Manuskripte

 – Numeri 6,22-27

Neujahr - Lesejahr A/B/C 

Der erste Tag im neuen Jahr. Heute Nacht haben ihn viele gemeinsam begrüßt mit Feuerwerk und Partys. Und manche allein. Die Silvestergottesdienste waren gut besucht. Für viele beginnt morgen mit der Arbeit wieder der Alltag. 365 Tage wollen mit Leben gefüllt sein. 

Wie wird es werden, das Jahr 2017? Erwartungen und Ängste stehen oft am Anfang eines neuen Jahres, Hoffnungen und Zweifel. Vor allem aber auch die Sehnsucht unzähliger Menschen nach Glück und Frieden. 

Dieser Sehnsucht kommt Gott mit seinem Segen entgegen. Es ist der älteste in der Bibel überlieferte Segensspruch: 

Der Herr segne dich und behüte dich.

Der Herr lasse sein Angesicht über dir leuchten

und sei dir gnädig.

Der Herr wende sein Angesicht dir zu

und schenke dir Heil.“ 

Man nennt diesen Segen auch den „Aaronitischen Segen“. Gott hatte einst Aaron, den Bruder und Mitstreiter des Mose, beauftragt, diesen Segen über das Volk Israel zu sprechen. Bis heute wird er in jüdischen und in christlichen Gottesdiensten gesprochen – auch heute an Neujahr. Er gehört zu den schönsten und wertvollsten Segensworten in der Bibel. 

Die ursprüngliche Bedeutung des hebräischen Wortes für „segnen“ „barach“ ist: „beachten – sich zuwenden“. - Für mich ist das eine wunderbare Zusage, eine liebevolle Aufmerksamkeit von Gott. Ich fühle mich angeschaut und bejaht, ermutigt und gestärkt. Danach haben Gottes Zusagen das eine zum Ziel: dass unser Leben gelingt, endgültig gelingt – trotz aller Brüche. Das macht mir Mut zu mehr Gottvertrauen, auch dann, wenn die Dinge anders kommen als erwartet, anders als erwünscht. 

Ich bitte Gott an diesem ersten Tag im neuen Jahr:

„Gott, wirf deinen Augen-Blick auf uns! Und lass uns so unser augenblickliches Leben als erfüllt, sinnvoll, vielleicht sogar glücklich wahrnehmen!“ 

Ich wünsche Ihnen ein von Gott gesegnetes gutes neues Jahr.

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 – Matthäus 24,29-44  1. Adventssonntag (A)

Heute ist der erste Advent. Der Advent erstreckt sich bei uns von besinnlicher vorweihnachtlicher Stimmung bis hin zu hektischer Geschäftigkeit. Für manchen Christenmenschen bedeutet diese Zeit vor allem: sich vorbereiten auf Weihnachten, auf die Geburt Jesu. 

Es gibt noch eine andere Seite des Advent, eine durchaus dramatische. Ein Text im Matthäus Evangelium lenkt den Blick auf das Ende von allem. Advent als Vorbereitung auf das Ende der Welt. Davon ist heute in den katholischen Gottesdiensten zu hören. Jesus spricht in apokalyptischen Bildern: Sonnenfinsternis. Sterne kollidieren. Das Weltall gerät aus den Fugen. Könnte zu einem Sciencefiction-Film passen, à la: „Die letzten Tage der Erde“. 

Zur Zeit Jesu rechnen die Menschen damit, dass die Welt einmal untergeht, möglicherweise sogar bald untergeht. Aber warum spricht Jesus in so dramatischen Bildern? Ich denke, um seine Zuhörer wach zu rütteln, nicht um ihnen zu drohen. Er möchte sie daran erinnern: Alles ist begrenzt, gefährdet, vergänglich. Vor allem stellt Jesus den Menschen das kommende Gottesreich in Aussicht. Dass alles gut und heil wird in Gottes neuer Welt. Darauf sollen sie sich einstellen. 

