Manuskripte

Annette Bassler trifft Dr. Dr. h.c. Volker Jung, Präsident der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau

Zauber des Anfangs
Heute ist alles auf Anfang gestellt. Auch für den Kirchenpräsidenten der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, Dr. Volker Jung. Er steht für eine Kirche mit 1,5 Millionen Mitgliedern- das ist viel Arbeit und Verantwortung. Aber heute freut er sich einfach nur.

Ich freu mich eigentlich immer am 1. Januar, dass ein neues Jahr beginnt, weil ein neues Jahr auch immer neue Möglichkeiten eröffnet.

Und neue Chancen! Es anders machen, besser! Mehr Sport, gesünder essen- für mich gehört das immer dazu. Man muss nur wollen, dann schafft man es! Sagen manche. Und wenn es nicht klappt, dann liegt es eben an deinem Willen. Volker Jung sieht das anders.

Allein etwas zu wollen ist nicht die Kraft, die auch alles bewirkt… Glauben als eine Kraft, die alles bewirken kann, bedeutet ja nicht, dass allein der Glaube hilft, auch alle Dinge so zu sortieren und so hinzubekommen, wie wir es gerne hätten.

Disziplin und ein fester Wille sind prima. Aber damit haben wir nicht alles in der Hand. Weder unsre Gesundheit, noch unser Wohlergehen. Es braucht noch eine andere Kraft. Die Kraft Gottes, die uns über uns selbst hinauswachsen lässt. Das betrifft auch die Frage, wohin es gehen wird mit der Kirche.

Es gibt einen neuen Zukunftsprozess, weil wir uns darauf einstellen müssen, dass wir weniger Kirchenmitglieder haben, das ist eine Herausforderung, weil das bedeutet, dass man weniger Geld zur Verfügung haben wird.

Und was ihn am meisten umtreibt: es sind die jungen Leute, die sich von der Kirche abwenden, so das Ergebnis einer Studie. Und trotzdem ist die Situation für Volker Jung auch eine Chance.

Ich bin der festen Überzeugung, dass wir auch wenn wir weniger sein werden, trotzdem noch gebraucht werden und dass wir als Kirche eine Botschaft haben, die es wert ist, sich neu darauf zu besinnen: was sind eigentlich unsere Aufgaben? Und so möchte ich diesen Prozess gerne angehen.

Bisher war die Aufgabe der Kirche vor allem, vom Gott der Bibel zu erzählen und sich um die Benachteiligten und Schwachen in unserer Gesellschaft zu kümmern. Mit großer Sorge nimmt Volker Jung eine zunehmende Spannung wahr. Er spürt einen Riß quer durch die Gesellschaft. Weniger ein Riß zwischen Arm und Reich. Er sieht einen Riß entlang der Frage: wie hältst du es mit dem Vertrauen?

Da sind auf der einen Seite Menschen, die plötzlich allem und jedem misstrauen. Und dann gibt es auf der anderen Seite diejenigen, die sagen: nein, Misstrauen macht Leben kaputt, zerstört Zusammenleben. Wir brauchen Vertrauen, wir brauchen Vertrauen, dass es auch für uns eine Zukunft gibt nur so können wir wirklich gestalten.

Und genau hier sieht er die Kirche besonders gefordert. Um Vertrauen werben in Zeiten der Verunsicherung und Angst. Und zwar Vertrauen in Gott.

Es bedeutet, sich einer Kraft anzuvertrauen, die größer ist als wir selber, die uns aber in die Lage versetzt, auch mit den Dingen zurecht zu kommen, die uns entgegenstehen.

Vertrauen wagen

Seit 11 Jahren ist Volker Jung oberster Repräsentant der evangelischen Kirche in Hessen und Nassau. In dieser Zeit ist ihm viel Verantwortung zugewachsen. So ist er die Stimme der Evangelischen Kirche Deutschlands in Fragen der Medien, hat ein Buch übers Menschsein im Digitalen Zeitalter geschrieben. Und er erlebt, dass viele sich von der Kirche abwenden. Weil sie an den Gott der Bibel so nicht glauben können. Und weil sie mehr Zweifel als Glauben haben. Die Jahreslosung der Kirchen für das Jahr 2020 bringt es auf den Punkt.

Die biblische Jahreslosung „Ich glaube, hilf meinem Unglauben“ drückt das für mich aus, dass es da auch immer ein Wechselbad gibt und der Glaube nichts ist, was wir einfach verfügbar haben, sondern auch immer zugleich mit dem Zweifel konfrontiert ist. Und es ist trotzdem die große Ermutigung, grade aus dieser Geschichte heraus, sich Gott anzuvertrauen.

In der Geschichte bittet ein Vater Jesus darum, seinen kranken Sohn zu heilen. Aber er hat Zweifel, ob Jesus das kann. Heute fragen sich viele: wer kann Gott für mich sein?
Volker Jung sieht das so

Die Gottesfrage ist für mich eigentlich die große Vertrauensfrage. Kann ich mich Gott anvertrauen, sodass ich sage: ich spüre an mir selber: das Leben ist für mich ein Geschenk, da ist mir was gegeben worden, da bin ich selbst Teil einer Kraft, die das Leben gestaltet. Und auf diese Kraft vertraue ich.

Aber was tun, wenn die Zweifel einfach übermächtig sind?

Für mich ist das Gebet der Ort, wo ich auch diese Zweifel in Worte fasse oder dem Ausdruck gebe und mich dann selbst wieder an Gott klammere und sage Gott bitte erhalte mir mein Vertrauen, grade in solchen schwierigen Situationen.

Manchmal geht mir das auch so. Da rufe ich nach Gott, obwohl ich in dem Moment gar nicht daran glaube, gehört zu werden. Doch schon das Rufen löst etwas von meinem Lebenskrampf. Für Volker Jung ist es eine Grundhaltung. Den Kontakt mit Gott suchen und mit ihm im Kontakt bleiben, auch wenn man es nicht glaubt. Ich glaube, hilf meinem Unglauben.

Wenn man es im Glauben lebt, spürt man immer wieder, wie grade in solchen Momenten des Zweifels auch neues Vertrauen entstehen kann und auch neue Kraft zukommen kann.

Vertrauen haben ist für Kinder selbstverständlich. Für Erwachsene nicht. Sie haben die Erfahrung gemacht, dass Vertrauen auch missbraucht werden kann. Deshalb ist Vertrauen immer auch ein Risiko. Aber es gibt nichts Wichtigeres, als es immer neu zu wagen. Das wünscht Ihnen Volker Jung für das neue Jahr.

