Manuskripte

01AUG2020
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Ich bin eine, die gerne plant. Ich freue mich, wenn ich frühzeitig Dinge unter Dach und Fach bringen kann. Dienstlich und privat. So früh wie in diesem Jahr hatte ich noch nie das Kartenmaterial für meine Reisen bestellt und geliefert bekommen, die Wanderkarte für die Hüttentour in den Bergen zum Beispiel. Und dann kam Corona. Die Wanderkarte wanderte ins Regal, und die Reisepläne für den Sommer fielen ins Wasser. Wie bei fast allen Menschen in diesem Jahr. Die neue Formel lautet: Auf Sicht fahren. Und das ist natürlich eine echte Herausforderung für Menschen wie mich, die gerne planen. Plötzlich sollen wir ganz flexibel bleiben. Auf die aktuelle Lage reagieren. Was in vier Wochen ist, weiß ja kaum jemand so genau. 

Es fordert mich heraus, dieses Auf-Sicht-Fahren. Aber ich gebe zu: Es tut mir auch ein bisschen gut. Es fördert Haltungen in mir, die bisher noch nicht so ausgeprägt waren. Gelassenheit zum Beispiel. Ok, ich kann Dinge nicht so planen, wie ich das gerne möchte – also lasse ich los. Ich versuche, weniger angespannt zu sein, Dinge so zu nehmen, wie sie eben sind, Entwicklungen so zu akzeptieren, wie sie kommen. Dazu gehört vor allem auch: Vertrauen. Auch das ist eine Haltung, die ich gerade wieder neu übe. Ich vertraue auf andere Menschen. Ja, zum Beispiel auch auf Politikerinnen oder Virologen, die sich besser auskennen mit diesem Virus  und der gesellschaftlichen Lage als ich, und die schon gute Entscheidungen treffen werden, da hab ich begründetes Vertrauen. Und begründetes Vertrauen hab ich als Christin natürlich auch auf Gott. Er wird uns nicht allein lassen in dieser Krisenzeit. Er ist an meiner Seite und hilft mir durch diese Zeit. 

Wenn ich so auf Sicht fahren: Dann ergeben sich tatsächlich auch manchmal neue, wunderbare Lösungen. Statt der Hüttentour ging‘s diesen Sommer auf Wanderschaft im Mittelgebirge. Meine Mitwanderin hat neues Kartenmaterial besorgt, und es wurde eine tolle Tour. Wir sind auf Sicht gefahren bzw.: auf Sicht gewandert.

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31JUL2020
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Manches in dieser Corona-Krise, ich gesteh’s, find ich ja wirklich ganz gut, zum Beispiel: Wie sich die Räume neu sortieren, besonders in den Städten. In Mainz, wo ich wohne, da sind weite Teile des Gutenbergplatzes vor dem Theater jetzt Restaurant- und Kneipenbereich. Überall sitzen die Leute an Tischen und essen Salat oder trinken Wein. Draußen an der frischen Luft ist man sicherer vor dem Virus als drinnen, und Abstand halten sollen wir natürlich auch weiter - deswegen wird der öffentliche Raum im Freien immer großzügiger genutzt. In vielen Straßen hat man auch kurzerhand Parkplätze in Sitzplätze verwandelt. Da, wo eben noch Autos standen, sitzen jetzt Menschen und plaudern und lachen und essen und trinken. Ich find das klasse. Ich trau es mich kaum zu sagen, denn natürlich: Das Virus ist furchtbar, aber: Meine Stadt find ich in diesem Corona-Sommer fast noch schöner als sonst. Und ich hoffe, wir merken uns ein bisschen etwas von dieser neuen Raum-Aufteilung für später und behalten manches bei. 

Wie verteile ich Räume? Wem und was gebe ich Raum? Das sind wichtige Fragen in dieser Zeit, nicht nur für Restaurantbesitzer und Städteplaner, eigentlich für jede und jeden von uns. Das fängt ja schon damit an, dass viele die Räume zuhause neu sortiert haben. Wo baue ich im Homeoffice den Computer auf, wo will ich arbeiten? Wo sollen die Kinder spielen und ihre Schulaufgaben machen? Oder jetzt, wenn viele Ferien haben: Wo sind die Räume, in denen ich mich erholen kann? Wie soll mein Balkon oder Garten aussehen, wenn ich dort Urlaub mache? 