Dabei will Jesus den Menschen - entgegen aller Weltuntergangszenarien - nicht Angst und Schrecken einjagen. Im Gegenteil. Er macht seinen Zuhörern Mut: Sie sollen auf Gott vertrauen. Von ihm können sie Hilfe, Kraft und Trost erwarten. Deshalb sein Apell: Seid wachsam! Haltet euch bereit! Für mich heißt das auch: Ich kenne die Verzweiflung darüber, was Schlimmes in unserer Welt passiert. Und ich habe ebenso die Hoffnung, dass doch noch alles gut werden könnte. Diese Spanne möchte ich aushalten. Solche Hoffnung ist für mich verankert in dem Vertrauen: Was auch immer geschieht, folgt keinem blinden Schicksal. Wir können vielmehr zuversichtlich sein, dass am Ende von Raum und Zeit nichts kommt, was uns ängstigen sollte. 

Advent bedeutet für mich deshalb auch: Ich soll den Mut nicht verlieren und trotz der vielen Bedrohungen heute beständig bleiben. Ich soll mich nicht verführen und nicht verrückt machen lassen. Was auch immer passiert – Jesu Botschaft ist für die Menschen damals und für uns heute: „Evangelium“. Eine Botschaft, die uns die Angst vor der Zukunft nehmen möchte.

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Heilige stehen für mehr Menschlichkeit 

Das ist schon eine Provokation: Jesus hält Arme und Trauernde für glücklich. Ebenso Menschen, die nach Gerechtigkeit hungern und dürsten. So steht es in der „Bergpredigt“ im Matthäus Evangelium. (5,1-12a) Was für ein Hohn auf die unzähligen Leidenden – könnte man meinen - wäre da nicht immer der Nachsatz mit dem Versprechen, dass alles gut und heil wird. Trauernde glücklich preisen ist dann nicht zynisch, wenn sie hoffen können, dass sie nicht ver-tröstet werden, sondern ge-tröstet. 

Dem nicht genug - Jesus sagt: „Was du einem der Geringsten auf dieser Erde Gutes getan hast, das hast du mir getan“. (Matthäus 25,31-40) Es genügt Jesus offensichtlich nicht zu sagen: Ich kümmere mich um diese Menschen. Er geht noch weiter: Ich bin der Hungernde, der Nackte, der Kranke in Person. Er identifiziert sich mit den Leidenden. Das ist unglaublich. Und Jesus sagt das nicht nur, er lebt das vor. Ihm geht es darum, alle heilsamen und heilenden Kräfte, die es gibt, zu mobilisieren – vor allem die Liebe. 

Und dann gibt es Menschen, die haben an irgendeinem Punkt in ihrem Leben etwas von dieser Botschaft begriffen. Sie haben Ernst damit gemacht und versucht, im Sinne Jesu zu leben. Jemand hat solche Menschen als „den wichtigsten Kommentar zum Evangelium“ bezeichnet (Hans Urs von Balthasar). Sie waren bisweilen - wie ihr Freund Jesus - Grenzgänger aus Liebe. 

Katholiken und Orthodoxe nennen sie Heilige. Evangelische sagen: exemplarische Christen, Vorbilder. Elisabeth von Thüringen und Franz von Assisi, Mutter Teresa und Dietrich Bonhoeffer. Heute ist ihr Gedenktag: Allerheiligen. 

Heilige sind für mich ganz normale Menschen. Wie wir müssen sie auf staubigen Straßen ihren Weg durchs Leben gehen, ohne Abkürzungen, ohne Schleichpfade. - Heilige sind auch Menschen, die sich längst nicht immer fest mit Gott verbunden fühlen. Sie haben - wie viele - ihre Glaubenszweifel. Gott scheint ihnen über längere Strecken sehr fern, weit weg zu sein. Der Bericht von Mutter Teresa über solche Erfahrungen macht mich betroffen. In einer Tagebuchnotiz hält sie fest: „Da ist nichts mehr, wohin ich mich wenden könnte: kein Gott, kein Vater, kein Hirte und kein Gegenüber; nur diese erschreckende Leere.“ (Komm, sei mein Licht, Pattloch Verlag München 2007) 

Allerheiligen ist für mich kein Fest der toten Helden, keine Leistungsschau der religiösen Elite. Heilige sind für mich Menschen, die bei Gott sind und die sich auf Erden bemüht haben, die Welt etwas menschlicher und von Leid freier zu machen. Ich glaube, solche Vorbilder brauchen wir dringend. 

