Manuskripte

„Hast du einen Opa, dann schick ihn nach Europa“. Als 1979 das erste Europäische Parlament gewählt wurde, war das ein satirischer Blick auf die Auswahl der Kandidaten. Altgediente Politiker, für die man keine Verwendung mehr hatte, lobte man weg ins Europaparlament.

Das war zumindest der Eindruck der Kabarettisten. Und ich muss ehrlich zugeben: lange Zeit stand das politische Europa bei mir auch nicht ganz oben auf der Liste der wichtigen Themen. Und die Europawahl habe ich schon mal geschwänzt. Das hat sich aber spätestens in diesem Jahr total geändert. Auf keinen Fall möchte ich im Mai das Feld den rechten Populisten überlassen, die Europa als Gefahr für ihr eigenes Land ansehen.

Was geschieht, wenn Nationalstaaten nur auf ihrem eigenen Interesse beharren, hat Europa in vielen Kriegen leidvoll erfahren müssen. Dass wir jetzt über 70 Jahre in Frieden leben, haben wir weitsichtigen Menschen zu verdanken wie dem französischen Unternehmer Jean Monnet. Der hatte 1950 die Idee zu einer Wirtschaftsunion, aus der sich dann unser Europa von heute entwickelt hat. Von diesem Mann stammt ein Satz, den ich mir gemerkt habe: „Alle unsere Anstrengungen sind die Lehre unserer historischen Erfahrung: Nationalismus führt zu Rassismus und Krieg“. Und ein anderer Mann, Roger Schutz, hat seine ökumenische Gemeinschaft von Taizé nach dem Krieg auch gegründet, um Menschen unterschiedlichster Nationen zu versöhnen. Da treffen sich Gustav aus Schweden und Lena aus Polen mit Daniel aus England und Madalena aus Portugal, leben, beten und singen eine Woche miteinander.

Wer die Kraft einmal spüren will, die von dieser Gemeinschaft ausgeht, der sollte sich die Zeit gönnen und Taizé, diesen kleinen Ort in Burgund mit dem Zentrum der Brüder besuchen. Und nach kurzer Zeit wird er wissen, was für ein Gewinn ein einiges Europa sein kann. Und er wird verstehen, was die Gründungsmütter und -väter Europas im Blick hatten. Die wussten: Nur ein einiges Europa ist ein friedliches Europa.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=28098

Pastor Robert Jeffres von der First Baptist Dallas Church in Texas findet die Idee, eine Mauer zwischen Mexiko und den USA zu bauen, gut. Und begründet das mit der Bibel. Die Offenbarung des Johannes lasse nämlich vermuten, dass auch der Himmel von einer Mauer umgeben sei. „Nicht jeder wird rein gelassen“ sagt Jeffres.

Ja, ihr lieben Pechvögel auf der mexikanischen Seite der Grenze: wer aus der Hölle kommt, der muss wohl was falsch gemacht haben, den kann der Teufel holen und der Himmel bleibt ihm verschlossen. Vielen Dank Pastor Jeffres.

Meine Generation ist noch von den Großeltern belehrt worden: „Wenn du nicht brav bist, kommst du nicht in den Himmel.“ Heute wird man für eine solche Drohung höchstens ein müdes Lächeln ernten. Denn bekanntlich kommen böse Kinder heute überall hin, während brave eben „nur“ in den Himmel kommen.

Wo eine Mauer drum herum ist, da will man doch nicht hin, siehe Nordkorea oder damals die DDR. Wer mit Mauern droht, der macht sich und andere nicht froh. Und eine Mauer um den Himmel zu bauen, das geht gar nicht. Ja, man hat es versucht und damit über Jahrhunderte im Namen von Kirche und Christenheit viel Leid über die Menschen gebracht. Darüber sollten wir allerdings längst hinweg sein. Doch leider gibt es noch viel zu viele Mauern, an Grenzen und in den Köpfen. Siehe Pastor Jeffres.

