Manuskripte

31MAI2020
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Anton Hofmann Quelle: Privat

…und mit Anton Hofmann. Man sieht ihm an, dass er gerne Lehrer gewesen ist. Warm und vertrauensvoll ist seine Ausstrahlung, als wir uns in seinem Büro treffen. Das Büro des Schulleiters hat er nach seiner Pensionierung gegen den Vorsitz des Fördervereins für krebskranke Kinder in Tübingen getauscht und organisiert mit dem Förderverein Direkthilfe für betroffene Familien, die Kinderklinik und die Kinderkrebsforschung:

„Wir bezahlen z.B. in der Kinderonkologie 14 Leute, haben in unseren Häusern 8 oder 9 Leute, dann kann man sich ja vorstellen, was das für ein finanzieller Bedarf ist und alles, was wir machen, ist spendenfinanziert. Wir bekommen von keiner Krankenkasse, vom Land nichts, vom Bund nichts, also alles ist spendenfinanziert.“

Natürlich ist es Aufgabe des Vorstands, die nötigen Gelder zu organisieren, aber schnell wird klar, dass es nicht das Händchen für Zahlen ist, das man für die Arbeit im Förderverein am meisten braucht:

„Da kommt eine Familie aus der Klinik, das Kind ist gestorben. Es macht absolut keinen Sinn, wenn man zu den Leuten hingeht und sagt: ‚Mein herzliches Beileid! Der Herrgott wird schon gewusst haben, was er gemacht hat; es wird schon alles einen Sinn haben.‘ Da gibt es kein Rezept, aber da braucht man Leute, die einfach diese innere Gabe haben, beim jeweiligen Menschen in der jeweiligen Situation richtig zu reagieren: Entweder den Menschen in den Arm nehmen oder schweigen, aushalten können, zusammen zu schweigen, auch zusammen zu weinen – da gibt es kein Rezept.“

Woher kommt bei ihm diese innere Gabe, von der er spricht?

„Also meine Familie hat mich stark geprägt. Ich komme aus einem sehr christlichen Elternhaus; also christliche Werte haben eine ganz, ganz große Rolle gespielt. Ich komme aus einem Bauerndorf mit 300 Einwohnern. Und da gab’s in den 50er Jahren wirklich noch Familien, Kleinbauern, denen es wirklich schlecht ging. Meine Mutter ist immer in diese Häuser gegangen und hat den Leuten zum Essen gebracht und, was sie noch getan hat – das haben wir als Kinder gar nicht so gut gefunden – wenn wir größer geworden sind, hat die unser Spielzeug verschenkt. Einfach weil die kein Spielzeug hatten. Als wir dann älter waren, haben wir dann wirklich auch gedacht: Das ist toll, was die gemacht hat!“

Gerade das Spielzeug, das früher die Mutter verschenkt hat, spielt heute wieder eine Rolle. Und zwar bei den Kindern, die auf den Tod zugehen:

„…in der Klinik hat mal ein Arzt zu mir gesagt, der Chefarzt: ‚Wenn Kinder wissen, dass sie sterben müssen, dann verschenken sie ihr Spielzeug. Und wenn sie ihr Spielzeug verschenken, dann wissen wir, dass es zu Ende geht.‘“

Diese Worte treffen mich in der Seele. Ich bekomme eine Ahnung von dem, was Anton Hofmann auf seine ganz eigene Art und Weise begeistert, wenn er davon erzählt,

„… mit welcher Kraft, mit welchem Optimismus die kranken Kinder ihre Krankheit ertragen. Ich hab mal ne ehemalige Patientin hier im Gespräch gehabt, und die hat zu mir gesagt, sie hatte auch Krebs und sie hat einen Jungen, der mit ihr auch Krebs hatte und der ist gestorben und der hat zu ihr irgendwann mal gesagt: ‚Du, ich weiß, dass ich sterben muss, aber das kann ich meinen Eltern nicht sagen; die würden das nicht verkraften.‘“

All diese Erlebnisse und Begegnungen rütteln gehörig an Anton Hofmanns Grundfesten und ich frage mich und ihn, wie da ein Glaube an Gott noch möglich ist:

„Ich kann ihnen keine Antwort darauf geben. Also, wenn ich vor so ner Situation stehe, da frag ich nach wie vor: Kann das Gott zulassen? Wo ist da Gott? Ich weiß nicht, wo er da ist.“

Ende Teil I (03:29)

 

Teil II:

Nach über 30 Jahren im Schuldienst, findet sich Anton Hofmann nicht in der Hängematte des wohlverdienten Ruhestandes wieder, sondern mitten im Förderverein für krebskranke Kinder in Tübingen, den er als Vorstand leitet. Die Not, mit der er sich in seiner aktuellen Aufgabe konfrontiert sieht, will er gar nicht erst in sich hineinfressen; darüber reden ist ihm wichtig. Im Alten Testament sind es die Klagepsalmen, in denen der betende Mensch zu Gott schreit und als ich Anton Hofmann nach seiner Art des Betens frage, ist seine Antwort wieder erfrischend klar und schnörkellos:

„Ja, also ich bin jetzt nicht der große Beter. Wenn ich dann mal bete, dann sag ich dann schon mal: ‚Herrgott, also bitte schau mal auf diese Familie. Die brauchen Hilfe.“

Die Jahre, die Anton Hofmann im Förderverein erlebt hat, prägen ihn – das spürt man in jeder Faser seiner Präsenz. Vor allem der Blick, das eigene Leben und die eigene Familie bekommt durch das, was er erlebt hat, eine andere Tiefe:

„Also ich hab schon immer gewusst, dass es ein besonderes Geschenk ist, gesunde Kinder zu haben. Und auch gesunde Enkelkinder zu haben. Aber irgendwie hat man das immer so trotzdem als relativ selbstverständlich – also wenn man Kinder kriegt, im Normalfall sind sie gesund, aber in der Zwischenzeit weiß ich, dass das überhaupt nicht so ist; dass es so, so viele Familien gibt, die wirklich schwerstkranke Kinder haben und dass es ein riesen Geschenk ist, wenn die eigenen Kinder gesund sind. Und das ist wirklich – also ich bin jetzt kein Lehrer mehr, aber damals hätt man sicherlich machen Eltern sagen können: Also diese 4 in Mathematik oder in Latein – es ist wirklich kein Problem. Leute, also da gibt’s doch ganz, ganz andere Dinge.“

Und dass es Anton Hofmann mit dem Förderverein ja vor allem um das Leben geht, kann und will er nun auch gar nicht mehr zurückhalten:

„Wir haben jetzt ganz viel über Sterben und Tod gesprochen. Also, was ganz beglückend ist hier auch: Über 80% der Kinder können geheilt werden. Das ist was ganz, ganz Zentrales und diese Tatsache ist unheimlich motivierend.“

Ich schäme mich, als ich nach dem Gespräch zurück zum Parkplatz laufe: Jede Familie, die gerade im Elternhaus des Fördervereins ums Überleben kämpft, würde wahrscheinlich auf der Stelle mit meinen aktuellen Sorgen und Problemen tauschen wollen. Und dann freue ich mich. Weil es einen kleinen Verein und ein Haus in Tübingen gibt, die verstanden haben, dass es nichts bringt, sich zu schämen. Nur anzupacken.

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29DEZ2019
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Katharina Mueller Wenn man Katharina Müller noch nicht kennengelernt hat, ist das gewissermaßen ein gutes Zeichen. Katharina Müller trifft man nämlich:

„Na ja, immer dann, wenn ein Kind krank ist.“

Denn Katharina Müller ist angehende Kinderärztin. Sie ist zuständig…

„…für alle zwischen 0 und 20, würd ich mal grob sagen – die meisten sind natürlich irgendwie zwischen 0 und 18, aber es gibt eben auch viele chronisch kranke oder Kinder, die weiterhin in der Kinderklinik angebunden bleiben.“

Für die Gesundheit eines Kindes Verantwortung zu tragen, wiegt schwer. Auch für Katharina Müller:

„Also wenn man sich konkret überlegt: Man sitzt da in der Ambulanz und sieht dort ein Kind und die Eltern haben natürlich irgendeine Sorge, sonst würden sie sich nicht auf den Weg machen, und dann muss man entscheiden, wie krank ist dieses Kind. Und diese Entscheidung muss man irgendwie treffen und das hat Konsequenzen: Entweder bleiben die Eltern ewig lang da in der Ambulanz hängen und machen 1000 Dinge irgendwie mit, die am Ende vielleicht unnötig sind, oder ich schick ein Kind mach Hause, was vielleicht dann doch kränker war und verpass irgendwas, was dann schwerere Folgen haben würde. Also jede Entscheidung hat da irgendeine Konsequenz. Und das, finde ich, ist schwer zu tragen.“

Die Notaufnahme und die Kinderkrankenstationen haben natürlich auch an Feiertagen wie Weihnachten geöffnet. Wie empfindet Katharina Müller Weihnachten in der Klinik?

