Manuskripte

24MAI2020
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Die Fürbittbuch, das in unserer Kirche am Eingang liegt ist fast bis zur letzten Seite beschriftet. Mit Gebeten, Sorgen und Anliegen. Gerne blättere und lese ich darin und staune was Menschen so alles beschäftigt, wenn sie alleine hier in der Kirche sind. Kinder schreiben da etwas auf. Mit Großbuchstaben und Schreibfehlern. Erwachsene setzen gerne unter ihr Gebet noch ihre Unterschrift und das Datum. Und was alte Menschen geschrieben haben, erkennt man an der zittrigen Schrift.

Da lese ich von der bevorstehenden Operation und dass hoffentlich alles gut geht. Da wird gebetet für Flüchtlinge und Hungernde. Liebe Menschen, die gestorben sind, werden genannt und von der Trauer um sie wird erzählt. Auch den Kummer vor der bevorstehenden Klassenarbeit kann ich darin finden. All die Sorgen in den Corona Krisenzeiten werden dem Buch anvertraut. Und einer erzählt von seiner Freundin und der Hoffnung, dass sie doch endlich ja zu ihm sagt. Beten. Das pralle Leben kommt in dem Buch zur Sprache.

Heute wird im Katholischen Gottesdienst ein Text aus der Apostelgeschichte vorgelesen. Auch dort wird gebetet. Es ist die Zeit nach Ostern. In einem „Obergemach“ heißt es da versammeln sich Frauen und Männer zum Gebet. Jüngerinnen und Jünger von Jesus. Seine Mutter Maria. Und seine Brüder. Damals war das „Obergemach“ ein Ort im Haus, in dem Menschen zusammenkamen um in der Bibel zu lesen, darüber nachzudenken und zu beten. Dieses Obergemach ist jetzt ein Ort an dem ihnen bewusst wird wie sehr ihr Freund Jesus fehlt. Denn auch der war in solch einem Obergemach zum letzten Mal mit seinen Freunden zusammengekommen. Damals, am Abend vor seinem Tod. Zum Mahl. Wie soll jetzt alles weitergehen? Ohne ihn. Was haben sie durchmachen müssen seit seinem Tod. Am Karfreitag schien die Sache Jesu gelaufen, ja buchstäblich begraben worden zu sein. Unverhofft dann der Ostermorgen. Das leere Grab und die Nähe zu ihm, die manche spürten. So ganz anders wie noch zu seinen Lebzeiten. Sie brauchen ihn so sehr.

Auch das Fürbittbuch in unserer Kirche ist voll davon. Von Ängsten und Sorgen. Von Ausweglosigkeiten. Von großem und kleinem Kummer. Und immer vom Ruf nach Gott, er möge doch eingreifen hier unten auf der Erde und die Not wenden. 

Teil 2 

Um das Beten und wozu es gut sein kann, darum geht es heute Morgen in den Sonntagsgedanken. 

Gleich zu Beginn der Apostelgeschichte berichtet der Verfasser wie die engsten Vertrauten von Jesus nach seinem Tod zum Beten zusammenkommen.

„Sie alle verharrten einmütig im Gebet“, heißt es da. Das alte Wort verharren meint so viel wie durchhalten,oder aushalten. Wer im Gebet verharrt gibt in entmutigenden Momenten nicht gleich auf. Doch das ist leicht dahingesagt. Was habe ich schon gebetet, sagen wir auch. Und es hat nichts genützt. Immer hoffen wir, dass unsere Bitten durch inständiges Beten erfüllt werden. Wir meinen: Gott wird schon eingreifen und alles zum Guten führen. Wie oft hatten wir schon gehofft, dass da Hilfe kommt. Was habe ich schon gebetet. Und es hat nichts genützt.

Die Sprache der Gebete ist die am weitesten verbreitete Sprache der Menschen. Es ist eine Sprache, die keine Sprachverbote kennt. Sie verurteilt Gott nicht zur Antwort. Denn Gott bleibt unergründlich. Unverfügbar. Mein Beten kann Gott nicht zum Handeln zwingen. Gott lässt Fragen offen. Bleibt mir Antworten schuldig. Das lehrt uns die Geschichte. Das zeigen all die unerhörten Gebete. Auch die im Fürbittbuch unserer Kirche. Das zu respektieren ist bitter. Aber warum dann noch mein Danken und Beten. Mein Loben, Klagen, Fragen, Fordern und Protestieren im Gebet.

Die Theologin und Dichterin Dorothee Sölle hat einmal geschrieben:

Beten heißt, große Wünsche haben:

Die großen Wünsche nach Gerechtigkeit,

nach dem Sieg über das Unrecht,

nach einem menschenwürdigen Leben,

die hat man nicht einfach so,

die muss man lernen.

Beten ist Revolte.

Wer betet sagt nicht: So ist es und Amen!

Er sagt: So ist es! Und das und das soll geändert werden.

Beten ist eine intensive Vorbereitung auf das Leben.

Wer betet resigniert nicht angesichts der Zustände dieser Welt und gibt nicht die eigene Verantwortung an Gott ab. Im Gebet verharren. Einmütig. Im Obergemach. Damals bei den treuen Weggefährtinnen und Weggefährten Jesu, die jetzt ohne ihn auskommen mussten, geschah das Unerwartete. Pfingsten stand vor der Tür. Gottes Geist kam dazwischen. Eröffnete ihnen Perspektiven, für die sie zuvor blind waren und führte sie heraus aus Lethargie, Angst und Trauer.

Sie erinnerten sich an Jesu Worte. Er hatte gerade nicht zu allem so ist esund Amengesagt. Sie erkannten, dass sie selber Verantwortung für die Mitmenschen und eine gerechte Welt haben. Sie schritten zusammen zur Tat, weil sie, wie Dorothee Sölle meint, große Wünsche hatten. Ihr Gebet wurde zur Revolte.

Beten im Obergemach. Kein Rückzug. Sondern intensive Vorbereitung auf das Leben. Mit ganz viel Verantwortung. Und ganz viel Vertrauen auf seine Nähe.

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02FEB2020
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Gerne besuche ich ihn. Einen alten Mann in unserer Gemeinde. Vor seiner Haustür schon höre ich Blasmusik. Die liebt er ganz besonders, weil er sich dann an seine frühere Zeit im Musikverein erinnert.

Seine Augen blitzen hellwach durch seine dicken Brillengläser bei der Begrüßung. Im Rollstuhl kommt er mir entgegen. Das schränkt ihn schon sehr ein. Aber dafür ist sein Herz sehr weit.

Auf seinem Tisch liegen stapelweise Zeitungen. Seinen Laptop auf dem kleinen Tisch daneben bedient er souverän. Sein Enkel hat ihm alles erklärt. 

Politik interessiert ihn. Die großen Zukunftsfragen beschäftigen ihn. Das Klima. Der Friede. Der gesellschaftliche Zusammenhalt. Dass seine Kinder und Enkel eine gute Zukunft haben. Daran glaubt er fest. Die schaffen das sagt er.  Dafür betet er jeden Tag.