Wir Deutschen haben es vor 30 Jahren geschafft, eine ganz spezielle Mauer zum Einsturz zu bringen. Darauf dürfen wir als ganzes Volk stolz sein. „Die Mauer muss weg“, dieser Satz von Willy Brandt ist ein schönes Motto auch für 2019, geweitet auf alle Mauern, die sich uns in den Weg stellen. Und dem Pastor Jeffres aus Texas empfehle ich einen meiner Lieblingssätze aus der Bibel. Der steht im Johannesevangelium und lautet: „Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben“ (Joh10,10). Und zu diesem Leben in Fülle passen einfach keine Mauern, weder im Himmel noch auf Erden.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=28097

Ich weiß nicht mehr allzu viel aus meiner Schulzeit. Aber mein Englischlehrer erzählte manchmal von den Problemen mit seinen Kindern zu Hause. Ein anderer von seiner Zeit als junger Soldat im 2. Weltkrieg und wie ihn das geprägt hat. Und in Religion hatten wir einen, der war komplett unerlöst, cholerisch, immer in Abwehrhaltung und absolut nikotinsüchtig.

Was wir bei ihm an Unterrichtsstoff durchgenommen haben, habe ich erst da wieder staunend festgestellt, als ich in meiner alten Schulbibel Pfuschzettel gefunden habe. Hatte ich alles total vergessen. Es sind die Menschen, die mich und mein Leben berührt oder eben nicht berührt haben.

Eltern, Verwandte, Lehrer, Freunde, Gruppenleiter, Jugendpfarrer oder wer auch immer. Und nicht der Unterrichtsstoff der Schule oder der Katechismus der Kirche. Unser Pfarrer zu Hause, ja, der hat auch Angebote gemacht für uns Jugendliche damals. Aber in erster Linie war er ein Mensch, der uns Raum gegeben hat. Da konnten wir uns austoben und bewähren. Und vor allem: er war da, mit seiner Geduld und wahrscheinlich auch mit seinem Vertrauen. Viel mehr brauchte er gar nicht machen.

Wie wichtig das war, habe ich erst viel später kapiert. Seitdem ist mir eines völlig klar: Es sind immer Menschen, die zeigen, wie das Leben geht, nicht Programme oder Weltanschauungen. Es sind Menschen, an denen ich mich orientiere, die mir Beispiel und Hoffnung geben. Eben, weil sie so leben, wie sie leben. Weil sie so handeln, wie sie handeln, weil sie Raum geben oder nicht, weil sie lieben oder hassen. Auch der Glaube kommt immer auf zwei Beinen daher, so hat das mal ein Kollege treffend beschrieben. Wir sind es, Sie und ich, die denen um uns herum Hoffnung, Vertrauen und Zukunft geben. Und das jeden Tag, auch heute wieder.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=28096

„Danke, für diesen guten Morgen. Danke, für jeden neuen Tag. Danke, dass ich all' meine Sorgen, auf Dich werfen mag“.

Das ist die erste Strophe des einzigen deutschen Kirchenliedes, das es jemals in die Schlagercharts geschafft hat. Das war allerdings schon im Jahr 1963. Die Evangelische Akademie in Tutzing hatte zwei Jahre vorher einen Wettbewerb für religiöse Schlager veranstaltet. Der Sieger war „Danke“.

Manchen Kirchenmusikern und Theologen wurde schlecht davon. „Viel zu seicht“, meinten sie. Erfolgreich war „Danke“ trotzdem. Es war der erste große Hit des Botho-Lucas Chores, wohl die bekannteste deutsche Vokalgruppe der 60er und 70er Jahre. Wer’s etwas elektrischer mag: 1998 haben „die Ärzte“ eine Coverversion von „Danke“ aufgenommen.

Man kann  zum Schlager stehen wie man will, aber Millionen Menschen, von denen wir sagen, sie könnten keine fünf Minuten einer Predigt folgen, sind es gewohnt, sich im Schlager lang und breit Geschichten und Weisheiten auch aus dem religiösen Leben anzuhören. Hier nur ein Beispiel von Nicole aus dem Titel „Es gibt ein Wiedersehen“:

 „Oft lässt er uns ratlos zurück der da oben, der über allem thront. Doch schenkt er uns immer dann zum Glück die wahre Liebe und dann wird man auch belohnt.“