„Ich finde, schön! Natürlich sind diese Feiertage immer besondere Zeiten, zu arbeiten, und natürlich will jeder da auch gerne bei seiner Familie sein, aber man merkt irgendwie, die Familien, die diese Zeit ja auch unfreiwillig in dem Krankenhaus verbringen, weil die Kinder irgendwie krank sind, die sind auch immer sehr dankbar, dass man dann genau da da ist, und es herrscht trotzdem immer eine besondere Atmosphäre – also es ist anders, ob man jetzt am 1. Mai, der ja auch ein Feiertag ist, arbeitet als an Weihnachten. Also es ist schon eine bestimmte Stimmung, auch in der Kinderklinik.

Auf der Station, auf der die Kinder liegen, die zu früh zur Welt gekommen sind, herrscht für Katharina Müller eine sogar eine noch intensivere Weihnachtsstimmung:

„Und auf einer Frühchenstation – na ja – ich finde, da ist sowieso dieser Lebensanfang eh immer was sehr Besonderes. Man ist da irgendwie so sehr nah dran an diesem neuen Leben, was ja gerade so angefangen hat, und man ist sehr nah dran an dieser Hoffnung, die ja irgendwie für mich in jedem neuen Kind steckt und diese Zusage und diese Liebe, die diese Eltern für diese Kinder empfinden, das, finde ich, ist sehr weihnachtlich. Und das gibts da ja das ganze Jahr quasi gratis, aber das ist natürlich besonders schön dann an Weihnachten dort.

Wie Katharina Müller mit den Schattenseiten ihres Berufs umgeht und wie ihre Arbeit mit den Kindern und Familien sie verändert hat, erzählt sie uns nach der Musik.

Teil II:

Als angehende Kinderärztin erlebt Katharina Müller Kinder, die wieder gesund werden und auch Kinder, die sterben.

„Natürlich bedrückt mich das und ich trage das weiter mit mir – all die Kinder, die irgendwie gestorben sind. Also es ist auch nicht so, dass mich das die ganze Zeit beschäftigt oder ich da ständig darüber nachdenke, aber das ist halt ein Teil von mir geworden.
Aber ich glaub, man muss – oder ich für mich habe so das Gefühl – man muss schon auch ein bisschen aufpassen, dass einen das nicht erdrückt; also man muss irgendwie schon schauen, dass man zumindest einen Teil auch ab und zu irgendwo abgeben kann oder dass man wieder auch was findet, was irgendwie positiv ist.“

Deshalb will ich wissen, wo gibt Katharina Müller das abgibt, was sie zu erdrücken droht:

„Also ich für mich hab da – würde ich sagen – auch verschiedene Wege: Es gibt schon irgendwie Freundschaften und Familie und Arbeitskollegen, wo man so einzelne Fälle irgendwie mal besprechen und erzählen kann – für viele gibt’s ja auch keine Lösung, aber das irgendwie auszusprechen, also das hilft mir und dann würde ich sagen, gebe ich das schon auch im Gebet ab: Die Dinge, die ich nicht lösen oder richten kann, da das Vertrauen zu haben, dass es da noch jemanden gib, der das dann eben kann. Das ist für mich heilsam und das ist für mich erleichternd.

Kratzt das nicht spürbar in der Seele, wenn ich eine Situation in der Klinik nicht lösen kann?

„Und ja, zweifle ich da manchmal und natürlich bin ich da auch manchmal irgendwie ärgerlich, aber die Lösung ist deshalb für mich nicht gewesen, irgendwie das grundsätzlich in Frage zu stellen. Also für mich gibt es deshalb trotzdem keine andere Lösung, als darauf zu vertrauen, dass es jemanden gibt, der eben größer ist als ich und der das in einem anderen Zusammenhang sieht, in dem das dann wieder Sinn macht. Das ist die Hoffnung und das brauche ich schon, um das zu machen. Weil sonst kanns schon auch ein bisschen trist sein.“

Auch Tränen gehören zum Alltag von Katharina Müller. Dafür schämt sie sich auch nicht. Und augenzwinkernd fügt sie noch hinzu:

„Bin ja kein Mann – ich darf ja weinen. Nee, ich glaub nicht, dass man sich dafür schämen braucht.“

Und als Mann sei mir gestattet zu sagen: Wenn ich mir vorstelle, die heilige Freude oder den tiefen Schmerz einer Familie am Krankenbett des eigenen Kindes mitzuerleben, dann weine auch ich von Herzen gerne.

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27OKT2019
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Abseits der wilden Touristenströme, in einer ruhigen Oliver Lahl Foto: Heike SchillerSeitenstraße von Rom, in der Via di Villa Sacchetti, befindet sich die Deutsche Botschaft. Genauer gesagt: Befindet sich die Botschaft der Bundesrepublik Deutschland am Heiligen Stuhl. Der Vatikan ist das kleinste Land der Welt und doch leistet sich fast jedes Land der Welt dort eine eigene diplomatische Vertretung. Fast wie eine „kleine“, inoffizielle UN-Versammlung rund um den Petersdom.

„Das Absurde an der Situation ist, dass wir nicht die Deutsche Botschaft beim kleinsten Staat der Welt sind, also nicht beim Vatikan-Staat, wir sind die Deutsche Botschaft beim Heiligen Stuhl. Und der Heilige Stuhl ist eben nicht der halbe Quadrat-Kilometer Territorium, nicht diese Fläche, nicht dieses ‚Land‘, sondern der Heilige Stuhl ist die Person des Papstes.“[1]

Oliver Lahl ist zwar nicht der Botschafter – das ist seit gut einem Jahr Michael Koch als Nachfolger von Annette Schavan – aber Oliver Lahl ist ein wichtiger Mann im Hintergrund. Seine Berufsbezeichnung lautet: Geistlicher Botschaftsrat. Und als katholischer Priester in einer Deutschen Botschaft ist er gleich in mehrfacher Hinsicht eine Besonderheit:

„Mit der Übernahme dieses neuen Aufgabenfeldes, ging ich auch von der Kirche in den Staat über – bin jetzt also Staatsbeamter – und gehöre von daher in diese Berufsbezeichnungen des Auswärtigen Dienstes, bzw. Auswärtigen Amtes und das heißt ‚Der Botschaftsrat erster Klasse‘ – normalerweise, im Umgangssprachlichen, wird jetzt hier gesagt ‚Geistlicher Botschaftsrat‘ – weil ich auch der einzige Priester bin, der dauerhaft beim Auswärtigen Amt beschäftigt ist.“[2]

Und im Klartext heißt das: Ein Priester, der nicht den Papst, sondern unseren Außenminister als obersten Chef hat – das klingt spannend. Im Alltag sieht das so aus:

„Ich beschreibe meine Aufgabe immer in zwei Bildern: Einmal als Übersetzer – ich bin Dolmetscher zwischen dieser fremden, kirchlich-katholischen, römisch-katholischen Welt – Warum gibt’s da braune und schwarze Franziskaner? Warum gibt’s welche mit und ohne Hut – also eine ganz reine, praktische Übersetzungstätigkeit dessen, was die katholische Welt darstellt, aber natürlich genauso in die andere Richtung: Was tut Deutsche Politik? Wie sieht Deutsche Gesellschaft aus?“

Oliver Lahl übersetzt also für den Papst und die Kardinäle einerseits und für Angela Merkel und Jogi Löw andererseits, wenn sie den Papst besuchen. Gerade Angela Merkel hat bei ihm Eindruck hinterlassen:

„Weil die im direkten Begegnen, im kleinen Umfeld, auch eine sehr angenehme Person ist, eine sehr gebildete Frau ist, die auch nachfragt, wo es Spaß macht, sich zu unterhalten.“

Wer bei ihm, außer der Kanzlerin, auch noch in angenehmer Erinnerung geblieben ist, erzählt uns Oliver Lahl nach der Musik.

Teil II:

Pfarrer Oliver Lahr vertritt die Bundesrepublik Deutschland beim Papst und begleitet Politiker, die Papst Franziskus besuchen. So auch die Baden-Württembergische Landtagspräsidentin Muhterem Aras[3].

