Manuskripte

26JUN2020
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Die Oberschwaben haben einen schöneren Himmel als die Stuttgarter. Das habe ich als Kind und Jugendliche jedes Jahr von Neuem gedacht. Wenn ich im Sommer die Ferien an den Seen zwischen Ravensburg und Bodensee verbracht habe. Der Blick in den schwarzen Nachthimmel war überwältigend. Ich konnte mich gar nie sattsehen an den unzähligen Sternen. So einen Himmel habe ich von zuhause nicht gekannt.

Jedes Jahr verlieren wir ein Stück dieses Himmels. An immer weniger Stellen gibt es noch eine echte, richtige Dunkelheit. Mittlerweile leben 80 Prozent der Menschen weltweit unter einem künstlich aufgehellten Himmel. Diese künstliche Beleuchtung wird Lichtverschmutzung genannt.
Man könnte sagen – na und! Dann sehen wir halt weniger Sterne. Aber es geht dabei um viel mehr: Wo Sterne wegen zu viel künstlichen Lichts nicht mehr zu sehen sind, ist unser Ökosystem in Gefahr; denn: über die Hälfte aller Lebewesen ist nachtaktiv! Schmetterlinge lassen sich vom nächtlichen Licht irritieren, es hält sie vom Bestäuben ab. Zugvögel verlieren die Orientierung, denn normalerweise nutzen sie das Licht der Himmelskörper um zu navigieren. Und wir Menschen? Unsere innere Uhr gerät aus dem Takt. Das Schlafhormon Melatonin wird verzögert ausgeschüttet; da reicht es schon aus, wenn wir kurz vor dem zu Bett gehen noch vor dem Computer oder dem Fernsehbildschirm sitzen. Über Schlafstörungen müssen wir uns dann nicht wundern.
Wir bringen uns um unseren Himmel! Doch das geht auch anders, denn Lichtverschmutzung ist kein Naturgesetz. Sie ist menschengemacht. Und dass eine Veränderung möglich ist, das beweist uns, mal wieder, Corona. Es gibt Messungen, die zeigen, dass die Lichtverschmutzung in manchen Städten während der vergangenen Monate deutlich zurückgegangen ist. Weniger Geschäftigkeit; weniger Menschen waren unterwegs, das war sicher ein Grund dafür. Viele wichtige Fragen sind noch nicht beantwortet, auch diese: Muss jedes Rathaus und jeder Kirchturm nachts beleuchtet sein?

Was wir aber sehen, wenn der Himmel in einem guten Zustand ist, das können wir zum Glück auch in Deutschland noch erleben. Hier gibt es sechs große Lichtschutzregionen. Sie heißen Sternenparks. Zu finden sind sie auf der Schwäbischen Alb, im Nationalpark Eifel, im bayerischen Reit im Winkl, im Harz, in der Rhön und im Westhavelland. Vielleicht ein lohnendes Ziel für den Sommerurlaub zuhause. Und den sollten wir am besten nicht mit Solarlampen im Garten flankieren. So umweltfreundlich diese Lichtquelle auch ist – wenn wir ins Bett gehen, brennen die Lampen weiter. Ich habe deshalb unsere guten alten Weckgläser wieder aus dem Keller geholt und große Kerzen hineingestellt. Die kann ich auspusten, wenn die letzten Gäste gegangen sind. Dann kann ich den Garten für ein paar Stunden sich selbst überlassen, ganz ohne Störung. Und wir wahren damit vielleicht die kleine Chance, uns den Himmel wieder zurückzuholen.

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25JUN2020
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In Krisenzeiten werden die Geschichten menschlicher Hoffnung neu geschrieben. Diese Ahnung hat einen evangelischen Pfarrer aus St. Gallen in der Schweiz umgetrieben, als das Corona-Virus zu einer Pandemie geworden ist. Und deshalb hat er mitten in der Krise ein ganz besonderes Projekt ins Leben gerufen. Er hatte die Idee, die Bibel abzuschreiben. Nicht alleine. Er hat übers Internet mehr als 1.000 Schreiberinnen und Schreiber gesucht. Genau so viele, wie es Kapitel im Alten und Neuen Testament gibt. Jeder sollte ein Kapitel auswählen, Zeichnungen hinzufügen oder einen Kommentar unter der Textstelle hinterlassen; erzählen, wie sie oder er die Bibelstelle in dieser Zeit erlebt. Am Ende wird daraus eine neue Bibel-Ausgabe gebunden, die Corona-Bibel.

