Manuskripte

Heute vor 15 Jahren ist oben auf der Dresdener Frauenkirche das Kreuz angebracht worden. Seit 1945 hatte da nur ein Trümmerhaufen gelegen. Aber 50 Jahre lang war der Gedanke nicht tot zu kriegen: diese Kirche muss wieder aufgebaut werden. Mit Notre Dame in Paris ist es ganz aktuell nicht anders. Undenkbar, solche Räume einfach aufzugeben. Warum eigentlich?

Immer wieder hört man doch, dass den Menschen heute überhaupt nichts mehr heilig ist. Auch keine Kirchenräume. Hier erlebe ich es anders. Ich unterstelle jetzt einfach einmal, dass nicht jeder Unterstützer auch sonntags andächtig im Gottesdienst sitzt. Trotzdem: für alle ist wichtig, dass die Kirche da ist, dass es diesen Raum gibt, der sich von allem anderen außen herum unterscheidet. Warum? Weil er irgendwie heilig ist. Menschen brauchen solche Orte, die sie raus aus ihrem Alltag holen. Kirchen wie die Dresdener Frauenkirche oder Notre Dame in Paris ziehen mir schon allein wegen ihrer Optik die Schuhe aus, aber nicht nur deshalb. Ich denke auch an die Menschen, die über Jahrhunderte an ihnen gearbeitet und in ihnen gebetet, geweint, gejubelt, gezweifelt und geglaubt haben. Auch so werden Räume heilig. Das kann dann auch eine kleine Waldkapelle oder die alte romanische Dorfkirche am Urlaubsort sein. Ich kenne eine Kirche, da hat man in den Boden des Altarraumes ein Paar Schuhe eingraviert. Das bezieht sich auf eine Bibelstelle. Moses sieht in der Wüste einen brennenden Dornbusch und hört Gott, der zu ihm spricht: “Leg deine Schuhe ab; denn der Ort, wo du stehst ist heiliger Boden.“ (Ex3,5). Ein schönes Bild. Heilige Räume sind Räume, an denen es mir die Schuhe auszieht. Zum Glück braucht es dafür gar nicht viel. Manchmal reicht ein Schild am Eingang. Darauf steht: „Dies ist Gottes Haus. Komm herein, mach es zu deinem! Wir laden dich herzlich ein, hier zu verweilen um auszuruhen, nachzudenken und zu beten.“ Auch so werden Räume heilig gemacht. Wo man so einlädt, da bleibe ich gerne sitzen. Und die Schuhe kann ich dabei getrost anlassen.

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Und – haben Sie gestern einen schönen Feiertag gehabt? Zumindest werden viele gestern mit Freunden oder der Familie gegrillt oder gemeinsam gegessen haben. An Feiertagen hat man zum Glück die Zeit dazu. Gestern am Fronleichnamstag hätte es sogar besonders gut gepasst. Denn da steht für katholische Christen das Brot im Mittelpunkt. Beim letzten gemeinsamen Essen vor seinem Tod hatte Jesus es seinen Jüngern gesagt: „Tut dies zu meinem Gedächtnis.“ Und dann haben sie zusammen gegessen und getrunken. Seitdem erinnern sich Christen jedes Mal, wenn sie Gottesdienst feiern, an dieses Essen. Nur dass ein normaler Gottesdienst nur noch wenig mit einem richtigen Essen zu tun hat. Man sitzt nicht rund um einen Tisch, man bekommt in der Regel nichts zu trinken und das Essen ist reduziert auf eine kleine, weiße Oblate, die irgendwie nach nichts schmeckt.