Ich wünsche Ihnen, dass Sie mit Vertrauen in dieses neue Jahr gehen können. Und ich wünsche Ihnen ganz besonders, dass Sie spüren, wie Gott Ihr Vertrauen stärken kann, wie Ihnen von Gott Lebenskraft und Hoffnung zukommt und dass Ihnen das auch Zuversicht schenkt, sich den Fragen zu stellen, die wir uns alle gemeinsam stellen müssen, nämlich eine gute Zukunft miteinander zu suchen.

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Cornelia Coenen-MarxAnnette Bassler trifft Cornelia Coenen-Marx, Pfarrerin, Unternehmerin

Wider die Einsamkeit an Weihnachten

Was braucht die Seele, damit sie heil werden kann? Und was muss Politik und Gesellschaft dafür tun? Das war schon immer ihre Frage- ob als Gemeindepfarrerin, als Leiterin einer diakonischen Einrichtung oder als Oberkirchenrätin der EKD in Hannover. Heute, mit 67 Jahren betreibt sie ihre eigene Agentur „Seele und Sorge“. Wie kommt man heil durch die Weihnachtstage? Ist meine erste Frage an Cornelia Coenen Marx. Und sie erzählt von ihrer großen Verwandtschaft, die sich am ersten Weihnachtstag alljährlich trifft.

Bei den Kleinen sieht man, wie sie wachsen und bei den Älteren sind auch schon welche gegangen. Jetzt sind Schwiegerkinder dabei, die aus der Slowakei kommen und ich merke, wie die europäische Veränderung sich in dieser kleinen Großfamilie niederschlägt

Weihnachten- ein ziemlich aufwendiges Unterfangen ist, allein schon die Anreise.

Es gab schon mal die Idee, ob wir uns nicht besser im Sommer treffen sollen, weil da kein Schnee liegt und die Fahrerei nicht so schlimm und ich hab‘ immer gedacht: wenn wir das anfangen, dann ist es vorbei. Wir brauchen dieses Fest, um uns zu spüren.

Weihnachten als Möglichkeit, einander besser zu spüren. Wenn man es denn kann- bei all dem Stress und der Dünnhäutigkeit. Für manche ist dann die Familie mit den- übers Jahr ungelösten Konflikten zu viel. Oder die Trauer um die abwesende Familie zu groß. Sie fliehen dann lieber aus dem Weihnachtszauber. Weihnachten für die Seele geht aber auch ohne leibliche Familie und ohne Flucht.

Wir hatten in der Kirchengemeinde, wo ich lange war, einen so genannten Gemeindeladen, wo mein Mann und ich an Heiligabend die Leute eingeladen haben, schönes Essen, ein Glas Wein. Das Weihnachtsritual, die gemeinsamen Lieder, die alle haben, die helfen, dass man sich ein bisschen wie Familie fühlt und wenn man ein bisschen erzählt, dann kommt auch was in Gang.

Vielleicht spürt man, dass man sie mit anderen teilen kann- die eigene Bedürftigkeit, die Sehnsucht nach einer besseren Welt und den Glauben, dass wir nicht gottverlassen sind. Dass er mitten unter uns ist, wenn wir singen und beten. Das verbindet auch an einer tiefen Stelle der Seele. Auch wenn man nicht miteinander verwandt ist.
Einsamkeit ist an Weihnachten besonders schmerzlich. Sie ist aber kein privates Problem, meint Cornelia Coenen- Marx. Einsamkeit ist unsere neue Volkskrankheit. Und einen großen Anteil daran hat verfehlte Sozialpolitik.

In Großbritannien gibt es ein Ministerium für Einsamkeit seit 2018. Und das ist superinteressant, weil die sich ganz besonders um Menschen in den Regionen kümmern, wo die Verkehrsmittel nicht fahren, wo die Kneipen geschlossen sind, wo Leute wirklich vereinzeln, weil sie nämlich gar nicht rauskommen, um mit Anderen was zu machen.

Menschen werden krank, wenn sie sich nicht austauschen können, wenn sie zwar versorgt, aber nicht mehr wichtig für andere sind. Unser soziales Leben braucht eine Seele.

Die Seele des Sozialen

Das Soziale braucht nicht nur finanzielle Ausstattung, es braucht auch eine Seele. Meint Cornelia Coenen- Marx. Wenn Sozialarbeit funktionieren soll, braucht es einen besonderen Spirit. Und den hat Cornelia Coenen- Marx entdeckt, als sie sich mit der Geschichte der Diakonissen beschäftigt hat. Warum haben die Diakonissen so lange Zeit die Gemeinden so gut versorgt? Drei Dinge sind da zusammengekommen.

Das ist auf der einen Seite dieses Engagement, dass Leute etwas finden, wo ihr Herz schlägt und die leiden, wenn sie keine Zeit haben, das zu tun. Was heute ja auch passiert. Das zweite ist Gemeinschaft, ich glaube für das Soziale brauchen wir Teams, wir brauchen Austausch, auch mal jemand, der mitträgt und vertritt und so. Und das dritte ist Spiritualität. Zu wissen, dass da was ist, was mich unmittelbar angeht, wo ich auch unvertretbar bin.

Arbeiten, wo das Herzen schlägt, arbeiten im Team, und arbeiten mit der inneren Gewissheit von sowas wie einer Berufung. Das ist es, was Soziale Arbeit beseelt und was Freude schenkt. Aber viele Arbeitsplätze im sozialen Bereich lassen dafür nicht genug Zeit. Umso wichtiger, dass es das Ehrenamt gibt. Wo Menschen mit großer innerer Befriedigung ihrem Herzen folgen und sich in Teams engagieren.

Es gibt eine Kirchengemeinde in Württemberg, die machen einen so genannten Wägelestreff. Das heißt, die treffen sich am oder im Gemeindehaus und von da aus geht man durch die Kleinstadt mit Rollstuhl, Rollator, alles, was die Leute haben und macht gemeinsam in dem Tempo, das die Leute brauchen, einen Spaziergang. Wägelestreff.

Unglaublich, was es in Deutschland da alles gibt rund um die Kirchengemeinden! Schwärmt Cornelia Coenen- Marx. Ob Wägelestreff, Flüchtlingsarbeit oder Trauercafé, im Grunde läuft alles auf eins hinaus: die ganz einfache Begegnung von Mensch zu Mensch. Und genau das hat was mit der Botschaft von Weihnachten zu tun.