Gefragt sind menschliche Heilige 

Im zweiten Teil der Feiertagsgedanken an Allerheiligen geht es darum: heilig sein heißt menschlich sein. Der Schriftsteller Mark Twain (1835-1910) soll gesagt haben: „Mich erregt nicht das, was ich in der Bibel nicht verstehe, mich beunruhigt vielmehr das, was ich verstehe, aber nicht tue.“ Ich finde diesen Spruch sympathisch und verstehe ihn auch so: Es sind nicht die asketischen Klimmzüge, nicht die religiösen Kraftakte, nicht die moralischen Höchstleistungen, die andere überzeugen. Sondern: Liebenswürdigkeit, Respekt, Toleranz – das sind die Schlüssel zu den Herzen der Menschen. 

Allerheiligen verstehe ich auch als Anfrage an die Christen, an die Kirche. Wenn die Menschen etwas von der Kirche erwarten – dann gewiss keine dogmatischen oder moralischen Anweisungen. Sie erwarten menschliche Nähe im Geiste Jesu: Verständnis für ihre Probleme und Nöte, Verständnis für ihre Sorgen und Ängste. Hilfe bei ihrer Suche nach Sinn, gerade auch in schwierigen Lebenslagen. 

Christsein so verstanden – darin ist Papst Franziskus Vorbild. Bei ihm gilt: zuerst lieben, dann lehren. Für ihn steht der konkrete Mensch und sein Schicksal stets an erster Stelle. Und eines seiner wichtigsten Anliegen ist, dass seine Kirche wieder mehr Verständnis für menschliches Scheitern zeigt. Was dieser Papst sagt und tut, was er von seiner Kirche erwartet – das lässt wieder jenen „Wärmestrom an Liebe“ ahnen, wie er von Jesus ausgeht. Und nach dem sich die Menschen bis heute sehnen. 

Abbé Pierre, vielen noch bekannt als „Vater der Obdachlosen“ in Paris (1912-2007) – er hat die kühne Behauptung aufgestellt: „Worauf es heute ankommt, ist nicht der Unterschied zwischen Gläubigen und Ungläubigen, sondern zwischen Menschen mit Herz und denen ohne Herz.“ 

Ich glaube, damit liegt Abbé Pierre ganz auf der Linie seines Vorbildes Jesus. Jesu Leidenschaft für Gerechtigkeit, sein Eintreten für die Armen ist kaum zu übertreffen. Das Lukas Evangelium nennt als Ziel seiner Botschaft: den Armen eine gute und befreiende Nachricht bringen, den Gefangenen ihre Entlassung garantieren, den Blinden das Augenlicht zurück geben, die Zerschlagenen in Freiheit setzen, eine Ära des Heils ausrufen (4,18-19). 

Wer bereit ist, Jesus auf diesem Weg zu folgen, der steht mit beiden Beinen auf dem Boden dieser Welt-Wirklichkeit. Denn: Jesus hat sich während seines öffentlichen Wirkens um die Lebensfragen der Menschen gekümmert. Durchgängig und im Vertrauen auf Gott. Danach macht den wahren christlichen Glauben im Sinne Jesu nicht die Rechtgläubigkeit aus, auch nicht Moral und Dazugehören. Den wahren christlichen Glauben im Sinne Jesu macht die Menschlichkeit aus – eben: „Menschen mit Herz“.

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Nachhaltig fasziniert mich die Wüste „Namib“ in Namibia. Sie ist mit ihren mindestens 5 Millionen Jahren die vielleicht älteste Wüste der Welt. Schon das lässt mich ehrfürchtig staunen. „Namib“ bedeutet: „Ödes Land“ oder „Ort der Leere“. 

Die Niederschläge sind extrem gering. Doch wenn es regnet, dann blüht die Wüste auf. Exotische, dem Klima angepasste Pflanzen kommen zum Vorschein. Wo sonst nichts außer Sand zu sehen ist, verwandelt, ja verklärt sich die Wüste in eine Landschaft voller Zauber und Schönheit. Aber nur für kurze Zeit. Ich hatte das Glück, dieses seltene Schauspiel zu bewundern. 

Als Tourist habe ich selbstverständlich nur die faszinierende Seite der Wüste „Namib“ mitbekommen, nicht die bedrohliche. Dennoch konnte ich mir Gedanken machen und zu Einsichten kommen, die mir sonst wahrscheinlich nicht möglich gewesen wären. 

