Manuskripte

23MAI2020
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Wie schwer ist das: In Zeiten der Aufregung, der Angst und der Verunsicherung einen klaren Kopf bewahren. Sich von Stimmungen nicht mitreißen lassen. Das ist heute nicht leicht – und das war es vor 100 Jahren erst recht nicht.

1914 hieß es von heute auf Morgen: »Zu den Waffen. Krieg für Volk und Vaterland.« Fast alle waren sich einig. Ein schwäbischer Pfarrer hat sich dem widersetzt und einen klaren Kopf behalten. Heute vor hundert Jahren ist er gestorben. Sein Name ist fast vergessen: Otto Umfrid – geboren 1857. Ein Europäer - seiner Zeit weit voraus.

Dem Kältestrom von Nationalismus und Großmachtdenken, von Hass und Gewalt gegen „die Anderen“, setzte Umfrid entgegen: „Die Menschheit muss den Krieg überwinden lernen“. Also: Friedenserziehung tut not! In der Familie, in der Schule – ein Leben lang. Davon war Otto Umfrid fest überzeugt.

Darum hat er Jugendliche aus dem Ausland in sein Pfarrhaus eingeladen. Wie eine internationale Jugendbegegnung im Kleinen. Fundament seines Wirkens war der so genannte Friedensgruß Gottes: „Friede sei mit euch!“ Für Umfrid der Kern der biblischen Botschaft.

Im Mai 1913 schrieb er an Pfarrer und Professoren: »„Gott mit uns“ für den Frieden – sei die Losung«. Rund vierhundert schlossen sich seinem Aufruf an. Andere verurteilten ihn. Das grenze an „Hochverrat und Vaterlandsverrat“. Er wurde als „Friedenshetzer“ angefeindet.

1914 wurde Otto Umfrid sogar für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen. Doch der Ausbruch des 1. Weltkriegs - für ihn das „Golgatha der Friedensbewegung“ – verhinderte das. Otto Umfried zog sich zurück – wurde schwer depressiv und starb mit 63 Jahren.

So entmutigt und bedrückt er auch gestorben sein mag - sein Leben ist für mich eine Ermutigung und Aufforderung: Setze dich ein für Friedenserziehung, für Verständigung unter den Völkern! Ein Europa, der versöhnten Volker, hat Otto Umfrid nicht erlebt. Doch seine Friedensmission spricht in unsere Zeit. Ich lerne daraus für heute: Lasst euch nicht von nationalen Egoismen aufwiegeln.

Die belasten Europa und drohen Europa als Friedensgemeinschaft zu zerreißen. Es geht nicht an, dass die wohlhabende Mitte die Länder am Rand – im Süden und im Osten – materiell im Stich lässt. Solidarität ist hier Friedensarbeit. Der Friede ist das höchste Gut! - keine wirtschaftlichen Vorteile wiegen das auf. National-egoistischen Stimmungen entgegenzutreten, ist nicht nur Sache der Politiker. Da ist jede und jeder Einzelne gefragt.

Weitere Informationen zu Otto Umfrid:
https://de.wikipedia.org/wiki/Otto_Umfrid

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22MAI2020
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Die Corona Epidemie lässt nach! Allmählich löst sich die Erstarrung. Wie gut ist das. Doch wie geht es weiter? Etwa wie bei Dornröschen – mit einer Ohrfeige? Da – so wird im Märchen erzählt – haut der Koch seine ausgestreckte Hand, die 100 Jahre lang erstarrt war, dem Küchenjungen ins Gesicht. Geht es bei uns auch mit Ohrfeigen weiter? Ohrfeigen für Schuldige, die man sucht und meint, gefunden zu haben?

Viele Mythen, die jetzt in der Krise wie Pilze aus dem Boden schießen, scheinen mir genau das zu tun. Und darin stimmen sie überein: Sie suchen für die Übel der Welt auf einfache Weise Schuldige. Ganz gleich ob es eine Pandemie, der Klimawandel oder Flüchtlingsströme sind. Schuld sind fremde Mächte – personifizierte oder unpersönliche. Das Kapital. – Die Wissenschaft. – Die Politik. – Der Staat. – Die Kirche. Oder eben: Die Reichen. Die Politiker. Die Wissenschaftler. Der Papst.