Räume neu sortieren, das hat ja immer auch was von: Leben neu sortieren. Prioritäten neu setzen. In den Städten haben Restaurantgäste oder auch Fahrradfahrer jetzt hier und da mehr Priorität als Autos. Und zuhause hat gerade oberste Priorität: ein Platz, an dem ich durchatmen und mich erholen kann. Für mich zum Beispiel auch: ein Platz, an dem ich gut beten kann. Es ist ein Merkmal dieses Sommers, und ich finde, ein schönes: dass wir uns neue Räume erschließen und sie genießen.

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30JUL2020
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Was genau meint eigentlich Solidarität? Darüber hab ich in den letzten Monaten immer wieder nachgedacht. Natürlich: Wegen dieses neuen Virus, wegen Corona. Mir ist immer klarer geworden: Wir gehören ja alle zusammen, wir Menschen. Wir sind gemeinsam von diesem Virus bedroht. Jeder Mensch auf dieser großen weiten Welt kann es bekommen und niemand weiß sicher, wie heftig es ihn erwischt. Alle Länder sind betroffen in unserer globalisierten Welt, die so eng zusammenhängt. In mir weckt das ein Gefühl von: Wir gehören zusammen. Und so übersetzen auch manche dieses Wort Solidarität: Es ist ein Zusammengehörigkeitsgefühl. 

Aber Solidarität, die bleibt nicht beim Gefühl stehen. Wenn das Gefühl stark wird, dann wird daraus eine Haltung und ein Handeln. Ich hab mich in den letzten Monaten nicht nur besonders verbunden gefühlt mit anderen Menschen, auch mit Wildfremden auf der Straße oder in den Geschäften. Ich hatte auch den Drang, etwas für andere zu tun, solidarisch zu sein. Und ich hatte den Eindruck: Das geht vielen so. Wir lächeln uns mühsam zu durch die Masken hindurch. Wir warten geduldig, wenn sich eine Schlange bildet vor der Buchhandlung. Und ich weiß auch von etlichen Leuten, die wie ich mehr als sonst Spenden überwiesen haben. Für Menschen in anderen Ländern, die vom Virus noch viel heftiger betroffen sind als wir. In Brasilien zum Beispiel – oder auch im Osten und Süden Afrikas, wo nicht nur die Pandemie die Menschen bedroht, sondern auch schreckliche Hungersnöte wüten. 

Natürlich: Es gibt auch die anderen Leute, die sich in diesen Virus-Zeiten erst recht als Egoisten entpuppen. Die nur an sich denken und zum Beispiel sagen: Mir selbst kann ja gar nichts groß passieren - warum soll ich denn Rücksicht nehmen, Abstand halten, Maske tragen? Aber Gott sei Dank: Die Mehrheit ist das nicht. Die meisten Menschen nehmen Rücksicht aufeinander. Sie schaffen es, sich selbst ein wenig zurückzunehmen – um der Gemeinschaft willen, damit andere gesund bleiben, damit es anderen gut geht. Das ist Solidarität. Im Fühlen und im Handeln. Und sie ist in dieser schwierigen Krisenzeit eine richtig gute Erfahrung.

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03JUN2020
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Geld, Handy, Schlüssel. Die drei Dinge musste ich bisher immer dabei haben, wenn ich das Haus verlasse. Jetzt ist noch ein viertes dazugekommen: die Maske. Ohne meinen Mund-Nasen-Schutz komme ich nicht rein in den Supermarkt oder den Eine-Welt-Laden. Also darf ich den auf keinen Fall vergessen, wenn ich aus dem Haus gehe. Und ich hab auch dran gedacht, ich hatte ihn im Gesicht, letzte Woche, im Eine-Welt-Laden. Leider aber fehlte das Geld, als ich in meinem Rucksack danach wühlte. Also: wieder nachhause und das Portemonnaie holen. 