Gott wird Mensch- unter Umständen, die wir gar nicht göttlich finden. Wir sagen Stall und Krippe oder Notunterkunft oder auf der Flucht. Da wird Gott Mensch. Und wenn ich jetzt davorstehe, dann sehe ich ja nicht: aha, hier wird Gott Mensch! Sondern dann sehe ich: da liegt ein schreiendes Kind, das braucht Versorgung. Da sind Menschen auf der Flucht, die brauchen Essen und ein Dach über dem Kopf!

Und genau hier etwas zu suchen, was über das Schmerzliche hinausgeht- dazu will Weihnachten verlocken. Weihnachten will meine Augen und mein Herz dazu verlocken, da nicht stehenzubleiben. Weihnachten will sagen: gerade hier und jetzt will Gott mir begegnen.

Indem ich mich auf den Alltag einlasse, also auch auf ein Fest, was ich mal allein feiern muss. Indem ich mich einlasse, steckt in meinem Herzen die Hoffnung, dass ich was entdecken kann von diesem: Gott wird Mensch. Dass er doch in dieser Situation bei mir ist.

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Annette MehlhornAnnette Bassler trifft Dr. Annette Mehlhorn, Pfarrerin der deutschsprachigen Gemeinde in Shanghai

Heimat finden im Glauben
Seit 6 Jahren lebt und arbeitet sie in Shanghai. Als Pfarrerin für die deutschsprachige Gemeinde dort.

Shanghai ist eine absolut faszinierende Stadt, ich hab in Rom, in Jerusalem und in Berlin gelebt, aber Shanghai übertrifft sie alle.

Stadt der Zukunft, so nennt sie ihr katholischer Kollege. Mit dem sie diese „ökumenische Gemeinde“ leitet. Eine Community von 9000 Deutschen lebt in Shanghai. Wirtschaftsexperten, Manager, Vertreterinnen internationaler Firmen.

Die Deutschen, die man hier trifft, das sind alles Pioniere, sonst würden die nicht hierherkommen. Und das heißt, du hast hier mit Menschen zu tun, die eine sehr hohe Bereitschaft haben, sich hier auf ein Wagnis einzulassen, auf ein Experiment und das find ich für mich sehr vorteilhaft, weil ich auch eine war, die immer gern ausprobiert hat.

So organisiert sie Spaziergänge durch die Stadtviertel, in denen sie von der christlichen Geschichte und Kultur der Stadt erzählt. Diese Community weiß es aber vor allem sehr zu schätzen, dass die beiden Geistlichen gut ausgebildete und dem Beichtgeheimnis verpflichtete Seelsorger sind. Oft ist sie und ihr Kollege der letzte Anker, ein Fels in der Brandung.

In der Seelsorge geht es oft um handfeste Probleme in den Familien: die Männer, die fremdgehen, die Männer, die mit ihrem Leistungsverhalten nicht klarkommen und die Frauen, die nicht damit klarkommen, dass die Männer dauernd weg sind. Die Kinder, die zum Teil dann auch von den Eltern viel alleingelassen werden und deshalb dann über die Stränge schlagen.

Diese Expats- Menschen, die im Ausland leben- oft führen sie ein unstetes Leben. Wechseln manchmal alle zwei Jahre das Land, die Sprache, das Zuhause, den Bekannten- und Freundeskreis. Was für eine Herausforderung! Auch und gerade für den Glauben. Annette Mehlhorn versucht Antworten auf Fragen wie: Was gibt mir Halt in dieser Heimatlosigkeit? Was macht mich stark, wenn meine Leistungsfähigkeit nicht genügt?

Zum einen ist für die Deutschen sehr wichtig, dass sie in der Gemeinde einen Ort haben, wo es eben nicht um Leistung und Erfolg und Größe und Stärke und Geld geht, sondern wo es um eine andere Wertigkeit.

Nicht Leistung, sondern Liebe macht uns zu denen, die wir sind. Und die können wir uns nie erarbeiten, die ist ein Geschenk. In der Fremde habe auch ich die Botschaft von der Gnade Gottes ganz neu entdecken können. Und so geht es den Deutschen, die in Shanghai leben.

Die Uhren ticken hier schneller. Dass man einen Moment innehalten kann, dass man einen Moment zur Ruhe kommt- selbst die Konfirmanden. Ich frag ja am Ende des Konfirmandenjahrs immer: was hat euch am besten gefallen? und sie sagen: die Gottesdienste und die Predigten. Das hab ich in Deutschland selten von Konfirmanden gehört.

Fremdheit kann beflügeln

Seit 6 Jahren ist Annette Mehlhorn Pfarrerin der deutschsprachigen Gemeinde in Shanghai. Sie wohnt in einem Hochhaus im 24. Stock inmitten von Chinesen. Auf dem Weg zu ihrer Wohnung schlendere ich durch eine supermoderne Einkaufsmall und durch ein Sträßchen mit niedrigen Häusern. Vor jedem Haus sitzt jemand und verkauft etwas.  Eine junge Frau zum Beispiel sitzt inmitten von Plastikschüsseln mit  Fischen drin. Vor meinen Augen holt sie einen Aal aus dem Wasser, tötet ihn, nimmt ihn aus und reicht ihn einer Kundin. Daneben ihr Baby in der Wippe. Annette Mehlhorn kennt und mag ihre Nachbarn, macht jeden Morgen mit ihnen Tai Chi im Park. In der Wohnung angekommen, lädt mich Annette Mehlhorn zum Tee ein. Als ich ihr von ihren Nachbarn erzähle, lacht sie.

Die sind unglaublich neugierig hier, die Leute und kontaktfreudig und gesellig fröhlich und die wollen was wissen und.- die Menschen hier sind auf eine ganz eigene Art und Weise demütig, bescheiden, grad so die einfachen Leute.

Aber gerade die- widerspreche ich ihr, die kümmern sich nicht darum, wenn ein Fremder auf der Straße liegt und sichtlich in Not ist. Da ist nix mit „barmherziger Samariter“. Das – erklärt sie mir- hat was mit der Kultur hier zu tun.

Wenn du Menschen nicht kennst und keine Beziehung zu denen hast, hast du auch keine menschlichen Verpflichtungen denen gegenüber. Aber wenn du Menschen kennst, dann sind die von einer Freundlichkeit und einer Gastfreundschaft und einer Beziehungsstärke, die ist wirklich bemerkenswert.

Schroffheit im öffentlichen Raum und überwältigende Herzenswärme, wenn man sich kennt- genau das habe ich auf Reisen auch erlebt. Müssten wir einander nicht einfach besser kennenlernen?