Innerhalb von nur wenigen Wochen waren alle Kapitel vergeben, das Interesse war riesig. Wahrscheinlich so groß wie die Sehnsucht der Menschen, Teil einer neuen Hoffnungsgeschichte zu sein. Auch mich hat das Projekt fasziniert und ich habe daran mitgeschrieben. Jesaja 22, das war mein Kapitel, willkürlich gewählt. Nachdem ich den Text zum ersten Mal gelesen hatte, war ich wenig begeistert. Durch den Propheten Jesaja hat Gott über die heidnischen Völker sein Urteil gesprochen. Und das war kein gutes. Der Text ist düster. Es gibt kaum positive Worte, nur: Schmerz, Schuld, Zerbrechen, Weinen und Klagen. Kurzum: Dieses Bibel-Kapitel hat nichts von einer Hoffnungsgeschichte, es bleibt ohne happy end. Aber die Lektüre hat mich ermuntert weiterzublättern, davor und danach. Ich wollte schauen, wie es zur Katastrophe gekommen ist und wie es bei Jesaja weitergeht. 
Dieses Schreib-Projekt hat mich wieder mit der Bibel in Verbindung gebracht; mit unbekannten Texten und vergangenen Zeiten. Was mich an der Bibel fasziniert ist, dass sie die Erfahrungen unserer Vorfahren mit Gott festgehalten hat. Und sie damit für uns lebendig geblieben sind. Das gibt mir einen Rahmen; ich glaube nicht allein. Ich bin eingebunden in den Strom der Generationen und deren Gotteserfahrung. Es hilft mir, auf Gott zu vertrauen; weil andere vor mir schon mit Gott gelebt haben.

Jesaja habe ich beim Blättern durch seine 66 Kapitel neu kennengelernt. Neben all seiner harten Worte und seiner Kritik an den Zuständen hat er gehofft und geahnt, dass es nicht so bleiben wird. Der Prophet hat rund 800 Jahre vor der Geburt von Jesus gelebt. Aber er hat schon damals von ihm erzählt: „Das Volk, das im Dunkel lebt, sieht ein helles Licht; über denen, die im Land der Finsternis wohnen, strahlt ein Licht auf. Denn uns ist ein Kind geboren …“. Ich bin beeindruckt. Wie sich alles immer wieder fügt. Und mit welcher Klarheit Jesaja schon damals die Geschichte menschlicher Hoffnung geschrieben hat. 

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24JUN2020
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Durch Corona ist auch für mich so manche Tür in diesem Jahr zugefallen – aber gleichzeitig haben sich andere geöffnet. Eine davon ist die Tür zum Kellerraum einer Schule. Dahinter hat unsere Kirchengemeinde vor zwei Jahren einen Verkaufsraum eingerichtet. Einmal in der Woche werden hier Lebensmittel in einem improvisierten Tafelladen angeboten. Und weil ich während Corona auf einmal Zeit hatte, habe ich dort einige Wochen ausgeholfen. Ich habe Gemüse sortiert, Kunden bedient, kassiert – und bin mit Menschen zusammengekommen, denen ich normalerweise nicht begegne. Einer von ihnen ist Batu*. Er hilft regelmäßig im Laden; lädt Kisten ein und aus und sortiert Lebensmittel. Er ist mir gleich aufgefallen. Weil er aufmerksam war, flink und immer den richtigen Handgriff gemacht hat. Gut Deutsch spricht er noch nicht, aber wir haben uns verständigen können. Weder sein Akzent noch sein Äußeres haben mich erkennen lassen, aus welchem Land er kommt. Also habe ich ihn gefragt. Als er mir gesagt hat „aus der Türkei“ bin ich hellhörig geworden. Wer in dieser Zeit aus der Türkei flieht, der tut dies sehr oft aus politischen Gründen. Und genau so ist es. Er ist wegen Erdogan hier, hat er mir erzählt. Batu hat seinen Job als Laborant verloren – und seine Frau ist seit drei Jahren in der Türkei im Gefängnis. Jetzt will er besser Deutsch lernen und dann eine Ausbildung machen zum Altenpfleger. Zu seiner Frau hat Batu nur indirekt Kontakt. Direkt mit ihr zu telefonieren, ist zu gefährlich. Die Verbindung zwischen den Beiden läuft über mehrere Verwandte und verschiedene Handys. Ich habe ihn auf die Corona-Situation im Gefängnis angesprochen. Er hat nur die Augenbrauen hochgezogen: Ja, dort gibt es etliche Corona-Fälle; aber Erdogan dementiert das.