Ich versuche mir das jetzt zu merken: Es sind seit Corona eben vier Dinge, an die ich denken muss: Geld, Handy, Schlüssel, Maske. Der blöde Virus zwingt uns dazu, unsere Gewohnheiten zu ändern. Das ist anstrengend. Denn Gewohnheiten entlasten ja. Ich muss nicht immer neu nachdenken, wie ich Dinge zu tun habe – weil ich sie eben immer gleich erledige. Deswegen muss ich mich jetzt, in Corona-Zeiten, oft besonders konzentrieren, schon, wenn ich das Haus verlasse. Oder auch: Wenn ich im Supermarkt nichts vergessen will, weil ich nur einmal die Woche einkaufe. Oder wenn ich im Laden aufpasse, damit ich keinem Menschen näherkomme als einen Meter fünfzig. All das ist immer noch irgendwie anstrengend. Naja, ich hab es ja auch jahre- und jahrzehntelang anders gemacht. 

Gewohnheiten ändern, das ist ganz schön anstrengend, das sagen auch die Verhaltensforscher. Aber natürlich kann es manchmal auch gut tun. Darüber denke ich jetzt in Corona-Zeiten auch öfter nach. Welche Gewohnheit zum Beispiel wäre es wert, sie nach Corona beizubehalten? Vielleicht könnte ich auch künftig meinen Einkauf besser planen und nur das kaufen, was ich wirklich brauche. Oder: im Supermarkt mehr Rücksicht nehmen auf die Menschen um mich herum. Oder: Ich könnte wirklich regelmäßiger eine Spende überweisen, so wie ich das gerade mache für Länder, die besonders von Corona betroffen sind. Manchmal sind neue Gewohnheiten auch gut. Nur das mit der Maske: das gewöhn ich mir gerne auch irgendwann wieder ab.

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02JUN2020
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„Atem Gottes“, so wird der Heilige Geist manchmal genannt. Jetzt an Pfingsten haben Christinnen und Christen die Herabkunft dieses Heiligen Geistes auf die Erde gefeiert. Der Heilige Geist als Atem Gottes: Die Vorstellung hat für mich in den letzten Wochen eine ganz neue Bedeutung bekommen. In diesen Corona-Krisen-Wochen. 

Ein Freund von mir, Anfang fünfzig, hat sich Mitte März mit dem Corona-Virus infiziert. Gut drei Wochen lang lag er im künstlichen Koma und am Beatmungsgerät. Es war eine sehr schwere Zeit für ihn und seine Familie und auch für uns Freundinnen. Ich habe in diesen Wochen immer wieder dafür gebetet, dass dieser Freund wieder selbstständig atmen kann. Aber das war schwierig. Ich musste lernen: Vom Beatmungsgerät wieder weg zu kommen, das ist gar nicht so einfach. Der Körper muss das Atmen wieder richtig erlernen und einüben. Als die Nachricht kam, dass das langsam wieder geht, war ich ganz schön erleichtert. 

Atmen können, das ist lebensnotwendig. Und Gott, so glaube ich als Christin, schenkt uns Atem und Leben. Schon in der Schöpfungsgeschichte am Anfang der Bibel heißt es: Gott formte den Menschen und blies in seine Nase den Lebensatem (vgl. Genesis / 1 Mose 2,7). Und von Jesus wird erzählt: Er haucht seine Jünger an und sagt zu ihnen: Empfangt den Heiligen Geist! (vgl. Johannes-Evangelium 20,22) 

Der Heilige Geist, der jetzt an Pfingsten gefeiert wurde: Er steht für den Atem und die Lebendigkeit, die Gott in uns hineinhaucht. Ich bin so froh, dass mein Studienfreund wieder selbstständig atmen kann. Er ist auf dem Weg der Besserung. Ich bete für all die Kranken, die noch an den Beatmungsgeräten hängen und die das Atmen wieder lernen müssen. Und ich selbst, ich atme in diesen Tagen oft sehr bewusst ein und aus. Spüre den Lebensatem in mir. Und danke dafür, dass ich gesund bin, und für das Leben, das in mir steckt und das mir geschenkt ist.

