Manuskripte

„Mein Leben ist nur die Zeit in Polen“, sagt Olga, die als 24-Stunden-Kraft in einem Karlsruher Haushalt arbeitet. Dort betreut sie rund um die Uhr sieben Tage die Woche eine pflegebedürftige Frau, deren Kinder alle voll erwerbstätig sind. Frauen wie Olga stehen im Mittelpunkt einer Studie, die die Deutsche Bischofskonferenz kürzlich herausgegeben hat. „Wen kümmert die Sorgearbeit? Gerechte Arbeit in Privathaushalten“ ist sie überschrieben. Ein ungewöhnlicher Begriff: Sorgearbeit. Auch von Sorgearbeiterinnen ist die Rede, weil es tatsächlich meistens Frauen sind. Sie betreuen Kinder, pflegen alte Menschen, putzen, kochen, waschen, bügeln. Viele kommen aus andern Ländern, sind legal oder illegal hier. Das besondere: sie arbeiten im Haus, in der Wohnung ihrer Arbeitgeberinnen, auch die sind meistens Frauen. Also nicht in einem Betrieb, nicht mit Kollegen zusammen, und damit auch kaum geschützt. Deshalb beschäftigt sich diese kirchliche Studie mit den Sorgearbeiterinnen. Weil sie gesellschaftlich unbedingt notwendige Tätigkeiten verrichten und weil sie oft nur wenig Lohn bekommen und ihre Arbeit nicht entsprechend gewürdigt wird. Die Studie entwirft das Leitbild einer sorgenden Gesellschaft. Daß generell die Tätigkeiten für den Leib – ernähren, pflegen, saubermachen – aufgewertet werden, daß sie gleichen Rang bekommen wie Erwerbstätigkeit und damit auch stärker mit von Männern ausgeübt werden. Wenn selbstverständlich in der Biographie jedes Mannes und jeder Frau Zeiten mit Sorgearbeit vorkommen, wird diese Arbeit automatisch in der Gesellschaft mehr geschätzt. Dazu braucht es natürlich noch viel institutionelle und persönliche Phantasie. Für Kinder oder alte Menschen sorgen kann nur, wer im Beruf zeitlich beweglich ist und wer unterstützt wird durch betreuende Einrichtungen, Familie, Freunde oder eben bezahlte Arbeitskräfte, die ins Haus kommen. Und diese haben Anspruch auf angemessenen Lohn, geregelte Arbeitszeit und Freizeit, soziale Sicherung und eine Privatsphäre. In diesem Bereich gibt es sehr viel himmelschreiende Ungerechtigkeit. Auch deshalb finde ich es gut, daß die deutschen Bischöfe die Sorgearbeit in Familien zu einem eigenen Thema machen. Gerade die Zeiten des Sorgens für andere sind kostbare Lebenszeit – für alle Beteiligten.

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Liebe verändert. Liebende verändern sich, gegenseitig und jeder sich selbst. Und zwar gerade dann, wenn keiner den andern ändern will. Das klingt paradox. Aber lieben heißt ja gerade zum andern Menschen Ja sagen, so wie er ist, und dabei neugierig sein auf das, was ich in ihm jetzt nur ahnen kann. Wenn ich liebe, bekomme ich auch einen andern Kontakt zu mir selber, zu Ideen, Gefühlen, Möglichkeiten, die sonst nicht da sind. Und geliebt zu werden weckt vieles in mir, das sonst schlummert. Das riecht stark nach Veränderung, nach Leben. Und es ist realistisch. Auch wenn es leider allzu oft das andere gibt: daß Menschen sich gegenseitig blockieren und beschneiden oder sich total auseinanderentwickeln. Und dabei trotzdem nicht voneinander loskommen. Menschen täuschen sich einer im andern, sind überfordert von der Aufgabe, sich gemeinsam weiterzuentwickeln. Es tut mir weh, wann immer ich das miterlebe und dabei so wenig helfen kann.