Das könnte auch eins zu eins aus einer – wenn auch etwas einfach gestrickten - Predigt stammen. Dabei stehe ich oft genug selbst ratlos vor dem Leben und kann nicht verstehen, was „der da oben“ sich dabei denkt. Ich komme auch nicht zu einem Ende damit und das wiederum unterscheidet mich vom Schlager. Für den wird immer alles gut. Das muss es allerdings auch, denn sonst wäre es ja kein Schlager. Schlager können die Sehnsucht nach einer heilen Welt formulieren. Das finde ich auch völlig in Ordnung. Dass sie heil wird, dafür müssen wir schon selbst sorgen. Dazu fehlt uns die Kraft, meinen Sie? Nein, das stimmt nicht. Die Kraft haben wir. Ich verrate ihren Namen jetzt nicht, nur die erste Zeile eines echten Schlagers: „Marmor, Stein und Eisen bricht….“ Ergänzen und weitersingen dürfen Sie jetzt selbst.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=27546

Wir sind das Volk – diesen Satz haben Menschen nicht erst 1989 in Leipzig in Sprechchören gerufen. Vor genau hundert Jahren am 9. November 1918 konnte man es auch schon hören: „Wir sind das Volk“.

Die Menschen damals in Deutschland hatten die Nase gestrichen voll. Vier Jahre Krieg, Millionen Tote, Hunger und Elend im ganzen Land. Und Kaiser, Adel und Militär waren immer noch nicht bereit, ohne Wenn und Aber Frieden zu schließen. Die Admiräle der Flotte wollten sogar um ihrer Ehre willen noch einmal eine Schlacht gegen englische Kriegsschiffe schlagen. Da platzte den Matrosen der Kragen. Sie meuterten. Es war wie ein Startsignal. Überall gingen die Menschen auf die Straßen. „Wir sind das Volk“. Der Kaiser dankte ab, die Fürsten mussten gehen. Die Monarchien, die ja angeblich alle von Gottes Gnaden legitimiert waren, waren Geschichte.

Deutschland wurde zu einer Republik. Zu einer „öffentlichen Sache“ wenn man es wörtlich aus dem Lateinischen übersetzt. Ab jetzt gingen Staat und Gesellschaft jeden etwas an, verbindlich. Aus Untertanen wurden Bürger. Menschen, die ihr Leben lang den Mund zu halten hatten, wurden „mündig“.

Was für ein schönes deutsches Wort. Wenn ich seine Bedeutung nachschlage, finde ich Erklärungen wie „Unabhängigkeit“, „erwachsen werden“, „für sich selbst sorgen und sprechen können“.

Unabhängige, mündige Bürger in einer Republik sind wir auch heute, 100 Jahre nach dem 9. November 1918. Und ich glaube, jeder hat eine Ahnung davon, wie gut und schön, aber auch wie schwer das sein kann. Wir leben heute in einer ungeheuer komplizierten Welt, in der das unabhängig und mündig sein eine mühevolle Arbeit ist. Aber es lohnt sich dran zu bleiben. Und die aktuellen Veränderungen in unserer Parteienlandschaft zeigen, dass sich da auch munter was tut.

Wichtig ist nur, dass der mündige Bürger das Feld nicht denen überlässt, die den Mund am weitesten aufreißen. Aber auch darin haben wir ja schon Erfahrung, 100 Jahre nachdem wir Deutschen „erwachsen“ geworden sind.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=27545

Ich habe manchmal solche Phasen. Da falle ich irgendwie in ein Loch. Dann kann es passieren, dass ich stumm auf meinem Stuhl sitze und ins Leere starre. Wie lange muss ich noch jeden Morgen zur Arbeit fahren? Hat das Leben überhaupt noch einen Sinn? Ich muss dann zwei Etagen tiefer mit lieben Kollegen einen Kaffee trinken. Oder eine Runde spazieren gehen. Das hilft durchaus. Und wenn es keinen Kaffee gibt und es draußen Bindfäden regnet, dann hilft auch schon mal ein Blick ins Bücherregal. Kürzlich hab ich dabei einen Glücksgriff getan und Hilfe beim Dichter Joachim Ringelnatz gefunden. Und zwar bei einem seiner Turngedichte, dem Klimmzug:

 

Das ist ein Symbol für das Leben.
Immer aufwärts, himmelan streben!
Feste zieh! Nicht nachgeben!
….
Du musst in Gedanken wähnen:
Du hörtest unter dir einen Schlund gähnen.
In dem Schlund sind Igel und Wölfe versammelt.
Die freuen sich auf den Menschen, der oben bammelt….

