Manuskripte

Manchmal staune ich, wenn ich einen Menschen näher kennen lerne. Ich hatte ein ganz anderes Bild von ihm. Staunend sehe ich ihn nun anders, mehr, wie er wirklich ist. Wer staunen kann, lernt sehen. Das Staunen führt weg von dem, was man schon zu wissen meint. Es hilft, dem, was man erlebt, unvoreingenommener zu begegnen. Und es verhindert Vorurteile gegenüber Menschen. Wer staunt, will wissen, was wirklich ist und wer Menschen wirklich sind. Staunen ist so etwas wie ein Schlüssel zur Wirklichkeit.

Staunen ist auch ein erster Schritt zur Anbetung, sagt ein französischer Arbeiterpriester. Und in der Tat: In den biblischen Psalmen stößt man immer wieder auf Äußerungen des Staunens und der Verwunderung, die dann in das Lob Gottes und in Dank münden. Da heißt es z.B. in einem Psalm: Wie wunderbar sind deine Werke! Alles Land bete dich an und lobsinge dir! Staunend zählt ein anderer Beter die Wunder der Schöpfung auf und stellt dann staunend fest: Herr, wie sind deine Werke so groß und viel! Und ein weiterer Beter denkt staunend an sich selbst, an das Leben, das ihm geschenkt wurde, und sagt: Ich danke dir, dass ich wunderbar gemacht bin. Was die Beter staunend wahrnehmen, erkennen sie als Schöpfung. In dem, was sie zum Staunen bringt, entdecken sie den Schöpfer und loben ihn.

Woher kommt das? Wir können über die Schönheit der Natur staunen, über die Unendlichkeit des Weltraumes, über die geheimnisvolle Zusammensetzung der Materie. Aber erkennen wir in dem, worüber wir staunen, auch den Schöpfer? Selbstverständlich ist das nicht. Die Beter der Psalmen lebten in einer anderen Welt als wir. Aber es gibt noch einen anderen, einen entscheidenden Grund für ihre Sicht der Wirklichkeit. Wenn sie staunend über die Schöpfung sprechen und den Schöpfer loben, sprechen sie fast ohne Übergang auch von Erfahrungen mit Gott in der Geschichte Israels. z.B. von der wunderbaren Befreiung aus der Sklaverei in Ägypten, in der Juden bis heute das Zeichen der Zuwendung Gottes zu seinem Volk sehen. Oder sie bekennen, dass sie sich persönlich von Gott umgeben und sich, wo sie auch sein mögen, von ihm gehalten wissen. Die Geschichte mit Gott und Erfahrungen mit ihm ist der Schlüssel zu ihrer Sicht der Wirklichkeit. - Es ist bei Christen nicht anders: Die Geschichte Jesu Christi, der Glaube und das Staunen darüber, dass ich um seinetwillen geliebt bin, helfen mir zu glauben, dass Gott in der Welt wirkt, und lehren mich, die Welt mit ihren Wundern als Schöpfung und mich selbst als Gottes geliebtes Geschöpf zu sehen - und Gott dankbar zu loben.

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Sei sehend! So hörte es ein Blinder in der Nähe von Jericho. Jesus war unterwegs nach Jerusalem. Der Blinde hatte den Lärm der vielen Menschen gehört, die auf Jesus gewartet hatten, und dann mitbekommen, dass er vorüberging. Laut schreiend hatte er auf sich aufmerksam gemacht. Jesus hatte seine Bitte um Heilung von der Blindheit gehört und war zu ihm gekommen. Sei sehend, sagte er ihm. Dein Glaube hat dir geholfen. Und der Blinde wurde sehend. (Markus 10,46-52)

Ich stelle mir vor, was es für den Blinden bedeutet hat, endlich sehen zu können, was ihn umgab. Ich weiß von Menschen, die eine erfolgreiche Augenoperation hinter sich haben und nun voll Staunen die leuchtenden Farben der Blumen, das Grün der Wiesen, die Schönheit der Schöpfung sehen und nicht zuletzt in den Gesichtern der Menschen ihrer Umgebung lesen können.