Ich habe in kürzester Zeit noch nie so viel Wasser getrunken wie in der Wüste „Namib“. Das musste ich auch, um nicht auszutrocknen. Ich fühlte mich an ursprüngliche menschliche Bedürfnisse erinnert: Hunger und Durst. 

Tief beeindruckt hat mich auch, wie grenzenlos sich die Sanddünen am Horizont verlieren Ich fühlte mich unglaublich frei, aber auch einsam. Und genau diese Erfahrung machte mich sehnsüchtig nach Nähe und Geborgenheit. Ich fühlte mich auf mein wirkliches Maß zurückgeführt.

Bei solchen Überlegungen habe ich nochmals neu wahrgenommen, welche zentrale Rolle die Wüste in der Geschichte Israels gespielt haben muss. 40 Jahre sind die Israeliten durch die Wüste gezogen, bis sie schließlich das „Gelobte Land“ erreichten. So berichtet es die Bibel. 

Auf diesem weithin beschwerlichen Weg wussten sich die Israeliten extremen Situationen ausgesetzt: Durst nach frischem Wasser. Hunger nach Brot. Vielfältige Gefahren der Wüste. Zermürbende Zweifel. Lebensbedrohliche Erschöpfung. Vor allem aber auch der Erfahrung, von Gott geführt zu werden und dann wieder verlassen zu sein. Die Wüste als Urbild des Lebens. 

Bei meinen Überlegungen in der Wüste „Namib“ hat sich in mir etwas tief eingeprägt: Wenn ich mich dieser endlosen Weite und dieser unheimlichen Leere ausgeliefert weiß, werde ich unweigerlich auf Gott zurückgeworfen - meine einzige Zuflucht.

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„Man kann nicht zweimal in den gleichen Fluss steigen“ – das hat der griechische Philosoph Heraklit um 500 v. Chr. gesagt. Und er hat als Begründung hinzugefügt: „panta rhei – alles fließt“. Mit diesen zwei Sätzen hat Heraklit etwas Wichtiges auf den Punkt gebracht: Egal, was ist, nichts bleibt, wie es war. Alles wandelt sich. Das Leben verändert sich. 

Früher ein Kind, dann ein Jugendlicher, schließlich Erwachsener – jetzt bin ich 73. Was ich alles werden wollte: Ich hatte vor, Zoologie zu studieren. Dann wollte ich Schiffskoch werden, später Schauspieler. Seit 45 Jahren bin ich nun Priester – zunächst Gemeindepfarrer, danach, bis zu meiner Pensionierung, Rundfunkpfarrer. 

Und auf diesem Weg ist auch nicht alles so geblieben, wie es einmal angefangen hat. Als Student meinte ich, mit anderen zusammen die Welt verändern zu können und die Kirche gleich mit. Die Jahre und die Wirklichkeit haben mich nüchtern gemacht. Ich weiß nicht mehr so viel, wie ich in jungen Jahren zu wissen meinte. Die Fragen sind mehr geworden und die Antworten weniger. 

Das heißt für mich aber nicht, nostalgisch-wehmütig zurückzublicken. Ich halte es immer noch für besser, wenn Jugendliche glauben, dass mit ihnen die Welt erst anfängt – als wenn alte Menschen immer wieder klagen, dass mit ihnen scheinbar die Welt aufhört. Es bleibt dabei: Nichts bleibt so, wie es einmal war. Dass sich alles wandelt, dass alles vergänglich, vorläufig und begrenzt ist – das ist wohl ein Wesenszug alles Irdischen, alles Menschlichen. 

Und dann ist in der Bibel etwas ganz anderes zu lesen. Jesus Christus sagt: „Bleibt in mir, dann bleibe ich in euch!“ (Johannes 15,4a) Ist das nicht das glatte Gegenteil zu: alles ist dem Wandel unterworfen? 

Ich verstehe dieses Wort von Jesus so: Er fordert mich nicht auf, in himmlische Sphären abzuheben. „Bleibt in mir, dann bleibe ich in euch!“ – das ist für mich eine wunderbare Zusage: Inmitten unserer irdischen Wanderschaft mit all den vielen Veränderungen – will Jesus ein Ruhepol sein. Er möchte eine persönliche Beziehung, eine Freundschaft mit uns eingehen - die „bleibt“, die verlässlich und von Dauer ist. Dieses „Bleiben“ ist sein Wesenszug, in dem unsere ganze Unruhe gut aufgehoben ist.