Immer haben angeblich »Böse Mächte« Gewalt über mich und die ganze Welt. So wird phantasiert, Angst geschürt und werden Schuldige gefunden. Die da! Nur nicht selber Verantwortung übernehmen. Nur nicht hinschauen und prüfen: Was sind meine, was sind unsere Anteile an der Krise und ihrer Bewältigung? Was kann sich bei uns und in diesem Land, was kann sich bei mir und in meinem Leben in Zukunft ändern?

Genau dahin soll Gottes Geist führen. So steht es in der Bibel: „Gott hat euch nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft, der Liebe, und der Besonnenheit“ (2. Tim 1,7) Weg von Furcht und Angst – hin zu Besonnenheit und Liebe. Mit Besonnenheit ist hier ausdrücklich auch unser Verstand gemeint. Klares Denken und Abwägen. Keine Panikmache!

Also klar durchdenken und argumentieren, was nun zu tun angemessen und geboten ist. Das – finde ich – und so höre ich es von vielen – ist jetzt eine große Chance. Mit all den Erfahrungen von Einschränkungen der letzten zwei Monate überlegen:
Was geht weiter – und was geht nicht mehr so weiter – was soll anders werden? Wie wichtig sind mir Medizin und gesunde Nahrungsmittel? Wie wertvoll sind menschliche Kontakte – Besuche und Begegnungen? Was brauche ich wirklich?

Mich hat diese Szene am Dornröschen Märchen schon als Kind gestört: Dass der Küchenjunge doch noch eine runter gehauen bekommt. Warum muss sogar nach 100 Jahren Krise alles einfach nur so weitergehen. Nach so langer Krise sollte sich doch etwas ändern.

Wenn im Bibelwort der „Geist der Kraft“ zugesagt wird, dann ist damit die göttliche Kraft gemeint, die Jesus neu zum Leben erweckt hat. Mit diesem Geist können wir neue Wege gehen – ohne Furcht und Zittern. Miteinander und nicht gegeneinander.

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25MRZ2020
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Was kann in einer Zuneigung oder einer Ablehnung, die ich erfahre, alles noch mitschwingen? Ist ein Kuss immer nur Zeichen einer liebevollen Verbundenheit,

ein schönes, zärtliches Lippenbekenntnis? 

Es gibt bekanntlich auch den anderen Kuss, der mit Verrat verbunden wird und als Heuchelei gilt. Benannt nach dem Jünger Jesu, der einst der Kassenwart der Gruppe war - nämlich den Judaskuss. 

Judas Iskarioth: Verraten und überliefert hat er Jesus an seine Gegner mit einem Kuss. Knapp steht die Szene so in der Bibel: „Judas trat auf Jesus zu und sagte:

„Sei gegrüßt, Rabbi! und küsste ihn.“ (Matth 26,49) 

Die niederländische Schriftstellerin Lot Vekemans hat diese Szene und die Gestalt des Judas ausgelotet. In ihrem Theaterstück JUDAS, in einem langen Judasmonolog.

Die Schlüsselszene für ihr Verständnis von Judas ist die Rückfrage von Jesus an Judas. Jesus, der weiß, dass Judas ihn verrät, fragt  ihn:

„Freund, wozu bist du hier?“ (Matth 26,50) Also: Was willst du damit?
Was hat dich zum Verrat bewogen? Und was verrät dein Kuss über dich selber? 

Lot Vekemans ist – wie ich finde -  gründlich und produktiv dieser Reaktion von Jesu auf Judas Kuss nachgegangen. Und hat aufgedeckt:

In diesem einen Kuss steckt im Grunde das ganze Leben des Judas.

Alle seine Sympathien für Jesus – alle seine Hoffnungen, die ihm an Jesus aufgegangen sind. Und auch alle seine Enttäuschungen.
Judas hat erwartet und fest damit gerechnet: Jetzt wird alles besser.
Eine andere Welt ist greifbar nahe.
Und Jesus wird dafür sorgen, dass die Römer, die das Land besetzen, aus dem Land vertrieben werden.
Doch der von Judas so bewunderte Rabbi Jesus – sein Seelsorger – tut dafür nichts. Und das ist für Judas so enttäuschend, so unerträglich.
Sein Verrat soll Jesus provozieren: Zeig deine Macht! Organisiere Widerstand!

Leg endlich los! 

In Judas steckt mehr als Verrat. Selbst im Judaskuss.