Bei uns zu Hause ist das ganz anders. Da sitzen am Sonntag oft vier Generationen um den Tisch und freuen sich aufs Mittagessen. Das ist für meine Frau und mich viel Arbeit. Aber mich erfüllt dieses Essen mit einer tiefen Befriedigung. Denn ich merke, dass es mich nicht nur körperlich satt macht. Ich merke, dass genau hier mein Leben einen wirklichen, tiefen Sinn bekommt. Und für mich sitzt genau in diesem Moment zwischen Uroma, Großeltern, Eltern und Enkel auch Gott mit am Tisch. Dieses gemeinsame Essen mit der Familie, das ist in diesem Augenblick für mich Gottesdienst. Seitdem denke ich immer öfter, wie schön es wäre, wenn auch in der Kirche richtig gegessen und getrunken würde. Die ersten Christen haben das noch gemacht. Sie haben großen Wert darauf gelegt. Und der Hl. Paulus konnte richtig böse werden, wenn er davon hörte, dass in einer Gemeinde nicht ordentlich gemeinsam gegessen und getrunken wurde. Heute ist das im Gottesdienst vielleicht mal in der Kita der Fall oder eben hinterher beim Pfarrfest. Schade. Dabei steht gemeinsam Essen gehen oder gemeinsam kochen gerade heute unheimlich hoch im Kurs. Und das ist gut so.

Denn wenn Menschen gemeinsam essen, tun sie nicht nur etwas gegen den Hunger sondern auch etwas für ihre Seele.

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"Das Herz eines Boxers, kennt nur eine Liebe, den Kampf um den Sieg ganz allein! Das Herz eines Boxers kennt nur eine Sorge, im Ring der Erste zu sein."  Max Schmeling musste diesen Schlager singen, obwohl er gar nicht singen konnte. Boxen, das konnte er, und das hat ihn zur Legende gemacht. Heute vor 83 Jahren, am 19. Juni 1936 schlug er in New York Joe Louis k.o. Damit war er ganz oben. Das Ziel seiner Liebe, das Ziel seiner Sorge, wie es der Schlager ausdrückt, war erreicht. Schmeling war der Erste und Deutschland hatte einen Helden. Denn es ist ein tolles Gefühl, oben auf dem Treppchen zu stehen. Und wenn es bei mir nicht klappt, dann hilft es meinem und dem kollektiven Selbstbewusstsein, wenn es andere für mich tun.

Es gibt ein sehr nachdenkliches Wort Jesu aus dem Matthäusevangelium, das heißt: „Was nützt es einem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, dabei aber sein Leben einbüßt?“ (Mt16,26). Dieser Satz ist sehr lebensnah, gilt für jeden, bündelt sich aber in seiner Bedeutung für einen Spitzensportler wie in einem Brennglas. Denn der siebte Himmel des Sieges und der Abgrund der Niederlage liegen nur eine 100stel Sekunde nebeneinander. Und das Blöde ist: wer einmal ganz oben war, für den kann es eigentlich nur noch abwärts gehen. Ob Biathlonstar Laura Dahlmeier auch daran gedacht hat, als sie vor kurzem ihren Rücktritt erklärt hat?

Warum Weltmeister wie Max Schmeling oder auch der Fußballer Fritz Walter bis heute unvergessen sind, liegt übrigens nicht nur in ihrer überragenden sportlichen Leistung. Sie haben ihr Leben lang auch als Mensch Werte vermittelt, die fürs Leben wichtig sind, sind Vorbilder für Fleiß, Disziplin, Anstand. Damit haben sie eine ganze Generation geprägt. Sie haben den Schritt von der obersten Stufe des sportlichen Treppchens ohne Sturz überstanden. Das Herz dieser Sportler kannte zum Glück auch noch andere Lieben, andere Ideale als den Sieg ganz allein. Und auch das hat sie – zwar nicht zu Göttern - aber zu Unsterblichen gemacht, zumindest in unseren Herzen.