Ich bin eine vehemente Vertreterin des Dialogs schon immer gewesen. Ich glaube, der Dialog ist das Mittel, Menschen miteinander zu verbinden und ihnen auch zu helfen, ihre Interessen miteinander auszuwägen. Das ist nicht ganz einfach hier, weil das eigentlich nicht sehr gewünscht wird. Aber auf der anderen Seite: wenn du signalisierst, dass du Interesse an den Leuten hast, dass du etwas vorantreiben willst, dann haben die auch einen sehr hohen Respekt vor dir und unterstützen dich.

Am Ende meines Besuches macht mich Annette Mehlhorn neugierig. Sie erzählt mir von chinesischen Christen, die sie kennt.

Was ich immer total spannend finde ist, wenn ich mit chinesischen Christen über ihren Glauben rede und darüber, wie chinesische Geschichte und Kultur in ihren Glauben einfließt und wie die sich dort wiederspiegelt.

Annette Mehlhorn entdeckt das besonders daran, wie die Chinesen die Bibel in ihre Sprache übersetzen. Für die meisten Chinesen stehen das Wohl der Gemeinschaft und materieller Wohlstand an erster Stelle. Dass das Wohl des Einzelnen wertvoll ist- noch bevor er etwas geleistet hat, dass Gott jeden Menschen voraussetzungslos liebt- in Shanghai hat für mich diese Botschaft Jesu einen ganz neuen Glanz bekommen.

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Martin SchleskeAnnette Bassler trifft Martin Schleske, Geigenbaumeister aus München
 
Klangsucher und Gottsucher
Es ist schon eine Weile her, dass ich ihn getroffen habe, aber was er gesagt hat, wird mir immer wichtiger. Wie finde ich Ruhe in dieser aufgeregten Zeit? Und was ist meine Aufgabe, was kann ich beitragen zum Frieden? Martin Schleske meint: durch Musik. Indem ich Musik zu mir sprechen lasse. Martin Schleske war sein ganzes Berufsleben auf der Suche nach dem richtigen Klang. Als Geigenbaumeister. Und als Gottsucher. Und er meint: Musik ist die Sprache, in der Gott zu uns spricht.

Ich sag manchmal meinen Kunden, ganz egal ob die gläubig sind oder nicht, sage ich: Du hast einen priesterlichen Dienst. Da gucken die mich ganz groß an. Warum priesterlichen Dienst? Und dann sage ich: Du hast das Recht bekommen, dadurch dass du Musiker bist, die Menschen zu segnen, die Seelen zu segnen mit der Musik.

Martin Schleske ist ein faszinierender Mensch. Allein schon äußerlich. Mit seiner Lederkappe und Weste über dem Hemd- erinnert er mich an Bilder alter Handwerksmeister. Und das will er auch sein. Ein Nachfahre von Geigenbauer wie Stradivari. Und zugleich als Diplomphysiker ein Experte auf dem Gebiet der Geigenakustik. Auf der Suche nach dem einen, besonderen Klang.

Und das geschieht, ob du es merkst oder nicht, wenn du quasi der Musik dienst. Also wenn du  nicht dein Ego auf der Bühne rausspielst – was viele machen – sondern wenn du sagst, nein ich diene einer Wahrheit, die geht über mich hinaus. Und das ist die Musik. Und darin segne ich die Menschen. Sonst würde keiner ins Konzert gehen, wenn es nicht heilsam wäre.

Heilsam- das hat  was mit Heil zu tun. Mit dem, was Leib und Seele zusammenbringt und lebendig macht. Was die Seele aufatmen lässt, dass man sich wie neu geboren fühlt.

Und das ist für mich so das, wo ich als Instrumentenbauer hinterher bin. Nicht einfach banal ein guter Klang, sondern. Ich such den heilsamen Klang. Und das ist das, was meine Berufung ist als Instrumentenbauer, diesen heilsamen Klang zu schaffen.

Lange hat er sich mit den Stradivarigeigen aus dem 18. Jahrhundert beschäftigt. Deren  Klang hat ihm die Ohren geöffnet, seitdem kennt er die wahre Schönheit von Musik. Seitdem ist er auf der Suche nach dem rechten Klangholz, dem rechten Schwingungsverhalten und dem richtigen Lack. Und er mag sie, diese Unruhe. Diese Sehnsucht.

Also ich lass mir das nicht mehr aufoktroyieren, man müsse zufrieden oder glücklich sein. Ich sag das sind keine kreativen Eigenschaften. Sondern so ne gewisse Unzufriedenheit, die ne Leidenschaft hat, einen Klang schaffen zu wollen.Man spielt das Instrument und steht wie in so einer Klangwolke, einer Wolke von Schönheit. Und man wird, man wird im Grunde wie in ne andere Welt versetzt. Es entsteht ein vollkommen angstfreier Raum, weil  sie einen einnimmt, durch ihre Schönheit.

Und dieser angstfreie Raum verändert den, der ihn durchschreitet. Macht ihn stärker, ja auch liebesfähiger. Darum geht’s nach dem nächsten Titel.

Musik hilft, die Schattenseiten des Lebens anzunehmen

Martin Schleske hat als Geigenbaumeister viele klangvolle Geigen gebaut. Dabei aber hat er einen neuen Zugang zu Gott gefunden. Für ihn ist Musik ist eine der Sprachen, in der Gott zu uns spricht. Musik hilft, die Welt sehen und ertragen zu können so, wie sie ist. Voll von Krieg und Hunger und Leid. Wie gehen wir damit um, mit diesem Leid, mit dem Kreuz, das viele tragen müssen? Der Tod Jesu am Kreuz ist eine Antwort auf diese Frage.

Das Kreuz, das Kreuz Jesu  habe ich  ganz neu begriffen durch meinen Beruf. … - zu begreifen, was es heißt, dass Gott verletzbar ist. Und wirklich es gibt nichts und nichts Verletzbareres als Gott. Weil:  es ist die Verletzbarkeit der Liebe.

Gott ist verletzbar, weil er die Liebe ist. Und das bedeutet: wenn wir verletzt sind und leiden, dann sind wir Gott ganz nah. Dann sind wir wie er Liebende. Sind eben nicht abgestumpft und kaltherzig.  Sondern gemeinsam mit Gott unterwegs auf einem Weg, der nicht mit dem Leiden endet, sondern mit der Auferstehung.

Und Auferstehung heißt, dass doch eine Ahnung davon entsteht. Am Ende kommt doch die Liebe Gottes zum Ziel. Es kommt zum Ziel, aber es braucht lang. Viel Zeit!