Ich habe durch einen Türspalt Einblick nehmen können in das Leben von Batu. Ich bin jetzt zurück in meinem so freien und geradezu sorglosen Leben. Trotzdem denke ich: Es macht einen Unterschied, ob ich in der Zeitung von Flucht, Unterdrückung oder Armut lese – oder ob ich diesen Menschen zumindest schon einmal ins Gesicht gesehen habe. Ich wünsche mir, jeder von uns hätte immer mal wieder die Zeit und die Möglichkeit, sich sozial zu engagieren. Und Mitbürger kennenzulernen, denen man normalerweise nicht begegnet. Diese Begegnungen öffnen.
Ich kann Batus Leben nicht weiter begleiten oder gar teilen, aber etwas habe ich ihm zugesagt: Am Ende meines Einsatzes im Tafelladen wollte ich wissen, wie er es schafft durchzuhalten. Er hat gesagt, er hat immer Hoffnung. Hoffnung, dass alles gut wird. „Fünf Jahre muss meine Frau im Gefängnis bleiben, dann kommt sie frei!“ Dann hat er mich angesehen und gesagt: „Bitte, bete für mich und vor allem, bete für meine Frau“. Das werde ich. Das habe ich ihm versprochen.

*Name geändert

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23JUN2020
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Auf den ersten Blick gibt es keine Gemeinsamkeit. Zwischen Heiner Wilmer, dem katholischen Bischof von Hildesheim, und meiner 15-jährigen Tochter. Trotzdem haben beide genau dieselben Fragen gestellt; zur selben Zeit. Jetzt, während der Corona-Pandemie. Sie lauten: „Welche Relevanz hat die Kirche?“ und „Wozu sind Christen eigentlich da?“
Bischof Wilmer hat sehr früh vor einer „Fixierung nur auf die Eucharistie“ gewarnt. Weil es eine Flut an Gottesdiensten gegeben hat, die im Internet übertragen wurden. Ich habe das gut nachvollziehen können; denn wenn etwas in den Medien über Kirche während Corona berichtet wurde, dann ging es meist darum, wann und wie Gottesdienste unter welchen Auflagen gefeiert werden können. Was viel weniger Beachtung gefunden hat: in diesen Corona-Monaten ist ganz viel unterhalb des Sichtbaren geschehen; denn: Christen sind Experten für Seelsorge und Hoffnungsarbeit. Sie haben Kranke und Sterbende in Kliniken und Hospizen begleitet, sie haben unter den Fenstern von Seniorenheimen musiziert, sie haben für Familien Ostertüten gepackt. Für Obdachlose gekocht. Telefondienste eingerichtet. Einkaufshilfen organisiert. Die Liste ist lange.