Judas nennt Jesus „Mein Lehrer!“ Und Jesus antwortet: „Freund!“

Der Verräter und der Verratene - enttäuschte Liebe und immer auch noch Zuneigung. Gegenseitig. 

So vermischt und ineinander verwoben können Gefühlsäußerungen sein.

Mich macht das sensibel.

Und animiert mich zum Nachdenken.

Ich will lernen, besser zu verstehen: Was kommt alles in Zuneigung und Ablehnung, die ich erfahre, zum Ausdruck. Wie kann beides auch verwoben sein!

Das kann, so glaube ich, vor allzu schnellen Reaktionen schützen.

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24MRZ2020
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Wenn nichts mehr geht. Kraftlos, ohne Antrieb, wie ausgebrannt.

Wenn sich mein Leben jetzt – angesichts der Pandemie –  so anfühlt, dann denke ich manchmal:

Wie muss das erst für Mütter sein, die mit ihren Kindern auf der Flucht sind
und nicht weiter kommen, entkräftet – ohne eine Aussicht auf Rettung.

Mütter, die ihre Ohnmacht erfahren. 

Es gibt in der christlichen Kunst ein Motiv, da ist diese Erfahrung in einem Bild konzentriert: »Die Ohnmacht Marias“. Ich habe vor kurzem eine solche Skulptur gesehen. Sie stammt aus Oberschwaben – entstanden um 1420. Künstler oder Künstlerin sind unbekannt.

Die Skulptur zeigt Maria, die miterlebt hat, wie Menschen ihren Sohn beleidigt und gequält, verspottet und gekreuzigt haben.

Maria stand dabei – bis zuletzt – , heißt es in der Bibel (Joh 19,25).

Ihre Liebe, ihre Empathie ist mitgegangen - bis zum letzten Atemzug.

Doch nun ist ihr Sohn unter Qualen gestorben. Vor ihren Augen.

Sie fällt - völlig entkräftet - in Ohnmacht, erblasst, mit hängenden Armen. 

Maria fällt in Ohnmacht – und fällt doch nicht.

Sie ist umgeben von einer Dreiergruppe, die ihr in größter Not den Rücken stärken.

Sie fällt in die Arme der beiden anderen Marien, die Jesus bis nach Golgatha begleitet haben. Sie stehen hinter ihr, sie stützen sie, sie halten ihren Kopf.

Und die dritte Figur, – nach dem Johannesevangelium ist das der Jünger, den Jesus liebte – hält ihren rechten Arm.

Die drei stehen Maria bei in ihrer Ohnmacht – mit ihrer Liebe. 

»Marias Ohnmacht« ist für mich zu einem Bild für Trost und Hoffnung geworden.

In größter Schwäche darauf hoffen:

Wenn du gar nicht mehr kannst, sind da welche in deiner Nähe, auf die es jetzt ankommt, die lassen dich nicht fallen – die halten und stützen dich. 

Maria ist wieder auf die Füße gekommen. Sie hat nach Ostern neue Hoffnung geschöpft, ihren Ort in der Gemeinde der ersten Christen gefunden (Apg 1,14).

Das Motiv »Marias Ohnmacht« ist für mich auch zu einer Ermutigung geworden: 

Entkräfteten beizustehen ist nicht vergebens.

Wenn auch nur für einen Moment – für eine Zeit – für einen Weg.

Auch für Verzweifelte auf der Flucht aus Krieg und Hunger kann es diese Erfahrung geben: Menschen lassen sie nicht allein. Unterstützen sie nach besten Kräften.

Viele kommen wieder auf die Füße.

Viele können wieder ein neues Leben beginnen:
In einem Beruf – in einer Partnerschaft. 

Gut, wenn in der Ohnmacht jemand da ist.

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23MRZ2020
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Menschen wollen und sollen immer wieder über sich hinauswachsen.

In immer neuen Varianten. 

Zur Zeit propagiert das intensiv eine Geistesströmung, die als »Transhumanismus« bezeichnet wird.

Ziel sei es demnach, die Schwächen des Menschen hinter sich zu lassen, körperliche und auch mentale Grenzen. Menschen seien Mangelwesen, die optimiert, beziehungsweise durch lernfähige Maschinen ergänzt und überboten werden sollen.

Die »Software« Mensch soll gewissermaßen durch haltbare Hardware wie Maschinen und lernfähige Roboter optimiert werden. Auch die Gentechnologie soll dabei helfen. „Defekte“ im Genom sollen „rausgeschnitten und durch leistungsfähigere Bauteile ersetzt werden. 