„Als Ministerpräsident Kretschmann da war, das war auch einfach super und mit der Landtagspräsidentin, die auch eine sehr super Figur machte und die auch in der Kurie eine super Figur machte; also da haben uns mehrere danach angesprochen darauf, wer die Frau denn ist, wo die herkommt und das machte dann schon auch Eindruck, dass sie eben als jemand, der in der ersten Migrationsgeneration, die Eltern noch Migranten, Analphabeten, diesen Weg gegangen ist und dass Deutschland so einen Weg möglich macht und dann auch in hohe und höchste Ämter zu bringen.“

Jenseits der Kameras entstanden auch unerwartet intensive Gespräche mit Spielern der deutschen Fußballnationalmannschaft. Beim letzten Besuch im Vatikan waren einige Spieler und Betreuer den ganzen Tag unterwegs, u.a. …

„…im Apostolischen Palast, Sixtinische Kapelle, St. Peter – und die Gespräche, die damals liefen, waren überraschend, ich muss wirklich sagen, für mich überraschend – ich bin kein Fußballer und kein Sportler – gut. Gündogan[4] fragte mich dann: ‚Ja, ist es für Sie kein Problem, dass ich jetzt hier als Muslim dabei bin und für den Papst morgen auch nicht?‘ Also es war ganz anders, wie ich es mir vorgestellt habe.“

Wie aber wirkt Papst Franziskus aus der Nähe, bzw. aus der Nähe, die Oliver Lahl durch seine Arbeit hat?

„Ich erlebe einen Papst Franziskus, der je nach Situation, innerhalb von 20min drei unterschiedliche Menschen ist. Das hört sich jetzt komisch an: Sie haben Generalaudienz, er fährt ein, auf dem Papamobil, die Menschen jubeln ihm zu und er ist in einer ganz intensiven Kommunikation mit den Leuten. Und das ist seine Fähigkeit: Er sieht nicht eine Masse von Menschen, sondern er sieht jede einzelne Person. Jeder Mensch, der ihm begegnet, hat wirklich das Gefühl: ‚Er sieht mich. Er erkennt mich. Er weiß, wer ich bin.‘
Dann geht der offizielle Teil los und er fällt in sich zusammen und man denkt: ‚Schläft er? Interessiert ihn das überhaupt?‘
Und dann begegnen ihm hunderte von Menschen im persönlichen Gespräch.“

Und das sind dann die berühmten Franziskus-Momente: Die Selfies, das Lachen, das Umarmen, das Segen von Kindern und Kranken entlang des Petersplatzes.

Oliver Lahls Augen leuchten, als er sagt:

„Jeder und jede Einzelne hat nicht nur das Gefühl, sondern weiß: Er hat mich gehört. Er hat mich gesehen. Er hat auf mich reagiert. Da ist wirklich heiliger Geist, Energie spürbar – und das macht ihn aus.“

Mich fasziniert, wie sehr Oliver Lahl vom Menschen Franziskus fasziniert ist. Und würde man „Franziskus“ streichen, bliebe „Mensch“ übrig. Und dass Kraft und Heiliger Geist offensichtlich dann wirken, wenn ich mich wirklich gesehen, wirklich gehört und wirklich verstanden fühle. Das macht uns Menschen aus. 

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[1] Die Bundesrepublik Deutschland unterhält (unter dem Dach einer Verwaltungsgemeinschaft) insgesamt drei Botschaften in Rom:

  • Eine Botschaft bei der Republik Italien
  • Eine Botschaft beim Heiligen Stuhl und dem Souveränen Malteser-Orden
  • Eine Botschaft bei den Vereinten Nationen, die in Rom eine große Niederlassung haben

[2] Innerhalb des Auswärtigen Amtes in Berlin gibt es noch einen Benediktiner-Pater aus Jerusalem, der für eine vorrübergehende Zeit dort in der Religionsabteilung arbeitet. Als auf Lebenszeit verbeamteter Priester ist Oliver Lahl tatsächlich einzigartig innerhalb des Auswärtigen Amtes.

[3] Muhterem Aras, Landtagspräsidentin des Baden-Württembergischen Landtags seit Mai 2016

[4] Ilkay Gündogan (Anm. d. Red.)

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30MAI2019
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Thomas Knöller trifft Michael Friedmann Michael Friedmann

Es ist schön im Büro von Michael Friedmann: Bunte Bilder und Fotografien schmücken die Wände. Es ist hell und ruhig, ein frischer Kaffeeduft liegt in der Luft. Er hat es geschafft, dass man sich an einem Ort sofort wohl fühlt, an dem über den Tod gesprochen wird. Michael Friedmann ist Referent für Kinder- und Jugendtrauer bei der Ökumenischen Hospizinitiative im Landkreis Ludwigsburg. 

„Ursprünglich war ich ja Bankkaufmann und dann hab ich Zivildienst gemacht im Krankenhaus, dadurch gemerkt, ich brauch einen anderen Beruf und dann Gemeindereferent geworden. Und dann auch da wieder die Jugendarbeit, der Beerdigungsdienst nochmal für mich so eine Grundlage waren, auch nochmal hier dann anzufangen.“ 

Für Michael Friedmann ganz entscheidend war: 

„Der Zivildienst im Krankenhaus, weil ich immer einen Beruf haben wollte, wo ich nah am Menschen bin und das war für mich in der Bank erstmal so möglich. Und durch den Zivildienst im Krankenhaus hab ich dann aber gemerkt gehabt, dass es was ganz anderes ist, ob man in der Bank mit den Menschen zusammenarbeitet oder ob man quasi im Schlafzimmer der Menschen steht, wenn man im Krankenhaus arbeitet.“ 

Von nun an sind es die, wie er sagt, „Schlafzimmer der Menschen“, die besonderen Seelen-Orte, an denen Michael Friedmann weitergearbeitet und gelernt hat: Im Theologiestudium, im Hospizpraktikum oder bei den verschiedenen Beerdigungsdiensten in der Kirchengemeinde.

Und Michael Friedmann weiß, wie der Tod das eigene Leben verändern kann: 

„Für mich persönlich wars ein sehr einschneidendes Erlebnis, wo meine Oma damals gestorben ist und das für mich der erste ganz wichtige Mensch war, der gestorben ist und das für sich selber auch zu merken, was es bedeutet, um so einen Menschen zu trauern und da zu merken, wie gut es tut, wenn einfach Menschen für einen da sind, die einen verstehen und so sein lassen wie man ist.“ 

Noch wichtiger, als verstanden zu werden, ist es, dass man seine Trauer so ausdrücken kann, wie man es selbst für richtig hält. Für Michael Friedmann hieß das, vor dem Sarg seiner Oma ein letztes Mal zu tanzen: 

„Wir hatten eine Musik rausgesucht von Hoffmanns Erzählungen, die Barkarole, eine ganz schöne Melodie, die meiner Oma sehr gefallen hatte, und wo wir die vor der Beerdigung haben nochmal laufen lassen, um zu gucken, ob es von der Lautstärke her passt, hatten meine Schwester und ich mich angeschaut und wir haben das getan, was wir vor Jahren schonmal mit meiner Oma zusammen im Kurcafé von Freudenstadt gemacht haben, dass wir einfach getanzt hatten. Und das haben wir quasi nochmal vor dem offenen Sarg meiner Oma getan, wo ich froh war, dass niemand anderes drumherum war, außer unsere Familie, weil ich glaub, viele Andere hätte das vielleicht irritiert, aber uns hat das sehr entsprochen, weil wir gewusst haben, meine Oma würde jetzt auch schmunzeln und ihre Freude dran haben, dass wir ihr nochmal so einen letzten Tanz schenken.“ 

Vielleicht ist ja auch die Trauerarbeit mit Kindern und Jugendlichen so etwas wie ein Tanz. Und von dieser Art Tanz erzählt uns Michael Friedmann nach der Musik. 

Teil II:

Er ist Referent für Kinder- und Jugendtrauer in Ludwigsburg. Die wenigsten Menschen wissen überhaupt, dass es so etwas gibt. Umso wichtiger sind Kirchengemeinden, Notfallseelsorger, Ärzte und auch Mund-zu-Mund-Propaganda, damit betroffene Kinder und Familien den Weg zu ihm finden.

Wenn man sich dann gegenübersitzt und unmittelbar ein Sterbefall vorausgegangen ist: Wie findet man da überhaupt einen passenden Einstieg in das Gespräch mit einem Kind oder Jugendlichen? Michael Friedmann ist dabei wichtig, … 

„… dass ich, glaub ich, nicht sofort nach dem Verstorbenen frag, sondern mich erstmal für das Kind, für den Jugendlichen interessiere. ‚Was macht dich aus?‘, ‚Wie war dein Tag heute?‘, ‚Was hast du erlebt?‘ - und darüber in Kontakt zu kommen und zu merken: ‚Ok, der fällt nicht gleich mit der Tür ins Haus.‘“ 

Im Gespräch mit Michael Friedmann wird deutlich, dass man diese Art des sanften Einstiegs nicht mit Oberflächlichkeit verwechseln darf. Oft sind die Kinder und Jugendlichen einfach froh, dass nicht sofort das Schwere den ganzen Raum einnimmt. 

