Manuskripte

09MAI2020
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Ich bin gerade zum vierten Mal Großvater geworden. Ein schönes Gefühl. Die Berliner Liedermacherin Bettina Wegner beschreibt wunderbar in einem Lied ein neugeborenes Baby [ und weist gleichzeitig auf die Verantwortung hin, die Erwachsene für so ein zerbrechliches Wesen haben. ] Bei Taufen habe ich schon oft dieses Lied gesungen:
„Sind so kleine Hände, winz'ge Finger dran. Darf man nie drauf schlagen, die zerbrechen dann. Sind so kleine Füsse, mit so kleinen Zeh'n. Darf man nie drauf treten, könn' sie sonst nicht geh'n. Sind so kleine Ohren, scharf und ihr erlaubt. Darf man nie zerbrüllen, werden davon taub.“
Auch wenn die Kinder älter werden, nicht mehr so zerbrechlich sind wie Neugeborene, bleiben sie auf unsere Fürsorge und unseren Schutz angewiesen.
„Sind so schöne Münder, sprechen alles aus. Darf man nie verbieten, kommt sonst nichts mehr raus. Sind so klare Augen, die noch alles seh'n. Darf man nie verbinden, könn'n sie nichts versteh'n. Sind so kleine Seelen, offen und ganz frei. Darf man niemals quälen, geh'n kaputt dabei.“
Die Mahnungen werden immer deutlicher. Das Lied hat mich geprägt. Ich habe versucht, mit meinen Kindern immer vorsichtig und fürsorglich umzugehen. Auch als Großvater versuche ich, meine Enkelkinder zwar ernst, aber nicht wie kleine Erwachsene zu behandeln, nur zu maßregeln, wenn sie nicht spuren. Spielen und Spaß haben ist auch ein Kinderrecht.
Das Lied entstand während der DDR Diktatur. Aber ich finde, dieser Text ist allgemein gültig. Eine Hymne gegen Kindesmissbrauch. Wir wissen heute: Wie die Kindheit verläuft, das prägt einen Menschen sein ganzes Leben lang. Ich finde, jedes Kind sollte ein Recht auf eine glückliche Kindheit haben. Egal in welchem Land, ob von wohlhabenden Eltern oder in Armut geboren, egal, welche Hautfarbe, welches Geschlecht, welche Religion. Nur so kann es uns allen auf Dauer wirklich gut gehen. Gerade jetzt in der Corona Pandemie kommen die Kleinsten in Krisengebieten leider immer noch als erstes unter die Räder. Gesundes Essen, Kleider, in der Schule lernen dürfen und medizinische Versorgung, wenn man sie braucht. Das ist das Mindeste. Kinderrechte werden schnell missachtet.
„Ist so'n kleines Rückgrat, sieht man fast noch nicht.“ singt Bettina Wegner. „Darf man niemals beugen, weil es sonst zerbricht. Grade klare Menschen, wär'n ein schönes Ziel. Leute ohne Rückgrat, hab'n wir schon zuviel.“