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01FEB2020
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Heute fliegt er auch bei mir endgültig raus: der Weihnachtsbaum. Ziemlich vertrocknet ist er mittlerweile tatsächlich, aber die Nadeln haben eigentlich ganz gut gehalten am Baum. Ich weiß: Mancher wird jetzt verständnislos mit dem Kopf schütteln. Weihnachtsbaum Anfang Februar? Aber für mich hat das seit Kindertagen Tradition. Weihnachten, das ging bei uns damals bis Lichtmess, bis 2. Februar. Erst dann wurden Krippe, Baum und Lichterketten abgeräumt. Bis heute ist das an vielen katholischen Orten so, zum Beispiel auch auf dem Petersplatz in Rom. Obwohl die Weihnachtszeit in der katholischen Kirche offiziell mittlerweile auch kürzer ist, seit 50 Jahren schon: Seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil endet sie mit dem Fest „Taufe des Herrn“, am Sonntag nach Dreikönig, dieses Jahr war das der 12. Januar.

Aber ich habe Weihnachten trotzdem dieses Jahr wieder drei Wochen länger gefeiert. An dem Punkt bin ich sozusagen Reformverweigerin. Ich finde es einfach wunderbar, wenn der Weihnachtsbaum im Januar noch lange steht. Wenn die Geschenke und Karten darunter über Wochen zum Stöbern und Schmökern einladen. Wenn mir Mitte Januar noch der Nadelgeruch in die Nase steigt, wenn ich nachhause komme, und die Lichterkette am Baum mein Wohnzimmer in ein wohliges Licht taucht.

Bis Lichtmess leuchtet das Licht der Weihnacht einfach weiter. Und wenn ich mich am 2. Februar dann doch von Weihnachten verabschieden muss, dann geschieht auch das mit einem besonderen Licht. An Lichtmess wird in der katholischen Kirche der Blasiussegen gespendet. Der heilige Blasius hat seinen Tag am 3. Februar, gleich nach „Lichtmess“. Beim Blasiussegen steht der Pfarrer mit zwei in Kreuzform gehaltenen, leuchtenden Kerzen vor mir und spricht: „Der allmächtige Gott schenke dir Gesundheit und Heil. Er segne dich auf die Fürsprache des heiligen Blasius durch Christus, unsern Herrn.“ Ich kann darin die Botschaft spüren: Gott schenkt mir Licht und Heil. Auch nach Lichtmess noch. Mit seinem Licht-Segen will er mich das ganze Jahr wärmen und schützen, an Leib und Seele.

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31JAN2020
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Am Sonntag ist der 75. Jahrestag seiner Ermordung. Alfred Delp wurde am 2. Februar 1945 in Berlin-Plötzensee hingerichtet, kurz vor Kriegsende, wie etliche aus dem Widerstand gegen Hitler und das NS-Regime. Manchmal denke ich darüber nach: Was wäre wohl gewesen, wenn Menschen wie er überlebt hätten? Wie hätte er unsere Gesellschaft beeinflusst und natürlich auch: unsere Kirchen? Alfred Delp war Priester und Jesuit. In den letzten Wochen vor seinem Tod, im Winter 1944/45 hat er in seiner Gefängniszelle in Berlin-Tegel Meditationen und Aufsätze geschrieben. Für mich gehören sie zum Eindrucksvollsten, was ich je kirchlich und geistlich gelesen habe. Kluge und weitsichtige Sätze finden sich darin. Sätze, mit denen man die katholische Kirche auch heute noch verändern, erneuern könnte.

Alfred Delp spricht zum Beispiel von der „Rückkehr der Kirchen in die Diakonie.“ In den Dienst. Er schreibt: „Es wird kein Mensch an die Botschaft vom Heil und vom Heiland glauben, solange wir uns nicht blutig geschunden haben im Dienste des physisch, psychisch, sozial, wirtschaftlich, sittlich oder sonstwie kranken Menschen.“ Dienst an den Menschen: Das ist für Delp die größte Aufgabe der Kirche. Die Kirchen sollen den Menschen nicht Vorhaltungen machen, sie sollen ihnen nachgehen und nachwandern „auch in die äußersten Verlorenheiten“, sagt er. Und: Kirche darf keine Monologe halten, sie muss in den Dialog gehen. „Damit meine ich die geistige Begegnung als echten Dialog“, schreibt Alfred Delp.