Wann kommt sie endlich zum Ziel-  die Liebe Gottes? Wann verwandelt sie die Herzen? Und wo kann ich sie jetzt schon erfahren, diese Liebe Gottes, die am Ende zum Ziel kommt?

Ja, es klingt vielleicht pathetisch ein bisschen, aber  es spricht etwas zu meiner Seele. Und die Musik ist für mich eigentlich die Sprache Gottes oder das Gebet Gottes. Die Musik ist fast so was wie: dass Gott in die Welt hineinspricht, schlicht und ergreifend, damit wir die Welt ertragen können. Ohne Musik könnten wir unser Leben, glaube ich, nicht ertragen. Oder wir könnten die Welt nicht ertragen.

Die Schönheit von Musik. Der heilsame Klang, mich macht das geradezu sehnsüchtig.

Einfach nur der Seele zu erlauben, zu singen und sich zu freuen am Klang und, ja Musik ist in Klang gegossenes Gebet. Also ich muss keine Worte machen, um zu beten. Es ist, ich sag es so: Gott hört den Klang meines Herzens. Den kann ich jetzt noch formulieren in Worte, die sind oft sehr unbeholfen. Aber mein Gebet, unser Herz, betet sowieso.

Gott erlauben, dass er zu mir spricht. Mit der Musik ist das möglich. Wenn ich bereit bin, dass sie mich umgibt mit ihrem Klang,  in einem Raum voller Schönheit. Für mich sind das die Violinkonzerte von Mozart, die Matthäuspassion von Bach. Aber auch Pop- und Jazzmusik. Da hat jeder seine eigenen Vorlieben. Für Martin Schleske ist vor allem wichtig, sich das Herz berühren zu lassen. Vom Zauber der Musik.

Wenn wir in der Liebe sind werden Dinge zu uns sprechen, werden Menschen zu uns sprechen, werden Situationen zu uns sprechen und Gott wird ständig zu uns sprechen, weil wir es erlauben durch die Liebe. Das ist das Tor, das sich öffnet.

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Annette Bassler trifft Ulrich Kasparick, Pfarrer i.R., parlamentar. Staatssekretär i.R.Ulrich Kasparick

Klimawandel: Alarmstufe rot

Aufgefallen ist er mir durch seine Posts auf Facebook. Da war er Pfarrer in der Uckermark. Kurz vor seiner Pensionierung hat er die Organisation „für unsere Enkel. Org“ gegründet. Noch vor der Schülerbewegung Friday for future hat er täglich die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse zum Thema Klimawandel gepostet. Mit dem Kommentar: wir haben „Alarmstufe rot“. Das wollte ich von ihm näher wissen und habe ihn in Berlin besucht.  

Und jetzt müssen wir wirklich entscheidende Einschnitte hinkriegen politisch. Die Physiker sagen uns, die Klimawissenschaftler der Vereinten Nationen sagen uns: wir haben noch 10 Jahre. Wenn wir das in den 10 Jahren nicht schaffen, dann geht die Natur über einen so genannten Kipp-Punkt. Und wenn der überschritten ist, dann können wir noch so viele Solaranlagen auf die Dächer schrauben, dann können wir es nicht mehr drehen.

Nur noch 10 Jahre für die Reduktion des CO2 Ausstoßes. Damit die Klimaerwärmung nicht zum Selbstläufer und zur Katastrophe für Millionen Menschen auf der Erde wird. Ist das nicht ein Klimahype? Woher sind Sie sich da so sicher? Wollte ich von Ulrich Kasparick wissen. Da hat er mir erzählt von seiner Zeit in der Bundespolitik. Als   Stellvertreter des Bundesumweltministers. Da hat er nämlich alle maßgeblichen Institute der deutschen Umweltforschung besucht und ist seitdem mit deren Direktoren und vielen Forschern und internationalen Wissenschaftlern vernetzt. Deren Erkenntnisse, die keine Massenmedien erreichen, teilt er auf Facebook. Außerdem weiß er wie Energiepolitik funktioniert.

Wir sind im europäischen Energieverbund. Das ist jetzt schon so, dass wenn ein Land Probleme hat mit der Energieversorgung, gibt’s einen europäischen Ausgleich, na klar. Es ist jetzt so, dass wir so viel Kohlestrom haben in Deutschland, dass wir den Kohlestrom verkaufen. Zum Beispiel nach Frankreich und dafür den Windstrom runterregeln. Wo gibt’s denn sowas?!

Je mehr ich mich in die Materie vertiefe, desto mehr erschüttert mich das. Alles, was wir derzeit erleben an Hitze, Dürre, Überschwemmung und Wirbelstürmen gründet auf eine Erderwärmung um 1,1 Grad. Die Erwärmung um 3 Grad, auf die wir zusteuern, hätte apokalyptische Folgen. Darin sind sich alle namhaften Wissenschaftler weltweit einig.  Während wir diskutieren und reden, läuft die Zeit ab. Warum rufen wir nicht den Klimanotstand aus? Warum stellen wir nicht die Klimafrage bei allen politischen Entscheidungen an die erste Stelle? Für Ulrich Kasparick ist die Kluft zwischen dem, was passiert und dem, was politisch getan wird, schwer auszuhalten. Was er tut, tut er für die Generation seiner Enkel. Und weil die Welt für ihn Gottes Schöpfung ist.

Als glaubender Mensch bin ich immer mit einem Fuß im Himmelreich und weiß, jederzeit kann es heißen: so komm, jetzt gehst du woanders hin. Aber bis dahin bin ich aufgefordert meine Verantwortung wahrzunehmen. Wir sind verantwortlich für diese Schöpfung.

Verantwortung für Gottes Schöpfung heute

„Für unsere Enkel.Org“- so heißt die Umweltplattform, die Ulrich Kasparick gegründet hat. Als pensionierter Politiker und Pfarrer wollte er noch was für die Generation seiner Enkel tun. Und seine Verantwortung als Christ für Gottes Schöpfung leben.

Ich glaube, dass das, was die Schüler uns jetzt vormachen, mit dazu hilft, dass sich auch die Älteren  nochmal zusammenreißen und sagen: Mensch, wir sind ne Generation- da sind die Grünen draus hervorgegangen und die Bürgerbewegung und die Friedensbewegten und die Schüler sagen uns: ihr wart nicht klar genug. Und vielleicht, wenn man sich jetzt unterhakt- vielleicht kriegen wir die Kurve noch.

Die Europawahl hat das Thema Klimapolitik ganz nach oben befördert. Aber die eigentliche Bewährungsprobe steht erst bevor. Die praktische Umsetzung der vielen Absichtserklärungen. Durch Steuern, Gesetze, Fördermaßnahmen.