„Die Kinder, wie auch die Jugendlichen, auch in der Jugendtrauergruppe, sagen: ‚Weißt du, Michael, was wir nicht brauchen können ist Mitleid, weil das machts eigentlich nur schwer und macht so sprachlos; den Anderen und mich selber ja auch. Was soll ich damit anfangen, wenn jemand sagt: Du, es tut mir so leid? Was wir brauchen, ist eigentlich jemand, der uns zuhört, der sich für uns interessiert, dem ich auch noch Geschichten erzählen darf und der nicht nur einen Klos im Hals hat, sondern wirklich einfach sagt: Ja, erzähl mir von deinem Papa! Was verbindet dich mit ihm?‘ Und dann werden da lustige Geschichten erzählt. Und dann ist Trauerbegleitung eben gar nicht so schwer, sondern - find ich - Trauerbegleitung ist ganz viel Liebesgeschichten hören.“ 

Dennoch geht es bei den Fragen, die Kinder und Jugendliche im Lauf der Trauerbegleitung stellen, oft ans Eingemachte. 

„Es sind schon die Fragen: ‚Warum ist das passiert? Warum hat sich mein Papa das Leben genommen? Wo ist die Mama jetzt? Die Nachfrage: Warum gibt es nicht einmal im Jahr wenigstens einen Besuchstag? ich würde mir einen Besuchstag einmal im Jahr wünschen.‘, wo ich mir denke: Oh Gott, wie bescheiden seid ihr?‘ Und würde ihnen so sehr wünschen, dass es möglich wäre, dass sie diesen einen Tag bekommen würden im Jahr, wo sie nochmal ihre Schwester, ihre Mama/Papa nochmal sehen könnten.“ 

Und was antwortet man, wenn genau solche Fragen kommen? 

„Wir antworten weniger, wir fragen mehr nach: ‚Was denkst du?‘ Und so klein die sind - die haben eigentlich oft ihre eigenen Antworten in sich. Ich erinnere mich noch, als angehender Religionslehrer, dass ich auf so eine ganz tolle Frage der Kinder mal sehr ausführlich geantwortet hab und mein Mentor nachher sagte: ‚War nicht schlecht, was du gesagt hast, aber es wäre besser gewesen, du hättest rückgefragt, was eigentlich die Kinder denken, weil eigentlich die Kinder schon ganz oft eine Antwort in sich haben, die du eigentlich oft nur hervorholen muss und die große Theologie ist bei Kindern meistens nicht gefragt, ...“ 

Sondern gefragt ist vielmehr Mut. Mutiger werden und ein klein wenig mehr tanzen. Und dabei aushalten, dass sich hinter der Trauer die vielleicht schönsten Liebesgeschichten über das Leben verstecken.

 

Telefonnummer der Ökumenischen Hospizinitiative Ludwigsburg: 07141/99 24 34 44

https://www.kirche-im-swr.de/?m=28756

„Diese Wirtschaft tötet“[1] – Ende 2013 sorgt dieser Satz von Papst Franziskus für Furore. Er prangert ein System an, dass Menschen weltweit ausgrenzt und wie Müll behandelt. 

„Der Hintergrund ist, dass wir in einer ökologischen und soziale Krise sind, die gewaltige Ausmaße hat: Wir haben das größte Artensterben seit 65 Millionen Jahren produziert – ‚wir‘, das ist die industrielle Zivilisation – und den Homo Sapiens gibt es erst seit 200 000 Jahren. Es ist also eine dramatische Entwicklung, eine Zerstörung unserer natürlichen Lebensgrundlagen und man muss ja verstehen, wo die her kommt.“

Fabian Scheidler hat mittlerweile verstanden, wo diese ökologische und soziale Krise gigantischen Ausmaßes ihren Ursprung hat:

Am 20. März 1602[2] wurde in den Niederlanden die erste Aktie der Vereinigten Ost-Indien-Kompagnie ausgegeben; ein Zusammenschluss von Amsterdamer Gewürzhändlern. Was auf den ersten Blick beinahe romantisch aussieht, hatte im Lauf der letzten knapp 500 Jahre zur Folge dass wir aktuell eine Situation haben, … 

„… wo 42 Menschen heute so viel besitzen, wie die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung, also eine dramatische Spaltung zwischen arm und reich auf der Welt.“

2015 hat Fabian Scheidler darum ein so kluges wie vielbeachtetes Buch über die Geschichte des Kapitalismus geschrieben: „Das Ende der Megamaschine“[3] 

„Meine Frage war: a) Wo kommt diese Dynamik her, die die ökologische und soziale Krise hervorgerufen hat? Und b) Warum tun wir uns so schwer – oder unsere Regierung – etwas dagegen zu unternehmen?“

Und die Antwort? 

„Man muss, glaube ich, etwas weiter zurückgehen: Viele sagen ja, es ist der Neoliberalismus, der Turbokapitalismus der letzten 30, 40 Jahre – und da ist auch ein Stück was dran – aber die Wurzeln dieser Krisen reichen viel tiefer: Wir haben ein Wirtschaftssystem, das darauf beruht, dass es immer weiter wachsen muss, immer weiter expandieren muss – Stillstand ist Tod für diese System – und das tut es seit 500 Jahren und stößt nun an die globalen, ökologischen Grenzen dieses Planeten und es ist zugleich ein Wirtschaftssystem, das nur funktionieren kann, wenn die einen reich sind und die anderen arm sind.“ 

Hatte Jesus vor 2000 Jahren also recht, als er sagte: „Ihr könnt nicht beiden [Herren] dienen, Gott und dem Mammon“[4]?

  

Teil II:

 

Papst Franziskus wünscht sich eine arme Kirche und auch Papst Benedikt hat bei seinem letzten Deutschlandbesuch 2011 in Freiburg davon gesprochen, dass die Kirche in Deutschland ihr Verhältnis zu Geld und eigenem Besitz kritisch hinterfragen müsse.[5]

Gerade dann, wenn sich viel Besitz in nur wenigen Händen konzentriert, kommt nämlich eine Negativspirale in Gang: 

„Warum? Weil Kapitalismus historisch darauf beruht, dass Kapital in sehr wenigen Händen konzentriert ist. Allein die Branche von Erdöl, Kohle und Erdgas wird jedes Jahr mit 500 Milliarden Dollars subventioniert. D.h. die größten Unternehmen bekommen sehr viel Geld von uns Steuerzahlern. Das ist kein Marktsystem, das ist ein komplett verzerrter Markt. Die Größten kriegen sozusagen zusätzlich immer noch was und die Kleinen müssen kämpfen. Deswegen ist es kein Markt.“ 

Es braucht also dringend Veränderung, denn… 

„… langfristig müssen wir uns über eine Wirtschaft Gedanken machen, die dem Gemeinwohl dient und eben nicht dem Profit.“ 

Obwohl ein bedingungsloses Grundeinkommen viele kluge Befürworter hat und beharrlich diskutiert wird, sind wir aktuell noch weit von einer Gemeinwohlökonomie entfernt. Dabei haben so viele Menschen am eigenen Leib schmerzhaft erfahren müssen, was es heißt, wenn es vor allem darum geht, wie sie in unser aktuelles Wirtschaftssystem passen: 

„Ich hab das schon als Kind gesehen. Ein guter Freund von mir, mein bester Freund damals, der ist von der Schule damals sehr stark unter Druck gesetzt worden, weil er halt Mathe nicht besonders gut konnte. Und man muss ja wissen: Die Schule, wie sie historisch entstanden ist, nach dem Vorbild des Militärs übrigens im 17./18. Jahrhundert, dient auch dazu, Menschen darauf vorzubereiten, im Kapitalismus zu funktionieren; also eine Leistungsgesellschaft zu produzieren, wo alle miteinander konkurrieren. Und ich hab eben gesehen, wie mein Freund, der sehr große Qualitäten hatte, menschlich, als mein Freund, so unter Druck gesetzt wurde, dass auch sein Lebensweg sehr großen Schaden genommen hat und ich fand das sehr ungerecht und finde das bis heute ungerecht, dass Menschen sortiert werden, je nachdem wie nützlich sie in dieser ganzen Maschinerie sind.“ 

Und die Kirche: Teil dieser Maschinerie oder doch ein Ort, an dem vieles anders und einiges besser ist? 