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Drei Dinge

muss der Mensch wissen,

um gut zu leben:

was für ihn zu viel,

was für ihn zu wenig,

was genau richtig ist.“ 

Diese Weisheit der Suaheli, einem afrikanischen Stamm, hat es in sich. Sie ist so richtig dem Leben abgeguckt. 

Was könnte zu viel sein? –

Wer von zu viel Arbeit überfordert wird, ist „burnout“-gefährdet. Wer nur Partys und Vergnügen im Kopf hat, dem wird dieses zu viel mit der Zeit auch langweilig. Ich kenne Menschen, die kaum mehr zu einem Gespräch fähig sind, die fast keinen Blick mehr für ihre Mitmenschen haben, geschweige für die Natur. Sie hängen, wann immer es geht, nach unten gebeugt über ihrem „Smartphone“. Ich kann auch nicht nachvollziehen, dass z.B. jemand, der viele, vielleicht zu viele Länder der Erde bereist hat, und jetzt – alt geworden – bei jeder Gelegenheit über sein Schicksal jammert.
Weil eben ein zu viel offensichtlich nicht gut leben lässt.
Was könnte zu wenig sein? Wenn jemand keine Gelegenheit bekommt, seine Fähigkeiten einzusetzen. Wenn jemand ohne Arbeit ist, denn Arbeit gehört zum menschlichen Leben.
Zu wenig ist, wenn Armut Menschen ins gesellschaftliche Abseits drängt, wenn sie vereinsamen und verkümmern. Zu wenig ist, wenn Armut Kinder und Jugendliche um ihre Zukunftsperspektiven bringt. Weil eben ein zu wenig überhaupt nicht gut leben lässt.
Was könnte genau richtig sein? Eine gesunde Balance von Arbeit und freier Zeit. Das Gespür für Menschen, die Hilfe brauchen. Die Einsicht, dass wesentliche Dinge im Leben nicht gekauft und nicht gemacht werden können, sondern geschenkt sind: Freundschaft, Vertrauen, Liebe. Wenn ich mich an der Schönheit des Oktober freuen kann und mithelfe, die Natur zu schützen. Wenn ich mit Humor so manchen Widrigkeiten begegnen kann. All das kann genau richtig sein, um gut zu leben.  

Vielleicht gilt sogar das: Wer annehmen kann, was das Leben schenkt; wer mögen kann, was er bekommt – der kann durchaus auch Glück kennen im Leben und anderen davon mitteilen.

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 – und 800 Jahre danach

 Dieser Heilige ist weit über die Grenzen der katholischen Kirche bekannt und beliebt: Franz von Assisi (1182-1226). Heute ist sein Gedenktag. Ist der Geist, die Spiritualität des Franz von Assisi auch nach 800 Jahren noch aktuell? - Ja! - Weil sie voll und ganz dem Geist Jesu entspricht: 

Franziskus war seiner Zeit weit voraus. Sein Leben war ein Plädoyer für Gewaltlosigkeit und Frieden. Einige Male hat er zwischen verfeindeten Städten vermittelt, so zwischen Perugia und seiner Heimatstadt Assisi. - In Israel und Palästina befinden sich die so genannten „Heiligen Stätten“, die an das Leben und Wirken Jesu erinnern. Dass es die bis heute gibt, verdanken wir Franz von Assisi und seinen Friedensgesprächen mit dem damaligen Sultan. Und nicht etwa den schrecklichen Kreuzzügen. 

Ein zweites: Ich nenne es die „ökologische Spiritualität“ des Franziskus. Mit seiner Wertschätzung für die Natur, besonders für die Tiere, war er ein einsamer Rufer in der Wüste. Zumal in der christlichen Theologie über die Jahrhunderte kein Baum herumstehen und in der Frömmigkeit kein Huhn herumtappen durfte. Hoffentlich haben wir nicht zu spät erkannt, dass wir uns nachhaltig um die „Bewahrung der Schöpfung“ kümmern müssen. 