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08MAI2020
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Esther Bejarano hat das Konzentrationslager von Auschwitz überlebt. Sie ist heute 95 Jahre alt. In einem offenen Brief an den Bundespräsidenten, die Kanzlerin und andere Politiker fordert sie: „Der 8. Mai muss ein Feiertag werden! Ein Tag, an dem die Befreiung der Menschheit vom NS-Regime gefeiert werden kann. Das ist überfällig seit sieben Jahrzehnten.“ Ich unterstütze ihre Forderung, weil der 8. Mai ein so wichtiger Tag in der Geschichte Europas ist. In vielen Ländern ist der Tag schon seit vielen Jahrzehnten ein Gedenk- und Feiertag. Es wird an die Kapitulation der Wehrmacht erinnert. Es war ein Tag der Befreiung von einer mörderischen Diktatur, vom Kriegsalltag. Es ist kein Tag zum Feiern, eher ein Gedenktag an die Opfer. Es ist ein Tag der Mahnung, dass jede menschenverachtende Ideologie keine Chance mehr haben darf. Gerade auch jetzt, wo nationalistische, judenfeindliche und rassistische Ideen wieder populär werden. Heute ist in Deutschland ein Staatsakt vorgesehen. Ein großes Fest der Begegnung wurde wegen der Corona Pandemie abgesagt. Das Land Berlin hat den Tag einmalig zum Feiertag erklärt. In den Jahren danach soll er wieder ein normaler Arbeitstag sein. Die Diskussion, ob dieser Tag in ganz Deutschland zum gesetzlichen Feiertag erklärt werden soll, gibt es schon länger. Seit dem 8. Mai 1945 haben wir jetzt schon 75 Jahre lang Frieden und ich finde das Datum war der Beginn all dessen, worauf wir heute in Europa stolz sein können: Auf Länder, die trotz dieser unrühmlichen Vergangenheit den Aufbau Europas vorantreiben. Auf Länder, die versuchen, aus ihrer eigenen Geschichte zu lernen. Die Union der europäischen Länder versucht bei Konflikten in der Welt zu vermitteln, wenn möglich ohne Waffengewalt.Heute jährt sich der Tag zum 75. Mal. Ich finde zukünftig sollte in ganz Europa gemeinsam dieser Tag als Feiertag begangen werden. Als Gedenktag an die Schrecken des Zweiten Weltkriegs und um die Bemühungen um Frieden und Versöhnungzu würdigen. Esther Bejarano sagt: „ … Anfang Mai wurden wir von amerikanischen und russischen Soldaten befreit. Am 8. Mai wäre dann Gelegenheit, über die großen Hoffnungen der Menschheit nachzudenken: Über Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – und Schwesterlichkeit".

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07MAI2020
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Wer eine persönliche Krise durchmacht, muss sich neu orientieren. Nach einer Scheidung mit einem Rosenkrieg zum Beispiel. Eine 75jährige Frau hat mir erzählt, dass sie jahrelang keinen Kontakt zu ihren Kindern hatte. Dazu kam der Tod ihrer Tante, die sie mit Alzheimer Krankheit sechs Jahre lang in ihrem Haus gepflegt hatte. Sie fühlte sich sehr traurig und depressiv, obwohl sie „jeden Sonntag in die Kirche ging und fest zur Gottesmutter und zu Jesus und seinem Vater betete“, wie sie heute sagt. Sie kam jahrelang nicht aus dem Tief heraus. Da gab ihr eine Nachbarin den Rat zur Heiligen Therese von Lisieux zu Schweigeexerzitien zu fahren. Ihr Anliegen: ihre Kinder wieder in die Arme schließen zu können. Sie hat den Ort in Frankreich wie eine Kraftquelle erlebt. Heute kann sie erzählen: „Und dann habe ich das Wunder erlebt, dass meine Tochter zwei Wochen danach mich zu Hause angerufen hat und wir jetzt das beste Verhältnis haben.“ Zusätzlich hat sie jetzt eine süße Enkeltochter. Dasselbe ist später mit ihrem Sohn passiert. Genau zwei Wochen nach einer zweiten Lisieux Reise schlossen sie sich in die Arme. Letztes Jahr hat sie nochmals eine Reise geplant, um sich bei der Heiligen Therese zu bedanken. Die Nachbarin wurde sehr krank und sie versprach ihr, sie mitzunehmen. Sie starb aber kurz davor. „So habe ich sie am Tag ihrer Beerdigung in meinem Herzen nach Lisieux mitgenommen. Welch eine Fügung!“ sagt die 75jährige.
Leider sind Beten und Pilgern keine Garantie dafür, dass Wunder geschehen. In Lisieux wurde die Heilige Therese für die heute 75jährige zum Vorbild: „Alles lege ich in Seine Hände. Ich mache es wie die Kinder: ich sage Gott ganz einfach, was ich ihm sagen will, er versteht mich.“ Das kann naiv klingen. Aber für mich zeigt es einfach Gottvertrauen. Es ist die Erfahrung: Gott bleibt mein Vertrauter auch in der Krise. Egal wie lange sie dauert. Das ist auch meine Erfahrung. Beten kann helfen, auch in Krisenzeiten durchzuhalten.
Automatisch kommen die Wunder nicht. Es ist auch nicht die Frage, ob ich genug Vaterunser und Rosenkranz bete.
Die alte Dame sagt heute: „Ohne diese Gebete und den festen Glauben könnte ich nicht mehr leben. “ Bedauernd fügt sie hinzu: “Viele Menschen haben das Beten verlernt, das ist sehr schade, denn daraus hole ich mir die Kraft für das tägliche Leben und nur so habe ich die größten Tiefen in meinem Leben überstehen und danach so viel Freude ernten können.“