„Wir sehen auch bei der katholischen Kirche – oder auch schon im Spätmittelalter, als die Kirche noch nicht in dieser Weise gespalten war –, dass Teile der Kirche versucht haben, Widerstand zu leisten gegen den aufkommenden Kapitalismus; zu sagen: ‚Zins ist unethisch, das dürfen wir nicht machen!‘, und andere haben sich daran beteiligt […]. Also es ist eine gemischte Bilanz.“ 

Und Fabian Scheidler unterscheidet deshalb zwischen Kirche als Organisation einerseits und der Jesus-Bewegung andererseits: 

„Nun muss man aber auch sagen, nach allem, was wir historisch wissen, dass die Jesus-Bewegung ja tatsächlich auch keine kirchliche Institution kreieren wollte. Es war eine Bewegung, die auf Wanderschaft beruhte, nicht auf dem Aufbau von neuen hierarchischen Institutionen, wie sie die Kirche dann geworden ist, und insofern glaube ich, fällt es einer solchen hierarchischen Institution, wie sie Kirchen sind, und die auch Geld brauchen, um ihre Leute zu bezahlen, sehr schwer, zu diesen Idealen zurückzufinden.“

Keine Hierarchie, Unabhängigkeit von Geld, Wanderschaft: Schwer vorstellbar und doch scheint dieses radikale Ursprungsideal heute tatsächlich eine der größten Herausforderungen für die Kirchen zu sein.

Zum Schluss noch ein Experiment: Was wäre, wenn wir nicht nur Kirche, sondern auch Gott ganz anders denken würden? 

 „Erstens ist es ein Mann – warum solls ein Mann sein? Zweitens ist es ein Mensch, also anthropomorph – warum solls ein Mensch sein? Und drittens ist es ein Substantiv – warum solls überhaupt ein Substantiv sein und nicht ein Verb?“ 

Und wenn Gott tatsächlich ein Verb wäre: Welches müsste es sein?



[1] Papst Franziskus, Apostolisches Schreiben „Evangelii Gaudium“ (EG), 2013

[3] Scheidler, Fabian, Das Ende der Megamaschine – Geschichte einer scheiternden Zivilisation, Promedia, Wien 2015

[4] Mt 6,24 (Einheitsübersetzung 1980)

[5] In diesem Zusammenhang hat er das Wort der sog. „Entweltlichung“ geprägt.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=28201

„Ordensschwester in Ausbildung“ – so könnte man den Abschnitt bezeichnen, in dem sich Sr. Karoline Batusic befindet. Eine Ausbildung, die in der Regel acht Jahre dauert. Es ist ihr letzter Ausbildungsabschnitt: Sr. Karoline ist eine sog. Juniorin. 

„Eine Juniorin ist eine Schwester, die das Noviziat beendet hat. Und die tastet sich jetzt ins Ordensleben voll hinein. Darf schon selbstständig arbeiten und jetzt zeigt sichs dann richtig noch, wie das Gebetsleben und das Arbeitsleben gut zusammenpasst.“

Das Juniorat dauert fünf Jahre und endet mit einem knackigen Versprechen: Für immer und ewig Ordensfrau sein zu wollen. Und das bedeutet: Gott gehorsam zu sein, kein Geld und keinen Sex zu haben.

Wann trifft man überhaupt die Entscheidung, ins Kloster zu gehen?

„Ich war 38 – Spätberufene.“

Juniorin könnte man sogar noch mit Mitte 40 oder mit knapp 50 werden – je nach Ordensgemeinschaft. Und weil viele Ordensgemeinschaften in Deutschland ein hohes Durchschnittsalter haben, kann man sich im Kloster auch noch mit gut 40 Jahren fühlen wie ein…

„…Frischling. Neuling. Wobei wir ja immer Frischlinge sind im Kloster. Das Eintrittsalter wird ja älter, es steigt, aber man ist so hochmotiviert, auch wenn man älter ist, deswegen bist du dann immer noch Frischling in dem Milieu.“

Sr. Karoline lacht gerne und viel. Und das ist ansteckend. Wenn man genau hinhört, spürt man allerdings noch etwas anderes, etwas Tiefes. Viele Menschen übersehen das. Sie fragen nur an der Oberfläche und wundern sich, warum man sich heutzutage noch freiwillig dazu entschließt, kein eigenes Geld und keine Familie zu haben. Sr. Karoline kennt das nur zu gut. Sogar skurrile „Rettungsversuche“ hat sie schon erlebt:

„Einige wollten mir sogar noch einen Mann organisieren.“

Aber Sr. Karoline konnte ihr Umfeld beruhigen, denn:

„Nee, an dem liegts nicht. Manche hatten echt Mitleid mit mir, weil ich keinen Mann, anscheinend, gefunden hab, weil ich ja mitten im Leben war, und ja, das fand ich dann interessant. Und dann hab ich gedacht: So bedürftig seh ich doch jetzt nicht aus, dass die Abhängigkeit vom Mann dargestellt wird.“

Wenn Sr. Karoline also gar nicht gerettet oder bekehrt werden muss: Was hat sie dann gefunden, als sie sich für ein Leben im Kloster entschieden hat? Nach der Musik erzählt sie uns davon.

 Teil II:

Wenn man sich von Sr. Karolines Lachen nicht ablenken lässt, dann blickt man in zwei große, neugierige Augen. Sr. Karoline sieht alles. Als gelernte Heilerziehungspflegerin ist diese Fähigkeit lange Jahre ihr täglich Brot bei der Arbeit mit behinderten Menschen gewesen. Und diese sog. „Behinderten“ haben sie viel über die Liebe zum Leben gelehrt. Ihr hat diese Arbeit…

„…viel Freude gemacht! Die Bewohner, die haben mich so beschenkt, das kann man gar nicht in Worte fassen, wenn mans selber nicht erlebt hat in der Behindertenarbeit. Man wird auch provoziert und getestet bis auf die Knochen. […] Aber das Wesen und der Humor von den Bewohnern und die Liebe, die man von den Bewohnern bekommt, das war übermäßig!“

Nicht nur die Bewohner haben Sr. Karoline bis auf die Knochen getestet: Vor allem der Tod ihrer Mutter war wohl die bitterste Erfahrung:

„Nach dem Tod meiner Mutter gings mir nicht so gut und bin halt dann voll abgesackt, also mir gings echt nicht gut, konnt auch nicht schlafen und tagsüber war ich auch nicht mehr leistungsfähig – das ging so zwei, drei Jahre…“

…bis für Sr. Karoline die Entscheidung hieß:

„Also, entweder Medikamente oder Gebet, quasi, oder professionelle Hilfe dann.“

Schließlich hat Sr. Karoline beides gemacht: Beten und professionelle Unterstützung. Sie erinnert sich noch gut an ihren Anfang im Kloster:

„Die beste Psychotherapie ist das Noviziat, weil dann lernt man sich richtig kennen und weiß: Ach Gott, stimmt! Die Gefühle, die Verletzungen und man denkt: Ja, jetzt hast du eigentlich alles schon überwunden, aber: Nee, Karo! Du bist noch nicht soweit.“

Und doch war er irgendwann da: Der Punkt, an dem sie gespürt hat: Ich bin soweit.

„Es gibt Momente, da verfliegen alle Unstimmigkeiten. Das ist auch eine Magie. Das ist wie Zauber, könnte man meinen manchmal.“

Sr. Karoline muss über sich selbst schmunzeln, wenn sie feststellt, dass sie letztlich die gleiche Sehnsucht hat, wie wahrscheinlich alle Menschen. Auch sie sucht…

„…das Gefühl von Liebe, Verständnis und Geborgenheit, aber auch die Freiheit und die Unabhängigkeit – das ist den Menschen wichtig, weil du kannst jemanden nur lieben, wenn du ihn freiwillig liebst und ohne Vorschriften. Die Liebe soll ja leicht und unbeschwerlich sein und bedingungslos und das ist so das Grundbedürfnis von den Menschen, glaub ich.“

Sr. Karolines Sehnsucht hat sie ins Kloster geführt. Freiwillig. Aus Liebe zum Leben.

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Teil I:

Ein Pfarrer hat eine Gemeinde. Klar. Wie kommt es aber, dass ein Pfarrer gleich eine ganze Universität als Gemeinde hat? Bernd Hillebrand ist so ein Pfarrer mit Universität; er ist Hochschulpfarrer und…

„…diese Stelle als Hochschulpfarrer ist eine Sonderseelsorgestelle. Dazu gehört Klinikseelsorge, beispielsweise, und da gehört eben auch diese Studentenpfarrerstelle, die ausgeschrieben ist, und auf die ich mich vor sieben Jahren hier in Tübingen beworben habe,
weil ich davor in der Jugendarbeit war – war Jugendpfarrer in Ravensburg – und das war im Anschluss daran für mich attraktiv, mich dort zu bewerben.“

Seit 2011 Jahre wirkt Bernd Hillebrand in Tübingen an der katholischen Hochschulgemeinde, kurz KHG. Dabei hat er alle Hände voll zu tun: Über 28.000[1] Studenten und 330 Studiengänge gibt es in Tübingen. Deshalb hat er gleich verschiedene Ideen in die Tat umgesetzt.