Ich denke aber auch daran, dass es so etwas wie Blindheit der Sehenden gibt und ihnen die Augen aufgehen müssen. Man sieht oft etwas hundert Mal, tausend Mal, ehe man es zum ersten Mal wirklich sieht, sagt Christian Morgenstern.Er meint damit die Erfahrung, dass man Kleines oder Gewohntes viele Male übersehen kann, bis einem plötzlich seine Bedeutung oder seine Schönheit aufgeht.

Scharf sehen wir oft die Fehler Anderer und wenig oder gar nicht, was bei uns selbst nicht in Ordnung ist. Jesus hat dies mit dem Bildwort vom Splitter im Auge des Nächsten und vom Balken im eigenen Auge, den man nicht bemerkt, anschaulich gemacht und wollte damit helfen, andere und sich selbst besser zu sehen.

Damit wir uns selbst richtig sehen, bedarf es einer Heilung. Und damit meine ich nun nicht nur die Schärfung des Blicks auf die eigenen Grenzen und Schwächen. Die Geschichte von der Heilung des Blinden haben die Evangelisten an prominenter Stelle erzählt: Jesus ist auf dem Weg nach Jerusalem, wo er leiden und sterben wird. Was das bedeutet, dafür müssen uns die Augen geöffnet werden, immer wieder. Dann sehen wir, was da für uns geschehen ist. Wir sehen, dass wir angenommen sind - mit allem, was bei uns nicht in Ordnung ist. Wir sehen uns mit den Augen Gottes, der uns liebt. Mit dem Blick der Liebe sehen wir dann auch die Anderen und erkennen, was sie sind und sein wollen, was sie bedrückt und erfreut, was sie brauchen.- Es ist gut, wenn wir für uns hören: Sei sehend und dann erfahren, dass uns der Glaube geholfen hat, neu zu sehen.

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„Die Erde ist schön" - so beginnt ein Gedicht von Rudolf Otto Wiemer. Ich habe bei diesem Satz Ferienbilder vor Augen: das Meer, das im Sonnenlicht glitzert und am Abend die Farbe der untergehenden Sonne annimmt; Wege im Gebirge mit dem Blick auf Gletscher und schneebedeckte Gipfel mit ihren bizarren Formen; Wanderungen im Schwarzwald mit dem wunderbaren Wechsel von dunklen Wäldern und grünen Matten. Die Erde ist schön - das ist wahr. Und es müssen nicht einmal nur Ferienbilder sein, die den Satz bestätigen. Auch zu Hause kann man die Schönheit der Schöpfung immer wieder entdecken. Zum Beispiel in den Blumen in den Gärten, auf dem Balkon. Ein amerikanischer Philosoph hat sie das Lächeln der Erde genannt.

Die Erde ist schön - bei Wiemer geht der Satz weiter mit den Worten: und es lebt sich leicht im Tal der Hoffnung. Und dann beschreibt der Dichter das „Tal der Hoffnung": Gott wohnt nah hinterm Zaun. Im Rohr der Rakete nisten die Tauben. Alle Wege sind offen. Im Atlas fehlen die Grenzen. Das Wort ist verstehbar. Wer Ja sagt, meint Ja, und ich liebe bedeutet: jetzt und für ewig. Die Hand des Armen ist nie ohne Brot. In diesen und anderen Worten wird das Gegenteil von dem ausgesprochen, was nicht schön ist auf der Erde und nur Gegenstand der Hoffnung sein kann. Schön ist die Erde also, wenn es auf ihr Friede gibt, wenn Worte wahr und Menschen treu sind, wenn Armen Gerechtigkeit widerfährt - und wenn der verborgene Gott ganz nahe ist. Am Ende des Gedichts ist dann auch noch vom Tod die Rede und von der Hoffnung gegen ihn: Ein Engel steht am Abend des Lebens am Tor zum anderen Leben und spricht: Steh auf!