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06MAI2020
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Bevor man nicht 18 ist, gilt man in Deutschland als minderjährig. Jugendliche unter 18 dürfen keine Kriegsspiele für ihre Computer kaufen, sind nicht voll geschäftsfähig und dürfen an der Bundestagswahl nicht teilnehmen. Im letzten Jahr wurden aber über 1700 Minderjährige von der Bundeswehr rekrutiert. Für mich passt das nicht zusammen. In meinem Kopf tauchen da Bilder aus den letzten Kriegswochen des zweiten Weltkriegs auf. Kinder wurden in Uniformen gesteckt und im schon so gut wie verlorenen Krieg als Soldaten eingesetzt. Die Bundeswehr, als Teil einer wehrhaften Demokratie, ist wichtig. Keine Frage. Das sehen wir zum Beispiel, wenn in der derzeitigen Krise Soldatinnen und Soldaten mit ihrem medizinischen Gerät zivile Einrichtungen unterstützen. Aber Minderjährige als Soldaten anzuwerben und auszubilden, das widerspricht sogar der UN-Kinderrechtskonvention. Deutschland nutzt leider eine Ausnahmeregelung. Sie erlaubt es, Minderjährige zu rekrutieren, solange die Jugendlichen freiwillig zum Militär gehen und sichergestellt ist, dass sie nicht in Kriegen eingesetzt werden. Das ist hoffentlich so. Kommissionen für Kinderrechte haben wiederholt empfohlen, das Alter in Deutschland auf 18 zu erhöhen – bisher leider ohne Erfolg. Damit sich daran etwas ändert, gibt es seit über einem Jahr eine Unterschriftensammlung. „Unter 18 nie! Keine Minderjährigen in der Bundeswehr“. Diese Kampagne wird unterstützt von einem Bündnis von Friedensinitiativen, Gewerkschaften und kirchlichen Gruppen. Sie fordern ein Verbot jeglicher Bundeswehrwerbung bei Minderjährigen. Auch das widerspricht nämlich der UN-Kinderrechtskonvention. Ich bin immer wieder erstaunt über die Werbung in Schulen, bei Abenteuer- und Sportveranstaltungen, in den Sozialen Medien. Die Zielgruppe scheinen die 15- bis 17jährigen zu sein. Aus Untersuchungen weiß man, dass minderjährige Rekruten unter den Belastungen des Berufs schwerer leiden als gleichaltrige in zivilen Berufen oder erwachsene Frauen und Männer im Militärdienst. Mädchen und Jungen in diesem Alter sollten nach meiner Auffassung in ihrer Persönlichkeit noch reifen dürfen. In anderen Berufen oder sozialen Praktika etwas lernen. Später, als Erwachsene können sie sich immer noch für einen Job bei der Bundeswehr entscheiden. Ich glaube, wenn wir uns an den 18-Jahre-Standard halten, bekommen wir mehr Glaubwürdigkeit im weltweiten Kampf gegen Kindersoldaten. Ich finde, unter 18-Jährige gehören nicht zum Militär.