An einer Wand in seinem Zimmer hängen viele Bilder. Die ganze Familie ist darauf versammelt. Sein ganzer Stolz. Zu jedem Bild gibt es Geschichten. Bei jedem Besuch erzählt er mir. Manchmal lachend. Manchmal mit feuchten Augen.

Ein Bild ist gerade dazugekommen. Er mit dem jüngsten Spross der Familie auf dem Arm. Gerade mal vier Wochen alt ist er der kleine Jonathan. Sein ganzer Stolz ist er.

92 Jahre alt und doch hellwach. Voller Hoffnung. Irgendwie junggeblieben. Vernetzt mit der Welt. Informiert. Interessiert. Und immer wieder sagt er:  Ich bin getragen von meiner Familie. Und von meinem Gott.

Ich muss an den Simeon in der Bibel denken. Und auch an die Prophetin Hannah. Auch sie waren alt.  Aber voller Hoffnung. Heute an Maria Lichtmess ist ihr Festtag und ihre Geschichte wird im Gottesdienst vorgelesen.

Simeon und Hannah. Die beiden glauben fest daran, erst dann sterben zu müssen, wenn sie den erhofften Messias, den Retter für alle Menschen gesehen haben. Fast erblindet und dem Tod schon nahe beten und warten sie in Jerusalem darauf, das noch erleben zu können.

Im kleinen Jesus, den Joseph und Maria eines Tages zum Tempel tragen, um Gott  für ihr Kind zu danken, erkennen die beiden Alten ihren Retter und Heiland.

Die Bibel erzählt wie Maria dem Simeon ihren kleinen Jesus kurzerhand in den Arm legt. Und wie nurder in ihm etwas ganz Besonderes sieht. Den langersehnten Retter. Seinen Messias.

Freudestrahlend und mit glänzenden Augen stimmt er sein Loblied an.  Jetzt kann ich in Frieden sterben. Ich habe den Heiland gesehen. Für alle Völker ist er das Licht. Bis heute wird so gebetet und gesungen. 

Genau 40 Tage nach Weihnachten feiern Katholiken heute den Lichtmesstag. Zum richtigen Zeitpunkt. Denn die Tage werden wieder länger. Das Licht ist endlich stärker als das Dunkel. Die Nacht wird kürzer als der Tag. Das Warten hat sich gelohnt.

Im Mittelpunkt des Gottesdienstes steht heute die Geschichte von zwei alten Menschen. Simeon und Hannah.

Ist es nur eine anrührende Geschichte von alten Leuten und kleinen Kindern?

Von einem Mann und einer Frau vor 2000 Jahren. Die lebenssatt sind und doch nicht sterben wollen ehe sie den herbeigesehnten Retter sehen. Ihn buchstäblich in den Armen halten wollen.

Oder ist es auch jene Geschichte vom 92 jährigen Mann, der noch ganz viel Hoffnung in sich trägt. Sich so freut über den Urenkel und sein so langes Leben. Von einem der an die Zukunft glaubt. Für sich. Und seine Familie.

Gründe zur Resignation gibt es doch so viele. Damals und heute mehr denn je. Die Gewaltspirale dreht sich. Die Krisenherde der Erde werden nicht weniger. Die Folgen des Klimawandels bedrohen die Ärmsten und treiben sie in die Flucht.

Nicht wenige sagen doch:  Was da noch auf uns  zukommt? Wie gut, dass ich es nicht mehr erleben muss, weil ich schon so alt bin.

Simeon. Hannah. Sie stehen bis heute für alle Menschen, die viel Hoffnung in sich tragen. Hoffnung für diese notgeplagte Welt.

Für Menschen, die gegen allen Augenschein dem Licht mehr trauen, als dem Dunkel. Sich freuen an Kindern und der Zukunft trauen. Für Menschen, die sich engagieren, auch wenn alles noch so sinnlos erscheint.

Und was müssen sich die alles anhören: Ihr Träumer! Seid ihr nicht alt genug um Realisten zu sein. Schaut doch auf die Wirklichkeit. Die Zukunft für unsere Kinder. Ist sie nicht bedrohter denn je?

Und du Simeon und du Hannah. Hand aufs Herz. Wie soll euer kleiner Jesus Licht bringen für alle Völker?  Ein Kind! Das ist doch kein Beweis.

Doch sie halten all dem stand. Bleiben hoffende und träumende Kinder. So hochbetagt sie auch sind. Mit großen Augen.

Zu Weihnachten habe ich dem Mann die Kommunion gebracht. Er lächelte beim Beten und Singen. Zufrieden und dankbar schaute er auf die Wand mit den Familienbildern. Und meinte:

Das Leben ist so schön. Uns geht es so gut.Und im gleichen Atemzug sagte er entschieden: Aber ich bin auch bereit zu sterben.

Wie es auch kommen mag. Ich bin getragen von meinem Gott und meiner Familie.

An diesen Mann muss ich heute denken am Lichtmesstag. Und an all die anderen, die ich kenne. Menschen, die Gott die Treue halten. Ein Leben lang.  Die Gott noch etwas zutrauen ein Leben lang. Bis in den Tod.

Sie sind mir Vorbild.

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01NOV2019
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Kennen sie heilige Menschen?

Schnell denken wir heute am Allerheiligentag an Menschen, die in Kirchen auf Podesten, oder auf prunkvollen Bildern buchstäblich als Helden zu bestaunen sind. Längst tot sind sie. Und hoch aufschauen muss ich um ihnen ins Gesicht schauen zu können. Ihr Leben endete oft tragisch, weil sie ihren Glauben bis zur letzten Konsequenz gelebt haben. In allem waren sie perfekt. Unerreichbar stehen sie über mir. Wenn ich vom Leben so mancher Heiliger höre wird mir bang. So kann und so will ich nicht leben. Mir ist das alles zu groß und zu radikal.

Im 9. Jahrhundert schon hat Papst Gregor IV. das Allerheiligenfest eingeführt. Die Zahl der nach ihrem Tod offiziell von der Kirche heiliggesprochenen Menschen war unüberschaubar geworden. Auch wenn manche von ihnen dies eher kirchenpolitischen Erwägungen, oder einer gezielten Lobby, als ihrem eigenen Leben verdankten.

Ein allgemeiner Festtag wurde eingeführt. Für all die vielen Namenlosen, die keinen Platz im offiziellen Heiligenkalender bekamen. Die einfach so verehrt wurden von den einfachen Leuten.

Heilige Menschen. Auch heute gibt es sie. Ganz treu sind sie. Unscheinbar. Ihr Name steht nicht in der Zeitung. Sie möchten nicht als Helden auf Sockel und Podeste gestellt werden.

Ein 85 jähriger Mann in unserer Gemeinde ist für mich einer von Vielen. Jeden Tag fährt er zu seiner Frau ins Altenheim. Zu Hause ging es einfach nicht mehr mit ihr. Ein Schlaganfall veränderte so Vieles vor zwei Jahren. Die gemeinsamen Spaziergänge waren nicht mehr möglich. Der Rollstuhl mehr als ungewohnt. Das Sprechen verstummte. Was jetzt bleibt für die Zwei sind Gebete und Lieder. Und ganz viel Gefühl und Emotionen.