Die Kommunen sind ganz zentrale, wichtige Player, weil sie zB. mit den Stadtwerken, die sie haben, Einfluss nehmen können auf die Energiepolitik. Viele Kommunen sind da wirklich großartig, aber sie brauchen die Unterstützung des Bundes.

Regelungen und Verbote haben mir geholfen, umzudenken und umzulernen. Wäre es nicht verboten, im Auto mit dem Handy zu telefonieren, ich würde es heute noch tun. Genauso ist das mit dem umweltbewussten Verhalten. Privat und auf der Ebene der Politik.

Wir haben in der Vergangenheit die Städte um die Autos herumgebaut, wir müssen sie wieder um den Menschen herumbauen und das bedeutet ganz andere Verkehrsinfrastrukturen- also Stärkung des Öffentlichen Nahverkehrs, Radverkehr, Fußgängerzonen, all diese Dinge.

Und was könnte man alles gestalten durch eine CO2 Abgabe. Erneuerbare Energie fördern, sozialen Ausgleich schaffen für die, die sich umweltfreundlich momentan nicht leisten können. All die guten Ideen, Stadtteilinitiativen und Genossenschaften vernetzt Ulrich Kasparick gern und vermittelt Kontakte. Regional und global.

Ganz wichtig ist 350.org.  Das ist ein weltweites Netzwerk, von Kippen gegründet, der ist Träger des alternativen Nobelpreises. Die machen einerseits Öffentlichkeitsarbeit, aber über 350.org ist man auch sehr gut verknüpft mit diesen Alternativbewegungen, die es überall auf der Welt gibt.

Umwelt, Natur, Klima- für mich ist das immer schon Gottes Schöpfung. Im Wald, in den Bergen, am Meer oder einfach in meinem Garten fühle mich Gott ganz nah. Als Christin glaube ich, dass uns Gott abhandenkommt, wenn wir Gottes Schöpfung nicht bewahren. Das ist Ulrich Kasparick und mir ein Herzensanliegen. Deshalb hat er sich entschieden, seinen Ruhestand nicht ruhig zu verbringen, sondern engagiert. Für seine Enkel. Und für Gottes Schöpfung.

Die Energie bei mir ist eigentlich so, dass ich sage: wir haben die Verantwortung. Dietrich Bonhoeffer hat mal den schönen Satz gesagt: „Es kann sein, dass der Herrgott uns morgen zu sich ruft, dann werden wir unser Tagewerk aus der Hand legen, vorher aber nicht.“

 

WWW.fuer-unsere-Enkel.org

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Heute wird nicht gearbeitet. Heute feiern wir, dass es das gibt: gute Arbeit! Vielleicht haben Sie auch eine gute Arbeit. Eine, die Sie gerne machen. Die Ihnen das Gefühl gibt, etwas Gutes für Andere zu tun. Eine, mit der Sie sich und Ihre Familie ernähren können.

Ich kenne niemanden, der nicht auch gerne arbeitet. Arbeiten ist nicht das Problem. Sondern dass jemand die falsche Arbeit macht. Dass die Arbeitszeit nicht stimmt. Oder der Lohn. Darum haben am Ende des 18. Jahrhunderts die Arbeiter in Washington gekämpft. Dass es neben der Arbeit auch noch Zeit zum Schlafen und Freizeit gibt. Dass der 8 Stundentag zur Normalität wird. Daran erinnert der heutige Tag. Bis heute haben Arbeitnehmer dafür kämpfen müssen. Freiwillig bekamen sie es nie.

Vielleicht ist deshalb das biblische Gleichnis so brisant. In dem Jesus Gott mit einem Arbeitgeber vergleicht. Der stellt Tagelöhner ein- zu einem festen Tagessatz. Die Tagelöhner wirbt er auf dem Arbeitsmarkt in der Stadt ab. Morgens, mittags und nachmittags.

Als der Arbeitgeber am Ende des Tages seine Arbeiter auszahlt, bekommen alle das Gleiche. Egal, ob sie morgens, mittags oder nachmittags angefangen haben zu arbeiten. Das ist ungerecht, sagen die Ganztagsarbeiter. Wir haben mehr geleistet, also kriegen wir auch mehr.“

Der Arbeitgeber- also Gott- denkt aber anders. „Ihr habt bekommen, was wir vertraglich ausgemacht haben. Genug zum Leben für diesen einen Tag. Und genau das brauchen doch auch die, die erst nachmittags angefangen haben. Genug zum Leben für diesen Tag. Oder ärgert ihr euch, dass ich gütig bin?“

Leistung oder Güte. Modern ausgedrückt: Leistung oder Solidarität und Menschlichkeit. Nach welchem Prinzip verteilen wir, was wir haben? Die begrenzten Ressourcen, das begrenzte Budget?

Jesus sagt: An oberster Stelle steht Menschlichkeit und Solidarität. Erst dann kommt das Prinzip Leistung. Es darf nicht sein, dass die Leistungsstarken so viel bekommen, dass für die Anderen nicht genug übrig bleibt für ein menschenwürdiges Leben. Oder - um es mit den Worten des himmlischen Arbeitgebers zu sagen: Warum ärgert ihr euch, wenn ich gütig bin?

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Was für eine Wonne! Wenn man jetzt über Wald und Feld spaziert. Dieses zarte Grün, diese Blütenpracht. In den Gärten duftet es nach Flieder und Lavendel. Und in der Luft summt und brummt und zwitschert es!

„Die Erde bringe hervor lebendiges Getier, ein jedes nach seiner Art: Vieh, Gewürm und Tiere des Feldes, ein jedes nach seiner Art.“ Das sagt Gott am Anfang der Schöpfung, nachzulesen in der Bibel ganz vorne. Mir ist, als ob Gott das jeden Frühling wieder sagt: Schaut und riecht und hört, was da so alles fliegt und krabbelt und hüpft. Ein jedes nach seiner Art. Sehr gut! sagt Gott.

Und lädt uns ein, sie auch so zu sehen, die Artenvielfalt. Das ist gar nicht selbstverständlich, wie mir vor kurzem wieder klar geworden ist. Das war beim Abendessen in fröhlicher Runde. Eine Freundin hat leckeren Salat gemacht. Frisch aus dem Garten, mit Kräutern und Walnussstückchen. Als ich mir grade ein sauerwürziges Salatblatt auf der Zunge zergehen lassen, sehe ich, wie sich was bewegt: ein Stückchen Walnuss. Krabbelt ganz langsam in Richtung Tellerrand.