Und ich freue mich, wenn ich erlebe, daß Liebe Menschen lebendig sein lässt. Wenn sie wachsen, sich und ein Stück Welt um sie herum verändern. Im Neuen Testament wird immer wieder erzählt, wie Jesus Menschen liebevoll begegnet und sie ermutigt, sich zu verändern. Dem Gelähmten sagt er: Nimm deine Bahre und geh. Und der Frau, die ihren Mann betrogen hat, sagt er: Ich verurteile dich nicht. Geh und sündige nicht mehr. Menschen, die als Kranke oder mit Schuldgefühlen seine Nähe suchen, sagt er: Dein Glaube hat dir geholfen. Und nachdem Jesus beim Zöllner Zachäus zu Gast war, hört der auf zu betrügen und gibt bisher ergaunertes Geld den Armen. Sie alle haben Zugang gefunden zu neuen Kräften und Facetten in sich selber. Und Mut, sie auszuprobieren.

Liebe kann verändern, Liebe zwischen Menschen, und Gottes Liebe zu uns. Sie sagt Ja, ohne den status quo zu zementieren. Sie stärkt, sie öffnet. Und bietet Halt an, wenn ich wage, auf neuen Wegen ich selber zu werden.

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Wer liebt, sucht im letzten einen Gott. Dieser Satz des Theologen Roman Bleistein provoziert mich. Auf Anhieb finde ich ihn übertrieben und auch übergriffig im Blick auf Menschen, die nicht glauben. Trotzdem habe ich weitergelesen. Bleistein schreibt:

„Wer liebt, sucht im letzten einen Gott, das heißt einen, der ihn so erfüllt, dass weder Maß noch Grenze vorhanden sind: also Ewigkeit, Unendlichkeit. Der eine Mensch verheißt dem anderen eine solche Erfüllung. Welcher Mensch kann dafür einstehen?
Die erste Tugend der Liebe heißt: das Erbarmen. In ihm vergebe ich dem anderen, dass er mein Gott nicht sein kann.“

Was Bleistein hier beschreibt, habe ich auch schon erlebt: Von einem andern Menschen alles zu erwarten, das ganze Glück, den festen Halt, vor nichts mehr Angst haben und mich nie einsam fühlen. Aber das funktioniert nicht. Das kann kein Mensch einlösen. Niemand kann für einen andern alles sein. Und niemand kann im andern aufgehen. Das klingt nicht gerade romantisch. Aber Bleistein zeigt einen Ausweg, der gleichzeitig eine Aufgabe ist. Erbarmen haben, dem andern vergeben, daß er mein Gott nicht sein kann. Den andern nicht mehr überfordern, ihn nicht vergöttern, den Göttergatten – unsere Sprache verrät hier einiges. Vielmehr der Liebe ein menschliches Maß geben. Mich freuen, daß der andere bei mir ist, als Mensch mit seinen begrenzten Möglichkeiten. Zu unserer menschlichen Liebe gehört es, daß wir irritiert sind am andern, daß wir uns enttäuschen, ärgern, und bei aller Offenheit auch fremd bleiben, daß wir einander genauso tief lieben wie verletzen können. Und eben, daß wir einander unter Druck setzen mit unsern viel zu hohen Erwartungen.

Ich bin dankbar, daß wir in der Liebe einander auch sehr nahe sein können, einander viel Halt geben und Glück schenken. Manchmal lässt mich die begrenzte Liebe von Menschen eine grenzenlose Liebe ahnen, wie wohl nur Gott sie schenken kann.