Sie verstehen sich. Ganz oft habe ich die beiden im Gottesdienst schon erlebt. Zugeschaut wie er mit ihr die Kommunion teilt. Ihr die Hände faltet beim Beten.

Wie sie sich die Hand halten mit Tränen in den Augen.

Was ist das Besondere an heiligen Menschen? Ganz einfach kommen sie daher. Sie schämen sich nicht ihrer Menschlichkeit. Sie sind verwundbar. Die Abgründe des Lebens und auch ihre eigenen kennen sie. Bescheiden bemühen sie sich klug und gerecht zu leben. Mutig und berührbar kommen sie uns entgegen. Helden wollen sie nicht sein.

Die jüdische Philosophin Simone Weil meinte einmal: Der Held trägt eine Rüstung, der Heilige geht nackt.

Kennen sie heilige Menschen? Woran kann man sie erkennen? Was ist ihnen heilig?

Und: Gibt es sie überhaupt noch?

Wir sagen manchmal, wenn wir uns über andere Menschen ärgern: Denen ist doch gar nichts mehr heilig! Und wir meinen damit: Die treten die Menschenrechte mit Füßen. Sehen nur Profit. Gehen über Leichen.

Anders herum gefragt: wenn denen nichts mehr heilig ist, was ist dann mir heilig? Der Rapper und Liedtexter Marco Michalzik stellt in einem seiner Texte diese Frage:

Woran denkst Du, wenn Du aufwachst am Morgen?   Was ist dir wichtig? Oder vielleicht könnte ich auch eher sagen, was lässt dein Herz schneller schlagen? Welche Sachen, Dinge, oder Menschen? Wofür wärst du bereit zu kämpfen? Was würd‘ dich auf die Straße treiben? Wofür würdest du Fahne zeigen? Worunter deinen Namen schreiben? Was ist dir wichtig? Ich meine so richtig! Wichtig! Welcher Verlust würde dich unfassbar schmerzen? Vielleicht ist das Wortklauberei, kleinlich, irgendwie schon fast peinlich, doch die Frage ist doch: WAS IST DIR heilig? …

Der alte Mann, der sich so rührend um seine Frau kümmert, würde den Kopf schütteln. Was für eine Frage !? Was mir heilig ist! Die Liebe zu meiner Frau natürlich. Die ist mir heilig. Die hat Bestand. Schon 64 Jahre jetzt. Für meine Frau setze ich mich ein. Ganz treu. Ich werde sie beschützen. Vor allem was da kommt. Bei ihr bleiben. Wohin sie auch gehen muss. Das hab ich ihr doch versprochen.

Heilige Menschen. Mitten unter uns sind sie anzutreffen. Es sind Menschen wie sie und ich und doch ganz besondere Menschen. Die füreinander einstehen. Solidarisch. Weltweit. Mit einem langen Atem. Manche setzen sich ein für die Verständigung zwischen Kulturen und Religionen. Andere gehen auf die Straße. Sie gehen zu den Menschen, die am Rand stehen und so leicht übersehen werden. Nichts ist für sie unmöglich.

Und sie nehmen Verantwortung wahr für ihre Mitmenschen und für die Menschen, die nach ihnen noch leben werden.

Heilige Menschen. Irgendwie machen sie es mir leichter an Gott zu glauben.

Marco Michalzik, der Rapper, stellt am Ende seines Textes Gott selbst die Frage, was ihm denn heilig ist:

Und wenn ich mir die Frage stelle: Was wär Gottes Antwort an der Stelle?

Auf die Frage: Was ihm wichtig ist, wofür sein Herz schlägt, was ihm heilig ist? Und es ist fast unglaublich, glaube ich.

Weil du für ihn heilig bist!

Weil ich es bin und das gibt mir Sinn und Bedeutung.

Lässt mich mein Leben nicht vergeuden. Lässt mich leben hier und heute.

Heilige Menschen. Es gibt viel mehr von ihnen als wir denken. Hier und jetzt. Mitten unter uns. Gottes Liebe macht ihr Herz ganz weit für andere Menschen. Ihr Fest ist heute. Ich wünsche Ihnen einen schönen Feiertag.

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14JUL2019
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Endlich ein freier Vormittag ohne Termine, - dachte ich vor Tagen. Alles war geplant. Den Schreibtisch wollte ich aufräumen. Mails beantworten. Rechnungen bezahlen. Eine Predigt vorbereiten. Doch es kam alles ganz anders. Ein junger Mann wollte mit mir sprechen. Ich sei doch Seelsorger - meinte er.

Seine Geschichte hatte er schnell erzählt. Auf der Rückfahrt vom Wochenendausflug wurde er von einem Auto mit überhöhter Geschwindigkeit überholt. Minuten später war er mit einem Unfall konfrontiert. Hinter einer Kurve war der PKW, der ihn überholt hatte,  gegen einen Baum geprallt.

Er reagierte blitzschnell. Alarmierte die Polizei und leistete erste Hilfe. Gott sei Dank hatte er eine Ausbildung bei der Feuerwehr. Der Fahrer, vielleicht gerade mal 18,  lag blutüberströmt im Auto und starb noch vor Eintreffen der Rettungskräfte.

Zwei Tage später jetzt verfolgen ihn die schrecklichen Bilder vom Unfallort erzählt er mir. Die Augen des Sterbenden. Seine letzten Worte. Die Gerüche. Ständig will er sich waschen, weil er noch immer das Blut auf seinem Körper spürt. 

Warum hat ausgerechnet er das erleben müssen ? Wie konnte es sein, dass der Mann, den er nicht einmal mit Namen kannte, buchstäblich in seinen Armen sterben musste.

Hatte er vielleicht eine Freundin ? Oder vielleicht schon Kinder ?

Fragen über Fragen die ihn verfolgen bis in die schlaflosen Nächte hinein.

Ganz nahe war er dem sterbenden Unbekannten geworden. Und ich ihm beim Zuhören.

Ist er mir damit an diesem Morgen zum Nächsten geworden?

Als Jesus von einem frommen Juden einmal mit der Frage konfrontiert wird, wer denn eigentlich dieser Nächste sei, ist er erstaunt. Der Mann, der doch als Jude die Schriften bestens kennt, müsste es doch wissen. Und so gibt er die Frage zurück. Sag mir. Was steht zu dieser Frage in der heiligen Schrift ? Seine Antwort lässt nicht lange auf sich warten. Du sollst Gott lieben von ganzem Herzen und von ganzer Seele und deinen Nächsten wie dich selbst.

Doch was den Schriftgelehrten beschäftigt ist eine ganz andere Frage: Wer aber genau ist mein Nächster ?  Mein Nächster, dass kann doch unmöglich jeder und jede sein, sonst hieße es ja nicht mein Nächster. Jesus sag es mir, wer zum Kreis meiner Nächsten gehört.