Die Kirchen sind aktuell fast leer, vor Corona waren sie auch nicht voller. Welche Relevanz hat die Kirche noch? Neben allem, was im Einzelfall reformiert werden muss, braucht es noch eine grundsätzliche Antwort, findet der Hildesheimer Bischof: Warum machen wir das alles überhaupt? Warum Kirche, warum Glaube? Auch mich beschäftigt das. Und ich merke eine Antwort fällt mir nicht leicht: Ich glaube, dass meine ganze Lebensweise eine Antwort sein muss: wie ich mich benehme, wie ich Menschen begegne, mit welcher Haltung. Wo ich einkaufe und wie ich mit der Natur umgehe. Und noch etwas – und das ist der schwierigste Part: Als Christ muss ich zeigen, dass ich glaube. Dass ich vertraue. Auf Gott und seine Gnade. Ich kann mir selbst kein perfektes Leben machen. Ich muss etwas offenlassen. Ich muss mir erlauben nach dem zu suchen, das über das Materielle hinausweist. Der Theologe Eckhardt Nordhofen nennt es das „übernatürliche Brot“. Darüber sprechen zu können, empfinde ich als große Herausforderung.
Vielleicht sind meine Antworten und das, was ich vorlebe, für meine Tochter noch nicht konkret genug. Aber ihre Reaktion auf den amerikanischen Präsidenten Donald Trump zeigt mir: eine Ahnung davon, wie man einen Christen beschreiben kann, ist mindestens bei ihr angekommen. Wegen eines Pressetermins hatte Trump eine Demonstration gegen Rassismus und Gewalt mit Tränengas auflösen lassen. Anschließend hat er eine Bibel in die Hand genommen und hat sie in die Höhe gereckt. Meine Tochter hat es mit den Worten kommentiert: „Das hat ja jetzt wohl gar nichts mit Gott zu tun!“

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22JUN2020
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Manchmal stehe ich ganz früh auf. Sehr früh, noch bevor die Sonne aufgeht. In diesen Wochen ist das gegen 5.00 Uhr. Diese Tageszeit ist normalerweise überhaupt nicht meine Sache. Freiwillig früh aufgestanden bin ich bisher nur, wenn wir in den Urlaub gefahren sind, um den Staus aus dem Weg zu gehen. Und dann habe ich den ganzen Tag gemurrt, weil ich müde war.

Warum habe ich es in den letzten Monaten trotzdem getan? Warum bin ich losgefahren oder gelaufen, mit meinem Rucksack und dem Fotoapparat? Raus aufs Feld oder zum Trauf der Schwäbischen Alb? Ich habe es mir selbst erst im Nachhinein beantworten können.
Weil ich ab und zu einen neuen Anfang suche. Und die Corona-Zeit hat so einen Anfang geradezu herausgefordert. Wie so viele andere Familien bin auch ich mit meinen Kindern über Wochen fast überwiegend im Haus gewesen. Es ging gut. Anfangs holperte es etwas, wie sollte es auch anders sein. Wir mussten erst lernen, wie Schule zuhause gut gehen kann. Und wie wir uns organisieren müssen, damit meine Arbeit nicht ganz liegen bleibt, die Wäscheberge trotzdem kleiner werden und täglich drei Mal Essen auf dem Tisch steht. Aber eines haben wir über die drei Monate ohne Schule und feste Zeiten im Büro nach und nach verloren: unseren Tagesrhythmus. Wir haben alle keinen Wecker gestellt, abends wurde es oft spät; morgens auch. Die Tage sind alle ähnlich abgelaufen und dahingeschlichen. Wir mussten sogar aufpassen, dass wir die Feiertage nicht verpasst haben.

Es gibt viele Möglichkeiten, den Anfang eines Tages zu gestalten: Für die einen ist es das Gebet oder die Meditation am Morgen. Für andere der Kaffee draußen, auf der Terrasse. Mancher Anfang beginnt auch am Abend. Mit dem Blick zurück auf den vergangenen Tag. Oder mit dem Griff zum Buch, noch ein paar Seiten lesen vor dem Einschlafen. Neu anfangen heißt nicht zwingend, das Leben neu auszurichten. Sondern sich auf diesen besonderen Moment wirklich einzulassen.
Auf der Suche nach dem Anfang ist mir die Natur in den letzten Monaten eine Hilfe gewesen. Die Verbindung mit der Schöpfung hat mich dem Ur-Anfang, wieder nahegebracht. Und damit auch Gott.
In diesen Momenten unter freiem Himmel habe ich seine schöpferische Kraft gespürt: Wenn das Licht den Schatten verschiebt. Wenn die Dämmerung nach und nach die Farben freigibt. Es ist die heilsame Kraft des Anfangs, der uns bei Gott immer offen steht. Diese Anfänge am frühen Morgen haben mir Ruhe verschafft, für mich und für meine Familie. Und der Rhythmus der Schöpfung hat meinen eigenen Rhythmus neu justiert.