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Was sagt die Bibel über Frau und Mann? Sie erzählt vor allem eine Fülle von Geschichten, in denen Paare vorkommen. Von Adam und Eva bis zu Maria und Josef. Adam kann nicht leben ohne Eva. Abraham und Sara bekommen nach langem Warten endlich einen gemeinsamen Sohn. Jakob kriegt lange die Frau nicht, die er liebt, und gibt trotzdem nicht auf. Seine Frauen Lea und Rachel feilschen um die Nächte mit ihm. König David nimmt einem Untergebenen die Frau weg und räumt ihren Mann aus dem Weg. Der junge Tobit kann eine Frau heiraten und von ihrem bösen Geist befreien, die zuvor schon 7 Männer in der Hochzeitsnacht getötet hat. Im Hohelied kosten Freund und Freundin die erotische Liebe aus. Jesus schließlich rettet eine Frau, die wegen Ehebruchs gesteinigt werden soll, und redet ihr gleichzeitig ins Gewissen. Es sind Geschichten von Liebe, Lust, Treue, reichem Kindersegen, von List, Intrige, Verrat, Gewalt, Schmerz und Tod. Alles kommt vor in der Geschichte Gottes mit den Menschen. Denn davon sind die biblischen Autoren überzeugt: daß in all dem Gott den Menschen begegnet. Deshalb werden diese Geschichten erzählt. Die Bibel geht sogar noch weiter. Der Prophet Hosea wird von Gott mehr oder weniger gezwungen, eine Prostituierte zu heiraten. Und ausgerechnet diese Ehe soll zeigen, wie Gott zu den Menschen steht. Die Bibel erzählt, wie die Frau zu den Freiern geht und wieder zu ihrem Mann zurückkommt, immer wieder hin und her, wie Hosea sie zornig und enttäuscht verstößt und dann wieder um sie wirbt. Ein Höhepunkt sind die Worte: „Ich traue dich mir an auf ewig; ich traue dich mir an um den Brautpreis von Gerechtigkeit und Recht, von Liebe und Erbarmen, ich traue dich mir an um den Brautpreis meiner Treue: dann wirst du den Herrn erkennen.“ (Hosea 2,21f) Hier redet Gott zu seinem Volk. Seine Liebe, seine Treue, sein Erbarmen, will er zeigen am Bild dieser so stürmischen Ehe.

Wie bei uns heute die Liebe zwischen Frau und Mann gelingt, ist wichtig für die beiden, für Kinder und für die größere Gemeinschaft. Und es ist auch deshalb wichtig, weil wir darin ahnen können, wie Gott zu uns steht. Und wie steht Gott zu uns? Die Bibel sagt: In leidenschaftlicher, treuer, facettenreicher Liebe und in großem Erbarmen.

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Wer lange unterwegs ist, muß essen und trinken. Das gilt beim Wandern, und es gilt auf der Lebensreise. Für Christen ist dabei besonders wichtig die Eucharistie , die Kommunion, das Abendmahl, so die drei gängigsten Namen. Deshalb gibt es auch viele Lieder, die dafür danken. Eines davon beginnt mit den Worten: O heilge Seelenspeise.

O heilge Seelenspeise / Auf dieser Pilgerreise / O Manna, Himmelsbrot!/ Wollst unsern Hunger stillen/ Mit Gnaden uns erfüllen/ Uns retten vor dem ewgen Tod. Ursprünglich hatte dieses Lied den Titel „Himmelbrodt“. Es erinnert daran, wie das Volk Israel 40 Jahre durch die Wüste gezogen ist und durch Manna vor dem Verhungern gerettet wurde. Manna, das ist eine Art Brot, das jede Nacht vom Himmel fiel und von den Menschen aufgesammelt wurde. Christen verstehen die Kommunion als ein solches Manna, von Gott geschenkt, um uns Menschen zu stärken. Der Unterschied zum Manna in der Wüste: hier im Abendmahl ist Jesus Christus gegenwärtig. 

Ihn zu empfangen, gemeinsam mit andern Menschen, das nährt die Seele. Das hilft leben, weil es den existenziellen Hunger stillt, den Hunger nach Sinn. Deshalb darf sich auch jede und jeder, der danach hungert, eingeladen wissen. Denn Jesus hat gelebt und ist gestorben für alle Menschen. Kommt alle, die auf Erden / Von Not bedränget werden.“ / So spricht Dein eigner Mund/ „Ich will euch wiedergeben / Mit meinem Blut das Leben! / Dies ist der neue, ewge Bund.“ „ 

Die letzte Strophe hat dann einen Gedanken, der weit in die Zukunft geht, über den Tod hinaus. Sie geht aus von dem Glauben, daß Jesus da ist in diesem Brot und dem Wein, natürlich verhüllt und verborgen. Und das Lied spricht von der Hoffnung, diesen Jesus einmal unverhüllt zu sehen, „von Angesicht zu Angesicht“. 