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05MAI2020
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Das Wort „Sicherheitsabstand“ hat mit „Corona“ eine ganz neue Bedeutung bekommen. Bisher war es der Abstand, der im Straßenverkehr Unfälle verhindert. Jetzt sind 1,5 bis 2 Meter Abstand zwischen Menschen notwendig, damit wir uns selbst und andere nicht unnötig durch eine Ansteckung mit dem aggressiven Virus gefährden.
Sicherheit ist ein menschliches Grundbedürfnis. Wir versuchen uns abzusichern, als Einzelne und als Gesellschaft. Wir minimieren Risiken, so gut es geht.
Eine ganze Branche lebt davon. Sie spielt leider oft mit meinen Ängsten, um mich zum Kauf von etwas zu veranlassen. Werbetexte zählen eine Reihe von Situationen auf, die bei mir automatisch ein Unwohlsein auslösen: „Einbrüche, Datenklau, Gefahren im öffentlichen Raum. Wie sicher sind wir in unseren Wohnungen? Wie lege ich mein Geld sicher an? … Sicherheit beim Essen, bei der Arbeit, beim Sport … Sicherheit betrifft uns alle …“ Das stimmt. Da muss ich den Werbetextern recht geben.
In den letzten 150 Jahren haben wir in Deutschland Systeme entwickelt, damit Schicksalsschläge und Krankheiten nicht sofort unsere Existenz bedrohen oder uns arm machen. Zum Beispiel die Arbeitslosen-, Renten-, Kranken- und Pflegeversicherungen. Dass diese solidarischen Systeme auch jetzt in der Corona-Krise nicht versagen, ist gut. Wie wichtig solidarisches Handeln ist, erfahren wir derzeit ganz neu. Weltweit sind die Menschen durch das Virus bedroht, und mir ist wieder klar geworden, dass nichts in unserem Leben so sicher ist, wie der Tod. Aber beeinflussen kann ich, was zwischen Geburt und Tod passiert. Ich kann beeinflussen, wie ich meine Beziehungen gestalte. Wie ich mich in die Gesellschaft, in der ich lebe, einbringe. Gerade jetzt in der Krise. Um andere, schwächere und gefährdete Menschen zu schützen, bin ich bereit, mich einzuschränken. Der körperlich gebotene Sicherheitsabstand schmerzt. Es ist natürlich und wohltuend, wenn Freunde sich umarmen. Jetzt ist aber auf unbestimmte Zeit Sicherheitsabstand und Atemschutz gefragt. Um trotzdem meine Lieben nicht zu verlieren oder zu vereinsamen, suche ich das Gespräch. Das kann sogar ganz witzig sein mit Sicherheitsabstand und Atemmaske. Am Telefon oder als Videobotschaft geht es auch ohne. Kleine Textbotschaften und kleine Grußworte sind wie kleine Geschenke, sie erhalten die Freundschaft. Und meine Freunde geben mir ein Gefühl von Sicherheit.

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04MAI2020
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„Wenn Du beten willst, dann bete Dein Leben!“ Ich kann gar nicht mehr sagen, wann ich diesen Satz zum ersten Mal gehört habe oder wer ihn gesagt hat. Seit ich klein war versuche ich in Worte zu fassen, was mich bewegt. Das ist für mich beten, aber nicht nur. Ich habe inzwischen einen Rhythmus gefunden. Beim Aufstehen, vor dem Essen, vor dem Einschlafen. Ich empfinde für mich dieses Wiederholen als sehr angenehm. Es bereichert mein Leben, weil es mich ruhig und gelassen macht. Gerade in dieser Zeit, wo vieles in meinem Alltag anders ist als sonst.Die Gedanken, die mir kommen, greife ich auf und nutze sie für mein Gebet. Wenn ich müde bin, fällt es mir schwer, mich zu konzentrieren, da ist dann nur bleierne Müdigkeit. Aber ich glaube, allein schon das Innehalten ist Beten. „Wenn Du beten willst, dann bete Dein Leben!“

Was ich im Lauf der Jahre gemerkt habe: Ich brauche Stille, um mich selbst zu finden, um Gott zu finden. Dann spüre ich meinen Körper, kann Gedanken ordnen und Gefühle wahrnehmen. Erst in der Stille bilden mein Inneres und mein Äußeres eine Einheit.In den letzten Wochen gab es mehr Stille als sonst. Weniger Verkehrslärm, weniger Fluglärm. Irgendwie habe ich das genossen und genieße es immer noch, [ obwohl ich weiß, dass das nicht immer so bleiben wird und auch nicht bleiben kann. ]In dieser ungewohnten Stille „mein Leben beten“, heißt für mich, achtsam meinen Körper spüren, bewusst wahrnehmen, dass und wie sehr mir der Körperkontakt zu Freunden und Verwandten fehlt. Es ist für mich mehr als nur ungewohnt, den verbindlichen Händedruck zur Begrüßung oder zum Abschied wegzulassen. Die gebotenen Kontaktbeschränkungen sind für mich schmerzhafter Verzicht. Heute „mein Leben beten“ heißt für mich, die Gedanken, so widersprüchlich sie auch sind, einfach zulassen. Aushalten, dass ich noch nicht weiß, wann und wie zukünftig mein Leben aussieht. Ob es so etwas wie Normalität, wie vor der Corona Krise, überhaupt wieder geben wird. Heute „mein Leben beten“, heißt für mich das Gefühl von Ohnmacht zulassen. Das fällt mir schwer. Ich bin ein Mann der Tat, ein Pragmatiker, einer der gerne zupackt. Das war in den letzten Wochen nicht so einfach. Ich habe mich anfangs wie betäubt gefühlt. Zu Hause bleiben war für mich wie eine Strafe. Je mehr ich mir aber Zeit für dieses Gefühl genommen habe, desto mehr habe ich begriffen, dass ich nur einer von vielen bin, denen es wahrscheinlich ähnlich geht.