Die ganze Haltung, die Erscheinungsweise der Kirche muss anders werden: „Weg von der Anmaßung zur Ehrfurcht“, schreibt Delp, „Ehrfurcht dem anderen Menschen gegenüber“. Und er erklärt weiter: „Der anmaßende Mensch ist schon in der Nähe der Kirche immer vom Übel, geschweige denn in der Kirche oder gar im Namen der Kirche.“ Was für klare Worte. Ich glaube, das ist die Richtung, in die auch heute Veränderung gehen muss, in der Kirche, aber nicht nur da, auch etwa in der Politik und im Internet: weg von der Anmaßung und hin zu mehr Ehrfurcht dem anderen Menschen gegenüber und zu echtem Dialog.

 

(vgl. Alfred Delp, Mit gefesselten Händen. Aufzeichnungen aus dem Gefängnis. Freiburg 2007)

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30JAN2020
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In Frankfurt startet heute eine besondere Versammlung. Rund 250 Katholikinnen und Katholiken kommen zusammen, um über die Zukunft der Kirche in Deutschland zu beraten. Bischöfe und viele Menschen, die sich an unterschiedlichen Orten, in Pfarrgemeinderäten oder kirchlichen Verbänden in der Kirche engagieren. Es ist die Vollversammlung des so genannten „Synodalen Wegs“, und sie tagt zum ersten Mal, drei Tage lang, bis Samstag. Die katholische Kirche muss sich wandeln, sie muss ihre Strukturen überdenken und verändern. Das ist klar, spätestens seit dem Entsetzen über den furchtbaren sexuellen Missbrauch in der Kirche.

Ich weiß noch, wie ich im September 2018 in der S-Bahn saß und die ersten Zahlen gelesen habe aus der Studie der Bischofskonferenz über die sexualisierte Gewalt in der Kirche. Die Tränen sind mir in die Augen getreten, mitten in der S-Bahn. Wie schrecklich, was da herauskam. Über 3600 Kinder und Jugendliche, die von Klerikern missbraucht worden sind, und über 1600 Täter. Aber schlimm war nicht nur der Missbrauch als solcher. Schlimm war auch: Die Gewalt wurde gedeckt. Bischöfe, Vorgesetzte haben weggeschaut, versetzt und vertuscht, statt sich darum zu kümmern, dass der Missbrauch aufhört und die Betroffenen Hilfe bekommen. Sie haben sich mit den Tätern solidarisiert, nicht mit den Opfern, die sich heute lieber „Überlebende“ nennen. Viele haben sich durch diese Vertuschung noch ein zweites Mal missbraucht gefühlt: weil ihnen nicht geglaubt wurde, ihnen keiner zugehört hat.

Die Studie von 2018 hat auch zum ersten Mal ganz klar gezeigt: Das hat mit Strukturen zu tun, mit Strukturen von Macht und auch von Männlichkeit, mit patriarchalen Strukturen. In Frankfurt wird deswegen über „Macht und Gewaltenteilung in der Kirche“ gesprochen und über „Frauen in Diensten und Ämtern der Kirche“.

Ich hoffe und bete, dass diese Versammlung des „Synodalen Wegs“ in Frankfurt gut berät und weise entscheidet. Und ich hoffe und bete für die Überlebenden von sexuellem Missbrauch. Dass sie Heilung erleben, Hilfe und Entschädigung bekommen. Und Menschen an ihrer Seite haben, die sie stützen und stärken.

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06NOV2019
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Manchmal wundere ich mich noch immer, nach fast 30 Jahren: Dass da am Bahnhof an der Gleisanzeige „Leipzig“ als Zielort steht oder „Dresden“. Meine ganze Schulzeit lang war das völlig undenkbar: Dass ein Zug bis nach Leipzig fährt. Man einfach einsteigen kann und irgendwann über die hessisch-thüringische Landesgrenze fährt. Manchmal bekomm ich deswegen noch heute feuchte Augen am Bahnhof. Und diese Woche vielleicht erst recht, kurz vor dem Jubiläum: 30 Jahre Mauerfall.