O Herr, was wir hier schauen, in Glauben und Vertrauen. das zeige uns im Licht,

und laß es einst geschehen, daß ewig wir dich sehen von Angesicht zu Angesicht. 

Ein Lied nur für fromme Christen? Ursprünglich ist es das wohl, aber es verweist mich weiter, auf andere, die Hunger und Durst haben. Manna in der Wüste ist für alle da: „Kommt alle, die auf Erden von Not bedränget werden“. Das gilt hier im Lied für den seelischen Hunger. Aber ich kann das Lied nicht singen, ohne an Menschen zu denken, die körperlich hungern und dürsten. Die Kommunion im Gottesdienst ist nicht nur für mich. Sie schickt mich zu den andern Menschen. 

(O heilge Seelenspeise. Windsbacher Knabenchor, Karl-Friedrich Beringer und Torsten Laux, Orgel. In: Hansjakob Becker u.a. (Hgg.) Geistliches Wunderhorn ISBN 3-406-48094-2,

Track 11)

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„Das Gewissen ist die verborgenste Mitte und das Heiligtum im Menschen, wo er allein ist mit Gott, dessen Stimme in diesem seinem Innersten zu hören ist.”

So hat das 2. Vatikanische Konzil geschrieben vor 50 Jahren. Das sind große Worte: Heiligtum, verborgenste Mitte, Stimme Gottes. Im Alltag erlebe ich mein Gewissen nicht so. Da will ich eher nüchtern abwägen: Worum geht es hier? Was ist falsch - was ist richtig? Wie kann ich Schaden vermeiden? Von Gottes Stimme ist da wenig zu hören.

Aber vielleicht spricht ja Gott gerade in diesen sachlichen Fragen. Vielleicht rede ich ja im Grunde auch mit Gott, wenn ich nach richtig und falsch frage. Viele Menschen, auch schon in früheren Jahrhunderten, sagen sogar: Das Gewissen ist ein Hinweis, dass es Gott gibt.

Aber spricht im Gewissen wirklich nur Gott? Oder ist es programmiert durch Werbung und Erziehung? Sagt es mir, was Gott will oder was andere von mir erwarten? Spricht hier Gott, oder spreche ich selber mit meinen berechtigten oder weniger berechtigten Wünschen?

Auf diese Fragen wüßte ich gern eine sichere Antwort – leider bleibt auch in Bezug auf das Gewissen vieles an uns Menschen ein Geheimnis.

Aber ich bin sicher, dass im Gewissen vieles zusammenspielt: mein Erbgut, wie ich erzogen worden bin, was andere von mir erwarten, was mir wichtig ist für mich und wichtig für andere. Vielleicht spricht Gott ja, indem all das zusammenspielt? Vielleicht drückt sich hier Gottes Wille aus: sein Wille, dass mein Leben gelingt und dass wir Menschen gut zusammenleben?

Das Konzil spricht vom Gewissen als dem Heiligtum im Menschen, wo wir allein sind mit Gott. Das meint wohl nicht ein Zwiegespräch abseits der sonstigen Welt. Wer meint, niemanden um Rat fragen und keinerlei Norm beachten zu müssen, sondern alle Probleme im Gebet lösen zu können, der geht einen gefährlichen Weg. Doch da, wo ich dann entscheide, mit Verstand und Gefühl, manchmal zwischen Hoffen und Bangen, ob ich das Richtige tue, da bin ich dann nur mir und Gott verantwortlich.

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Vor 2000 Jahren hat der römische Philosoph Seneca über das Gewissen den folgenden Satz geprägt: „Es wohnt in uns ein heiliger Geist, ein Beobachter und Wächter alles Guten und Bösen in uns” Die Erfahrung ist offenbar schon alt, dass die Menschen in sich so etwas wie einen Wächter spüren, der sie vor Bösem bewahren will. Ein Wächter muß tatsächlich gut beobachten können, wachsam sein auf alles, was sich bewegt. Er muß Freund und Feind unterscheiden und Alarm schlagen, wenn Gefahr droht. Ein Wächter muß die Umgebung beobachten, und er muß seine Stadt gut kennen, um sie schützen zu können. Ein Wächter darf nicht schlafen und nicht bestechlich sein.