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03MAI2020
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Jesus geht an den See. Eine große Menschenmenge versammelt sich um ihn, so dass er in ein Boot steigt, während die Menge am Strand steht. Ich kann mir diese Szene sehr gut vorstellen. Ein Boot am See, wie eine Kanzel, die Zuhörer am Ufer versammelt. Eine hervorragende Akustik. In einer Zeit, wo es noch keine Mikrofone und Verstärker gab, sehr sinnvoll. Die Wasseroberfläche wirkt wie ein natürlicher Verstärker. Jesus erzählt dann die Geschichte von einem Bauern, der Weizen sät. Die Körner fallen auf unterschiedlichen Untergrund. Auf den Weg, auf felsigen Boden, ins Dornengestrüpp. Nur wenige fallen auf gute Erde und bringen Frucht.

„Warum sprichst Du in Gleichnissen, warum erzählst Du solche Geschichten?“ fragen seine Anhänger. Jesus will seine Zuhörer zum Nachdenken anregen. Er will aufzeigen, um was es ihm geht. Im Evangelium wird uns eine Erklärung für das Gleichnis vom Sämann mitgeliefert. Deshalb müssen wir auch heute nicht rätseln, was er damit gemeint hat.
Die Körner, die beim Säen auf den Weg fallen, sind die Menschen, die die Botschaft der Nächstenliebe hören aber nicht verstehen. Die pickenden Vögel nehmen ihnen weg, was in ihr Herz gesät war, heißt es. Die gefräßigen Vögel stehen als Bild für die Tatsache, dass die Botschaft vom Gott der Liebe, mit böswilliger Absicht oder vielleicht nur unbewusst, nicht verstanden wird. „Andere hören das Wort und nehmen es gleich mit Freude auf. Sie haben jedoch keine Wurzel in sich, sondern leben in den Tag hinein. Wenn eine Notzeit oder eine Verfolgung wegen des Wortes kommt, werden sie gleich untreu,“ so die biblische Deutung. Ich erlebe immer wieder Menschen, die begeistert sind von christlichen Ideen, von Gewaltlosigkeit und sozialen Gedanken. Sind aber die eigenen Interessen gefährdet, ist es schnell vorbei mit der Nächsten- und Feindesliebe. Jesus wird dann zum Träumer und Spinner erklärt. „Die unter die Dornen Gesäten sind die, die das Wort hören, doch die Sorgen dieser Weltzeit und die Verführung durch Wohlstand ersticken das Wort, so dass es keine Frucht bringt. Nur die auf gute Erde Gesäten sind die, die das Wort hören und verstehen. Sie tragen dann auch Frucht …“ Bei diesem Gleichnis ist Jesus realistisch. Er weiß, dass seine Botschaft von Gottes Nähe nicht alle und jeden überzeugen wird. Ein Gott der Liebe und des Verzeihens ist nicht populär. Das weiß Jesus und darum möchte er seine Anhänger darauf einstellen.