Ich stupse meine Freundin an: „Guck mal, die Walnuss lebt!“  Und sie, mit der größten Selbstverständlichkeit: „Ach das Käferchen! Vorhin ist es auf dem Tisch rumgekrabbelt. Jetzt sitzt es im Salat! Wie süß!“

Alle nicken und essen weiter, ich auch- immer das Käferchen im Blick. Das inzwischen auf dem Kerzenständer sitzt. Und dann auf der Lampe. Wie süß! finden alle.
Ich frage mich: Warum habe ich früher alles entsorgt oder weggesaugt, was in der Wohnung rumgekrabbelt ist? Statt es- wenn auch mühsam- nach draußen zu befördern. Lebend.

Artenvielfalt ist doch „sehr gut“! Nicht nur Bienen, auch kleinste Käferchen sind wichtig für die Kreisläufe der Natur. Heute freue ich mich über jedes Insektenhotel, über ein bisschen verwilderte Vorgärten und Felder, die auch mal brach liegen dürfen, weil die Kommune das den Bauern finanziert.

Siehe, sie ist sehr gut! sagt Gott über die Artenvielfalt. Wenn das nächste Mal ein Walnussstückchen durch den Salat krabbelt, werde ich versuchen, mich entspannt zurückzulehnen und durchzuatmen- bis es vom Teller gesprungen ist.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=28551

Demut- das ist der Mut, sich dem Wettstreit der Eitelkeiten zu entziehen. Seit ich diesen Satz gelesen habe, denke ich häufiger darüber nach.  Der Mut, sich dem Wettstreit der Eitelkeiten zu entziehen.

Für mich trägt dieser Mut zur Zeit das Gesicht eines jungen Mädchens. Greta Thunberg, die 16 jährige schwedische Umweltaktivistin. Mit ihrem Schild „Schulstreik fürs Klima“ hat sie eine weltweite Schülerbewegung losgetreten. Friday for future. Mich fasziniert, wie Greta Thunberg auftritt: vor dem Weltwirtschaftsgipfel in Davos, vor dem Europarat, vor der UNO. Überall kritisiert sie die, vor denen sie spricht. Dass sie ihrer Verantwortung für das Klima nicht gerecht werden. Dass sie die Bürde des Klimawandels ihren Kindern und Enkeln überlassen.

Für ihr Engagement wird sie bejubelt, belächelt und angegriffen. Sie nimmt das alles ganz gelassen. Weil es ihr egal ist, wie man sie als Person findet. Dieser Wettstreit der Eitelkeiten, in dem sie sich als öffentliche Person bewegt, sie macht ihn einfach nicht mit. Mich fasziniert das, auch wenn ich weiß, dass sie als Asperger- Kind nicht so anfällig dafür ist, von anderen gemocht zu werden.

Dass sie trotz heftigem Widerstand an ihrer Mission festhält, finde ich mutig. Es ist diese Mission, die sie umhüllt wie ein Schutzmantel. Sie hilft ihr, sich dem Wettstreit der Eitelkeiten einfach zu entziehen.

Ich bin mir meiner Mission nicht so gewiss wie Greta Thunberg. Was könnte für mich so ein Schutzmantel sein? Wenn ich mal wieder von möglichst allen gemocht werden will? Wenn mich Kritik persönlich trifft? Was hilft, mich dem Wettstreit der Eitelkeiten zu entziehen?

Mir hilft, wenn ich mit Gott ins Gespräch gehe. Wenn ich Gott frage: wie findest du mich? Was würdest du an meiner Stelle tun? Jesus hat gesagt: Wenn du nach Gottes Willen fragst, wird er bei dir sein. Seine Liebe wird dich umhüllen wie ein Schutzmantel. Denn vor Gott musst du nichts werden. Du bist schon Gottes geliebtes Kind.

Ich glaube, solche Geborgenheit macht stark und mutig. Demütig und aufrecht den eigenen Weg zu gehen.

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Annette Bassler trifft Werner Eckert, Journalist, Redaktionsleiter „Umwelt und Ernährung“
 
Er kann hochkomplizierte Dinge wunderbar einfach erklären. Und das tut der 59 jährige schon sein ganzes Leben. Als Journalist für Umwelt- und Ernährungsfragen. Und weil er für die ARD von den Weltklimakonferenzen berichtet, war er dieses Jahr auch in Kattowice. Dort ging es um wirksame Beschlüsse gegen den menschengemachten Klimawandel. Wie ist das mit denen, die den Klimawandel insgesamt leugnen?

Das hat sich wirklich jetzt erledigt, da gibt es keinen Zweifel mehr und selbst wenn, sagt jeder denkende Wissenschaftler: wir wissen so viel, dass wir handeln müssen.

Handeln. Aber wie muss man sich das vorstellen?

Man kann sich das vorstellen als eine Mischung aus Uniseminar, einer Vereinssitzung nur in riesig und einer großen Ausstellung. Die Staaten haben Stände. Es ist eine Tauschbörse für Informationen, auch ein universitäres Ding fast, weil es sehr viele Seminare gibt. Also wenn man sieht, dass zu so ´ner Klimakonferenz so zwanzigtausend Menschen sicherlich im Laufe  der Zeit mal kommen, dann sind einige Hundert davon wirklich direkt in die Verhandlungen involviert. Das ist nicht so, dass das nur Klimaverhandlungen wären, es ist der Klimabasar.

Ein Basar, auf dem verhandelt und gefeilscht wird. Und das dauert. Viel zu lange schon, sagen viele. Machen solche Konferenzen überhaupt noch Sinn? Wenn Werner Eckert davon erzählt, empfindet er fast sowas wie Ehrfurcht.

Weil die Klimakonferenzen international schon dazu geführt haben, dass in vielen Nationen Prozesse angestoßen worden sind. Das dauert alles zu lang und das ist zäh, aber es ist ein Riesending, dass die Weltgemeinschaft mit fast 200 Staaten sich jedes Jahr trifft, um ein globales Problem wirklich auch anzugehen. Das gibt es für kein anderes Thema, das gibt es nur für Klimawandel.

Und noch etwas gibt er mir zu bedenken:

Das Problem ist, dass das gleichzeitig ja auch der größte Umbau der Weltwirtschaft ist, der jemals geplant von statten gegangen ist. Man hat Zusammenbrüche gehabt auf Weltebene, aber einen geplanten Umbau in diesem Maßstab hat es noch nie gegeben.