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Also, ich oute mich jetzt mal:  meinen ersten Liebeskummer hatte ich schon in der Volksschule. Und auch später bin ich in regelmäßigen Abständen im Selbstmitleid geschmolzen, wenn es mal wieder nicht geklappt hat mit der Angebeteten. Einmal hat eine Freundin ganz überraschend Schluss gemacht. Da ging es mir echt dreckig. Liebeskummer. Hören Sie mal diesen Liedtext: „Gestern sah es so aus, als wären alle meine Sorgen weit weg. Jetzt scheinen sie alle auf einmal über mich her zu fallen. Ich bin nicht mal mehr halb so viel wert, wie ich früher mal war. Da hängt ein Schatten über mir. Warum ist sie weggegangen? Hab ich was Falsches gesagt? Es war doch so einfach mit der Liebe. Und jetzt, jetzt würde ich mich am liebsten irgendwo verkriechen. Ach, ich sehn‘ mich so nach gestern.“

Ich glaube, an niemandem geht dieser Herzschmerz im Leben ganz vorbei, auch bei den ganz Erfolgreichen nicht. Auch nicht an Paul McCartney. Sonst hätte er diesen Text und diese wunderschöne Melodie dazu nicht geschrieben.  „Yesterday, all my troubles seemed so far away“. Der erfolgreichste und am meisten gecoverte Popsong aller bisherigen Zeiten. Warum? Weil Text und Musik eine wunderbare Einheit bilden, der kaum jemand widerstehen kann. Und weil es um ein Gefühl geht, das jeder kennt und jeden noch so starken Menschen umhauen kann. „Love was such an easy game to play“. Nein, es ist eben kein leichtes Spiel, die Liebe. Sie ist unendlich schwierig und genauso unendlich wichtig für uns. Deshalb tut es ja auch so weh, wenn sie schief geht. Was wir im Leben brauchen? Glaube, Hoffnung und Liebe. Das sagt ein anderer Paul, der Hl. Paulus in der Bibel. Und er ergänzt: das Größte davon ist die Liebe. Recht hat er, es ist aber auch das Schwerste. Glückwunsch an Paul McCartney, der hat heute Geburtstag. Am besten wir singen ihm ein Ständchen. Vielleicht „All you need is love“.

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Ein seltsames Bild bietet sich dem Spaziergänger in Dillingen an der Donau im November 1849. Da steigt der Theologiestudent Sebastian Kneipp hustend und spuckend in kalte Wasser der Donau und nimmt ein Vollbad. Regelmäßig kann man ihn jetzt dort finden. „Den Tod holt er sich“, sagen die Leute und schütteln den Kopf. Aber Kneipp hat das Gegenteil im Sinn. Und er behält Recht. Das Blut spucken hört auf und der lungenkranke Kneipp wird wieder gesund. Später im Priesterseminar in München behandelt er einen ebenfalls lungenkranken Studenten im Gartenbassin mit kalten Güssen. Auch der wird gesund. Kneipp ist überzeugt: im Wasser stecken viel mehr Kräfte, als bisher bekannt sind. Der Rest ist Geschichte.

Was Pfarrer Sebastian Kneipp bis heute so interessant macht, ist sein ganzheitlicher, auch sein seelsorglicher Ansatz. Seine Ratschläge und Therapien sind einfach und zeitlos. Sie zeugen von einer hohen Sensibilität für den menschlichen Körper und Geist, und zeigen, wie ernst und hochachtungsvoll er mit dem Menschen und der ganzen Schöpfung umgeht. Er sagt:

„Lebe recht vernünftig; schätze es hoch, im Sonnenlicht dein Tagwerk vollbringen zu können; verdirb nicht selbst die gute Luft, welche du einatmen kannst, und sei nicht frevelhaft gegen deinen Körper, indem du mehr von ihm verlangst, als er zu leisten vermag, oder mit anderen Worten: Handle nicht unvernünftig gegen dich selbst!"

Heute vor 122 Jahren, am 17. Juni 1897 ist Kneipp gestorben. Er hinterlässt auch die Einsicht, dass man Gesundheit nicht kaufen kann. Man muss sich täglich neu um sie bemühen. Kneipp formuliert das so:

"Das Wasser hat große Wirkungen und leistet manchmal Unglaubliches. Aber wenn der Mensch nicht will, dann ist alles aus. Gegen Dummheit kämpfen Wasser und der liebe Gott vergebens."