Für mich ist es immer noch ein Wunder, dass die Mauer damals 1989 gefallen ist, und das ohne Gewalt, ohne Schüsse und Panzer. Das war ja absolut nicht selbstverständlich: In Peking war der Protest damals im Sommer brutal niedergeschlagen worden, und auch in Berlin standen Panzer und Rettungswagen bereit im Herbst 89. Menschen mussten Mut aufbringen, um auf die Straße zu gehen und zu demonstrieren, das vergisst man heute manchmal. Aber alles ist friedlich geblieben. Die Mauer fiel, die tödliche Grenze zwischen den beiden Teilen Deutschlands war bald schon Geschichte. Und Menschen, die unter 30 sind, wundern sich heute über meine sentimentalen Anwandlungen auf dem Bahnhof.

Aber ich staune noch heute über Mauerfall und Wende – und auch darüber, wie der Protest damals tatsächlich mit Wundern, mit Religion und Gebeten verbunden war. Die Leipziger Montagsdemos schlossen sich ja an die Montagsgebete an, sie begannen mit Kerzen und Fürbitten. Über Jahre hatten die Menschen in der Nicolaikirche gebetet für Veränderung und Wandel – und dann im Herbst 89 war die Zeit für das Wunder gekommen.

Ich glaube wirklich: Die Kraft zu einem solchen Wandel und zu einem solchen Wunder, die kann aus der Kraft des Gebetes kommen. Wenn ich mich nach Veränderung sehne und wenn ich Gott dabei an meiner Seite weiß, dann ist vieles möglich. Dann kann ich beharrlich und furchtlos für etwas kämpfen. Und friedlich etwas erreichen. Unglaubliches. Ein Wunder.

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05NOV2019
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Ich wundre mich immer wieder darüber, wie kurze Gespräche oder Begegnungen mir den Tag ruinieren oder auch: den Tag retten können. Da macht mir ein Bekannter am Telefon blöde Vorwürfe – und ich ärgere mich den ganzen restlichen Tag darüber. Und dann läuft mir eine andre Bekannte, die ich lange nicht gesehn hab, mal wieder über den Weg, sie fragt, wie`s mir geht, sagt ein paar nette Worte – und an dem Tag bin ich einfach gut drauf, freu mich des Lebens. Dann stell ich wieder fest: Der Mensch ist doch tatsächlich ein ziemlich soziales Wesen. Meine Stimmung jedenfalls hat viel damit zu tun, wie die Menschen um mich herum mir gerade begegnen. Und selbst kleine Begegnungen können da oft groß wirken.

Ich merk das auch daran, wie ich abends auf den Tag zurückschaue: Meistens sind es gar nicht unbedingt die großen Dinge, die Erfolge oder Misserfolge, die mich bewegen. Sondern auch da wieder: die Menschen, die mir begegnet sind. Ich freu mich noch am Abend darüber, dass ich morgens im Zug wieder den netten Schaffner hatte, der auch mich Morgenmuffel mit einem freundlichen Lächeln auffordert, die Fahrkarte zu zeigen. Oder ich erinnere mich an das Mittagessen mit der Kollegin, das richtig gut getan hat. Und beim Aufstehen morgens geht es mir ähnlich: Auch aus dem Bett komm ich morgens besser, wenn ich weiß: Am Tag erwartet mich eine nette Verabredung oder ein Telefonat mit jemandem, den ich mag.

Der Mensch tut dem Menschen gut. Ich glaube: So hat sich das Gott auch gedacht: Dass wir einander gut tun als Menschen. Im Großen wie auch im ganz Kleinen. Ich nehm mir das deswegen morgens oft vor: Anderen Menschen, wenn‘s geht, mit einem Lächeln zu begegnen im Laufe des Tages – damit sie sich vielleicht auch freuen können über kleine Begegnungen.

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