Ja, so ist es. Zumindest gefühlt. Unten gähnt der Abgrund des Lebens und oben bammele ich. Joachim Ringelnatz, der 1934 gestorben ist, lebte eigentlich immer am existentiellen Abgrund. Der führte ein in meinen Augen völlig chaotisches Leben. Und gleichzeitig schrieb dieser Mann Gedichte, die so voller Wortwitz, voller Ideen, voll spöttischer Liebenswürdigkeit für dieses Leben sind, dass ich nur staunen kann. Was ich daraus lerne: eine gute Portion Humor ist äußerst hilfreich, um die Klippen und Abgründe des Lebens überwinden oder aushalten zu können. Joachim Ringelnatz muss eine gehörige Portion von diesem Humor gehabt haben. Und deshalb hat er für uns, die wir wacker weiter am Klimmzug des Lebens ackern, noch einen Tipp:

Klimme wacker,
Alter Knacker! Klimme, klimb
Zum Olymp!
Höher hinauf!
Glückauf!
Kragen total durchweicht.
Äh – äh – äh – endlich erreicht.
Das Unbeschreibliche zieht uns hinan,
Der ewig weibliche Turnvater Jahn.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=27544

Wie war das noch? Was sollte ein Mann im Leben gemacht haben? Ein Haus bauen, einen Baum pflanzen, einen Sohn zeugen. Das alles ist bei mir mittlerweile erledigt. Und ich habe gedacht, damit ist alles geschafft. Besser kann‘s nicht mehr werden. Doch jetzt ist noch etwas dazu gekommen, das mein Leben tatsächlich noch reicher, irgendwie noch runder gemacht hat. So fühlt es sich jedenfalls für mich an. Als hätte doch noch etwas gefehlt, das ich bis jetzt noch gar nicht vermisst hatte. Ich bin Opa geworden. Da habe ich selber natürlich nichts dafür tun müssen. Das haben andere getan. Es war auch nicht meine Entscheidung. Mein Enkel ist wie ein Geschenk, das ich völlig unverdient und einfach so überreicht bekomme. Ich nehme das Baby in den Arm und bin einfach nur glücklich, dass es da ist. Und das Schönste daran: ich kann es wieder in die Arme seiner Eltern zurücklegen und zu Hause nachts durchschlafen. Für dieses Geschenk musste ich nichts tun, es ist einfach da. Dasselbe gilt auch für mein eigenes Leben, das ich ja auch geschenkt bekommen habe. Mein Leben ist einfach da, ich bin nicht gefragt worden ob ich es haben will oder nicht. Ein Geschenk eben. Dieses Geschenk ist allerdings oft ziemlich mühsam und zugegeben nicht immer schön. Und manch einer hat sich sicher schon im Stillen gefragt, ob er dieses Geschenk nicht zurückgeben kann. Und rund 10.000 Menschen in Deutschland – so sagt die Statistik - tun das auch jedes Jahr. Sie halten ihr Leben einfach nicht mehr aus. Bei mir überwiegt zum Glück die Freude über das Geschenk des Lebens. Und die Geburt eines Enkelkindes zeigt mir wieder einmal, wie schön dieses Leben ist. Dabei weiß ich, dass der Grat zwischen Freud und Leid unglaublich schmal sein kann. Ich habe vor kurzem deshalb zwei Kerzen gleichzeitig nebeneinander in einer Kirche angezündet. Die eine war für einen Kollegen, der ganz plötzlich gestorben war. Die andere war für mein Enkelkind, dem das Leben geschenkt worden ist. Beide Kerzen erinnern mich daran, wie kostbar und verletzlich Leben ist. Und wie schön es trotz allem sein kann – Gott sei Dank.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=27033

Heute hat Robert de Niro Geburtstag. Grund für mich, einmal kurz in eine seiner Rollen zu schlüpfen:

"Redest Du mit mir? Du laberst mich an? Du laberst MICH an?? Kann es sein, dass Du mich meinst, Du redest mit mir? Ich bin der einzige, der hier ist…..“

Eine Kultszene aus einem Kultfilm. Robert de Niro in „Taxi driver“. Er steht vor dem Spiegel und redet mit einem imaginären Gegenüber, zieht eine Pistole, steckt sie wieder weg, posiert und will möglichst gefährlich und cool wirken. Robert de Niro spielt den Taxifahrer Travis Bickle, einen Vietnamveteranen, der nachts nicht mehr schlafen kann. Deshalb übernimmt er gerne die Nachtschichten. Freunde hat er keine. Er schreibt in sein Tagebuch:

„Ein Tag ist wie der andere, endlos lang… Ich wusste, was mir fehlt, war ein Mensch."