M u s i k

 

Jesus erzählt dazu wie so oft eine Geschichte. Es ist eine Allerweltsgeschichte, weil erzählt wird, was jeden Tag in der Zeitung steht:

Ein Mann ist unterwegs von Jerusalem nach Jericho. Er wird überfallen, verprügelt und fast Tod am Straßenrand liegen gelassen. Zuerst kommt ein Priester vorbei und wenig später ein Diener am Jerusalemer Tempel. Die haben es beide eilig und gehen weiter. Eigentlich wären sie verpflichtet zu helfen. Doch ihr Dienst am Tempel ist ihnen wichtiger. Dort gibt es heilige Regeln und Ordnungen. Die sind strikt einzuhalten und durch Nichts zu entschuldigen.  Wer ist mein Nächster ? Heute. Ist es der junge Mann? Jetzt ganz konkret bei mir. Der mir gegenüber sitzt und mir seine Geschichte erzählt. Der nur möchte, dass ich ihm zuhöre und ihm ein wenig nahe bin. Und eben nicht an meinen Schreibtisch denke.

In der Geschichte von Jesus kommt ein Dritter am Überfallenen vorbei. Es ist ein Samariter. Der ist für die Juden ein Ausländer, den es zu verachten gilt. Er befolgt nicht die heiligen Schriften und betet nicht im Tempel. Ein Heide ist es. Aber nur er, so erzählt Jesus, folgt seinem Gewissen und hilft einfach. Er versorgt die Wunden des Überfallenen und bringt ihn in Sicherheit.

Wer ist mein Nächster ?

Mit der Geschichte von Jesus ist ein grundlegender Wechsel der Perspektive angesagt. Die eigentliche Frage ist eben nicht: Wer ist mein Nächster? Ganz anders müssen wir fragen: Wem kann ich zum Nächsten werden?

Dann gilt. Nicht die räumliche und auch nicht die emotionale Nähe macht einen Menschen zu meinem Nächsten. Einziges Kriterium ist die Not eines Menschen, die mich nicht unberührt lässt. Die Straße zwischen Jerusalem und Jericho die gibt es überall. Auch heute. Unzählige Frauen und Männer und Kinder sind auf ihr unterwegs. Opfer von Unfällen und Gewalt. Erkrankte. Traurige. Aus dem Blick Geratene. Traumatisierte. Auf der Flucht. Vor Hunger und Durst. Vor Odachlosigkeit. Krieg und Terror.

„Am ärmsten bleibt, der nur sich selber der Nächste ist“, schreibt die Lyrikerin Christine Busta, „am reichsten, wer sich vom Fernsten noch fordern lässt !“ Vom Fernsten sich fordern lassen. Wir können das. Zuhören und trösten. Stützen und aufrichten. Umarmen und Tränen zulassen. Das alleine zählt dann.

Ich habe es an diesem Vormittag wieder einmal einüben müssen. Und auch der Mann der mit mir reden wollte. Bei der tragischen Begleitung eines unbekannten Sterbenden. Fern waren sie sich und doch so nahe

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Ein Mann hatte zwei Söhne …

Viele werden beim Hören dieser Worte denken: DieGeschichte kenn ich doch !

Das Gleichnis im Neuen Testament vom Vater und seinen zwei Söhnen ist ein Stück Weltliteratur.

Es ist eine Männergeschichte. Und eine Dreiecksgeschichte.

Heute wird sie in den katholischen Gottesdiensten vorgelesen.

Da ist zunächst dieser jüngere Sohn. Zuhause ist es ihm zu eng geworden. Er will nicht warten bis der Vater tot ist. Vermögen das ihm zusteht verlangt er schon jetzt und macht sich vom Acker.

Er verschleudert und vergeudet alles und kurze Zeit später geht es ihm so richtig dreckig. Zurück will er. Schäbig benommen hat er sich. Da geschieht das Unfassbare. Die Worte seines Vaters bei seiner Ankunft durchbrechen alle Konventionen und Erwartungen.Wir wollen feiern. Mein Kind war tot und ist lebendig geworden. Es war verloren und ist wieder gefunden. Keine Anklage. Kein Nachhaken.

Mehr als irritiert kommt der ältere Sohn von der Arbeit zurück. Nie gab es für ihn ein Fest. So treu und korrekt wie er doch immer war. Liebt der Vater den Bruder etwa mehr als ihn ?

Schnell ist erzählt in der Geschichte vom Vater und den beiden Söhnen, was Jesus so sehr am Herzen liegt.  Sein Glaube an Gott der nur lieben kann.

Selten spricht Jesus seine tiefste Überzeugung und sein Anliegen in einem Gleichnis so eindringlich aus.

Seine Situation ist ja auch kurz vor dem Karfreitag hochdramatisch. Was er lehrt und von Gott sagt wird den Pharisäern und Schriftgelehrten immer mehr ein Dorn im Auge und darf nicht unwidersprochen stehen bleiben. Sie wollen nicht länger mit anschauen, wie er das Volk von Galiläa bis Jerusalem mit seinem Wort von der Barmherzigkeit und Liebe Gottes durcheinanderbringt. Gotteslästerung lautet die Anklage.

Denn Gott so ihre Lehre verlangt Bedingungen für seine Liebe. Und die kennen sie bestens. All die Paragraphen des Gesetzes. Die Gebote und Vorschriften. Das alles muss gelten. Ein für alle mal. Wer sich nicht daran hält ist ausgeschlossen und gottlos.

Doch Jesus kennt auch die Anderen. Die nicht Korrekten. Die mit all den Paragraphen Überforderten. All die Entrechteten und Armen. Die Verzweifelten und Ausgeschlossenen. Die in den Augen der Frommen wertlos gewordenen. All die, die nur noch etwas von Gott erwarten. Die laufen ihm buchstäblich nach. Sie sitzen bei ihm am Tisch. Sind seine liebsten Gäste. Und zu ihnen fühlt er sich gesandt. Denn er ist nicht gekommen für die Gesunden, sondern für die Kranken. Bei ihm erhoffen sie sich das zurückzubekommen, was ihnen genommen wurde. Ihre Würde. Ihren Wert. Das Empfinden, dass auch sie von Gott geliebt und angenommen sind.

Sein Sprechen von Gott ist so ganz anders.  Von Gott, den er seinen Vater nennt. Von dem nur gütig, barmherzig und mit weitem Herzen gesprochen werden kann. Daran glaubt Jesus ganz fest. Davon erzählt seine Geschichte.

Teil 2:

Der Vater. Lässt er nicht aufscheinen wie Gott ist.

Mit offenen Armen empfängt er den Verlorenen. Barmherzig. Nicht berechnend. So wie er mit dem jüngeren Sohn umgeht. So kann nur Gott sein.

Und der Ältere ? Ist seine Wut nicht allzu menschlich. Immer zu kurz gekommen. Das Gefühl von Neid eben. Wieso bekommt der sein Fest und ich gehe wieder mal leer aus ?