Wiemer hat dieses Gedicht in einer depressiven Phase seines Lebens geschrieben. Was er vor Augen hat, war für ihn damals wohl Ausdruck einer unerfüllbaren Sehnsucht. Später hat er dem Gedicht die Überschrift gegeben: Entwurf für ein Osterlied. Damit hat er angedeutet, dass es einen Grund für Hoffnung gegen den Augenschein gibt: den Sieg des Lebens über das Dunkel in der Welt, wie er durch Jesus Christus glaubhaft geworden ist. Wiemer malt Bilder vom Tal der Hoffnung, in denen sich die Realität spiegelt. Und hoffend kann dann er sagen: Die Erde ist schön. Die Schönheit der Erde, wie man sie jetzt schon erleben kann, ist für mich ein Hinweis auf das Erhoffte. Sie ist trotz allem, was die Schöpfung und uns belastet, Grund zur Freude an ihr und an den Spuren Gottes in ihr.

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Angst vor Veränderung - ältere Menschen kennen sie. Sie wissen, dass das zunehmende Alter zu Einschränkungen führen kann, die ihr Leben gründlich verändern. Auch die Veränderungen in ihrer Umwelt können ihnen zu schaffen machen. Ich denke z. B. an die modernen Kommunikationssysteme, die viele von ihnen ausschließen. Sie haben die Sorge, dass auf die nachfolgende Generation Probleme zukommen, die nur schwer zu bewältigen sein werden und auf die unser stark von wirtschaftlichen Interessen bestimmtes Bildungssystem nicht genügend vorbereitet. Sie fragen sich immer wieder, ob in vielen Lebensbereichen nicht Manches auf der Strecke bleibt, was das Leben und Zusammenleben menschlich macht. Ich gehöre zu den Älteren und kann das alles gut nachvollziehen. Andererseits weiß ich, dass man bei den in der Vergangenheit gewonnenen Erfahrungen nicht stehen bleiben darf. Ich will mich jedenfalls von der Angst vor Veränderungen nicht bestimmen lassen. Ich will zu verstehen suchen und dann urteilen.
Veränderungen gibt es auch in der Kirche: Aus überschaubaren Gemeinden, in denen man sich kannte, werden große Einheiten, in denen Seelsorge durch den Pfarrer oder die Pfarrerin nur noch sehr begrenzt möglich ist und Ehrenamtliche in einem hohen Maß gefordert sind. In vielen Gemeinden ist die Zahl der Gottesdienstbesucher zurückgegangen, und ihr Altersdurchschnitt ist hoch. Das alte Pfarrhaus mit der immer offenen Tür gibt es nicht mehr. Viele kirchlich gebundene Menschen finden diese Entwicklung beängstigend, und ich teile ihre Sorge. Aber Ängste können auch blind machen für die Chancen im Neuen. Beispielsweise für die Bereicherung, wenn Menschen mit unterschiedlichen beruflichen Erfahrungen in der Kirche Verantwortung übernehmen. Oder wenn neue Arbeitsformen gefunden wurden, die auch ferner Stehende ansprechen. Wenn Ereignisse wie der Kirchentag zeigen, dass junge Menschen offen sind für Fragen des Glaubens. Wenn, deutlich erkennbar, Religion für viele Menschen wichtig ist und durchaus einen festen Platz in unserer Gesellschaft hat.
Was nimmt die Angst vor Veränderung? Was öffnet die Augen für das Gute im Neuen auch in der Kirche?  Was macht bereit, sich auf es einzulassen? Ich denke, es ist die Erfahrung, dass sich die überlieferte Wahrheit des Glaubens auch in Veränderungen bewährt und dass die alten Worte der Bibel auch heute immer neu zu Menschen sprechen, ihnen in allen Veränderungen Halt geben, sie bestimmen, sie zusammenführen und zusammenhalten.