Und noch etwas fällt auf: die „Armut“ des Franz von Assisi. Er wollte freiwillig (!) arm sein: um sich nicht abhängig zu machen, um nichts absichern zu müssen. Franziskus wollte einfach leben, solidarisch mit den Armen, den Kranken und den Ausgegrenzten der Gesellschaft. Bereits vor 800 Jahren hat er damit ein Zeichen gesetzt, dass wir nicht leichtfertig die Güter der Welt vergeuden dürfen. 

Die Spiritualität des Franz von Assisi entspricht der Spiritualität Jesu. Und die heißt: Liebe! Diese Spiritualität steht allerdings auf weite Strecken im Gegensatz zur Kirchengeschichte. Für Jesus und für Franziskus ist nicht die Wahrheit das höchste Ideal, sondern die Liebe, denn: Ohne Liebe ist nichts wahr!

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Exodus 32,7-11.13-14

24. Sonntag im Jahreskreis (C)

Ein seltsamer Text ist heute in den katholischen Gottesdiensten zu hören. Gott ist zunächst wütend auf sein Volk Israel. Dann bereut er seinen Zorn wieder. Was ist passiert? Warum ist Gott zornig? Das Volk Israel hatte sich von Gott abgewandt und sich fremden Göttern verschrieben. Aber warum ändert Gott sein Verhalten? Anscheinend nicht weil Gott nachsichtig geworden wäre. Sondern weil ihn Mose bedrängt und schließlich umgestimmt hat.*

Was aber bedeutet die Rede vom Zorn Gottes? – Die Menschen waren schon immer schnell dabei, sich einen zornigen Gott vorzustellen, wenn sie sich mit den dunklen oder unerklärlichen Seiten des Lebens konfrontiert sahen. Manche Menschen sind es gewohnt, so von Gott zu denken. Das hatte man einem auch lange genug gelehrt und anerzogen.

Ich bin aber davon überzeugt: Alle Bilder und Vorstellungen, die wir von Gott haben, sagen sehr viel aus über unsere Vorstellungen von ihm, aber wohl kaum etwas über Gott selbst. Abgesehen davon gibt es für mich zwei mögliche Erklärungen für die Rede vom Zorn Gottes.

Zum einen: Gott wird hier sehr menschlich beschrieben. Er thront nicht erhaben in seinem Himmel und lässt uns auf Erden zappeln. Wir sind Gott nicht gleichgültig. Er lässt sich betreffen von dem, was wir tun und lassen. Er nimmt unsere Freiheit ernst, weiß aber auch um unsere Schwachheit. So kippt Gottes Zorn dann wieder. Und seine Treue bricht durch, seine Nachsicht und sein Erbarmen.

Eine zweite Überlegung: Hier stütze ich mich auch auf Erkenntnisse der Bibelwissenschaft. Das Hebräische – die Sprache des Alten Testaments – kennt die beiden Wörter „strafen“ und „Strafe“ nicht. Wo in den Übersetzungen von „Strafe“ oder „strafen“ die Rede ist, geht es lediglich um die Folgen von dem, was Menschen tun oder lassen. Gott straft nicht.

Auch wenn manchen Menschen das Bild eines belohnenden und strafenden Gottes noch vertraut ist - solche menschlichen Vorstellungen können Gott nie gerecht werden. Nicht dem Gott, den die Propheten Israels verkündet haben. Schon gar nicht dem Gott, den Jesus verkündet und bezeugt hat. Für ihn ist Gott voraussetzungslos Liebe, Liebe ohne Schatten, ohne Hintergedanken. Ihm liegt unser Glück und Wohlergehen am Herzen.

 

Vgl. dazu auch: Genesis 18,23-33, Abraham ringt mit Gott

   um die Verschonung der Stadt Sodom.

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Er gewinnt nicht auf Anhieb die Herzen – er ist voller Widersprüche: Bernhard von Clairvaux. Er hat im 12. Jahrhundert gelebt. (1090-1153) Heute ist sein Gedenktag. 

Er muss ein innerlich zerrissener Mensch gewesen sein: liebevoll, sensibel und dann wieder verbissen intolerant und jähzornig. Im nächsten Moment ist er zärtlich gewesen zu denen, die er gerade attackiert und mit Worten verletzt hatte. 

Diese Widersprüchlichkeit durchzieht sein ganzes Wirken. Zum einen ist ihm die Reform der verweichlichten Mönchsorden ein Herzensanliegen. Der damals gegründete Zisterzienserorden mit seinem bewusst armen Lebensstil ist seine Heimat geworden. In diesem Geist hat er 65 Klöster gegründet. Die Geschichte der Zisterzienser atmet bis heute die Klosteranlage Maulbronn, besterhaltene Abtei diesseits der Alpen und UNESCO-Weltkulturerbe. 