Der „taxi driver“ findet diesen Menschen in einer minderjährigen Prostituierten. Er will sie vor den Zuhältern retten und richtet am Ende dafür ein Blutbad an. „Taxi driver“ ist ein verstörender Film bis heute, auch weil er das Ende offen lässt. Vor allem aber, weil er zeigt, was passieren kann, wenn niemand da ist, mit dem ein Mensch mal reden kann. Einmal sitzt ein Fahrgast in seinem Taxi und erzählt, dass er seine Frau umbringen wird, weil sie ihn betrogen hat. Es gibt keinen Zweifel: Der Mann wird das nie tun, aber er redet darüber. Er beichtet eine Tat, die er nie begehen wird und vielleicht wird sie auch gerade deshalb nicht begangen. Der „taxi driver“ kann nicht beichten. Er ist einsam und unfähig, sich mitzuteilen. So bleibt ihm nur, beim Training die Pistole zu ziehen und auf sein Spiegelbild zu zielen: "Du redest mit mir?" Und ich frage mich: was wäre, wenn wirklich jemand mit ihm geredet hätte? Wenn sich jemand die Mühe gemacht hätte, ihm aus seiner Isolation heraus zu helfen? Es wird so wahnsinnig viel geredet heutzutage, aber trotzdem nicht genug miteinander.

 

https://www.kirche-im-swr.de/?m=27032

Heute vor 62 Jahren kam der Film „Der Hauptmann von Köpenick“ mit Heinz Rühmann in der Hauptrolle in die Kinos. Ich bleibe deshalb daran hängen, weil für mich in diesem Film eine der besten schauspielerischen Leistungen geboten wird, die ich aus dem Kino kenne.

Der Schuster Wilhelm Voigt ist nach seiner Haft bei seiner Schwester und deren Mann Friedrich untergekommen. Nach der Beerdigung von Lieschen, die auch im Haushalt gewohnt hat, sinniert Voigt über sein verkorkstes Leben:

„Und denn, denn stehste vor Gott, dem Vater, ….und der fragt dir, ins Jesichte: Willem Voigt, wat haste jemacht mit deine‘ Leben. Und da muss ick sagen: Fußmatten, muss ick sagen, die hab ick jeflochten im Jefängnis. …. Det sachste vor Gott, Mensch. Aber der sacht zu dir: Jeh weck, sacht er! Ausweisung! Sacht er. Dafür hab ick dir det Leben nicht jeschenkt! Sacht er. Det biste mir schuldig. Wo is et? Wat haste mit jemacht?“

Ich habe diese Szene schon oft gesehen. Rühmann spielt sie so intensiv, dass ich bis heute immer einen Kloß im Hals spüre und am liebsten in den Film hinein klettern möchte. Dann würde ich den kleinen Mann an den Schultern packen und sagen: „Nee Willem Voigt, so ist Gott nicht. Der gibt dir deine Chance, auch wenn dein Leben bis heute völlig verkorkst verlaufen sein sollte. Der lässt dich nicht fallen, bei dem haste immer eine Chance.“

Ja ich weiß, das ist reine Glaubenssache. Und die Bibel kennt ja auch den Gott, der zornig ist, straft und richtet. Aber genauso kennt sie den verzeihenden und gütigen Gott. Und von einer Grundüberzeugung komme ich nicht los: vor Gott ist der Mensch mehr wert als die Summe seiner Leistungen. Egal ob er Fußmatten geflochten oder Firmen gegründet hat. Der nimmt jeden in den Arm, in der Bibel den verlorenen Sohn, im wahren Leben Menschen wie Sie und mich und im Film den „Hauptmann von Köpenick“.   

https://www.kirche-im-swr.de/?m=27031

Der Mann, von dem ich Ihnen heute Morgen erzählen will, ist eine Mischung aus Narr, Spaßmacher und frommem Clown. Er macht sich selbst zum Hofnarren der Mächtigen und vor seinem Spott ist kein Amtsträger sicher. Philipp Neri lebte vor 500 Jahren in Rom. Er muss wohl einer der offensten und liebenswürdigsten Menschen gewesen sein, die man sich vorstellen kann. Philipps Biographen nutzen immer wieder das Wort „Dolzessa“ um seine Art zu beschreiben. Sie umschreiben damit das Wohltuende, seine Liebenswürdigkeit Menschen zu begegnen, einer von ihnen zu sein. Er war jemand, dem nichts fremd war, mit dem man über alles reden konnte ohne gleich Gefahr zu laufen, streng belehrt zu werden. Die Kinder, um die er sich kümmerte ermahnte er mit den Worten „Seid gut wenn ihr könnt!“. Er sagte das, was zu sagen war, aber ohne Moralkeule, mit Einfühlungsvermögen und vor allem mit Barmherzigkeit.