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Die Angst, die Liebe zu verpassen - so war ein Zeitungsartikel überschrieben, den ich neulich gelesen habe. In ihm wird berichtet, dass in amerikanischen Großstädten Online-Dating  ein gängiges Verfahren geworden ist, durch das sich Paare kennen lernen sollen. Man ruft mit dem Computer eine Website auf und bekommt, wenn man sich anmeldet, einen Fragekatalog mit 400 Fragen zugeschickt. Die Antworten werden ausgewertet. Dann werden einem Namen und Adressen möglicher Partnerinnen oder Partner genannt, deren Lebenseinstellungen und Vorlieben weitgehend mit den eigenen übereinstimmen. Jetzt kann man sich am nächsten Wochenende mit einer der genannten Personen treffen. Dabei bleibt es in der Regel aber nicht. Weitere Treffen mit anderen werden vereinbart, manchmal sogar zwei an einem Abend. Vielleicht könnte einem ja, so wird es im Artikel gedeutet, unter den verschiedenen Möglichkeiten der Partnerschaft die beste entgehen. Vielleicht würde man die große Liebe verpassen.
Ein statistischer Vorgang soll also zwei Menschen zusammenführen, die zueinander passen. Es soll schnell gehen und leicht zu realisieren sein. Aber die Angst, etwas zu verpassen, schiebt eine endgültige Entscheidung für einen Partner immer wieder hinaus. So bleiben, denke ich, Begegnungen unverbindlich, das Risiko einer langfristigen Beziehung mit ihren Höhen und Tiefen wird vermieden. Aber verpasst man nicht gerade so die Liebe? Entsteht Liebe in der Regel nicht in einer zufälligen Begegnung, die man als Fügung verstehen kann? Braucht sie nicht Zeit, in der zwei Menschen miteinander vertraut und so für eine stabile Lebenspartnerschaft bereit werden?
Die Angst, die Liebe zu verpassen, verhindert Liebe. Dafür gibt es Analogien auch in anderen Lebensbereichen, überall dort, wo man Nähe und Geborgenheit in stabilen Beziehungen, erfahren möchte. Wer fürchtet, etwas zu verpassen, wird von der Sorge um sich selbst getrieben. In dieser Sorge vergisst man, dass man nicht alles haben muss, aber viel geben kann. Man übersieht, dass Beziehungen zu anderen Menschen Zeit brauchen und dass man sie pflegen muss. Dazu gehört auch, dass man sich auf Fremdes und Befremdliches einlässt, gerade nicht in allem Übereinstimmung sucht und andere annimmt. Man wird dabei selbst Annahme erfahren und diese als großes Geschenk erleben. - In allen Lebensbereichen schließen sich die Angst, etwas zu verpassen, und Liebe aus. Liebe erfährt, wer auf das Geschenk der Liebe wartet und sie dann wagt und liebt.

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Frei von Furcht - das wäre ich gerne! Es gibt ja die Geschichte von einem, der auszog das Fürchten zu lernen, und den auf seinem Weg rein gar nichts erschrecken konnte. Aber das ist ein Märchen! In meinem Leben gibt es zu Vieles, vor dem ich mich fürchte: Unglück im Leben meiner Kinder, Krankheit, Hilflosigkeit im Alter, Sterben und Tod. Und in der Gesellschaft, in der ich lebe, machen mir und vielen Menschen Krisen und Ereignisse Angst, die unbeherrschbar scheinen und vielen Menschen unendliches Leid bringen. In diesen Tagen haben wir die Bilder der Jahrhundertflut mit ihrer Furcht erregenden und zerstörerischen Kraft vor Augen. Es gibt viele Gründe für Furcht!
Frei von Furcht - das wäre ich gerne! Aber das ist offenbar gar nicht möglich! Im Johannesevangelium bestätigt es Jesus, wenn er seinen Jüngern sagt: In der Welt habt ihr Angst. Aber dann gibt es in der Bibel auch an vielen Stellen die Aufforderung: Fürchtet euch nicht!  Wie soll man das verstehen, wie die Furcht hinter sich lassen können? Für mich ist eine Schlüsselstelle für die Antwort auf diese Fragen der Satz: Furcht ist nicht in der Liebe. Er erinnert mich daran, wie Menschen einander gegen die Furcht helfen können - so, dass sie nicht übermächtig wird. Es fängt schon in der Kindheit an: In der Angst fliehen kleine Kinder in die Arme der Mutter, die sie liebt, und verlieren die Angst. In Lebenskrisen kann der Mensch, der mich liebt, Ängste jedenfalls mindern, weil er an meiner Seite bleibt. Bei Katastrophen, wie bei den Überschwemmungen in diesen Tagen, finden Menschen Halt durch die große Bereitschaft, sich gegenseitig zu helfen.
Furcht ist nicht in der Liebe - der Satz steht im 1. Johannesbrief  in einem unlösbaren Zusammenhang mit einem der kürzesten Sätze über Gott. Gott ist die Liebe, heißt es da. Er ist da für mich und hält zu mir. Mit allem, was ich erlebe oder erleide, kann ich mich in seiner Liebe bergen. Alles, was mir Angst macht, kann ich ihm sagen - im Vertrauen, dass er mich damit nicht allein lässt. Ich kann ihm meine Furcht anvertrauen. Ängste werden mich zwar immer wieder bedrängen. Aber im Vertrauen auf Gottes Liebe verlieren sie ihre Kraft - so, dass sie mich nicht mehr festhalten und lähmen. Das macht mich dann auch frei und bereit, Menschen neben mir in ihren Ängsten nahe zu kommen und mit ihnen Wege zu suchen und, wenn es möglich ist, zu gehen, Wege, auf denen sie die Furcht hinter sich lassen können.