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07DEZ2019
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Üsküdara heißt ein populäres türkisches Lied. Üsküdar ist ein Stadtteil von Istanbul auf der asiatischen Seite. Die Melodie ist weit über die Türkei hinaus bekannt. Vor einiger Zeit schon habe ich dieses Lied kennengelernt. Jetzt durfte ich es bei einem Konzert ansagen, und da habe ich natürlich darüber recherchiert. Ich war erstaunt, wie sich ein einfaches Lied in kurzer Zeit länder- und kulturübergreifend entwickeln kann.
Musikwissenschaftler sagen, dass das Lied im 19. Jahrhundert entstanden ist. Es soll auf eine Schulhymne an einer englischen Schule in Istanbul zurückgehen. Es gibt die Vermutung, dass schottische Soldaten die Melodie als Militärmarsch gespielt haben. Mit Schottenrock und Dudelsack sorgten sie natürlich für Aufsehen. Die Schotten waren im sogenannten Krimkrieg als militärische Unterstützung gegen Russland im damaligen Osmanischen Reich im Einsatz. Die Melodie sei bald darauf ein türkisches Volkslied geworden. Die erste Tonaufnahme stammt von 1902 von einem 12-jährigen armenischen Sänger. Der Junge lebte in Antep, einer an der Straße von Aleppo nach Armenien gelegenen Stadt. Antep beherbergte damals vor 150 Jahren zu gleichen Teilen Kurden, armenische und griechische Christen, Muslime und Juden. Sie lebten friedlich zusammen, heißt es. Soweit meine Recherche.
Heute wird in der Wiege dieses Liedes, wegen machtpolitischer Bestrebungen, Blut vergossen. Ethnische und religiöse Trennungen werden vorgenommen. Ich möchte an die traditionell musikalischen Zentren erinnern: Antep in der Türkei und Aleppo in Syrien, heute in Schutt und Asche. Das Lied Üsküdara transportiert für mich dabei eine Botschaft. Es ist für mich ein wunderschönes Beispiel, wie das Zusammentreffen von verschiedenen Kulturen, in diesem Fall schottisch, türkisch und armenisch eine Melodie hervorbringen kann, die zum Weltkulturgut wird und heute in unzähligen Sprachen beheimatet ist. Die Melodie erklingt heute nicht nur als Begleitmusik zu einem türkischen Hüfttanz, sondern wird weltweit bei Hochzeiten und anderen Festen gespielt. In Deutschland gibt es seit vielen Jahren „Die Klingende Brücke“, eine Singbewegung. „Üsküdara“ ist eines der europäischen Lieder im Repertoire. Der Text ist nur eine unspektakuläre Liebesgeschichte zwischen einer Frau und einem Mann. Hindernisse, Sehnsucht und Erfüllung. Aber genau das vereint Menschen über religiöse, ethnische und nationale Grenzen hinweg.

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06DEZ2019
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Den Nikolaus gab es wirklich. Vor 1700 Jahren. Es war die Zeit der konstantinischen Wende. Das Christentum war damals eine noch sehr junge Religion. Nikolaus war da ungefähr dreißig Jahre alt. Der römische Kaiser Konstantin hat den Christen erlaubt, ihre Feste und Gottesdienste öffentlich zu feiern. Davor waren sie unterdrückt. Jesu Botschaft war bis dahin den Mächtigen suspekt. Nächstenliebe passte nicht in eine Welt, in der ein paar Wenige reich und die Meisten arm oder versklavt waren. Schon erstaunlich: Die neue Freiheit hat dafür gesorgt, dass sich die Lehre des Jesus von Nazareth rasant verbreitet hat. Nikolaus wurde in dieser Wende-Zeit zum Bischof gewählt. Wahrscheinlich war er ein kluger Kopf, ein beispielhafter Christ und eine anerkannte, wohlhabende Persönlichkeit. „Niklaus ist ein guter Mann, dem man nicht g’nug danken kann“ heißt es in einem Kinderlied. Aber dieses Bild des netten, großzügigen Bischofs, greift meiner Meinung nach zu kurz. In der jungen christlichen Gesellschaft gab es noch einiges zu klären, theologisch, politisch und sozial. Nikolaus hat sich eingemischt: Er nahm als Bischof teil an den ersten offiziellen Zusammenkünften der Christen, den Konzilen. Die versuchten zu klären, was zum Glauben gehört und was nicht. Nikolaus hat sich wahrscheinlich auch wirtschaftspolitisch engagiert, denn Wundergeschichten erzählen, dass er Hungersnöte abgewendet hat. Er muss sozialpolitisch aktiv gewesen sein, denn viele Legenden erzählen davon, dass er armen Kindern geholfen hat. Dass er dafür gesorgt hat, dass sie eine Ausbildung bekommen. Nikolaus hat nicht nur Almosen verteilt, sondern Armut und Kriminalität auch strukturell bekämpft. So deute ich die Legende, dass er einem armen Mann für seine drei Töchter Geld gegeben haben soll, damit sie heiraten konnten. In dieselbe Richtung gehen Wundergeschichten, dass er ermordete Jungs wieder zum Leben erweckt oder unschuldig Verurteilte gerettet haben soll.
Kein Wunder ist der Heilige Nikolaus einer der bekanntesten Heiligen. In mittelalterlichen Klosterschulen gab es den Brauch, dass die Kinder am Nikolaustag einen „Kinderbischof“ wählten. Der verteilte dann Geld- und Sachspenden an Bedürftige. Kleine Theaterstücke wurden öffentlich aufgeführt, um christliche Werte in der Bevölkerung bekannt zu machen. Es gab damals nämlich noch keine Schulpflicht. Die meisten Leute konnten weder lesen noch schreiben. Der gewählte kleine Bischof Nikolaus durfte nach dem Prinzip der „verkehrten Welt“ das Verhalten der Erwachsenen tadeln und sie daran erinnern, was es heißt, gute Christen zu sein.