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03APR2020
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Baskenmütze. Dazu ein weißer Bart und eine schlichte, eckige Brille auf der Nase. So behalte auch ich den Mann aus Nicaragua in Erinnerung. Vor vier Wochen ist Ernesto Cardenal gestorben, mit 95 Jahren. Begegnet bin ich ihm vor vielen Jahren auf einer Lesung. Mit einem Liebesgedicht hatte er die Lesung begonnen. Es war die Huldigung an seine große Jugendliebe. Damals war ich irritiert. Wie passte das zusammen? Denn dort vorne auf der Bühne saß nicht nur ein Schriftsteller, der Gedichte vorgetragen hat, sondern auch der katholische Priester.
Das Vorurteil, katholische Priester wüssten nichts über die Liebe zu sagen, weil sie sich da nicht auskennen, das hat auf Ernesto Cardenal jedenfalls nicht zugetroffen. Mehr noch: Für alles, was er in seinem Leben getan hat, war die Liebe der Ausgangspunkt. Aus ihr hat er alles abgeleitet. In einem einzigen Satz hat er mir und der Welt seine Logik erklärt: "Die Liebe zur Schönheit der Natur und zu den Frauen hat mich zu Gott geführt, und die Liebe zu Gott zur Revolution."
Diese Worte haben mir geholfen zu verstehen, weshalb Ernesto Cardenal sich in die Politik seines Heimatlandes immer wieder eingemischt hat. Und warum er bis zum Äußersten gegangen ist und sich am Sturz eines Diktators in Nicaragua beteiligt hat. Um Jesus nachzufolgen hat es seiner Ansicht nach nicht ausgereicht nur in der Kirche zu predigen: er hat eine gerechte Gesellschaft gefordert und das nicht erst im Jenseits. Deshalb hat er gehandelt. Aus Liebe zu den Menschen und aus Liebe zu Gott.
Cardenal hatte viele Unterstützer, nicht nur in Lateinamerika, auch in Europa. Doch der Vatikan ist mit Cardenals Radikalität nicht klargekommen. Als er nach der Revolution Kultusminister gewesen ist, hat Papst Johannes Paul II. ihn aufgefordert, sich zu entscheiden: Kirche oder Politik. Für Cardenal gab es nichts zu überlegen, er blieb als Christ Politiker. Der Papst hat ihn daraufhin suspendiert; er hat ihm verboten, Gottesdienste zu feiern und Sakramente zu spenden. 35 Jahre lang.
Papst Franziskus hat die Suspendierung letztes Jahr aufgehoben; ein Jahr vor Cardenals Tod. Endlich! 

Wenn ich heute Diskussionen darüber höre, ob sich Kirche in die Politik einmischen darf, dann gibt es für mich nur eine Antwort: Ja, sie muss es sogar! Gott hat kein exklusives Zuhause unter dem Dach der Kirche. Im Gegenteil: Gottes Zusage von Liebe und Gerechtigkeit gilt allen Menschen. Damit diese sich aber erfüllt braucht es Menschen, die aus dieser Liebe heraus handeln, in Kirche undGesellschaft – wie Ernesto Cardenal.

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02APR2020
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Vor fast genau sieben Jahren ist es passiert: Jorge Mario Bergoglio tritt als neu gewählter Papst Franziskus zum ersten Mal auf den Balkon über dem Petersplatz. Und er lächelt dabei. Diese Bilder des freundlichen älteren Herrn sind bei Vielen gut angekommen. Aber die Priester in Buenos Aires haben sie fassungslos gemacht. Denn sie haben ihren ehemaligen Bischof nicht wieder erkannt: Bergoglio hatte niemals gelacht. Sein Leben lang war er ein griesgrämiger Intellektueller mit mürrischer Miene. Und jetzt das: ein strahlender Mann, der den Menschenmassen zuwinkt. Sie haben ihren Augen nicht getraut. 2015 haben diese Priester ihrem ehemaligen Chef einen Brief geschrieben. Und ihm folgende Frage gestellt: „Warum hast Du uns 20 Jahre lang Dein Lächeln verwehrt?“