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Trösten ist eine Grundaufgabe der Kirche. Wo sie nicht wahrgenommen wird, geht die Nähe zu Menschen verloren. In beiden großen Kirchen sind die immer größeren Seelsorgeeinheiten ein Problem, weil jedenfalls die hauptamtlichen Seelsorger den Kontakt zu den Menschen nicht genug pflegen können. Seelsorge ist allerdings nicht nur eine Aufgabe Hauptamtlicher. Trösten sollen alle, die Christen sein wollen. Warum das so ist, bringt Paulus auf den Punkt: Gott tröstet uns, damit wir trösten können. (2. Kor 1,4)
Wer in seinem Glauben also Halt findet und in den unterschiedlichsten Lebenssituationen Trost erfährt, soll auch trösten. - Aber ich finde: Trösten ist nicht nur den Christen aufgegeben. Gehört es nicht zum Menschsein, dass man sich selbst immer wieder als trostbedürftig erfährt - und dann auch einen Blick für andere Trostbedürftige hat? Aber wie tröstet man?
Ich denke daran, wie ich im Krankenhaus manchmal vor dem Zimmer eines Schwerkranken stand und Angst hatte. Wie werde ich den Kranken antreffen? Werde ich die richtigen Worte für ihn finden? Das Leid eines Menschen kann ja so groß sein, dass man nur noch verstummt. Wie kann man in solchen Situationen trösten?
Ich weiß, dass das Trösten damit anfängt, dass man einfach da ist, wenn ein Mensch Trost braucht. Man muss nicht immer etwas sagen; man kann es oft nicht. Aber man kann da sein, sich Zeit nehmen, mit einem Menschen, der trostbedürftig ist, schweigen, vielleicht seine Hand nehmen und ihn spüren lassen, dass man seine Hilflosigkeit mit ihm teilt. - Manchmal ist es gut, wenn man über die gemeinsame Hilflosigkeit klagt und dafür Worte findet. Es können auch fremde Worte sein, Worte, durch die Menschen vor uns ihr Leid geklagt haben. In der Bibel findet man sie in den Klageliedern der Psalmen, in der Menschen aus der Tiefe, wie es einmal heißt, aus Abgründen klagen. Das Besondere ist: In den Psalmen klagen Menschen vor Gott; vor ihm sprechen sie aus und ihm halten sie vor, was so weh tut. Und dann kommt es immer wieder zu einer überraschenden  Wende: Aus den Klagen wird Vertrauen oder Dank. Der verborgene Gott wird zum Gott des Trostes, der da ist und die Trostbedürftigen nicht allein lässt. - Ich erhoffe eine solche Erfahrung immer wieder für mich. Und wenn ich zu trösten versuche, vertraue ich darauf, dass auch andere sie machen können.