„Als ich als Hochschulpfarrer in Tübingen begonnen habe, bin ich mal zu 20, 25 verschiedenen Fachschaften gegangen: Also von der Mathematik, Physik, Medienwissenschaftler, Anglizisten, Germanisten und hab mit denen ein Gespräch vereinbart. Es war die Idee, mal zu hören: Was sind eigentlich deren Themen? Und gleichzeitig mich auch bekannt zu machen und die KHG bekannt zu machen. Aus diesen Gesprächen heraus sind oft Kooperationen entstanden; dass ich mit der Fachschaft Sport oder mit den Medienwissenschaftlern zusammen eine Podiumsdiskussion beispielsweise organisiert habe.“

Um die Studierenden auch nach dem Uni-Feierabend zu erreichen, hat Bernd Hillebrand mit seinem Team in der katholischen Hochschulgemeinde außerdem daran gearbeitet, …

„…, dass wir typische studentische Kulturen angeboten haben. Also ganz konkret einen Poetry Slam oder einen Science Slam, ein Wohnzimmer-Konzert. Kulturelle Angebote machen wir für Studierende, dass sich das herumspricht, dass bei uns ein Poetry Slam ist und dabei es jetzt nicht wesentlich ist, ob wir jetzt katholisch sind, ob wir ein Religionsangebot, ob wir ein spirituelles Angebot [sind], sondern über diese kulturellen Angebote sind einfach Studierende mit uns in Kontakt gekommen.“

Am wichtigsten ist ihm gerade dieser persönliche Kontakt. Ein spannender Abend beim Poetry Slam, eine hitzige Podiumsdiskussion…

„…oder sie kommen aus einem Gottesdienst und sagen: ‚Der hat mich so berührt – wenn du da nicht hingehst, dann verpasst du etwas.‘, und sie machen so persönlich Mund-Zu-Mund-Propaganda und dadurch nehmen sie und bringen sie andere Studierende zu Veranstaltungen mit, und dadurch werden wir bekannt.“

Für Bernd Hillebrand ist es allerdings nicht die Frage, wie er die Hochschulgemeinde voll bekommt, sondern wie er selbst für Fülle in den Herzen und in den Seelen der Studierenden sorgen kann.

Teil II:

Durch seine Arbeit als Hochschulpfarrer weiß Bernd Hillebrand, was in den Köpfen junger Menschen vor sich geht: Während des Studiums geht es viel um Noten, Ehrgeiz und Zukunftschancen. Eine Etage tiefer geht es aber um etwas anderes. Tief im Herzen gibt es eine ganz zentrale Sehnsucht, die die Studenten umtreibt:

„Ich glaube, dass die größte Sehnsucht ist, dass mir jemand sagt: ‚Du bist OK wie du bist.‘ Die größte Sehnsucht ist, dass jemand sie groß macht; dass jemand ihnen sagt: ‚Du schaffst das Leben.‘ Die größte Sehnsucht ist: ‚Du bist mehr als deine Fehler und du darfst scheitern in deinem Leben und du musst nicht vollkommen sein. Es geht darum, dass du dich entwickelst, aber du musst nicht vollkommen sein.‘“

Es ist ein schmaler Grat zwischen Sehnsucht und Angst. Fakt ist, die meisten Studierenden fühlen sich eben nicht OK so, wie sie sind, sondern dass da…

„…eine große Angst ist zu scheitern: Vor einer Prüfung, die Prüfung nicht zu schaffen, am Ende des Studiums nicht gut genug zu sein für den Beruf, auf den sie zugehen; die Angst, dass die Gesellschaft ihnen keinen Platz gibt. So paradox sich das anhört, obwohl das ja Leute sind, die gutes Abitur gemacht haben, obwohl sie ja am Ende eines Studiums stehen, sind genau das die Fragen, mit denen sie in Gesprächen zu mir kommen […].“

Wie muss ich mir das konkret vorstellen, will ich von Bernd Hillebrand wissen?

„Na, mir fällt ein junger Mann ganz konkret ein, der am nächsten Tag – wunderbar, super Noten bisher geschrieben, aber am nächsten Tag seine Staatsexamensprüfung hatte und völlig an sich gezweifelt hatte. Also gesagt hat: ‚Ich kann am nächsten Tag nicht in diese Prüfung gehen.‘, und wir sind in dem Gespräch nochmals zurück gegangen, wo er denn in seinem Leben – begonnen vom Abitur – schon oft die Erfahrung gemacht hat, dass er es kann; dass in ihm ein Potential ist, wo er dieser Situation gewachsen ist. Und wir haben für diese Situation ein Bild gesucht, eine Farbe gesucht, und diese Farbe und dieses Bild in ihm geankert. Und mit diesem Bild hat sich plötzlich in ihm eine Stimmung völlig verändert. Mit diesem Bild ist in ihm wieder etwas stark geworden, wo Zweifel kleiner geworden sind – und am Ende hat sich auch sein Gesicht verändert, wo er plötzlich gestrahlt hat und zuversichtlich war, den nächsten Tag, zu schaffen. Und mit diesem Bild ist er am nächsten Tag in die Prüfung gegangen und diese Prüfung glänzend pariert.“

Was hat Bernd Hillebrand von solchen Begegnungen über das Leben gelernt?

„Man hat kaum so viel Lebensenergie bei Menschen wie in dem Alter zwischen 20 und 27. Deshalb glaube ich, ist es wichtig, dass Kirche da am Start ist, dass ich da am Start bin, dass es da katholische Hochschulgemeinde gibt, die Platz macht und nicht Platz besetzt […]“

Denn das scheinen jungen Menschen und Freiheit gemeinsam zu haben: Beide brauchen Platz zum Atmen und Menschen, die sich bindungslos an ihre Seite Stellen. 

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Andreas Rieck ist Referent für „vinzentinische Spiritualität“ am Marienhospital Stuttgart. Das Marienhospital wurde 1890 von Vinzentinerinnen, einer katholischen Ordensgemeinschaft, gegründet. Heute versorgen dort knapp 2000 Mitarbeiter jedes Jahr über 100.000 Patienten. In diesem riesigen Klinikbetrieb gibt es genau eine Person, die sich um all das kümmern soll, was sich bei den Mitarbeitern angestaut hat; also 2000 Mal Stress, Frust, Ärger, Freude und Leid. Da scheint mir das Wort „Herkulesaufgabe“ mehr als angebracht und deshalb will ich wissen, welche Spezialausbildung diese eine Person, Andreas Rieck, hat, um sich dieser Aufgabe täglich zu stellen:

„Was hilft, in meinem Fall, ist eben ein Theologiestudium, weil damit wird mir unterstellt, eine spirituelle Kompetenz zu haben. Was aber aus meiner Sicht auch noch dazu beiträgt, ist, ein psychologisches Know-How zu haben. Also ich hab ja eine Coaching-Ausbildung gemacht, zusätzlich zum Theologiestudium, so dass diese – ich sag mal – theologische, spirituelle Ebene aber auch nochmal so eine menschliche Ebene verknüpft.“

Das Theologische, mit psychologischem Know-How, vor allem mit dem Menschlichen zu verbinden – das also macht ein sogenannter „Referent für vinzentinische Spiritualität“; so lautet jedenfalls die offizielle Bezeichnung der Stelle, die Andreas Rieck im Marienhospital seit 2014 mit Leben füllt.

„Die Stelle gabs vor mir nicht und als ich begonnen hab, dann wurde ich so durchs Haus geführt von meinem Chef und der hat gesagt: ‚Das ist unser neuer Referent für vinzentinische Spiritualität!‘, und alle haben große Augen gekriegt, gell, und – Boah! – da hab ich schon gemerkt, dass da eine gewisse Distanz auch da ist. Die Erfahrung, die ich aber in den ersten Monaten gemacht habe, war schon die, dass ich dann in meinem Büro saß und dass die Nachfrage nach mir jetzt nicht sonderlich groß war, weil ‚s’Gschäft goht vor!‘ – also: Wo ist Raum für Spiritualität, außer vielleicht in der Kapelle? Und das hat mich schon auch genötigt, mir Gedanken zu machen: Was mache ich, um mir Relevanz auch zu schaffen, sodass die Leute merken, es bringt was.“

Und wie bekommt man das hin? Etwas so zu sagen, dass der Andere spürt: Es wirkt?