Um nicht missverstanden zu werden: Ich schätze technologische Forschungen.

Ich hoffe auf sie, auf wirksame Medikamente und Impfstoffe, die gerade jetzt und hoffentlich bald Krankheiten überwinden helfen.

Doch als christlicher Theologe hinterfrage ich das Menschenbild, das sich mit Transhumanismus verbindet und propagiert wird. 

In der Bibel gelten Mann und Frau als Ebenbilder Gottes - wenn sie mit ihren Fähigkeiten und Potentialen Mensch bleiben.

Doch wer ist der Mensch, dieses Ebenbild Gottes? 

War es nur schusselig oder läppisch, als der römische Statthalter Pilatus diese zwei Worte über Jesus sagte?: „Ecce homo.“ – „Siehe, ein Mensch.“

Wollte er damit nur sagen: „Nicht mehr als das. Was habt ihr euch.“

Die zwei Worte aus Pilatus´ Mund sind mehrdeutig.

Ich vermute, Christen haben dieses - „Siehe, ein Mensch“ - sehr bewusst Pilatus in den Mund gelegt. Um ihn zweierlei sagen zu lassen. Jesus ist ganz und gar ein Mensch. Und zugleich – so glauben Christen – ist dieser leidende, weinende und enttäuschte Jesus, den Andere demütigen und verspotten, dieser gar nicht heroische Mensch – das wahre Ebenbild Gottes, sein Sohn.

Wenn er mit Armen und Kranken, mit Gestörten und Gescheiterten unterwegs ist,
mit denen, die nicht alles auf die Reihe kriegen, dann beginnt genau da eine neue Welt – das Himmelreich, wie Jesus sagt.
Der wahre Mensch ist ein verletzbares, unvollkommenes Wesen. 

Das ist für mich Ermutigung und Trost.

Jetzt, da mir meine Schwächen und Ängste so sehr bewusst sind.

Wo ich spüre:
Ich kann nichts ausrichten – angesichts einer umfassenden Pandemie. 

Da darauf vertrauen: Den Schwachen und Gedemütigten, den wahren Menschen Jesus, hat Gott nicht im Stich gelassen. Sondern neu Leben geschenkt.

Mit dieser Hoffnung will ich meine Grenzen und Schwächen annehmen – und meine Potentiale einsetzen – Tag für Tag.

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29JAN2020
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Menschen, die allein leben, werden oftmals deswegen bedauert. Dabei kann Allein-Sein und Für-sich-sein ein Ausdruck von Kraft und Stärke sein. Doch neben solchen starken Alleinstehenden gibt es Einsame. Die leiden unter Einsamkeit.

„Ich bin einsam und elend“, heißt es im Psalm 25 (V.6). Elend ist hier ein Synonym für Einsamkeit. Elend bedeutet soviel wie „ohne Land“ sein, also leben ohne in einem Gefüge verwurzelt zu sein, ohne Zugehörigkeitsgefühl zu einer größeren Gemeinschaft. Zum Wohnort, zu einem Verein oder zu einer Glaubensgemeinschaft.

Einsamkeit hat viele Gesichter: eine Partnerschaft zerbricht; der Wunsch nach Zweisamkeit ist unerfüllt; es fehlen Freunde und Kontakte. Einsamkeit ist mittlerweile eine verbreitete Krankheit und als solche anerkannt.

Wenn ich in die Bibel schaue, überrascht mich, wie selten Einsamkeit als Wort oder auch als Lebenserfahrung vorkommt. Einsamkeit – so verbreitet, wie heute – ist offenbar ein Phänomen in modernen Gesellschaften.

Und doch wird von Anfang in der Bibel betont: „Es ist nicht gut, dass der Mensch allein ist.“ Immer wieder wird deshalb appelliert: Bleibt zusammen! Steht zueinander!

Lasst Witwen und Waisen nicht im Stich! Knüpft und festigt untereinander das Band der Liebe! Und wie viele persönliche Grüße richtet Paulus in seinen Briefen aus - und vernetzt so die verstreut lebende Gemeinschaft. Einsamkeit ist offenbar kein Schicksal. Es kommt auch darauf an, wie Menschen miteinander umgehen.