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05DEZ2019
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Lasst uns froh und munter sein! Bald ist Nikolausabend da! Das bedeutet: Stiefel oder Teller bereitstellen, um sie morgen mit kleinen Geschenken gefüllt vorzufinden. Es heißt, der Heilige füllt sie auf seinem Weg durch die Nacht.
Bei uns zu Hause kam früher der Heilige Bischof am 6. Dezember persönlich vorbei. Mit Knecht Ruprecht als Helfer. Der trug einen Sack mit Mandarinen, Schokolade, Lebkuchen und Nüssen. Aber er hatte auch eine Rute dabei. Als Kind musste ich dem Nikolaus Gedichte aufsagen oder ihm ein Lied vorsingen. Dafür wurde ich dann mit Süßigkeiten, Obst und Nüssen belohnt. Strafen gab es nie. Aber Knecht Ruprecht, in manchen Gegenden heißt er auch „Krampus“ oder „Percht“, stand in seinem dunklen Gewand und seiner Rute mitten in unserem Wohnzimmer. Das war bedrohlich.
Als Erwachsener bin ich selbst verkleidet mit Bischofsmütze, Hirtenstab und Bischofsgewand bei befreundeten Familien als Nikolaus aufgetreten. Dann wurde das goldene Buch aufgeschlagen, darin stand, ob das Kind brav oder ungezogen war. Es gab immer beides. Lob und Tadel, Kritik und Anerkennung. Ich habe dabei oft in verängstigte große Kinderaugen geblickt. Ich habe versucht nicht zu streng, sondern nachsichtig und wohlwollend zu sein.
Aber wozu dieses Theater? Warum diese manchmal offene, manchmal versteckte Drohung mit Strafen? Wenn ich heute darüber nachdenke, fällt mir die Arbeitsteilung auf: der liebe Bischof und der grimmige Bösewicht. Der eine ist nährend und fürsorglich, der andere erscheint streng und bestraft womöglich. Gut und Böse, fein säuberlich getrennt. Brauchen wir solche Inszenierungen als pädagogische Hilfsmittel, Belohnung und Bestrafung, Zuckerbrot und Peitsche?
Ich bin überzeugt: Hochstilisierte Heilige auf der einen und Horrorfiguren auf der anderen Seite brauchen wir nicht. Keiner von uns ist nur gut oder nur böse. Der Bischof Nikolaus war das sicher auch nicht. Für mich ist der heilige Nikolaus trotzdem ein Vorbild. Für mich verkörpert er einen Menschen, der beides in sich vereint, streng und trotzdem fürsorglich. Klare Grenzen setzen und trotzdem auch Milde walten lassen. Nikolaus zeigt mir, dass eine christliche Gesellschaft ein soziales Gewissen braucht. Dass wir wach und sensibel bleiben, wenn in einer reichen Gesellschaft Kinder- oder Altersarmut immer mehr Menschen betrifft. Spenden und helfen ist gut, gerechte soziale Systeme entwickeln ist besser.

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