Der brasilianische Bischof Dom Helder Camara schrieb einmal zu unserer Geschichte: Ich bete unaufhörlich für die Bekehrung des Bruders des verlorenen Sohnes. Immer klingt mir im Ohr die schreckliche Mahnung: der Erste ist aufgewacht aus seiner Sünde. Der Zweite – wann wird er aufwachen aus seiner Tugend !

Aufwachen aus der Tugend. Immer korrekt. Immer richtig. Immer fleißig. Nie es wagen ein Gebot zu übertreten.

Und dann miterleben wie da so ein Hergelaufener daherkommt und einfach nur sagt Hier bin ich ! und mir nichts dir nichts Sympathien auf sich zieht.

Da kommt Neid auf. Damals wie heute.

Da wird die teure Unterbringung von Strafgefangenen angeprangert. Da werden die Kosten für Resozialisierungsprogramme für verwahrloste Jugendliche aufgelistet. Alles steht auf den Prüfstand: Die Sozialhilfe für die, die doch arbeiten könnten. Die Kosten für die Unterbringung von Menschen, die bei uns Schutz suchen.

Wieso die und nicht ich. Ich bin immer benachteiligt. Unfair ist das.

Aufwachen aus der Tugend. Sich freimachen von der irrigen Meinung nur man selber habe Liebe und Zuneigung verdient. Die Anderen aber nicht. 

Am Karfreitag feiern wir die Konsequenz der Worte Jesu.

Wer so eine Geschichte erzählt muss beseitigt werden. Eine solch schrankenlose Liebe. Die darf nicht sein.

Wieviel Bosheit legt das Gleichnis frei im Herzen derer, die meinen mit Gott auf du und du zu stehen und nur den Herr – Gott kennen, aber den Gott Jesu nicht, das Gesetz auswendig wissen, Erbarmen aber nicht kennen.

Ein Vater hatte zwei Söhne. Auch wenn wir die Geschichte kennen. Ihre Konsequenz hat es in sich. Ein weites Herz und das Vertrauen in einen Gott, der nur lieben kann. Jeden. Bedingungslos.

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Wir lieben sie und erzählen sie. Die Geschichten von Schwangerschaft und Geburt. Immer wieder geben wir sie zum Besten.

Die Weihnachtsgeschichten der Bibel tun es genauso.

In den Gottesdiensten heute wird vorgelesen, wie die beiden schwangeren Frauen Elisabeth und Maria aufeinandertreffen. Johannes und Jesus werden sie ihre Kinder später nennen.

Bei den  Schwangerschaften der beiden Frauen läuft nicht alles nach Plan.

Elisabeth ist hochbetagt und zunächst kinderlos. Obwohl sie mit einem Priester verheiratet ist, sind ihr in der antiken patriarchalen Gesellschaft als unfruchtbare Frau Demütigungen jeglicher Art sicher.

Die Hoffnung auf ein Kind hat sie ihr Leben lang nie aufgegeben. Dann wird sie im hohen Alter doch noch schwanger. Eine Problemschwangerschaft würde man heute wohl sagen. Sicherlich ist sie von Neuem dem Gerede der Leute ausgesetzt. Lange braucht sie um allen Erniedrigungen zum Trotz ihre unerwartete Schwangerschaft zu akzeptieren.

Und Maria ? Alles spricht gegen sie. Ein junges Mädchen, vielleicht gerade mal 14 Jahre alt, wird unehelich schwanger. Nach jüdischem Recht hätte sie gesteinigt werden können. Doch tiefgläubig vertraut sie darauf, dass Gott mir ihr ist. Unsicher und verwirrt sucht sie Unterstützung und Ermutigung bei der alten und lebenserfahrenen Elisabeth.

So nimmt sie einen mühsamen und nicht gerade ungefährlichen Weg auf sich. Quer durch das judäische Bergland. Das ist kein Spaziergang für ein junges Mädchen. Im 3. Monat.

Anrührend erzählt die Bibel wie Elisabeth bei der Begrüssung das freudige Bewegen des Kindes in ihrem Leib deutet. Für sie ist es ein Zeichen, dass wohl das Kind das Maria in sich trägt ein göttliches Kind sein muss. Und Maria selbst stimmt voller Freude über ihr Kind ein Loblied an.

Als erwachsene Männer werden Johannes der Täufer und Jesus Jahrzehnte später wieder aufeinandertreffen. In einem sind sie sich ganz einig. Alles muss sich ändern, damit Gott ankommen kann in der Welt und bei den Menschen.

Johannes hat es zunächst mit allen Mitteln versucht auf Gott hinzuweisen.  Er gibt Anweisungen. Erteilt Mahnungen. Macht Vorwürfe. Er droht mit düsteren Schreckensbildern. Spricht Verwünschungen aus. In den Jordan letztendlich, so seine Botschaft,  müsse man eintauchen und sich buchstäblich gründlich von ihm den Kopf waschen lassen.

Doch dieser Johannes kommt mit seiner Schreckenspredigt  nicht weiter. Er braucht Jesus. Er kann nur auf einen verweisen, der nach ihm kommen wird. Und der so ganz anders als er auftreten wird.

MUSIK

Johannes der Täufer. Wegbereiter Jesu wird er genannt. In den katholischen Gottesdiensten heute erzählt die Bibel ergreifend schön wie seine hochschwangere Mutter Elisabeth seine Bewegung und Freude im Leib spürt, als sie von der ebenfalls schwangeren Maria besucht wird. Um diese beiden Frauen und ihre Söhne geht es heute in den Sonntagsgedanken.

Wir schreiben das Jahr 1741. Der Komponist Georg Friedrich Händel steht am Tiefpunkt seiner Karriere. Am Ende aller Hoffnungen. Seine Musik ist aus der Mode gekommen. Schulden, leere Konzertsäle und abgesagte Veranstaltungen machen ihm zu schaffen. Apathisch und lustlos und vom Schlaganfall gezeichnet sitzt er in London.

Da gibt ihm ein Freund ein scheinbar langweiliges Sammelsurium von Bibelzitaten. Was da steht treibt ihn in schöpferischen Wahnsinn. 3 Wochen lang. Und dann ist eines der  populärsten Werk der Musikgeschichte vollendet: Sein Messias.

Tröste dich mein Volk, spricht dein Gott !  Vernehmt die Stimme Johannes des Täufers in der Wüste. Bereitet unserem Gott den Weg.

Händel ist wie elektrisiert. Das ist mir gesagt !  sagt er sich und macht sich wie im Rausch an die Arbeit und beginnt die Worte vom Trost und von Johannes dem Täufer zu vertonen.

Es sind Worte die Händel selbst zum Trost werden. Aus tiefer Depression steht er auf. Wie neu geboren fühlt er sich.

Gott kommt dort an wo wir ihn nicht erwarten. Weihnachten steht dafür. Das Kind im Stall, das uns bald landauf landab in Krippen anlächeln wird, stellt alles auf den Kopf was wir uns Menschen von Gott denken.

Klein. Armselig. Hilflos. Auf Heu und auf Stroh. Bei einfachen Leuten. Die ganz unten sind. Am Ende. Dort ist er anzutreffen. Vor allem dort.