Er redete viel mit den Menschen, die er traf. Er redete auch von Gott, aber er machte keine Angst mit dem Zorn und dem Strafgericht des Himmels. Er teilte seinen Zuhörern von dem Glück mit, das er in der Nähe Gottes fand. Sein Evangelium ist eine frohe, manchmal eine fröhliche Botschaft. Und der Gott, an den er glaubte, hat Humor.

Philipp Neri lebte in einer für die katholische Kirche sehr schweren Zeit. Vieles lag im Argen, die Reformation hatte sich durchgesetzt und verlangte Antworten. Philipp hat, ohne es zu wollen, mit seiner originellen und menschlichen Art Christ zu sein, eine ganz eigene Erneuerung ausgelöst. Allein durch seine Liebenswürdigkeit, mit der er jedem begegnete, ließ er die Menschen neu über den Glauben nachdenken. Er war einfach heiter und unbefangen. Denn er lebte wie kein anderer aus dem, was „Evangelium“ übersetzt ja bedeutet – er lebte aus der Freude. Heute ist der Gedenktag des Hl. Philipp Neri. Allen Philipps wünsche ich heute zum Namenstag etwas von dieser Freude, die ihr Namenspatron so reich verschenkt hat.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=26494

Netiquette

Anregungen, Lob, Kritik - hier können Sie sich zu unseren Sendungen im SWR äußern.

Ihre Kommentare werden moderiert und dann so bald wie möglich freigeschaltet.

Wir bitten Sie aber, bei Ihren Beiträgen folgendes zu beachten:
Ein Anspruch auf Veröffentlichung eines Kommentars besteht grundsätzlich nicht.
Ihre Kommentare sollten fair und sachlich gehalten sein. Wir bitten Sie die folgende Richtlinien bei Ihren Kommentaren zu kirche-im-SWR.de zu beachten.

Kommentare dürfen nicht

  • strafbar oder die Rechte Dritter verletzend
  • gegen die guten Sitten verstoßend
  • beleidigend oder ehrverletzend
  • politisch oder religiös extrem
  • Religionen, Weltanschauungen, Menschen pauschal verurteilend
  • fremdsprachlich
  • pornographisch, obszön oder jugendgefährdend
  • unsinnig oder anderweitig inakzeptabel sein.
  • Kommentare sollen sich auf Sendungen der Kirchen im SWR Programm beziehen.
  • Es dürfen keine Beiträge mit gewerblichem und/oder werbendem Charakter eingestellt werden.
  • Eine kommerzielle Nutzung durch z.B. das Anbieten von Waren oder Dienstleistungen ist nicht erlaubt.
  • Die Beiträge dürfen keine Links enthalten.
  • Zitate müssen durch die Angabe einer Quelle bzw. des Urhebers belegt sein.
  • offensichtlichen Missbrauch von Klarnamen enthalten

Wir behalten uns vor, Beiträge nicht zu veröffentlichen.

Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass wir anonyme Beiträge nicht freischalten, melden Sie sich daher bitte mit Ihrem Namen an. Geben Sie am besten auch Ihre E-Mail- Adresse an, damit wir Ihnen gegebenenfalls individuell antworten können.

Durch das Abschicken Ihres Beitrags räumen Sie kirche-im-SWR.de das Recht ein, Ihre Beiträge dauerhaft zu präsentieren, in Beiträge einzuarbeiten (ohne Namensnennung) oder sie nach redaktionellem Ermessen zu löschen. Wir behalten uns vor, diese Richtlinien ggf. zu ändern bzw. zu ergänzen.

Wenn Sie Anmerkungen haben, die Sie uns direkt zukommen lassen möchten, die aber nicht veröffentlicht werden sollen, schicken Sie uns bitte eine Mail an: ev.rundfunkpfarramt.bw@kirche-im-swr.de

Schließen