Jahrelang hab ich eine alte Frau besucht, die nicht mehr auf die Straße konnte. Die Treppe im Haus war für sie ein unüberwindbares Hindernis. Sie war Verkäuferin, nun Rentnerin, verwitwet, und der einzige Sohn wohnte sehr weit weg. Trotzdem hatte sie ein so strahlendes Gemüt. Sie aquarellierte, sie hörte Radio, sie freute sich auf den Hausbesuch ihrer Ärztin - und war oft mit ehemaligen Kolleginnen am Telefon verbunden. Ihr war es gelungen, Verbindungen nach außen zu knüpfen. Und die außen haben sie nicht im Stich gelassen. Eine geistreiche Frau, hochbetagt, die bis zuletzt in ihrer kleinen Wohnung Raum hatte für ihre Begabungen und Freuden.

Ob mir das auch einmal so gelingt? Mir hilft ihr Beispiel: Ich brauche auch Gemeinschaft - den Austausch mit Anderen über das, was ich denke, lese - wünsche und befürchte. Auch darum ist es mir so wichtig, mit Anderen verbunden zu sein.
wasSei es per Telefon, per Post oder durch Mails und Besuche. Alles Netze gegen Einsamkeit. Schon jetzt.

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28JAN2020
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Eine Frau hat mir letztes Jahr erzählt, wie ihr Mann sie sehr total überrascht hat:
Der Wecker klingelt. Ein neuer Arbeitstag beginnt. Nur: Ihr Mann rührt sich nicht. Der dreht sich nur um - und schläft wieder ein. Nach einer Weile rüttelt sie an ihm: „Aufstehen, der Wecker hat geklingelt!“ Der Wachgerüttelte dreht sich um und sagt verschlafen: „Heute bleibe ich da. Heute beginnt mein Ruhestand. Wir frühstücken später!“ Geahnt haben es alle. Gesagt hat er es aber keinem.

Wie geht das denn, habe ich mich gefragt: Den Beginn des Ruhestandes geheim halten? Vor Freunden und Bekannten und auch vor der eigenen Familie. Und wieso?

Für Männer sei der Eintritt in den Ruhestand der tiefste Einschnitt in ihrem Leben, sagte mir ein Kollege, für Frauen, wenn sie Mutter werden. Ist das so, frage ich mich? Ein Ruheständler sagte mir dazu unlängst: „Der erste Tag im Ruhestand ist der Tag, an dem du merkst, dass dich niemand mehr braucht.“ Vom „großen Frei“ – wie auf Schwyzzerdütsch der Ruhestand auch heißt – ist da wenig zu spüren. Ich frage mich: Wie kann es gelingen, dass diese Freiheit nicht bitter aufstößt?

Im Psalm auf den Ruhetag – im Psalm 92 – heißt es: „Wenn sie auch alt werden, werden sie dennoch blühen, fruchtbar und frisch sein.“ Blühen und frisch sein – das hat was. Ich stelle mir vor: Leben ohne Zwänge und ohne feste Erwartungen. Frei sein für alles, was bisher so nicht zum Zug kommen konnte. In der Familie, in der Nachbarschaft, dort, wo man lebt. Blühen und frisch sein, kann im Ruhestand auch bedeuten: Zeit haben für Andere; sich engagieren für Ziele, die für die nach uns wichtig sind – für ihre Zukunft.

Keine Frage – die Kräfte nehmen im Alter ab – der Radius wird mit den Jahren enger. Einschränkungen annehmen und daran nicht verbittern, das ist eine große Baustelle. Ich sehe, wie schwer das ist und ich bewundere alle, die daran arbeiten, auch wenn es ihnen nicht immer gelingt. „Ja, solange man körperlich bei Kräften ist. Aber dann“, wird mir oft bedeutet, „dann geht nichts mehr.“ Wirklich nicht?

Ich erlebe, wie Altersschwache Anderen beistehen können. Das müssen keine großen Aktivitäten sein. Wie beglückend ist ein Zuhören für Andere oder auch ein Erzählen von früher. Ein Gruß, ein Anruf, ein Brief. Einfach: Mit-Dabeisein.

Freilich: Für manche Männer, die so lange - manche seit dem 15.ten Lebensjahr - berufstätig sind – ist das eine riesige Umstellung. Gar nicht leicht. Aber vielleicht doch auch verlockend – so ein „Blühen“ im Alter.