Jesu Leben steht dafür. Er wird nicht müde Geschichten zu erzählen für Menschen, die nur noch etwas von Gott erwarten. Geschichten, die wie ein Angebot sind sich Gott anzuvertrauen, der den Verlorenen und Schwachen nachgeht. Geschichten von Gott, der wie ein Arzt Menschen sieht und heilt. Das eine verlorene Schaf ist ihm immer wichtiger als die neunundneunzig anderen. Die kleinen Leute von damals verstehen das und laufen ihm nach.

Ich besuche einen Mann, der im Sterben liegt. Es ist Advent. Hochbetagt und hellwach ist er. Sein Zimmer ist mit Kerzen erleuchtet. Ich bestaune seine Bilder, die er selbst gemalt hat. Wunderschön und im Schein der Kerzen wirken sie geheimnisvoll.

Wir sprechen mit einander, beten und singen sein Lieblingsadventslied: Macht hoch die Tür die Tor macht weit. Es kommt der Herr der Herrlichkeit. 

Da holt er unter seiner Bettdecke ein Bild hervor. Selbst gemalt hat er es. Vor Jahren schon. Das will er mir schenken.

Er hat kurzerhand die Geburt Jesu in einen Grubenstollen gemalt. Düster ist das Bild. Mit einer Ausnahme. Vom Kind und seiner Mutter geht ganz viel Licht aus. Josef, die Hirten und all die Tiere können sich dem nicht entziehen. Ganz nah stehen sie beisammen. Beim Kind. Im Licht. Mitten im Dunkel des Stollens.

Schwer sei es gewesen, das zu malen. Licht und Dunkel.

So sei auch sein Leben gewesen. Dunkelheit ist ihm nicht fremd. Doch das Licht war immer stärker. Sagt er. Sein Vertrauen in Gott.

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Leicht gehen mir die Worte Jesu, die ich heute im Gottesdienst aus der Bibel vorlesen werde, nicht über die Lippen. Das soll frohe Botschaft sein?

 

Können wir Jesus nur dann nachfolgen, wenn wir Kreuze zu tragen haben?  Haben wir nicht genug davon?  Ist nicht jedes Kreuz, das wir Menschen tragen müssen eines zu viel? Und Gott, den Jesus buchstäblich anhimmelt, hat er ihn am Kreuz nicht ins Unheil laufen lassen? 

Theologen kommen angesichts des Kreuzes bis heute in Erklärungsnöte und verirren sich in Formeln die niemand versteht. Wir kennen sie. All die hilflosen Erklärungsversuche, die man niemals glauben will und kann. Er musste sterben. Gott habe seinen Sohn hingegeben. Als Sühne für die Sünden der Menschheit. Gehorsam sei er. Er habe sich buchstäblich am Kreuz geopfert um uns zu erlösen. Ein sadistischer und brutaler Gott ist das, der seinen Liebsten buchstäblich ins Messer laufen lässt. Und ein ins Leid verliebter Jesus, dem man nur kreuztragend nachfolgen kann. Mein Glaube ist das nicht. 

Der Religionspädagoge Hubertus Halbfas fragte einmal kritisch was man in Gottes Namen alles machen könne und stellt fest:

Man kann im Namen Gottes Kriege führen, Menschen verdammen und töten und sagen, das sei Gottes Wille.

Man kann mit dem Ruf "Gott will es!" Angriffe als "Kreuzzüge" tarnen und auf Soldatenuniformen „Gott mit uns“ schreiben.

Das alles aber ist gott-los. Man kann mit Gott nichts "machen", weder ihn gebrauchen noch ausnutzen, denn Gott ist Liebe und daran hat nur Anteil, wer diese Liebe in sich selbst groß werden lässt.

So traurig es auch ist. Er hat Recht. 

„Im Zeichen des Kreuzes siege!“ Überlieferungen berichten, Kaiser Konstantin habe im 3. Jahrhundert in einer Vision diese Inschrift auf einem Kreuz am Himmel gesehen. Das war für ihn Zeichen genug siegreiche Schlachten im Namen Gottes gegen feindliche Truppen zu führen. Bis heute wird das Kreuz mit in den Kampf genommen.  Bis heute wird der Name Gottes missbraucht, um mit allen die anders, oder überhaupt nicht glauben kurzen Prozess zu machen. So wurde auch mit Jesus verfahren. Im Namen Gottes wurde er qualvoll und schändlich hingerichtet. Zur Abschreckung für Nachahmer und Andersgläubige. 

M   u   s   i   k 

„Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach.“ 

Missverständlich kommt es daher. Das Wort Jesu, das in den Gottesdiensten heute vorgelesen wird. Viel Unheil hat es schon angerichtet. Wer Jesus nachfolgt, darf niemals aggressiv und gewalttätig gegen andere Menschen vorgehen. 

Das Wort vom Kreuz tragen meint aber auch nicht das, was der Philosoph Friedrich Nietzsche karikiert. Er fällt ein hartes Urteil über alle die sich Christen nennen. Sie würden krumm zu Kreuze kriechen. Das Kreuz sei ein Zeichen für Schwächlinge, Duckmäuser und Versager, die sich nichts trauen und alles erdulden. 

Da muss ich an das alte Ehepaar denken, das ich vor Tagen besuchte.  Der Mann geht an zwei Krücken. Nach einer schwierigen OP ist er gerade vom Krankenhaus zurückgekommen. Erschöpft und schwach ist er. Seine Frau ist dement und ohne ihn verloren. Ein neues Kreuz will er sich kaufen. Er hat klare Vorstellungen wie es auszusehen hat. Ich soll ihm bei der Auswahl und beim Kauf helfen. Als gäbe es bei den Zwei keine anderen Probleme. Doch im Gespräch mit ihm werde ich nachdenklich.

Ja die Zwei haben ihr Kreuz zu tragen. Davon weiß er zu erzählen. Und gerade deshalb wollen er und seine Frau auf Jesus schauen, der sich selbst dem Leid aussetzt und so den leidenden und erniedrigten Menschen und auch ihnen solidarisch nahe bleibt. Ihr gekreuzigter Gott leidet mit ihnen. Daran glauben sie ganz fest.  Keine Macht der Welt kann sie davon abbringen. 

Mitleiden ist Kern des Christentums. Einen Friedrich Nietzsche hat das bis zur Weißglut aufgeregt, dass das Christentum eine Religion des Mitleids ist. Für ihn zählt der Übermensch. In Kraft und Herrlichkeit schafft er sich selbst und braucht keinen Gott und schon gar kein Mitleid. 

„Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach.“  

Das Wort von der Kreuzesnachfolge bleibt unbequem. Dass Jesus am Kreuz gottverlassen stirbt ist das Unerhörte des Christentums. Das Kreuz ist  Gegenentwurf zu einer Welt, die vorgibt, keine Opfer zu kennen, sondern nur Sieger oder Versager. Ein Gott am Kreuz ist der schärfst mögliche Einspruch gegen die Vergötterung von Macht und Erfolg und ewiger Gesundheit. 