Von Wächtern und Wachen in der Nacht und bei Tag hing in früheren Zeiten das Wohl der ganzen Stadt ab.

Das Gewissen ist solch ein Wächter. Es tritt ja längst nicht nur in Aktion wenn wir etwas falsch gemacht haben. „Hört Ihr Leut` und laßt euch sagen, unsre Uhr hat 10 geschlagen.” Das Gewissen vermeldet wie die Wächter früherer Zeiten, was die Stunde geschlagen hat. Zum Beispiel: „Hier ist ein Mensch, der dich braucht.“ „Hier bahnt sich in der  Gesellschaft eine gefährliche Entwicklung an.“ „Gib acht! Jetzt bist du dabei, dir selber untreu zu werden.“ Das Gewissen braucht eine gute Mischung aus Gefühl und Nüchternheit.

Nüchtern und wachsam sehen, wie die Lage ist, in mir, um mich herum, am Horizont. Informationen einholen und abwägen. Empfindsam sein und doch nicht gleich überreagieren.

Schließlich kann wohl nur der ein guter Wächter sein, der seine Stadt auch liebt.

So ist das Gewissen nicht dazu da, mich kaputt zu machen, mich einzusperren, alles argwöhnisch zu beäugen, was ich tue. Im Gegenteil.

So wie der Wächter das Leben und die Freiheit der Stadt schützen soll, so soll das Gewissen mein Leben schützen und mir Handeln aus Freiheit ermöglichen.

„Es wohnt in uns ein heiliger Geist”, so beginnt Seneca seinen Satz über das Gewissen. Das heißt: Dieser Wächter ist nicht irgendein noch so treuer Angestellter, sondern es ist Gottes Kraft in uns, Gottes Wille, daß unser Leben gelingen möge.

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Der Dichter Bert Brecht hat einmal gesagt: „Vielleicht ist der Mensch nie so sehr Mensch als wenn er sagt: Ich schäme mich.”

Umgekehrt hieße das: Wenn jemand sagt: Ich schäme mich., dann ist er richtig Mensch. Ein überraschender Satz! Sich schämen ist schließlich kein angenehmes Gefühl. Sich schämen wegen irgend etwas, das ich getan oder nicht getan habe.

Können andere Lebewesen sich schämen? Pflanzen sicher nicht. Tiere? Mancher behauptet, daß man seinem Dackel das schlechte Gewissen ansieht, wenn er die Wurst gestohlen hat! Ich weiß nicht, ob der Dackel sich dann schämt oder ob er Angst hat vor Strafe. Aber dass wir Menschen ein schlechtes Gewissen haben können, das weiß ich aus eigener Erfahrung.

Bei manchen Menschen, in manchen Situationen denke ich: der oder die müßte sich jetzt doch in Grund und Boden schämen. Und nichts ist davon zu spüren. Da wird gelogen und betrogen, über andere Menschen werden Gerüchte in die Welt oder ins Netz gesetzt – was ungefähr das Gleiche ist.. Mir sind Menschen unheimlich, die das offenbar ohne Skrupel tun.

Wenn jemand sich einer Sache schämt, kann ich ihm leichter wieder vertrauen. Wenn ich erkennen kann, daß der andere seinen Fehler oder sein Unrecht spürt und es ihm leid tut. Wen sein Gewissen anklagt, der ist nicht zu beneiden, denn unter einem schlechten Gewissen kann man regelrecht leiden. Auf der anderen Seite kann man einem Menschen zu seinem schlechten Gewissen auch gratulieren. Denn wenn jemand spürt: Ich tue Unrecht”, dann kann sich etwas ändern. Wer sich schämt, der weiß oder ahnt den  Unterschied zwischen gut und Böse, und er will eigentlich gut sein. Und das macht einen Menschen aus. Allerdings darf ich niemandem ohne Grund ein schlechtes Gewissen machen. Wer einen Menschen beschämt, kann ihn tief verletzen und verunsichern.