 

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„Hast du einen Opa, dann schick ihn nach Europa“. Als 1979 das erste Europäische Parlament gewählt wurde, war das ein satirischer Blick auf die Auswahl der Kandidaten. Altgediente Politiker, für die man keine Verwendung mehr hatte, lobte man weg ins Europaparlament.

Das war zumindest der Eindruck der Kabarettisten. Und ich muss ehrlich zugeben: lange Zeit stand das politische Europa bei mir auch nicht ganz oben auf der Liste der wichtigen Themen. Und die Europawahl habe ich schon mal geschwänzt. Das hat sich aber spätestens in diesem Jahr total geändert. Auf keinen Fall möchte ich im Mai das Feld den rechten Populisten überlassen, die Europa als Gefahr für ihr eigenes Land ansehen.

Was geschieht, wenn Nationalstaaten nur auf ihrem eigenen Interesse beharren, hat Europa in vielen Kriegen leidvoll erfahren müssen. Dass wir jetzt über 70 Jahre in Frieden leben, haben wir weitsichtigen Menschen zu verdanken wie dem französischen Unternehmer Jean Monnet. Der hatte 1950 die Idee zu einer Wirtschaftsunion, aus der sich dann unser Europa von heute entwickelt hat. Von diesem Mann stammt ein Satz, den ich mir gemerkt habe: „Alle unsere Anstrengungen sind die Lehre unserer historischen Erfahrung: Nationalismus führt zu Rassismus und Krieg“. Und ein anderer Mann, Roger Schutz, hat seine ökumenische Gemeinschaft von Taizé nach dem Krieg auch gegründet, um Menschen unterschiedlichster Nationen zu versöhnen. Da treffen sich Gustav aus Schweden und Lena aus Polen mit Daniel aus England und Madalena aus Portugal, leben, beten und singen eine Woche miteinander.

Wer die Kraft einmal spüren will, die von dieser Gemeinschaft ausgeht, der sollte sich die Zeit gönnen und Taizé, diesen kleinen Ort in Burgund mit dem Zentrum der Brüder besuchen. Und nach kurzer Zeit wird er wissen, was für ein Gewinn ein einiges Europa sein kann. Und er wird verstehen, was die Gründungsmütter und -väter Europas im Blick hatten. Die wussten: Nur ein einiges Europa ist ein friedliches Europa.

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Pastor Robert Jeffres von der First Baptist Dallas Church in Texas findet die Idee, eine Mauer zwischen Mexiko und den USA zu bauen, gut. Und begründet das mit der Bibel. Die Offenbarung des Johannes lasse nämlich vermuten, dass auch der Himmel von einer Mauer umgeben sei. „Nicht jeder wird rein gelassen“ sagt Jeffres.

Ja, ihr lieben Pechvögel auf der mexikanischen Seite der Grenze: wer aus der Hölle kommt, der muss wohl was falsch gemacht haben, den kann der Teufel holen und der Himmel bleibt ihm verschlossen. Vielen Dank Pastor Jeffres.

Meine Generation ist noch von den Großeltern belehrt worden: „Wenn du nicht brav bist, kommst du nicht in den Himmel.“ Heute wird man für eine solche Drohung höchstens ein müdes Lächeln ernten. Denn bekanntlich kommen böse Kinder heute überall hin, während brave eben „nur“ in den Himmel kommen.

Wo eine Mauer drum herum ist, da will man doch nicht hin, siehe Nordkorea oder damals die DDR. Wer mit Mauern droht, der macht sich und andere nicht froh. Und eine Mauer um den Himmel zu bauen, das geht gar nicht. Ja, man hat es versucht und damit über Jahrhunderte im Namen von Kirche und Christenheit viel Leid über die Menschen gebracht. Darüber sollten wir allerdings längst hinweg sein. Doch leider gibt es noch viel zu viele Mauern, an Grenzen und in den Köpfen. Siehe Pastor Jeffres.