Für Menschen aus allen Bevölkerungsschichten ist er Berater, Seelsorger und Ansprechpartner. Andererseits hat er sich in die unselige Idee mit den Kreuzzügen verrannt. Was sich als religiös verbrämte Eroberungsaktion von Abenteurern und Geschäftemachern entpuppen sollte – und unvorstellbares Leid und Elend zur Folge hatte. An kaum einer Persönlichkeit des Mittelalters ist die Widersprüchlichkeit und innere Zerrissenheit eines Menschen so erkennbar wie an Bernhard von Clairvaux. 

Auch wenn sich mein Leben längst nicht so dramatisch anhört – die widersprüchlichen Eigenschaften kenne ich auch bei mir. Und ich nehme an, das geht nicht nur mir so. Wie oft bin ich mir im Klaren: das zu tun ist richtig, das ist gut so – tu es dann aber doch nicht, vielleicht tu ich sogar das Gegenteil. Immer wieder leide ich unter solchen Widersprüchen. 

Was mich dann wieder tröstet, ist die Zusage in der Bibel: „Wenn das Herz uns auch verurteilt – Gott ist größer als unser Herz.“ ( 1 Johannes 3,20) Diese Zusage macht mir aber auch Mut, mich immer wieder zu bemühen: das Gute nicht nur  zu wollen, sondern auch zu tun.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=22496

„Die Batterien wieder aufladen“ – das sage ich, wenn ich spüre , dass es wieder mal an der Zeit ist, mich zu entspannen, eine Auszeit zu nehmen. Doch was ist das für ein eigenartiger Spruch – auspowern, wieder aufladen, auspowern, wieder aufladen …! Und in welche Richtung führt das? Was soll auf Dauer dabei herauskommen? 

Damit das nicht zum „Hamsterrad“ wird, möchte ich mich immer wieder fragen: „Warum bin ich hier? Führe ich ein einigermaßen erfülltes Leben?“ – Wenn ich mich auf solche Fragen einlasse, muss ich mir eingestehen: Vielleicht gibt es in meinem Leben noch etwas anderes als das, was ich schon immer kenne. 

So unterschiedlich die Lebensentwürfe auch sind, eines scheint vielen Menschen gemeinsam zu sein: Sie treffen Entscheidungen nicht auf Grund eigener Überlegungen, sondern auf Grund anderer, fremder Einflüsse – die gut gemeinten Ratschläge der Familie, sozialer Druck oder weil es die Tradition so will. Trotzdem: Auch wenn ich meinen Platz in der Welt nicht immer frei bestimmen kann, so habe ich doch die Möglichkeit, ihn zu gestalten. 

Und ich möchte aufpassen, denn: Wenn ich nicht mehr auf das bedacht bin, was ich gerne tue, was mich erfüllt - dann verbrauche ich kostbare Energie mit einer Menge anderer, oft nutzloser Dinge. So hat jemand herausgefunden, dass er hochgerechnet auf sein Leben mehr als ein Jahr mit überflüssigen Mails und unnützer Werbung verbringt. 

Trotz allem, was uns beigebracht wird, was wir glauben sollen, was uns die Werbung aufschwatzt, um glücklich zu sein – ich möchte nicht vergessen: dass ich mein Leben in Freiheit auch selbst kontrollieren, Entscheidungen selber treffen sollte. Selbst auf die Gefahr hin, dass manches schief geht oder gar scheitert. 

Da gibt es kein Patentrezept. Manche meditieren. Manche machen sich Gedanken, wenn sie ihre Lieblingsmusik hören. Viele verbringen Zeit in der Natur. Andere unterhalten sich gerne mit Freunden oder fremden Menschen. Wieder andere finden ihre Antwort in Büchern, Antwort in der Religion. 

Meine Freiheit bleibt eine Gratwanderung. Der Schriftsteller Reinhold Schneider (1903-1958) hat das so gesagt: „Der Mensch muss das Wagnis seiner Freiheit auf sich nehmen und damit auch die Möglichkeit, dass er an ihr scheitert.“

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