Sich mit Grund zu schämen, birgt Chancen, dann nämlich, wenn ich höre, was mein Gewissen mir sagt. Dan kann ich Wege suche, mein Unrecht wieder gut zu machen - so weit das  möglich ist. Kann evtl. für die Zukunft die Weichen anders stellen. Dies alles wird leichter, wenn meine Umgebung barmherzig ist. Auf jeden Fall gibt es da auch die Worte aus dem Neuen Testament, die lauten: Und wenn unser Herz uns auch verurteilt, Gott ist größer als unser Herz.

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Wir bauen deiner Zukunft ein Zuhause. Der Apostel Paulus hat das so ähnlich geschrieben, in seinem 2. Brief an die Gemeinde in Korinth. Ein Zuhause für die Zukunft. Paulus meint hier allerdings kein Haus im Grünen, sondern einen Ort für uns nach unserem Tod. Wörtlich schreibt er: „Wir wissen, dass, wenn unser irdisches Zelt abgerissen wird, wir eine Behausung von Gott haben werden, ein nicht von Händen gemachtes ewiges Haus im Himmel.“ (2 Korintherbrief 5,1) Mit dem irdischen Zelt meint er unser Leben hier, das wir in unserm Körper leben. Paulus war übrigens selber Zeltmacher, er wusste wie kein anderer, dass Zelte durchaus robust sein können, daß sie Schutz gewähren, Lebensraum sind. Bei echten Nomaden und bei leidenschaftlichen Campern sind sie oft sogar ziemlich dauerhaft. Aber das Wesen eines Zeltes ist, daß es irgendwann abgebaut wird. Auch ein wohnliches, lange bergendes Lebenszelt wird irgendwann endgültig niedergerissen. Unser Körper, unser aus irdischem Material entstandenes Leben ist vergänglich, daran erinnert Paulus. Um dann nachdrücklich und überzeugt zu sagen, dass Gott uns statt dieses Zeltes ein Haus bauen wird, ein ewiges Haus im Himmel. Dass wir hoffen dürfen auf einen Ort, auf einen Lebensraum, der von anderer Art ist, unverrückbar und unzerstörbar.

Paulus schreibt diesen Brief, als es ihm sehr schlecht geht. Daß das Leben vergänglich ist, allein das schon scheint ihn in dieser Zeit zu trösten. Mich tröstet dieser Gedanke auch manchmal. Gleichzeitig bin ich traurig, dass auch all das Schöne vergeht. Was ich von Paulus lerne und auch immer wieder bei andern erlebe: Wer der Tatsache ins Auge sieht, daß unser Leben nur ein Zelt ist, kann besser leben. Manchen Menschen ist das genug. Realistisch nehmen und würdigen sie das begrenzte Leben. Nicht jeder kann und will mit Paulus den Schritt weitergehen und an ein von Gott gebautes ewiges Haus glauben. Aber vielleicht mögen Sie doch in sich der Ahnung nachspüren, von der der Schriftsteller Chaim Noll spricht: „Wir sind Ahnende auf dieser Welt, und wissen, wer wir sind, erst, wenn wir gehen – zuletzt womöglich doch nach Haus

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Maria Meesters im Gespräch mit Prof. Hans-Joachim Sander, Salzburg  

Pfingsten. Die Jünger Jesu haben sich in einem Haus verkrochen.
Plötzlich stürmt es da drin, es tauchen Feuerzungen auf, und auf einmal werden die Jünger mutig. Sie predigen, finden die richtigen Worte; und viele Menschen verschiedener Nationalität werden spontan Christen.

Ich spreche über dieses Ereignis mit Hans-Joachim Sander. Er ist katholischer Theologe und Professor für Dogmatik in Salzburg, und das Verhältnis der Kirche zur übrigen Welt ist schon lange eines seiner Arbeitsthemen.