Das alte Ehepaar könnte ein Lied davon singen. Von all dem Schweren, das ihnen widerfahren ist. In einem langen Leben. Mit all   seinen Kriegs – und Krisenzeiten.

Ich werde dem Mann  bei der Suche nach einem Kreuz helfen. Denn für die zwei bedeutet es unendlich viel. Jesus bleibt nicht vor ihrer Tür stehen. Nimmt nicht Reißaus. Er bleibt ihnen nahe, wie damals bei den Kranken, den Blinden und Lahmen.   Er lässt sie nicht im Stich. Gott lässt sie nicht im Stich. Darauf vertrauen die Zwei. Sie folgen ihm nach. Mit ihrem Kreuz. Ganz treu. Schon ihr liebes langes Leben lang.

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Ihr haben wir den freien Tag heute zu verdanken. Der frommen Nonne Juliana von Lüttich. Acht Jahrhunderte liegt es jetzt schon zurück.

Die hatte eine Vision.  Eine unvollständige Mondscheibe, aus der ein Stück herausgebrochen war. Christus selbst, so die fromme Frau, habe ihr in diesem Bild gesagt, dass dem Kirchenjahr ein Fest fehle, an dem die Eucharistie  besonders verehrt werden solle.

Selbstbewusst erzählt sie ihrem Bischof von der seltsamen Mondscheibe und der ordnet umgehend an, das Fronleichnamsfest in den Festkalender des Kirchenjahres aufzunehmen.

Bis heute feiern katholische Christen Fronleichnam. Das Brot der Eucharistie wird vom Pfarrer in einem goldenen Gefäß, das Monstranz heißt,  aus der Kirche getragen.

In festlichen Gewändern. Unter einem Tragehimmel. Begleitet von den Kommunionkindern. Ministranten. Chören und Musikkapellen.

Das Brot wird gezeigt auf Straßen und auf Plätzen. Und die sind geschmückt mit Fahnen und bunten Teppichen aus Blumen. So richtig feierlich geht es zu.  

Ein Fest aus dem Mittelalter. Unser Fronleichnamstag.

Szenenwechsel.

Alles ist vorbereitet. Ein weißes Tischtuch. Zwei Kerzen. Blumen. Ein Kreuz. Eine Schale mit Weihwasser. Ich bringe einmal im Monat einem Mann, der im Rollstuhl sitzt die Kommunion. Seine Frau ist dabei. Hält seine Hand. Und sein ganzer Stolz daneben: sein Enkelkind. Er freut sich. Ist so dankbar. Wir sitzen am Küchentisch. Beten. Singen und schweigen miteinander. Auch wenn es mit dem Sprechen seit dem Schlaganfall nicht mehr so recht geht, beim Singen klappt es umso besser. Und wie groß ist das Vertrauen, dass er und seine Frau in das kleine Stückchen Brot setzen.   

Ich breche es in der Mitte durch und lege es geteilt in die offenen Hände der beiden. Es entfaltet seine Kraft bei den zwei am Küchentisch, der für sie zum Altar geworden ist.

Brot. Geteilt für ein Ehepaar, dass zusammenhält.

Nach unserem kleinen Gottesdienst bleibe ich noch ein wenig. Ich bekomme noch einen Kaffee und ein Stück Kuchen.

Wir feiern Kommunion. Zu deutsch: Gemeinschaft. Mit Gott und untereinander.

Krankenkommunion. Einmal im Monat. Fronleichnam. Einmal im Jahr.

 

M u s i k

 

Wir Menschen sind miteinander verbunden. Ohne Schranken. Ohne Abstand. Ohne Vorwurf. Das ist Vision Jesu.

Ausschluss von irgendjemandem. Das ist ihm fremd. Sein Mahl. Seine Tischgemeinschaft. Gerade nicht die Versammlung der Erwählten, der Perfekten, der Supermoralisten und Vollkommenen. Einer solchen Prozession kann ich mich guten Gewissens anschließen. Doch es drängen sich mir Fragen auf.

Es ist absurd. Jesus feiert das Abendmahl als Zeichen seiner tiefen Verbundenheit mit seinen Freunden und mit Gott. Dass sie eins sind und solidarisch verbunden bleiben ist sein Herzensanliegen. Das eine Brot, dass er an alle verteilt soll sie daran erinnern. Sie sollen es immer wieder tun zu seinem Gedächtnis. Warum steht denn dann noch immer Altar gegen Altar ? Warum teilen christliche Kirchen noch immer nicht gemeinsam dieses Brot von Jesus ?

Warum dieses hin und her unter katholischen Bischöfen, wenn es darum geht, wer zur Kommunion gehen darf und wer nicht ? Das Lebensbrot gehört doch nicht ihnen. 

Nie standen wir Menschen einander so nah. So wie an einem Tisch einander gegenüber wie heute. Global verbunden und vernetzt. Wir sitzen miteinander an einem Tisch. Der Eine macht den Gewinn, der Andere hat das Nachsehen. Der Eine ist der Gläubiger, der Andere versinkt in Schulden. Jesu Tischgemeinschaft soll prophetisches Zeichen sein, für eine Menschheit, deren Geschichte Zukunft haben soll. Und die hat sie, wenn sie teilt und solidarisch zusammenhält.

In einer Kirche in Krefeld befindet sich an der Rückwand ein modernes Abendmahl.

Auf einem großen Plakat sieht man ein kaltes Büfett mit festlich gekleideten und wohlgenährten Männern, die sich bedienen und es sich offensichtlich auch schmecken lassen. Vor dem Foto an der Kirchenwand steht real im Raum ein einfacher Holztisch mit Papptellern, alle gefüllt mit Steinen.  An jedem Teller steht eine Karte mit den Namen der ärmsten Länder der Erde. Bei jeder Eucharistiefeier hat man dort also den Altar vor sich und dieses Abendmahl im Rücken.

Die Aussage ist klar. Wer Eucharistie, das Mahl mit Jesus feiert macht sich bewusst wo er steht. Er bedenkt sein Tun und Lassen, angesichts des geteilten Brotes Jesu. Die Zerrissenheit wird uns bewusst, nicht nur als konfessionelle Spaltung, nein auch die soziale Kluft von arm und reich. Eine gefährliche und befreiende Erinnerung ist das wenn wir tun was Jesus uns hinterlassen hat.

Fronleichnam. Darum lasst uns tief verehren, ein so großes Sakrament, singen alle die heute hinter dem Brot laufen. Wenn wir Eucharistie feiern und Jesu Brot verehren und teilen, tun wir was Jesus uns aufgetragen hat. Wir verpflichten uns zu Brot füreinander zu werden, da zu sein für unsere Mitmenschen. Ganz nah und in der weiten Welt. Am Küchentisch und am Welttisch. Alles andere wäre eine Perversion des großen Sakraments.

Ich wünsche Ihnen einen schönen Festtag.

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Wunder soll es ja immer wieder geben. Doch was tun wenn sie ausbleiben. Wenn meine Gebete nicht erhört werden. 