„Der Einstieg ist immer eine Geschichte, weil ich merke, so Weisheitsgeschichten oder so kurze Geschichten sind Herzensöffner. Beispielsweise gibts da diese Geschichte von den zwei Mönchen, die unterwegs sind, schweigend des Weges gehen, und dann kommen sie irgendwann an einen Fluss und an diesem Fluss steht eine Frau, die gern auf die andere Seite des Ufers möchte. Und es gibt keine Brücke, mehr so eine Furt. Und die Frau, schön gekleidet, bittet die Mönche, ihr zu helfen, auf die andere Seite des Flusses zu gelangen. Der Ältere nimmt sie kurzerhand Huckepack, trägt sie durchs Wasser, sie verabschieden sich von der Frau und gehen dann schweigend weiter. Und irgendwann nach längerer Zeit bricht es so aus diesem jüngeren Mönch heraus und er sagt: ‚Mensch, du hättest das vorher nicht tun dürfen! Du hättest diese Frau nicht durchs Wasser tragen dürfen, weil du weißt, dass uns näherer Kontakt zu Frauen verboten ist.‘ ‚Soso!‘, sagt der Ältere und überlegt und sagt: ‚Weißt du, der Unterschied zwischen dir und mir ist der: Ich hab die Frau zurückgelassen am Ufer und du, du trägst sie immer noch mit dir herum in deinen Gedanken.‘“

Zu lernen, wie man unnötige Lasten nicht mehr nachträgt, ist ein Teil des Resilienz-Konzeptes, das Andreas Rieck entwickelt hat, um die Widerstandskraft der Klinik-Mitarbeiter zu stärken. Und nach der Musik erzählt er uns mehr davon.

Musik

Mit seinen Resilienz-Trainings für die Klinik-Mitarbeiter im Marienhospital hat Andreas Rieck voll ins Schwarze getroffen, denn:

„Das Thema Resilienz trifft im Moment einen Nerv, aber doppeldeutig: Auf der einen Seite ist es so, dass diese Stärkung der psychischen Widerstandskraft, was sich ja hinter dem Begriff Resilienz verbirgt, einerseits gerade eine Wissenschaftlichkeit hat, ja auch sehr stark in den Medien rezipiert wird.
Gleichzeitig ist es aber so, dass dieser Begriff Resilienz auch eine Schattenseite hat, weil – Stichwort Pflegenotstand – man muss die Leute resilient machen, um mit den Missständen umgehen zu können. Also das heißt: Jetzt brauch ich Resilienz, weil die Umstande so negativ sind.“

Dennoch will Andreas Rieck kein netter Rede-Onkel, sondern eine handfeste Unterstützung sein:

„Ein gängiger Ansatzpunkt ist der, zu gucken, was stört oder was fordert mich im Moment heraus und dann zu schauen, wo bin ich mit meiner Aufmerksamkeit? Bin ich gerade in meinem Spielraum oder bin ich gerade in einem Bereich, wo ich keinen Einfluss habe, weil ich mich über jemanden aufrege oder übers Leben und in dem Moment also nicht bei mir bin. Und dann die Frage: Wie komme ich in meinen Spielraum zurück? Und das geht eben über diese drei Fragen, nämlich
1) Was kann ich ändern?
Kann ich was ändern? Dann wird’s leichter. Kann ich nichts ändern? Dann die Frage:
2) Kann ich es annehmen, so wie es ist?
Kann ich diesen inneren Widerstand aufgeben? Kann ich ihn aufgeben, dann wirds mir leichter. Wenn nicht, dann bleib ich im Leiden und dann ist die dritte Option, zu gucken:
3) Wie kann ich mich von dieser Situation distanzieren?
Selbstverantwortlich, selbstbestimmt zu gucken, dass ich da einen Abstand gewinn, um wieder mich zu sammeln und in meine Kraft zu kommen. Und wenn das gelingt, dann spüre ich, dass ich einen Spielraum habe. Und diesen Spielraum – das ist meine Überzeugung, dass wir immer, in jeder Situation einen Spielraum haben und in diesen Spielraum hineinzuführen und ein Bewusstsein dafür, für diesen Spielraum, zu schaffen, dass der da ist, das merk ich, das führt dazu, dass bei den Mitarbeitern so auch eine Zuversicht wächst oder so eine Gelassenheit gegenüber bestimmten Situationen, und das tut gut.

Ist überhaupt genug Zeit da, um das im übervollen Klinikalltag einzuüben?

„Auch hier ist es so, dass die Seminardauer früher bei ein bis zwei Tagen lag, und heute sind wir angekommen bei beispielsweise drei Mal einer Stunde über zwei, drei Wochen verteilt.“

Ganz schön knapp. Aber: Mich fasziniert und fesselt dieser Ansatz, gerade angesichts der knappen Zeit, weil ich merke, dass es nicht zuletzt bei mir selbst noch richtig viel zu tun gibt.

Schafft Andreas Rieck es denn selbst, seinen Ansatz immer umzusetzen?

„Nee - so ischs Leben! Natürlich nicht, aber ich merke: Immer mehr!“

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Ein Flughafen steht für mich fürs Verreisen: Ganz egal, ob in den Urlaub oder auf Dienstreise. Für Marjon Sprengel steht der Flughafen allerdings… 

„Für was Geistiges – man geht in die Luft.“ 

Marjon Sprengel arbeitet für die Kirchlichen Dienste Flughafen Messe und Ihr Büro liegt hinter einer unscheinbaren Glastür im Terminal 3 des Stuttgarter Flughafens. Sie vertritt im Auftrag der katholischen Kirche – zusammen mit ihrem evangelischen Kollegen – die beiden christlichen Kirchen auf dem Flughafen und der Messe Stuttgart. Dabei leistet sie eine wichtige Arbeit: Marjon Sprengels Aufgabe ist es, für das einzustehen, was am Flughafen kaum Platz zu haben scheint: Das Langsame, das Stille und das Menschliche.

Das, was sie in ihrem Dienst tut, nennt Marjon Sprengel „Flughafen-Seelsorge“ und beschreibt es so: 

„Flughafen-Seelsorge: Ah, die sind da, wenn irgendwas passiert. Das ist ein Teil unseres Auftrags und es passiert natürlich auch immer wieder etwas.“ 

Und das verlangt allen, die unmittelbar davon betroffen sind, auch Marjon Sprengel selbst, einiges ab. Sie ist froh, dass der Flughafen in Stuttgart bislang von einer großen Katastrophe verschont geblieben ist. Allerdings erinnert sie sich noch gut an einen ihrer intensivsten Krisen-Momente. Es war… 

„Eine Katastrophe, die nicht hier passiert ist, aber die Stuttgart auch sehr betroffen hat, war diese Germanwings-Maschine, die von dem Co-Piloten gegen den Berg geflogen wurde, weil hier eine große Niederlassung war und ist – jetzt ja Eurowings – natürlich hat man sofort sich um Angehörige kümmern müssen und das war auch alles wichtig und gut, nur die Kollegen und Kolleginnen, die sind so ein bisschen im luftleeren Raum gehangen, die kennen sich untereinander ja großteils; viele hier in Stuttgart haben den Kollegen gekannt, sind mit dem auch schon geflogen und haben natürlich auch, wenn du das mitkriegst: Einer deiner Kollegen fliegt eine Maschine, voll besetzt, gegen einen Berg – und du musst am gleichen Tag und am Tag darauf deinen Job trotzdem weitermachen – das finde ich, ist eine ziemliche Belastung und die kamen auf uns zu mit der Bitte, für sie irgendeine Andacht – oder so, wie sie es genannt haben – mit ihnen das zu feiern und dann haben wir das zugesagt und haben einfach eine Form für diese Situation und genau für diese Gruppe uns überlegt: Was brauchen die jetzt? Was ist wichtig anzusprechen? Was braucht und will einen Raum? Welche Gestaltung wählen wir, dass sie das auch in einem Symbol vielleicht ausdrücken können? Das kannst du ja auch nicht unbedingt verbalisieren. Und wir haben dann so eine Feier mit fast 100 Menschen – aber wirklich nur Kabinenpersonal, Piloten, Pilotinnen – gefeiert.“ 

Diese Augenblicke zählen ohne Zweifel zu den intensivsten Momenten in der Flughafen-Seelsorge, denn: 

„Es ist für mich die schwerste Übung, auszuhalten, dass jemand am Ende ist – egal aus welchem Grund; ob jetzt körperlich, seelisch, psychisch oder mit einer Beziehung oder mit dem Lebensmut – das auszuhalten und die eigene Hilflosigkeit und Ohnmacht nebendran auszuhalten und zu akzeptieren – und das ist für mich auch eine Form von Liebe und Nächstenliebe.“ 

Ich habe den Eindruck, dass es gerade die Krisen sind, die Marjon Sprengel und ihre Arbeit prägen. Dieser Eindruck ist aber genauso richtig wie trügerisch: Eigentlich sind es die vermeintlichen Kleinigkeiten, die den Flughafen zu einem magischen Ort machen und von denen Marjon Sprengel im zweiten Teil dieser Begegnung, nach der der Musik, erzählen wird.