 

Herr Sander, ganz gleich, wie das damals genau gewesen ist – es hat ja einen Anfang gegeben, den das Neue Testament so beschreibt. Was steckt denn in diesem Anfang an Anregung für heute? 

Es steckt in diesem Anfang die Auferstehung, für die Kirche eigentlich da ist, und zugleich aber auch die Kreuzeserfahrung, von der sie herkommt. Also, man hat ja in den drei großen Festen Weihnachten, Ostern und Pfingsten eine innere Verbindung. Das Ganze geht von Ostern aus. Und der entscheidende Punkt ist, wie bei Ostern, bei den drei heiligen Tagen, die Umschlagserfahrung von der Kreuzigung zur Auferstehung, Bewältigung des Karsamstag, und hier jetzt bei Pfingsten, dass diejenigen, die fürchterliche Angst haben nach der Erfahrung der Kreuzigung, der Auferstehung und der Himmelfahrt - die haben Angst davor, was jetzt alles da geschehen könnte; deswegen sind sie so auf sich bezogen – daß die mit einem Male allen Mut zusammengerafft bekommen, und das kann man nur im Passiven sagen, denn sie haben ihn nicht zusammengerafft, sondern der Geist kam und hat sie hinausgetrieben, und man erfährt in dem Auf-die-Marktplätze-Gehen das, wofür die Auferstehung steht.

In der katholischen Kirche blickt man in diesem Jahr zurück auf das Ende des Zweiten Vatikanischen Konzils vor 50 Jahren, und besonders dabei auf ein Dokument, das damals erarbeitet wurde zum Thema „Kirche in der Welt von heute“ oder „in der Welt dieser Zeit“. Das fängt an mit den Worten: „Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art, sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Christi.“ Was hat dieser Satz mit Pfingsten zu tun?

Er beschreibt Pfingsten in unserer eigenen Gegenwart. Es ist ein Satz, der sich identifiziert als eine Spiritualität. Es ist die Spiritualität der Kirche, die dieses Konzil gemacht hat, und es ist ein Satz, in dem sich die Jünger und Jüngerinnen Christi mit denen identifizieren, mit denen sie gemeinsam in der gleichen Zeit auf dieser Erde leben. Und Pfingsten beschreibt nichts anderes, denn die Jünger, die den Geist empfangen in Form von Feuerzungen, sprechen plötzlich Sprachen, die nicht die ihren sind, aber die die ansprechen, mit denen sie es zu tun haben, und zwar als die Muttersprache derer, die jetzt da auf dem Marktplatz versammelt sind. Und das sind offenbar sehr viele. Das ist ein plurales, multikulturelles, klassisch hellenistisches (Publikum), wir können auch sagen: eine normale Stadterfahrung von heute, und es wird nicht die Sprache der Kirche gesprochen, sondern es werden die Sprachen der Anderen gesprochen, und das sagt dieser erste Satz genau gleich.

Deren Freude und Hoffnung ist unsere Freude und Hoffnung.

Deren Trauer und Angst ist unsere Trauer und Angst.

Also die Sprache der Hoffnung, die Sprache der Angst, die Sprache der Trauer, die Sprache der Freude, die muss man sprechen lernen. Und das ist eine geistige Erfahrung – das ist Pfingsten.

Einerseits ist die Kirche ja damals oder heute nicht herausgehoben, Christen sind nicht anders als andere Menschen auch – andererseits hat die Kirche doch offenbar etwas zu geben, weiterzugeben. Wie verhält sich das zueinander?

Christen, Christinnen sind ganz normale Menschen, aber sie werden ermutigt, über den eigenen Schatten zu springen, und das ist ihr Beitrag. Das heißt: sie können sich und sollen sich – und nach dem Konzil sollen sie es auch wollen – auf Dinge einlassen, die sie überraschen, die sie möglicherweise sogar befremden, und wenn man sich auf das einlässt, also die Sprachen der anderen spricht, wird man etwas erfahren, was man selbst zur Verfügung hat, nämlich den Mut, über den eigenen Schatten zu gehen. Also, es gibt guten Grund für die Kirche, dass sie zu der Botschaft zurückkehrt, die sie eigentlich auf ihrem Rücken zur Verfügung hat. Aber die Sprache dieser Botschaft wird sie von den Menschen her bekommen, mit denen sie es zu tun bekommt, und das ist die Pfingsterfahrung.

