viele träumen davon – wie das wär – Millionär zu sein? Und wie kommt man soweit? Eine „Millionärin“ hat mir das vor kurzem „vorgeführt“:

 

Es war an einem sonnigen Tag in einem Freibad. Als die ältere Frau aus dem Schwimmbecken stieg, sagte sie Freude strahlend: „Jedes Mal, wenn ich aus dem Wasser steige, denke ich, ich bin eine Millionärin.“

Und das freilich nicht, weil sie an ihr Geld oder ihre Vermögenswerte gedacht hat. Es war ihre reine Freude an diesem Bad - gepflegt von vielen Ehrenamtlichen – seit 80 Jahren. Mit schönen Spielflächen, Umkleiden und einer Streuobstwiese. ((Der Ausblick auf ein nahe gelegenes Schloss tut ein Übriges.))

Ein kleines Schwimmbad in einer kleinen Kommune – von Bürgerengagement getragen – von vielen Ehrenamtlichen – Tag für Tag. Das alles nutzen zu können, das macht sie voll Freude zur „Millionärin“.

Wenn ich es mir recht überlege: Es ist im Grunde nicht nur das Hochgefühl einer Frau, die sich mangelnden Reichtum schönredet. Im Grunde  stimmt auch die Rechnung. Es ist „real“ etwas dran. Niemals könnte sie sich und niemals könnte ich mir so einen Pool privat leisten. Vermutlich nicht einmal als Millionär.

Abgeben und Zusammenlegen macht wohlhabend. Ganz gleich ob es Steuern, Abgaben oder gemeinschaftliche Leistungen sind. Sie können viele Menschen richtig reich machen - ganz gleich wie hoch ihr privates Einkommen ist.

So – heißt es – hat die frühe christliche Gemeinde in Jerusalem ihr Miteinander gelebt. „Alle hatten alles“ gemeinsam. Sie teilten Hab und Gut. Und niemand musste Mangel leiden. Freilich gab es damals auch Krisen, Verwerfungen, Enttäuschungen – sogar Unterschlagung. Auch davon erzählt Lukas in der Apostelgeschichte. Doch das Teilgeben und Teilhaben hat begeistert. Anders gesagt: Das war – so heißt es – eine Wirkung des Heiligen Geistes – ein Leben aus dem Geist von Jesus.

Wie gut, dass in unserem Land die ganz großen Erbschaften über Generationen hinweg Gemeineigentum sind. Wälder und Flüsse, Straßen und Schulen, Museen und Kunsthallen und vieles andere mehr. Auch Kirchen gehören dazu. Und wo solche großen Erbschaften privatisiert werden – da droht allen ein Verlust am gemeinsamen Reichtum.

Es lohnt, sich das einmal klar zu machen: Wie reich bin ich – gemeinsam mit so vielen anderen! Die „Millionärin“ aus dem Schwimmbad hat mir dafür die Augen geöffnet. Seither fühle ich mich wie ein mehrfacher Millionär. Ohne Anderen etwas wegzunehmen. Ein Millionär eben – wie Sie und ich.

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Haben Tiere eine Seele? Der Philosoph René Descartes bezeichnete Tiere als seelenlose Automaten. Was das für den Umgang mit Tieren bedeutet, wird mir immer klarer. Eine verheerende Vorstellung ist das.

Und wie ist das mit Pflanzen und Bäume? Haben die irgendwelche Empfindungen - Regungen? Oder sind die bloße organische Materie? Ihre Blätter und Früchte bestenfalls Nahrungsmittel für Mensch und Tier. Ansonsten lediglich „Biomasse“: Rohstoff – Brennstoff – Baustoff.

In der Vorstellungswelt der Bibel sind Pflanzen auch manchmal beseelt und empfindungstauglich. Mehr noch: Sie jauchzen und sie klatschen sogar in die Hände – heißt es einmal beim Propheten Jesaja. (Jesaja 55,12) Auch Berge und Hügel. Alle Kreatur beklatscht Gott und sein Wirken. Da er Frieden bringt für alle Kreatur. Im Psalm 19 geht die Vorstellung sogar noch weiter: Alle Kreaturen - Gestirne, Himmel und Zeiten eingeschlossen - seien in einem andauernden Gespräch mit Gott – in einem für uns Menschen unhörbaren Logbesang.

Das ist schon sehr speziell. Und freilich gar nicht wissenschaftlich nachweisbar. Doch: Ich versuche mir das vorzustellen und dem nachzuspüren. Ich stelle mich vor einen großen Baum: Seinen Umfang kann ich mit meinen Armen nicht umfassen.
Was für ein Gigant, wie alt - und wie erhaben. Ich rieche seinen Duft – den säuerlichen der Buchen. Und wenn Wind aufkommt, angelehnt mit dem Rücken zum Stamm: Wie sich alles bewegt, von der Baumkrone bis zum Stamm am Boden.

Der Wind rauscht in Blättern und Ästen – für mich ist das ein wunderbarer Sound. Tannen schwingen mit ihren Ästen in langsamen Bewegungen –  ja, gerade so als würden sie klatschen. Ist das etwa das unhörbare Gotteslob der Bäume? Könnte sein. Ich weiß es nicht. Ich ahne es nur. Wo ich Bäumen so begegne – erlebe ich mich intensiv als ein Mitgeschöpf – verbunden mit allen anderen Kreaturen.

So verbunden, hoffe ich nur, dass ich durch meine Lebensweise Tieren und Pflanzen nicht das Fürchten lehre – sie nicht verdingliche als seelenlose Automaten - nicht ausquetsche und ihren Lebensraum beschneide. Kann sein, dass eine solche Sicht auch davor schützen kann: Wälder allein als Bauholz und Holzpellet-Ressource zu nutzen. Kann sein, dass so eine Artenvielfalt erhalten bliebe. Kann sein, dass dann das Gotteslob der Kreatur weiter unhörbar erklingt. Oder beklagt die Kreatur – auch unhörbar – die Zerstörung ihrer Lebenswelt?

 

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