Als Kommunikationswissenschaftler erinnert sich Werner Eckert immer wieder an ein Grundgesetz: menschliches Verhalten zu ändern dauert, dauert lange. Und weil das so ist, darf man nicht so schnell aufgeben. Braucht einen langen Atem. Ich kann ihm da nur recht geben. Wie lange hat es bei mir persönlich gedauert, weniger Plastikmüll zu produzieren. Umso komplizierter ist das bei Staaten.

Und das ist so gigantisch und dabei gibt es so viel zu gewinnen und zu verlieren im wahren ökonomischen Sinne, dass die Staaten das halt sehr fein austarieren wollen immer aus Angst, dass sie selbst auf der Strecke bleiben könnten.

Was also könnte diesen Prozess voranbringen?

Teil 2

Werner Eckert hat sich schon immer mit Fragen der Umwelt und der Ernährung beschäftigt. Schließlich ist er auf einem Bauernhof groß geworden und kennt Landwirtschaft von der Pike auf. Für seine Arbeit als Journalist hat er einiges mitnehmen können.

Ich glaube, ein Blick über die Dinge drüber, ein Bauer muss eben technisch, biologisch, ökonomisch denken, damit das funktioniert. Das ist nie optimal gelaufen auf dem Hof, aber im Grundsatz ist das vorhanden, dass man in mehreren Kategorien denkt, so wie Nachhaltigkeit mehrere Kategorien hat.

Viele leben derzeit nachhaltiger. Steigen auf erneuerbare Energien um, essen weniger Fleisch, nutzen öffentlichen Nahverkehr, vermeiden Flugreisen. Oder demonstrieren für Klimaziele, wie das derzeit viele Schülerinnen und Schüler tun.

also wenn ich sowas sehe, dann finde ich das großartig, dass Menschen konsequent sind, dass sie sich selbst anstrengen, ist unglaublich wichtig. Aber ich hab auch zu oft gesehen, dass diese Wellen kommen und gehen. Wenn das nicht irgendwo politisch festgetackert wird, dann ist das immer von verbleichendem Charme.

Verbleichender Charme- den sehe ich auch bei den vielen kirchlichen Bemühungen um die Bewahrung der Schöpfung. So haben die Kirchen in einer gemeinsamen Erklärung schon 1990 bekräftigt: „Das Land gehört Gott. …Der Mensch soll Boden und Gewässer so nutzen, dass die Erde regelmäßig ihre lebensspendende Kraft wiederherstellen kann... Wir, die Kirchen, werden jeder Politik widerstehen, die Land als bloße Ware behandelt.“ (1) Warum hatte das keine durchschlagende Kraft? Werner Eckert meint: nur Forderungen, die in praktische politische Beschlüsse und Gesetze umgesetzt werden, sind nachhaltig. Dazu aber müssten Politiker Beschlüsse und Gesetze erlassen. Und sie müssten erklären, was das für uns alle bedeutet.

Dann, finde ich, müsste man das unaufgeregt auch aussprechen, den Leuten reinen Wein einschenken und auch aushalten, dass es einen irrsinnigen Aufschrei geben wird. Das geht nämlich an die Emotionen. Und meine große Hoffnung ist, dass trotzdem die Gesellschaft als Ganzes das hinkriegt.

Ich bewundere die klare, nüchterne Sicht von Werner Eckert. Merke aber zugleich, dass ich nicht aufhören möchte, an Wunder zu glauben. Die hat es ja auch gegeben. Unerwartete Entwicklungen, Wendepunkte, die sich niemand wirklich erklären konnte. Ich will an den Gott glauben, der denen hilft, die sich um seine Schöpfung mühen. Und wenn alles zu spät ist? Trotzdem ein Apfelbäumchen pflanzen? Werner Eckert, gut katholisch erzogen, ist dabei.

Pflanzen ist mir aus der Kindheit heraus sehr bekannt, wir haben sehr viel gepflanzt, ich würde auch nicht aufhören zu pflanzen. Die Welt als biotisches System überlebt sowieso.  Es gibt eigentlich nur die Möglichkeit, so gut es geht an den Problemen zu arbeiten und sich immer im Klaren zu sein: es wird nicht optimal laufen.

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Humor ist auch eine gute Geschichte. Weil: mit Humor kommt man besser aus unguten Geschichten raus. Manchmal könnte man sich doch den ganzen Tag aufregen. Da hat man einen super Zeitplan. Schnell noch von A nach B. Dazwischen einkaufen und Briefe zur Post. Und alles würde super klappen, wären da nicht andere, die einen ausbremsen. Mich zum Beispiel hat jemand ausgebremst, weil er einfach bei grün an der Ampel stehengeblieben ist bis es wieder rot war.

„Na toll! Jetzt komm ich zu spät und kriege wieder was zu hören von wegen nicht pünktlich, klage ich einer Freundin, man könnte sich den ganzen Tag aufregen!“  „Stimmt, sagt sie, man könnte sich den ganzen Tag aufregen. Aber man ist nicht verpflichtet dazu!“

Wir schauen uns an und auf einmal ist der Druck raus. Humor ist eine gute Sache. Wenn man die Spur wechseln will. In Mainz, wo ich lebe, wird grade wieder der Humor zelebriert. Auf der Gass und im Saal. Ursprünglich hatten sich die Mainzer auch furchtbar aufgeregt. Über ihre französischen Besatzer. Aber sie sind darüber nicht verbittert geworden, sie haben den organisierten Humor erfunden. Fassenacht mit der Narrengruß- Hand an der Narrenkappe. Damit haben sie den militärischen Gruß der Franzosen lächerlich gemacht. Gute Geschichte. Mit Humor die Perspektive wechseln. Angst und Ärger verlachen. Und wieder wissen, was wichtig und was unwichtig ist. Und dass keiner von uns der liebe Gott ist.

Für meinen Ärger habe ich mir deshalb eine Sammlung von guten Geschichten und Pointen zugelegt. Hilft ungemein. Eine gute Geschichte ist mir wieder eingefallen, nachdem mich jener Mann an der Ampel ausgebremst hat. Die Geschichte hat mir ein Mann erzählt, dem genau das in Mainz passiert ist. Weil er an der Ampel auf eine Karte geschaut hat, hat er verpasst loszufahren und hat es erst gemerkt, als sie von grün auf gelb auf rot umgesprungen ist.

Kurz darauf klopft jemand an seine Scheibe. Er zieht den Kopf ein und lässt das Fenster runter. Da steht ein Mann und lacht ihn an und sagt: „Na junger Mann, war keine Farbe für sie dabei?“ Gute Geschichte. So eine wünsche ich Ihnen heute.

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