Gleichzeitig höre ich da aber etwas von Gegenseitigkeit und davon, dass eben Christen und Christinnen, um sie selber zu werden, die Anderen brauchen.

Ohne die anderen hat man keine Sprache für das Evangelium. Die Kirche kennt den Text des Evangeliums, aber nicht die Sprache, die es braucht, um es zu sprechen.

Das sind die Sprachen der Anderen. Das sind die Sprachen, die der Geist der Kirche eröffnet, weil er sie konfrontiert mit diesen anderen Menschen, denen man nicht ausweichen kann. Deswegen ist diese Wechselseitigkeit eine Gnade.

Sie benutzen im Zusammenhang mit der Frage, wie Gott für uns Menschen präsent wird, häufig ein etwas rätselhaftes Wort, das Wort Andersorte.

Mit dem Fremdwort heißt es Heterotopie. Also nicht Utopie, nicht etwas, das gar keinen Ort hat, das in der Zukunft liegt; sondern etwas, das einen total anderen Ort hat. Was verstehen Sie darunter? 

Andersort ist ein Ort, der da ist, also der ist nicht anders als die anderen Orte. Aber sich diesem Ort auszusetzen, bedeutet, etwas einräumen zu müssen, was einen selbst anfasst. Heterotope sind Orte, die mit bestimmten Diskursen belegt sind, die prekär sind. Die Jünger und Jüngerinnen, die sich auf die Marktplätze wagen, zeigen sich als Leute, die das Evangelium Jesu verkünden, als des Gekreuzigten und Auferstandenen. Sie riskieren ihre Existenz. Das heißt: der Marktplatz ist nicht einfach ein leicht zu nehmender Ort. Man setzt sich aus, man kann dort scheitern, man wird auch scheitern; aber das bedeutet nicht, dass man den Mut verliert.

Und Andersorte heute? Vielleicht ganz konkret in unserem mitteleuropäischen Kontext: 

Ein Andersort, den wir heute erleben und der alle unsere Gesellschaften in Europa erfasst, ist das Mittelmeer. Das Mittelmeer, das „Mare Nostrum“ genannt wurde von den Römern, also

„unser Meer“, zeigt sich mit einem Mal als ein fürchterlicher Friedhof, bei dem viele Migranten auf einer gefährlichen Überfahrt ums Leben kommen. Die die Not haben, ihre Heimat verlassen zu müssen, und die es zum Teil erfahren müssen, dass ihnen statt geholfen wird, dass sie auch noch abgewiesen werden. Wir werden mit etwas konfrontiert, dem wir uns nicht entziehen können. Es ist dasselbe Meer, an dem viele Menschen Urlaub machen, aber dieses Meer hat eine Tiefendimension, die in dieser Andersartigkeit seine Existenz darstellt.

Das ist ein Andersort.

Und die Kunst besteht jetzt für die Kirche darin, in diesen Andersorten zu entdecken, was darin die Gottespräsenz ausmacht.

Und wie finden wir jetzt den Weg zurück zum Thema Pfingsten?

Pfingsten ist die Ermutigung, sich auf einen solchen Ort einzulassen. Weil die, die dort hingehen, nicht wissen, was sie sagen sollen. Aber wenn sie sich dem Marktplatz aussetzen, wird die Feuerzunge sie eine Sprache lehren, die sie selbst gar nicht beherrschen, die sie aber korrekt zur Sprache bringen.

Also sich einem Ort auszusetzen, der einem prekäre Themen zumutet. Der Mut, sich diesem Ort auszusetzen, wird zu einer Ermutigung, eine Sprache zu sprechen, die einen selbst überrascht und die zugleich die Demut voraussetzt, sich von diesem Ort die Themen und die

Sprache geben zu lassen, ohne die man das nicht bewältigen kann.

Und das ist die Pfingsterfahrung, die man heute machen kann.

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