Ich war beeindruckt, als ich von dieser Verwandlung gehört habe. Ein Vatikan-Journalist hat es so erklärt: Jorge Mario Bergoglio ist klar gewesen, dass ein neuer Papst stark sein muss; damit er den Kampf im Inneren der Kirche aufnehmen kann. Und einen freundlichen Papst zu stärken ist leichter, als einen Griesgram. Franziskus hat all seine verschüttete Freude hervorgeholt – und vom ersten Moment an auf dem Balkon über dem Petersplatz sind die Sympathien der Menschen auf seiner Seite gewesen.
Ich habe mich gefragt, ob ich da vielleicht Franziskus ähnlich sein könnte? Steckt in mir auch etwas, das noch verborgen ist? Kann ich anders? Gibt es etwas, das ichmeinen Mitmenschen verwehre? Ja, ich wäre tatsächlich manchmal gerne ein bisschen anders. Einfach positiver, gelassener. Eigentlich würde auch ich gerne mehr lächeln. Nicht so oft meckern und zetern mit mir und meiner Familie. Über die Jahre habe ich es mir bequem gemacht in meinem Leben; im wahrsten Sinne des Wortes: Lieber Sofa und Kuchen als Bewegung und frische Luft. Mir fehlt es an Ausgleich und Balance, das spüre ich. Und wohl auch deshalb bin ich schnell genervt und schimpfe. Zu Beginn der Fastenzeit habe ich einen Entschluss gefasst: Körper und Geist brauchen frischen Wind.
Ich habe mir ein neues Fahrrad gekauft, das war schon lange mein Wunsch. Und jetzt fahre ich. Seit Aschermittwoch zweimal in der Woche. Und wenn es nur eine Viertelstunde ist. Ich verzichte auf Kuchen und Sofa an diesen Tagen. Es tut mir gut! Und: Was der Papst mit seinen 76 Jahren geschafft hat, das muss ich wenigstens versuchen: Wer zur Tür hereinkommt, der bekommt erstmal ein Lächeln. Ich bin überrascht: Das geht viel leichter als ich dachte.
Von Franziskus heißt es übrigens: im engsten Kreis ist er ab und an wieder der missmutige und verschlossene Priester. Das beruhigt mich. Denn auch ich werde sicher nicht ganz ohne zetern und schimpfen auskommen – aber am Anfang sollen das Lächeln und die Freude stehen.

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01APR2020
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Grüne Almwiesen, blauer Himmel und Berggipfel in der Sonne. Da entsteht bei mir ein Gefühl von Romantik und heiler Welt. Das sind die Bilder, die ich bisher mit dem Wort „Heimatfilm“ verbunden habe. Das hat sich geändert. Seit ich den Kanal „SWR Heimat“ kenne. Zu finden ist er bisher nur im Internet und auf der Plattform Instagram. Bestimmt hilft Ihnen jemand, wenn Sie sich da nicht auskennen. In SWR-Heimat erzählen Menschen ihre Geschichte. Mit Fotos oder in kurzen Videos, meistens nur zwei oder drei Minuten lang. Aber es reicht aus, um genug zu erfahren: wer da eigentlich in unserer Heimat lebt. Wie es dem nebenan geht. Und warum er so lebt. Die Autoren fragen jedes Mal nur: Wer bist Du und was ist Deine Geschichte?
Ein Film hat mich besonders berührt. Er erzählt von Frank aus Oberschwaben. Seine Leidenschaft ist es, auf Partys Musik zu machen; er ist DJ. Der Film begleitet ihn zu seiner letzten Veranstaltung. Denn Frank hat kaum noch Kraft, er leidet unter Muskelschwund und wiegt keine 30 Kilo mehr. An diesem letzten Abend liegt er auf einer Matratze, wird beatmet – und macht Musik. Das Ganze vor allem deshalb, weil er Spenden sammeln will für einen Jungen im Rollstuhl.