Teil II: 

Nach dem Germanwings-Unglück 2015 waren es keine großen Worte, die Marjon Sprengel gesagt hat, um dem Schmerz und der Fassungslosigkeit entgegenzutreten. Sie hat Blumen sprechen lassen. Und die Kolleginnen und Kollegen konnten auf diese Weise in der Andacht selbst entscheiden, wofür diese Blume stehen soll. Je länger man mit Marjon Sprengel spricht, desto klarer spürt man Ihre Haltung hinter diesen Taten: 

„Da hab ich begriffen, was in den Evangelien, in diesen Heilungsgeschichten oft steht, wenn Jesus fragt: ‚Was willst du – was willst du, dass ich dir tun soll?‘“

 Für Marjon Sprengel geht es nicht darum zu wissen, was andere brauchen. Im Gegenteil: Sie braucht vielmehr Andere, die aussprechen können, was ihnen getan werden soll. Deshalb ist es auch wichtig, dass Marjon Sprengel, eine ruhige, eher zierliche und ungemein freundliche Frau ist, denn mit ihrer Ruhe und Freundlichkeit spürt sie, was den Mitarbeitenden während der Arbeit gut tut:

 „Gut tut, völlig unbefangen auf sie zugehen, wirklich kurz Zeit haben und vor allem mich ernsthaft interessieren, also ich meine es dann so und wenn ich einen Tag hab, wo es mir selber nicht gut geht oder wo ich merk: ‚Oh, heut kann ich nicht.‘, dann geh ich auch nicht raus und frag niemand ‚Wie geht’s?‘, wenn ich es nicht wissen will. Solche Tage gibts ja auch.“ 

So pflanzt Marjon Sprengel überall auf dem Flughafen unsichtbare Blumen. Und diese Blumen beginnen immer dann zu blühen, wenn durch eine kurze Begegnung Mitarbeitende erleben, dass sie nicht als Angestellte, sondern als Menschen gesehen werden.

Ich will wissen, wie der Flughafen sie selbst verändert hat: 

„Nicht ich bring irgendwas vom Göttlichen, Unverfügbaren, von dem Anderen, hier her, aber hier begegnets mir im ganz normalen, unscheinbaren Alltag, im Unspektakulären. Und das ist das, wo ich denke: Ja, ist doch wunderbar! Das hab ich nicht im Kloster gelernt oder bei den Theologen, sondern das lehrt michs Leben und die Menschen.“ 

Der Flughafen, die Menschen und das Leben – sie sind Marjon Sprengels wichtigste Lehrer geworden.

 

 

 

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Andreas Kirchartz und ich kennen uns aus dem Studium. Er ist Priester geworden. Ich werde bald meine eigene Familie gründen. Das heißt, auf ihn warten an Heiligabend kein Weihnachtsbaum,
kein Kartoffelsalat und keine Bescherung im Kreis der Familie.
Was Advent und Weihnachten ohne die liebgewonnen Traditionen aus Kindertagen bedeuten, hat Andreas Kirchartz zum ersten
Mal in Rom erlebt. Dort hat er während seiner Ausbildung ein Jahr lang gelebt und auch Weihnachten dort verbracht:

„Und es war traurig. Es war traurig, definitiv, ja.“

Nicht, dass er es in Rom nicht genossen und viele Menschen um sich herum gehabt hatte,

„…aber an Weihnachten, da bin ich klassisch bürgerlich, da fehlt mir dann die Familie, wenn die nicht da ist. Mir hat aber schon auch ein bisschen die Kälte gefehlt, also… so diese ganzen Erinnerungen, alles, was ich mit Weihnachten verbinde – klar, Schnee haben wir hier auch nicht immer – aber es hat einfach die Sonne geschienen und es waren so 10/15 Grad in Rom; damit konnt ich nicht so ganz, ja. Aber es war eine gute Erfahrung, weil nur dadurch ist mir wieder bewusst geworden, wie schön es einfach auch mit der Familie ist.“

Und so geht es mir ja auch – tausend funkelnde Kindheitserinnerungen sausen mir durch den Kopf und bis heute rüttle ich nicht an meinen liebgewonnen Ritualen. Bei Andreas Kirchartz gibt nun allerdings der Gottesdienstplan den Ton an, und wenn er nicht gerade seine Ministranten bei einem Konzert auf dem Weihnachtsmarkt begleitet, dann sind Gottesdienste in aller Herrgottsfrühe und Abendandachten im Advent sein täglich Brot. Aber: Gerade die sogenannten Rorate-Gottesdienste, früh am Morgen im Kerzenschein, genießt er:

„Natürlich kommen die Rorate-Messen – und das ist auch mit etwas vom Schönsten, weil da wiederum dieses Emotionale spürbar wird. Ich hab auf jeden Fall das Rorate-Erlebnis, dass ich keinerlei Einführung gemacht hab in den Gottesdienst und das war ein unheimlich schönes Gefühl, es einmal nicht zu verklären, um was es geht, sondern einfach nur zu feiern; das Geschwätz einfach mal sein zu lassen.“

Vielleicht genießt er es, weil Stille kostbar ist und man sich mitten im Lärm des Alltags gut um stille Momente kümmern muss:

„Stille kommt nicht von alleine. Stille muss gesucht werden. Und braucht nicht nur Orte, sondern braucht auch Zeiten. Und diese Zeiten muss man ganz nüchtern suchen und die verlangen einem was ab.“

Teil II

„Stille braucht nicht nur Orte, sondern auch Zeiten“, sagt Andreas Kirchartz, der mit Anfang 30 nach Tübingen zurückgekehrt und aktuell in der Priesterausbildung tätig ist. Ich will wissen, was seine Zeiten und seine Orte sind, denn schließlich will auch der nobelste Ansatz seinen Platz im Alltag haben:

Na ja, ich sag immer: Morgens will noch keiner was von mir. Ich kann mir das nehmen und ich glaub auch an der Stelle tatsächlich, weil ich ja auch keine Familie hab; weil an der Stelle auch kein Kind schreit, weil an der Stelle auch kein Partner was von mir noch möchte, hab ich natürlich da auch ein riesen Privileg.“

Aber Privileg hin, familiäre Verpflichtungen her: Gerade im Advent und spätestens an Weihnachten spürt Andreas Kirchartz mehr als deutlich:

„… dass man Freude an Weihnachten haben kann und trotzdem einen inneren Schmerz hat, dass das nicht die eigene Familie ist.“

Freude und gleichzeitig Schmerz – ich glaube es ist diese Mischung, die Andreas Kirchartz für die Menschen feinfühlig werden lässt, die im Advent und an Weihnachten keine heile Welt haben.

„Wo natürlich Gedanken aufkommen, ist ganz, ganz klar, wenn es um Familien geht, wo man merkt, es geht auf Weihnachten zu und dann kommt alles auf den Tisch von… was man eben für Probleme miteinander hat: Dass man gar nicht gemeinsam Weihnachten feiern kann, dass man um Kinder, Ministranten oder andere weiß, die an Weihnachten switchen müssen zwischen Vater und Mutter oder zwischen einer Patchwork-Familie und der anderen und dass dann natürlich auch bei manchen der Blick auf Weihnachten ein sehr trauriger ist.“

Andreas Kirchartz hört es, wenn aus den scheinbar harmlosen Aussagen der Jugendlichen, mit denen er in der Gemeinde gearbeitet hat, das persönliche Elend durchbricht:

„Und es ist natürlich schon so, wenn ich dann mit den KJGlern teilweise gesprochen hab, wenn die dann so meinen: ‚Ähm, ja, können wir uns nicht gemeinsam treffen an Weihnachten? Dann kann ich meiner Familie entkommen.‘“

Ist manchmal Weihnachten so gesehen für manche vielleicht sogar die Hölle?

„Es ist natürlich ein sehr harter Begriff. Ich kann natürlich nur die Reaktionen dieser Leute wahrnehmen und da schon feststellen, das ist für manche schon jetzt einfach mit Negativgefühlen verbunden. Und dass das für den ein oder anderen empfunden wird wie die Hölle, ist durchaus möglich.“

Seine Eltern wird Andreas Kirchartz dieses Jahr an Weihnachten sogar besuchen können. Aber selbst wenn ihn Gottesdienste einmal nicht binden: Sein Elternhaus wird nicht ewig da sein. Wie also schaut Andreas Kirchartz auf die vielen Advents- und Weihnachtszeiten, die vor ihm liegen und sich möglicherweise einsamer anfühlen:

„Eigentlich gilt’s drum, im Hier und Jetzt sukzessive zu schauen, wie gestalt ich denn mein Leben und mit wem gestalte ich es denn auch. Es bringt ja nix, mir zu überlegen, mit wem ich in 20 Jahren Weihnachten feier – den kenn ich ja vielleicht noch gar nicht, mit wem ich da in 20 Jahren Weihnachten feier, gell? Und dementsprechend – ich glaub, wenn ich so weitermach, werd ich auch älter, ja, aber vielleicht nicht kauzig.“

Das klingt als Ansatz erfrischend einfach – fast ein wenig verrückt, aber:

„So ein bisschen verrückt zu sein so als Priester ist nicht die allerschlechteste Eigenschaft.“

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