Hast Du nicht genug gebetet !? Die Frage, die der sechsjährige Moritz in der Kindertagesstätte der Frau im Rollstuhl stellt kommt frei heraus.

Nicht genug gebetet. Wie meinst du das ? meint die ziemlich verwundert. Und auch da hat der kleine Moritz sofort seine Erklärung parat: Weil bei dir der Jesus kein Wunder gemacht hat. So wie bei all den gelähmten Menschen in meiner Kinderbibel, die wieder gehen konnten.

Fast die Hälfte der Deutschen glauben, laut einer Umfrage des Instituts für Demoskopie in Allensbach, an Wunder.

Landauf landab gibt es Berichte von wundersamen Ereignissen, die faszinieren und weitererzählt werden. Wir können nicht genug davon bekommen. Von dem, der nach dem Sturz von der Leiter im Rollstuhl saß und kurze Zeit später kerngesund auf beiden Beinen im Leben steht. Vom Tumor im Kopf, der plötzlich aufhört zu wachsen und schließlich ganz verschwindet. An Wallfahrtsorten steht auf unzähligen Gebetstafeln selbstbewusst mit Name und Datum versehen: „Maria hat mir geholfen“. 

Auch die Bibel berichtet Wunderbares. Da sehen die Blinden wieder das Licht der Sonne, die Tauben lernen wieder hören und die Gelähmten lassen ihre Gehhilfen einfach so stehen und laufen los. Selbst Tote stehen von ihrer Bahre auf und sind lebendiger denn je.

All die wundersamen Geschichten verleihen unserer kühlen und durchrationalisierten Welt übernatürlichen Glanz und werden auflagenstark verbreitet und weitergeleitet.

Im Evangelium, das heute in den katholischen Kirchen verlesen wird, heilt Jesus einen Menschen der an Aussatz leidet. Aussatz bedeutete damals lebend tot zu sein. Nicht nur gesundheitlich am Ende waren solche Menschen, sondern auch und das war noch viel schlimmer, völlig isoliert.  Die Angst vor Ansteckung war groß. Schon von Ferne mussten sie andere auf ihre Krankheit aufmerksam machen und lautstark rufen: „Vorsicht. Ich bin krank und unrein“. 

Der Aussätzige im Evangelium missachtet all diese Regeln. Er schafft es bis zu Jesus hin, fällt vor ihm auf die Knie und bittet: Wenn du willst, kannst du machen, dass ich rein werde. Jesus hat Mitleid. Er macht was keiner macht. Was zudem strengstens verboten ist. Er berührt ihn mit der Hand. Jesus scheint davon überzeigt zu sein: Nur so kann das Wunder geschehen. Der kranke wird geheilt.

Doch was er dann sagt ist schwer zu verstehen. Nimm dich in Acht.Erzähl niemandem etwas davon. Lediglich zu einem Priester schickt er ihn. Das war damals so üblich. Der musste die Heilung offiziell bestätigen und damit die Quarantäne aufheben.

Aber die Heilung herumerzählen ? Niemals ! Und das hatte seinen Grund. 

Jesus hat viele schwerkranke Menschen geheilt. Aber er wollte nicht, dass sie damit hausieren gehen. Menschen die ihren Glauben an Gott nur auf Wunder aufbauen, die ihm buchstäblich nur wegen seiner Wunder nachlaufen und nicht mehr in Ruhe lassen – das geht für Jesus schon gar nicht. So bringt er es an einer anderen Stelle in der Bibel auf den Punkt, indem er sagt:  Wenn ihr nicht Zeichen und Wunder seht, so glaubt ihr nicht. Glauben an Gott in der Hoffnung, dass ein Wunder geschieht. Eine herbeigesehnte Heilung und ein Ende der Schmerzen. Eine Prüfung, die bestanden werden muss. Eine Rettung aus einer ausweglosen Situation. Wem ist das zu verübeln.

Doch wie gehe ich damit um, dass viel öfter die Wunder ausbleiben. Die Gebete nicht erhört werden. Die Krankheit bleibt. Jemand für immer im Rollstuhl sitzen muss oder ein Tumor nicht kleiner, sondern größer wird. Jesus scheint da realistisch zu sein. Wer seinen Glauben nur von Wundergeschichten her begründet und lebt wird schnell eines Besseren belehrt. Er hat es selbst erlebt und erlitten. Jahr für Jahr hören wir davon, wenn wir von Aschermittwoch an seine letzten Wege betrachten. Bis ans Kreuz. Nach der ausgelassenen und so schönen Faschingszeit.

Auch bei ihm bleiben die Wunder aus. Sein Kreuzweg erinnert bis heute an die Kreuzwege von uns Menschen. Was er durchmacht ist auch vielen Menschen heute leider nicht fremd. Verurteilung und Verhör vor selbsternannten Richtern. Misshandlung und Brutalität. Verlassenheit und Verzweiflung.

Seine letzten Worte am Kreuz werden bis heute verzweifelt ausgesprochen. Mein Gott, warum hast du mich verlassen. Wo bist du? Hörst du mein Beten und Rufen überhaupt?

Selbst er, der so sehr auf einen guten Gott vertraute, wird buchstäblich Gott – los im Sterben.

An Gott glauben. Ohne Wunder. An Gott selbst dann noch glauben wenn wir ihn  suchen und an ihm zweifeln.  Wo Schreckensmeldungen, Todesfälle, Hass und Terror uns von allen Seiten bedrängen. Wo sich fundamentalistische Streiter auf ihren Gott berufen, der angeblich mit ihnen in den Kampf zieht, um eine in ihren Augen ungläubige Welt nieder zu metzeln.

Auch wenn es sich seltsam anhört. Vielleicht sind gerade Zweifel und Erfahrungen der Gottlosigkeit wichtig für meinen Glauben. Wichtiger noch als alle Wunder der Welt.

Vor Menschen, die Gott suchen, ein Leben lang, brauche ich keine Angst zu haben. Sie sind oft ganz treu und so ehrlich. Von denen, die meinen ihn zu besitzen, buchstäblich behaupten ihn im Griff zu haben geht Gefahr aus. 

Der große Theologe Karl Rahner meinte einmal, Glauben heißt nichts anderes, als die Unbegreiflichkeit Gottes ein Leben lang auszuhalten. Er hat recht. Vielleicht kennen sie ja Menschen, oder gehören gerade selbst dazu, die sich durch Wüsten schleppen müssen und die Hoffnung nicht aufgeben. Die Gott suchen in ihrem handicap. Ihr Glaube, der ohne Wunder auskommt und ihr Vertrauen machen mich oft sprachlos.

Übrigens. Der kleine Moritz staunte nicht schlecht, als ihm die Frau mit dem Rollstuhl zeigte, welche Hindernisse sie überwinden kann und muss. Ganz alleine. Und wie sie es schafft in ihr Auto zu kommen um loszufahren. Auch wenn ein Wunder bei ihr ausgeblieben ist. 

Ich wünsche Ihnen – und schon wieder kommt dieses Wort – einen wunderschönen Faschingssonntag und ab Mittwoch eine gute Zeit der Vorbereitung auf Ostern zu.

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