Ich finde es mutig und richtig, den Begriff Heimat so offensiv zu verwenden. Weil Heimat für Viele immer noch negativ besetzt ist, weil er altmodisch und spießig klingt. Und weil Heimat politisch missbraucht wird. Ganz anders in diesenHeimat-Geschichten. Dort gibt es eine bunte Vielfalt. Die Filme machen Freude! Weil sie öffnen, weil sie zeigen, wie schön, wie mutig und wie überraschend unsere Nachbarschaft und unsere Gesellschaft ist. Ich begegne Menschen, denen ich sonst nie über den Weg laufen würde. Die Hauptdarsteller in den Filmen sind keine Promis, es sind Zufallsbegegnungen. Ich bin begeistert, wen ich hier kennenlernen darf. Zum Beispiel die Straßenmusikerin aus der Ukraine und den ehemals Obdachlosen aus Cannstatt. Den türkischen Taxifahrer und die Jugendliche mit einer seltenen Krankheit. Und das homosexuelle Paar aus Schwaben mit ihrem kleinen Sohn.

Es ist nachgewiesen: In Zeiten, in denen sich vieles ändert, wird der Begriff Heimat wieder häufiger verwendet. In so einer Zeit leben wir gerade. Dann ist es entscheidend, mit welchen Bildern und Geschichten Heimat verknüpft ist. Die Heimatgeschichten machen mir eines ganz deutlich: jeder – und wirklich jeder hat etwas zu erzählen. Kein einziger Film ist langweilig; nach jedem Beitrag denke ich: Was für eine tolle Geschichte, was für ein toller Mensch!

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31MRZ2020
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Ich glaube. Ich glaube nicht. Ich glaube. Ich glaube nicht. Manchmal komme ich mir vor, als sitze ich auf einer Wiese und spiele das Gänseblümchen-Orakel. Am Ende, mit dem letzten Blatt, erwarte ich die Antwort.
An manchen Tagen fühle ich mich Gott ganz nahe. Dann geht Vieles leicht, ich weiß: Er hält mich. Ganz egal wie der Tag läuft. Da ist überhaupt kein Platz für die Frage – gibt es Gott wirklich? Und dann gibt es die vielen anderen Tage. Da versuche ich Gott mit dem Verstand zu fassen. Irgendetwas von ihm zu er-fassen. Und eine Antwort zu finden. Auf die Frage: an was glaube ich da eigentlich?

Deshalb tut mir die Jahreslosung gut. Das ist ein Vers aus der Bibel, mit dem überschreiben die Evangelische und Katholische Kirche ein Jahr und geben ihm ein Motto. Dieses Jahr lautet die Losung: „Ich glaube; hilf meinem Unglauben!“.  Die Bibelstelle aus dem Markusevangelium erzählt von der Begegnung Jesu mit einem kranken Kind und dessen verzweifeltem Vater. Der fleht Jesus an, seinen Sohn zu heilen: „Wenn Du etwas kannst, so erbarme dich unser und hilf uns!“. Jesus fordert den Glauben des Vaters heraus und antwortet ihm: „Du sagst: Wenn du kannst! Alle Dinge sind dem möglich, der glaubt“. Den Vater zerreißt es fast. Jahrelang hat er seinen Sohn leiden sehen – an was soll er denn noch glauben? Deshalb schreit er seine Verzweiflung heraus: „Ich glaube; hilf meinem Unglauben!“. Er spürt seine eigene Ohnmacht, er muss loslassen; er muss wagen, Jesus zu vertrauen – sonst wird sich nichts ändern.
Genauso geht es mir: Mir gelingt es erst wieder, mit Gott in Berührung zu kommen, wenn ich aufhöre alles selbst schaffen und machen zu wollen. Und das ist gar nicht einfach. In einer Zeit, in der fast alles möglich scheint. Gott ist nicht sichtbar, nicht beweisbar. Und er ist mit Vernunft allein einfach nicht zu fassen. Wenn ich mich ihm nähern will, habe ich also gar keine andere Wahl als zu vertrauen. Dieses Wort ist für mich der Schlüssel. Ich muss vertrauen können damit eine Beziehung wachsen kann. Das gilt für die Menschen und es gilt für Gott. Glauben heißt dann: ich lasse mich ein auf Gott - so wie Jesus. Bei all seinen Begegnungen geht es um Vertrauen. Und dieses Vertrauen hat das Leben der Menschen verändert. „Dein Glaube hat Dich geheilt“ – so heißt es an etlichen Stellen in der Bibel.