Wir Deutschen haben es vor 30 Jahren geschafft, eine ganz spezielle Mauer zum Einsturz zu bringen. Darauf dürfen wir als ganzes Volk stolz sein. „Die Mauer muss weg“, dieser Satz von Willy Brandt ist ein schönes Motto auch für 2019, geweitet auf alle Mauern, die sich uns in den Weg stellen. Und dem Pastor Jeffres aus Texas empfehle ich einen meiner Lieblingssätze aus der Bibel. Der steht im Johannesevangelium und lautet: „Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben“ (Joh10,10). Und zu diesem Leben in Fülle passen einfach keine Mauern, weder im Himmel noch auf Erden.

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Ich weiß nicht mehr allzu viel aus meiner Schulzeit. Aber mein Englischlehrer erzählte manchmal von den Problemen mit seinen Kindern zu Hause. Ein anderer von seiner Zeit als junger Soldat im 2. Weltkrieg und wie ihn das geprägt hat. Und in Religion hatten wir einen, der war komplett unerlöst, cholerisch, immer in Abwehrhaltung und absolut nikotinsüchtig.

Was wir bei ihm an Unterrichtsstoff durchgenommen haben, habe ich erst da wieder staunend festgestellt, als ich in meiner alten Schulbibel Pfuschzettel gefunden habe. Hatte ich alles total vergessen. Es sind die Menschen, die mich und mein Leben berührt oder eben nicht berührt haben.

Eltern, Verwandte, Lehrer, Freunde, Gruppenleiter, Jugendpfarrer oder wer auch immer. Und nicht der Unterrichtsstoff der Schule oder der Katechismus der Kirche. Unser Pfarrer zu Hause, ja, der hat auch Angebote gemacht für uns Jugendliche damals. Aber in erster Linie war er ein Mensch, der uns Raum gegeben hat. Da konnten wir uns austoben und bewähren. Und vor allem: er war da, mit seiner Geduld und wahrscheinlich auch mit seinem Vertrauen. Viel mehr brauchte er gar nicht machen.

Wie wichtig das war, habe ich erst viel später kapiert. Seitdem ist mir eines völlig klar: Es sind immer Menschen, die zeigen, wie das Leben geht, nicht Programme oder Weltanschauungen. Es sind Menschen, an denen ich mich orientiere, die mir Beispiel und Hoffnung geben. Eben, weil sie so leben, wie sie leben. Weil sie so handeln, wie sie handeln, weil sie Raum geben oder nicht, weil sie lieben oder hassen. Auch der Glaube kommt immer auf zwei Beinen daher, so hat das mal ein Kollege treffend beschrieben. Wir sind es, Sie und ich, die denen um uns herum Hoffnung, Vertrauen und Zukunft geben. Und das jeden Tag, auch heute wieder.

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„Danke, für diesen guten Morgen. Danke, für jeden neuen Tag. Danke, dass ich all' meine Sorgen, auf Dich werfen mag“.

Das ist die erste Strophe des einzigen deutschen Kirchenliedes, das es jemals in die Schlagercharts geschafft hat. Das war allerdings schon im Jahr 1963. Die Evangelische Akademie in Tutzing hatte zwei Jahre vorher einen Wettbewerb für religiöse Schlager veranstaltet. Der Sieger war „Danke“.

Manchen Kirchenmusikern und Theologen wurde schlecht davon. „Viel zu seicht“, meinten sie. Erfolgreich war „Danke“ trotzdem. Es war der erste große Hit des Botho-Lucas Chores, wohl die bekannteste deutsche Vokalgruppe der 60er und 70er Jahre. Wer’s etwas elektrischer mag: 1998 haben „die Ärzte“ eine Coverversion von „Danke“ aufgenommen.