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Unsere 4jährige Enkelin weiß, was sie will. Und das ist nicht immer das, was ihre Mutter für richtig hält. Dann nervt sie die Mutter gewaltig. Aber es gibt auch die Augenblicke, in denen sie in die Arme der Mutter flieht und dort Trost sucht. Sie hat sich wehgetan, etwas hat ihr Angst gemacht oder auch sie hat nicht bekommen, was sie so gerne gewollt hat. Dann braucht sie Zuwendung. Sie weiß ja, dass ihre Mutter sie mit ihrem Schmerz, ihrer Angst, oder auch mit ihrem Zorn nicht sich selbst überlässt.
Was ich von unserer Enkelin weiß, verbindet sich für mich mit einem Satz im Buch des Propheten Jesaja. Dort heißt es:
Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet. (Jesaja 66,13) Der Prophet hat dieses Wort in einer schwierigen Zeit aufgeschrieben. Die lange babylonische Gefangenschaft des Volkes Israel war zu Ende. Ein Teil der Gefangenen war nach Hause gekommen - mit hohen Erwartungen. Aber die wurden enttäuscht. Die Heimkehrer fanden ein zerstörtes Land vor. Der Tempel in Jerusalem, der Ort der Gegenwart Gottes, lag in Schutt und Asche. Not herrschte im Land, vermehrt noch durch die Heimkehrer, die ihren Platz suchten. Die große Wende zum Heil war ausgeblieben. - Und nun trat der Prophet auf und versprach: Es wird in der Zukunft doch alles gut werden. Gott hält sein Wort. Er ist mit euch! - Man kann sich vorstellen, dass diese Botschaft es schwer hatte. Sie stieß auf Zweifel und wohl auch auf verzweifelten Zorn. Und jetzt erinnert der Prophet im Namen Gottes an die Mutter, die ihr Kind tröstet. Sie soll Bild sein für Gott und sein Wirken. Und das Bild wird zum Versprechen und zur Einladung, mit Enttäuschung und Zweifel in Gottes Arme zu flüchten, sich trösten zu lassen und ihm zu vertrauen.
Wie einen eine Mutter tröstet -
das ist auch heute ein großes Versprechen. Es soll gelten, wenn die Krisen unserer Zeit kaum lösbar scheinen; wenn Unrecht und Gewalt zornig machen; wenn persönliches Leid das Leben belastet. Kann man aber dem Versprechen wirklich vertrauen trotz allem, was heute das menschliche Leben belastet? Es wird möglich, wenn man sich Gottes mütterlichen Trost immer wieder zusprechen lässt und sich daran festhält. Man macht dann jetzt schon die Erfahrung, die die diesjährige Kirchentagslosung ausdrückt: Soviel du brauchst. Soviel ich brauche, erhalte ich - in allem, was beschwert. Und ich kann die Hoffnung buchstabieren, dass sich Vieles und am Ende Alles zum Guten wenden wird.

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Was ist dein einziger Trost im Leben und im Sterben? So lautet die erste Frage des Heidelberger Katechismus, dessen 450jähriges Jubiläum in diesem Jahr begangen wird. Was soll man darauf antworten? Wann braucht man Trost? Und was tröstet dann?
Kürzlich gab es im Fernsehen eine Wissenssendung über das Herz. Es wurde berichtet, wie dieses Wunderwerk der Schöpfung funktioniert. Und dann wurde gefragt, ob es so etwas wie ein „zerbrochenes Herz" geben, ob man gar daran sterben kann. Zu meinem Erstaunen hat der Kardiologe auf die Frage nach dem zerbrochenen Herzen gesagt: Ja, das kann es geben, - wenn jemand untröstlich ist. Und er konnte auch schildern, was da im Körper geschieht und das Herz angreift. - Schlimme Erfahrungen haben nicht immer solche Folgen. Aber das Herz kann schwer werden, wie wenn ein Stein auf ihm läge, der alles, was trösten könnte, erdrückt. Man muss erst wieder empfänglich werden für Trost. Was tröstet dann? Das deutsche Wort Trost hängt mit dem Wortstamm treu zusammen. Ist es nicht so, dass das Herz wieder empfänglich und man getröstet wird, wenn man Treue erfährt? Wenn Menschen so zu einem halten, dass man spürt: Du bist mit deinem Schmerz nicht allein?
Du bist nicht allein - das erfahren in diesen Tagen Viele beim Kirchentag in Hamburg. Das Herz geht ihnen auf, wenn sie sehen, dass Tausende, vor allem junge Leute, gekommen sind, um nach dem Glauben und nach der christlichen Verantwortung in der Gesellschaft zu fragen. - Der Trost, den der Heidelberger Katechismus meint, ist allerdings umfassender als der Trost, den Menschen einander geben können. Er schließt auch die Situationen ein, in denen Menschen einander allein lassen müssen, in denen sie nicht helfen und sich nichts abnehmen können. Er umfasst das ganze Leben mit seinen Höhen und Tiefen, Zeiten des Glücks und Zeiten, in denen das Herz zu zerbrechen droht oder sehr schwer wird. Und er gibt Halt auch noch im Gedanken an den Tod.  Was ist also der einzige Trost im Leben und auch noch im Sterben? Der Heidelberger Katechismus antwortet: dass ich nicht mein, sondern meines getreuen Heilandes Jesu Christi eigen bin. - Ich gehöre zu ihm. Zu jemand gehören zu dürfen, ist tröstlich für alle Menschen. Zu Jesus Christus gehören, bedeutet: Er ist mit mir; er trägt mich mit seiner Treue; er wird mich auch noch im Tod auffangen. Er ist gekommen, damit ich hören und glauben kann:  Ich bin keinen Augenblick verlassen.