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27JAN2020
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„Das Volk Israel lebt.“ - „Am Jisrael chaij“: Mich hat das sehr berührt, als ein Prager Kinderchor im Gottesdienst dieses Lied angestimmt hat:– „Das Volk Israel lebt.“

Mit dabei – als Begleiter – Jri Vrba – der als jüdischer Jugendlicher nach Theresienstadt verschleppt worden war. Er hat den deutschen Judenmord überlebt. Er ist ein Zeuge eben dieser Erfahrung – der Befreiung: „Das Volk Israel lebt.“

Heute - am Gedenktag für die Gequälten und Ermordeten der Nazi-Diktatur - ist mir diese Botschaft besonders wichtig: Es hatte ein Ende. Die Hitler-Diktatur ist besiegt worden. Militärisch. Und die grausame Maschinerie der Todeslager konnte gestoppt werden. Nicht von ungefähr ist dieser Gedenktag von Bundespräsident Herzog auf den Tag der Befreiung des Lagers Auschwitz gelegt worden. Heute vor 75 Jahren haben russische Soldaten das Lager Auschwitz-Birkenau erreicht und dem schlimmsten Grauen ein Ende bereitet. Auschwitz steht wie kein zweiter Ort für den Mord an Juden in Europa.

Mir ist es dabei wichtig, das zu sehen, und mehr noch, zu erleben: „Das Volk Israel lebt!“ Jüdisches Leben ist nicht Vergangenheit – sondern lebendige Gegenwart. Als Schüler hatte ich von Verbrechen an Juden gehört. Von Zerstörung und Verwüstung. Juden kannte ich nur als von Nationalsozialisten Getötete und Verfolgte.

Und nun gibt es ein aufblühendes jüdisches Leben in Deutschland. Synagogen und Gemeindezentren entstehen neu. Jüdische Kulturfestivals lassen viele Menschen an jüdischen Festen teilhaben, an Tänzen, an Kochkunst und Musik. Wie viele Begegnungen sind wieder möglich! Ich finde das wunderbar. Das Volk Israel lebt – in Israel und als Teil unserer diversen Kultur – als Staatsbürger in Deutschland.

Wenn an manchen Orten in unserem Land heute Feindschaft und Hass gegen Juden aufflammen – ich hätte das nie mehr für möglich gehalten – dann ist das ein Zeichen, wie tief dieser Wahn in einigen steckt.

Umso mehr ist der heutige Gedenktag eine Aufforderung und Einladung zur Begegnung. »Rent a Jew« – »Miete dir einen Juden« - das ist eine Initiative von Jüdinnen und Juden hierzulande, die »Jüdisches Leben« in Schulen, in Gruppen und Kreisen bekannt machen will.

Lebendige Begegnung ist eine gute Arznei gegen wüste Spuren von Vorurteilen und Hass.
„Am Jisrael chaij“ – „Das Volk Israel lebt“ – und ist auch ein Teil von Deutschland. Gerade heute gilt es davon laut und freudig zu erzählen.

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06NOV2019
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Die Schwelle für abschätzige Bemerkungen über Andere sinkt.
Macht da Widerrede Sinn? Oder besser - einfach Überhören? 

Im Roman »Jugend ohne Gott« von Ödon von Horvath – aus dem Jahr 1938 – ist das die Schlüsselszene: Die Hauptfigur ein Lehrer. Er leidet unter seinen rassistisch-indoktrinierten Schülern. Und sagt sich: „Ich werde mich hüten, ... auch nur die leiseste Kritik zu üben. … Wenns auch weh tut, was vermag der Einzelne gegen Alle? … Ich will mich nicht mehr ärgern.“ (9).

Und dann kann er doch nicht an sich halten.
Als ein Schüler im Aufsatz schreibt: „Alle Neger sind hinterlistig, feig und faul“, kann er sich bei der Heftausgabe den Kommentar nicht verkneifen: „Auch Neger sind doch Menschen.“

Seine Schüler sind empört.
Dieser eine Satz hebt die eingeübte Trennung vom Hass gegen „die Anderen“ und der Liebe zu „den Eigenen“ auf. Es regt sich mehr als Widerspruch. Dem empörten Vater des Schülers hält er entgegen: „… das steht doch bereits in der Bibel, dass alle Menschen Menschen sind!« Punkt. Aus. Mehr nicht. 