Man kann  zum Schlager stehen wie man will, aber Millionen Menschen, von denen wir sagen, sie könnten keine fünf Minuten einer Predigt folgen, sind es gewohnt, sich im Schlager lang und breit Geschichten und Weisheiten auch aus dem religiösen Leben anzuhören. Hier nur ein Beispiel von Nicole aus dem Titel „Es gibt ein Wiedersehen“:

 „Oft lässt er uns ratlos zurück der da oben, der über allem thront. Doch schenkt er uns immer dann zum Glück die wahre Liebe und dann wird man auch belohnt.“

Das könnte auch eins zu eins aus einer – wenn auch etwas einfach gestrickten - Predigt stammen. Dabei stehe ich oft genug selbst ratlos vor dem Leben und kann nicht verstehen, was „der da oben“ sich dabei denkt. Ich komme auch nicht zu einem Ende damit und das wiederum unterscheidet mich vom Schlager. Für den wird immer alles gut. Das muss es allerdings auch, denn sonst wäre es ja kein Schlager. Schlager können die Sehnsucht nach einer heilen Welt formulieren. Das finde ich auch völlig in Ordnung. Dass sie heil wird, dafür müssen wir schon selbst sorgen. Dazu fehlt uns die Kraft, meinen Sie? Nein, das stimmt nicht. Die Kraft haben wir. Ich verrate ihren Namen jetzt nicht, nur die erste Zeile eines echten Schlagers: „Marmor, Stein und Eisen bricht….“ Ergänzen und weitersingen dürfen Sie jetzt selbst.

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Wir sind das Volk – diesen Satz haben Menschen nicht erst 1989 in Leipzig in Sprechchören gerufen. Vor genau hundert Jahren am 9. November 1918 konnte man es auch schon hören: „Wir sind das Volk“.

Die Menschen damals in Deutschland hatten die Nase gestrichen voll. Vier Jahre Krieg, Millionen Tote, Hunger und Elend im ganzen Land. Und Kaiser, Adel und Militär waren immer noch nicht bereit, ohne Wenn und Aber Frieden zu schließen. Die Admiräle der Flotte wollten sogar um ihrer Ehre willen noch einmal eine Schlacht gegen englische Kriegsschiffe schlagen. Da platzte den Matrosen der Kragen. Sie meuterten. Es war wie ein Startsignal. Überall gingen die Menschen auf die Straßen. „Wir sind das Volk“. Der Kaiser dankte ab, die Fürsten mussten gehen. Die Monarchien, die ja angeblich alle von Gottes Gnaden legitimiert waren, waren Geschichte.

Deutschland wurde zu einer Republik. Zu einer „öffentlichen Sache“ wenn man es wörtlich aus dem Lateinischen übersetzt. Ab jetzt gingen Staat und Gesellschaft jeden etwas an, verbindlich. Aus Untertanen wurden Bürger. Menschen, die ihr Leben lang den Mund zu halten hatten, wurden „mündig“.

Was für ein schönes deutsches Wort. Wenn ich seine Bedeutung nachschlage, finde ich Erklärungen wie „Unabhängigkeit“, „erwachsen werden“, „für sich selbst sorgen und sprechen können“.

Unabhängige, mündige Bürger in einer Republik sind wir auch heute, 100 Jahre nach dem 9. November 1918. Und ich glaube, jeder hat eine Ahnung davon, wie gut und schön, aber auch wie schwer das sein kann. Wir leben heute in einer ungeheuer komplizierten Welt, in der das unabhängig und mündig sein eine mühevolle Arbeit ist. Aber es lohnt sich dran zu bleiben. Und die aktuellen Veränderungen in unserer Parteienlandschaft zeigen, dass sich da auch munter was tut.

Wichtig ist nur, dass der mündige Bürger das Feld nicht denen überlässt, die den Mund am weitesten aufreißen. Aber auch darin haben wir ja schon Erfahrung, 100 Jahre nachdem wir Deutschen „erwachsen“ geworden sind.

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