Ich glaube UND ich glaube nicht – allein die Tatsache, dass ich frage, dass ich weitermache, dass ich suche und nicht resigniert habe bedeutet: ich vertraue darauf, dass es irgendwo Gott geben muss. Solange ich Gott suche und nach ihm frage, so lange habe ich ihn noch nicht verloren.

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30MRZ2020
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Das Coronavirus hat in nur wenigen Wochen etwas Unvorstellbares geschafft. Es hat unserem Leben die Geschwindigkeit entzogen. Und darin liegt auch eine Chance. Neben allem, was jetzt schwierig ist, und immer mehr Mensch schwer zu schaffen macht.
Vor zwei Wochen habe ich mich von meinen Kolleginnen und Kollegen verabschiedet. Ins home-office, ins Büro nach Hause also. Für unbestimmte Zeit; „Bleibt gesund und bis irgendwann“ habe ich gesagt. Ich habe mich seltsam gefühlt dabei. Was jetzt? Was kommt auf mich zu? Ein Ratschlag des heiligen Vinzenz von Paul begleitet mich seither durch diese Zeit: Wenn wir vor besonderen Herausforderungen im Leben stehen, dann empfiehlt er uns diese folgendermaßen anzunehmen: „Mit nüchternem Realismus und grenzenlosem Gottvertrauen“.

Der nüchterne Realismus verlangt jetzt von mir, und sicher von ganz vielen Menschen: kühlen Kopf und den Alltag mit Kindern zuhause organisieren; eine Balance finden zwischen Arbeiten, Lernen, Haushalt, spielen und Medienkonsum – dabei die Großeltern im Blick behalten. Auf den Mann und Vater müssen wir noch mehr als bisher verzichten; auch da sind wir nicht alleine. Für Ärzte und Krankenschwestern gibt es gerade wenig Pausen.
Und danach, wenn alles vorbei ist, was kommt dann? Wie sieht das Leben nach Corona aus?
Da kommt mein Gottvertrauen ins Spiel; die Hoffnung, dass wir am Ende dieser Zeit eine andere Gesellschaft sein werden. Es sind zwei Dinge, die mich dabei zuversichtlich machen. Das eine ist die große Hilfsbereitschaft, die sich in den Städten und Gemeinden organisiert. Nachbarn ebenso wie Fremde unterstützen ältere Menschen oder Mitbürger in Quarantäne. Viele bringen ganz unkompliziert ihre Talente ein: Musiker geben Wohnzimmer-Konzerte und per Live-Stream kann jeder dabei sein. Eine Theaterschauspielerin betreut Kinder, sie hat Zeit weil sie nicht auftreten kann. Ich finde das großartig!


Und dann spüre ich diese Ruhe. Wahrscheinlich bin ich nicht die Einzige, die sich auch ein bisschen über die Zwangspause freut. Von heute auf morgen bin ich aus meinem Hamsterrad geschleudert worden. Ich komme ganz langsam zur Besinnung. Und hier entsteht Raum. Für Fragen und für Antworten. Will ich so weitermachen wie bisher? Worauf kommt es mir an? Ich hoffe, dass auch die Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft das Bedürfnis haben, neu zu denken. Dieser Stillstand ist mehr als eine Pause.


Ich sehe die Satellitenbilder aus dem Weltall. Sie zeigen, dass die CO-2 Emissionen über China und Norditalien sehr stark zurückgegangen sind. Klimawandel ist machbar! Corona gibt uns einen Fingerzeig! Kommen Sie gut durch die nächste Zeit! Mit nüchternem Realismus und grenzenlosem Gottvertrauen.

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