Mich fasziniert – wie einsilbig und klar der Lehrer in Horvaths Roman reagiert.
Als würde es über ihn kommen. Von innen heraus. Ohne jeden Schnörkel.

Aber kann so ein apodiktischer Satz wie „Alle Menschen sind Gottes Ebenbilder“ wirklich etwas bewegen? Im Roman bleiben die Schüler unbeeindruckt davon.

Und doch steht diese eine Wahrheit ausgesprochen - im Raum. 

Ich frage mich das, weil ich ähnliche Erfahrungen kenne:

Jahr für Jahr fahre ich mit Jugendlichen nach Grafeneck.

Hier wurden 1939/40 mehr als 10.000 Menschen ermordet.

Seelisch Erkrankte, körperlich Behinderte.

Ich glaube, im Lauf der Jahre werden meine Impulse und Hinweise immer knapper.

Ein Brief. Ein Gedicht. Ein Bild. Wenige Worte.

Ich will Ihnen mehr Raum und Zeit geben für eigene Empfindungen.

Selber hinschauen, selber nachempfinden.


Manchmal werfe ich mir hinterher vor:

Du hättest besser informieren müssen, mehr über die Verbrecher und ihre Verbrechen aufklären müssen. Im Detail. 

Doch dann merke ich:

Damit die Jugendlichen nicht nur wissen, was damals für Verbrechen passiert sind,

kommt es auf Empathie an – auf Mitgefühl.

Information allein reicht nicht aus, damit in ihnen eine innere Grundhaltung wächst, die sie prägt.

Damit es auch aus ihnen herausplatzen kann - wie aus dem Lehrer in Horvaths Roman.

Darum ist beides so wichtig: Information und Mitgefühl.
Denn klare Kante – entschiedene Widerrede – basiert auf Empathie.

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05NOV2019
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Klassentreffen - die Einladung kam per Mail.

Kann ich – will ich – soll ich dabei sein? Soll ich es diesmal versuchen? 

Was bringt so ein Treffen?

Schwelgen in Erinnerungen? Schmerzende Vergleiche?

Die einen haben Erfolg – die anderen nicht.

Das ist keine einfache Gemengelage. 

Bei Schulabschluss-Jubiläen drängt sich eine Teilnahme auf:

25 Jahre – 40 Jahre und so weiter – das sind Etappen - wie Lebensbilanzen, wie
Zwischensummen: Was ist seither geworden? Und wieso?
Was ist aus Träumen und Hoffnungen und Wünschen geworden?

Was denken die Anderen heute? Zu Fragen der Gegenwart?

Was erwarten und wünschen sie sich heute?

Die gemeinsamen Jahre in der Schule haben geprägt.

Sie sind mitgegangen.
Diese Jahre durchgehen, durchsprechen, erinnern – das kann man gut mit denen, die dabei waren.

Manche Schulklassen halten eng zusammen.
Jahr für Jahr gibt es Engagierte, die einladen und sich treffen.
Vielleicht werden gemeinsame Unternehmungen oder auch ein gemeinsames Engagement verabredet. Denkbar ist das. Aber auch realistisch? 

Ich denke mir:
Hab´ bloß keine zu hohen Erwartungen. Denn: Das kann gehörig daneben gehen.
Es muss ja nichts wieder neu aufleben.

Doch das eine – das reizt mich – und das wäre mir ein so großer Gewinn - und die Reise wert: Erinnerungen teilen. 

In der Bibel heißt es »Du sollst Vater und Mutter ehren«.
Was wörtlich soviel bedeutet wie: Nimm ihre Lebensgeschichte nicht auf die leichte Schulter – gib ihr Gewicht. Sie hat mit dir zu tun.
Auf die eigene Lebensgeschichte gewendet – kann das bedeuten:
Du sollst auch deine eigene Vergangenheit ehren! Und ihr Gewicht geben!
Sie ernst nehmen!
Hinschauen auf das, was war: Im Beruf, in der Partnerschaft und in der Familie.
Schau auf die wunderbaren Momente!

Schau auch auf Verirrungen und Verletzungen - auf das, was misslungen ist – ­
und auf das, wofür man sich heute noch schämt. 

Allein ist das schwierig.
Mit denen, die einen von früher kennen, die prägende Jahre miterlebt haben – ist das eine besondere Chance.
Nimm die eigene Lebensgeschichte wichtig. Genau das kann bei einem Klassentreffen passieren.

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