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Das kennen alle Eltern heranwachsender Kinder: Sie bitten sie, etwas für sie zu erledigen, ihnen bei einer Arbeit zu helfen. Da können sie hören: Ja, mach' ich! Aber nicht immer geschieht es dann auch. Möglicherweise hören sie aber auch: Nein, ich kann jetzt nicht! Vielleicht sogar: Ich habe keine Lust! Das nehmen Eltern nicht so leicht hin. Und vielleicht bleibt es dann auch nicht beim Nein ihres Sprösslings!
Jesus erzählt eine Geschichte, in der ein Vater eine ähnliche Erfahrung macht. Er hat zwei Söhne und bittet beide, im Weinberg zu helfen. Die Weinlese hat begonnen, und jede Hand wird gebraucht. Der eine Sohn scheint das einzusehen und sagt: Ja, Vater, ich mache mich auf den Weg und helfe mit. Aber - er geht dann doch nicht zum Weinberg. Warum er es nicht tut, erzählt Jesus nicht. Er erfüllt den selbstverständlichen Wunsch des Vaters jedenfalls nicht. - Der andere Sohn will auf das, was der Vater will, von vorneherein nicht eingehen: Nein, sagt er, das will ich nicht! Er läuft einfach weg und lässt den Vater gar nicht mehr zu Wort kommen. Aber - unterwegs besinnt er sich, macht sich klar, wie unmöglich er sich dem Vater gegenüber verhalten hat, und geht dann doch zur Weinlese. - Es ist wieder eine Geschichte aus dem Alltag der Menschen,  wie sie Jesus immer wieder erzählt, durch die seine Hörer aber etwas sehen sollen, was in der Geschichte eingefangen ist und über die Alltagssituation hinausgeht. Jesus öffnet ihnen dafür die Augen mit seiner Frage: Wer von den beiden hat den Willen des Vaters getan? Natürlich gibt es darauf nur eine Antwort: Der, der zwar zuerst Nein gesagt, sich aber dann doch auf den Willen des Vaters besonnen hat!
Was ist der Wille des Vaters? Jesus selbst ist der Kommentar zu seiner Geschichte. Er hat gezeigt: Gott will, dass Menschen auf ihn hören, sich ihm öffnen und durch ihn erfahren: Gott ist mit den Menschen. Ich kann darauf fest vertrauen. Und wenn ich das Vertrauen verloren habe, kann ich wieder zu ihm zurückkehren! Dazu hilft mir Jesu Geschichte. - Gott beansprucht Menschen aber auch und kann sie brauchen. Ich möchte dazu Ja sagen. Dennoch tue ich oft nicht, was gut ist, was anderen gut tut, was Gott will. Dabei muss es jedoch nicht bleiben! Ich kann mich besinnen, es besser machen, zu dem zurück kehren, was Gott will. Daran erinnert mich Jesu Geschichte.

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