Manuskripte

Als vor 30 Jahren die Mauer fiel, war ich neun Jahre alt. Damals habe ich nicht viel davon mitbekommen. Aber eine Aussage von meinem Bruder ist mir im Gedächtnis geblieben. Er sagte zu mir: „Wir haben fünf neue Bundesländer bekommen.“ Dieser Satz klang damals für mich irgendwie wie die Verkündigung von Familienzuwachs.

Aus heutiger Sicht ist der Satz problematisch, schließlich war es eine Wiedervereinigung und nicht ein einseitiger Zuschlag. Aber für mich als kleine Schwester reichte er damals aus. 1991 haben wie dann einen Ausflug aus dem Sauerland nach Eisenach und zur Wartburg gemacht. Zwei Erinnerungen habe ich von dem Ausflug bis heute behalten: ruckelige Straßen und eine tolle Thüringer Rostbratwurst.

Damals dachte ich, dass die Wiedervereinigung Deutschlands mit dem Fall der Mauer abgeschlossen sei. Heute weiß ich: Es war erst der Anfang eines langen Weges und der verläuft wahrlich nicht immer rosig. Er bringt bis heute immer noch Missverständnisse und Enttäuschungen mit sich.

Bei all den Schwierigkeiten 30 Jahre nach der Wiedervereinigung fällt mir mein damaliger Gedanke vom Familienzuwachs wieder ein. Vielleicht ist es ja mit dem wiedervereinigten Deutschland wie mit einer Familie. Denn bei uns zuhause wurde unter den Geschwistern auch oft gestritten. So habe ich meinen Bruder auch mal auf den Mond gewünscht. Und manchmal wurde auch jemand ungerecht behandelt. Aber irgendwie haben wir uns immer wieder zusammengerauft. Dabei hat es geholfen, wenn wir ganz offen miteinander gesprochen haben. Auch mal eingestanden haben, dass das gerade nicht gut gelaufen ist. So gab es bei uns Höhen und Tiefen, aber dabei immer bis heute dieses Gefühl: Man gehört zusammen. Und das trotz aller Unterschiede.

Dieses Gefühl ist mir wichtig. Auch von meinem Glauben her. Für mich als Christin sind die Maßstäbe da schließlich noch mal größer, da alle Menschen letztlich als Kinder Gottes eine große Familie bilden. Und in dieser Familie gehören wir alle zusammen: in Ost und West, Nord und Süd – in Deutschland und auf der ganzen Welt.

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Zum Geburtstag bekam ich eine Wanderung mit Alpakas geschenkt. Ich war entzückt von der Vorstellung mit diesen flauschigen Gesellen einen Ausflug zu machen.

Als es soweit ist, bekomme ich die Alpaka-Stute „Ginger“ zugeteilt. Ginger und ich gehen am Ende der Karawane von etwa 25 Personen und Tieren.

Irgendwann bin ich dann allerdings mit Ginger ganz allein. Sie muss mal auf Toilette. Und das dauert bei Alpakas – wie ich an dem Tag lerne – sehr lange. So stehen wir zwei am Fuß eines längeren Anstiegs und ich warte. Langsam verschwindet die Gruppe aus meinem Blickfeld. Ich werde unruhig. Ginger stört das nicht. Der Leiter der Veranstaltung hat zu Beginn gesagt: Nicht fest an der Leine ziehen! Daher rede ich auf sie ein: „Wir müssen jetzt sofort weiter!“ Interessiert sie nicht. Also stehe ich einfach da. Mitten im Wald – nur in Gesellschaft von Ginger. Als ich mich gerade in mein vermeintliches Schicksal füge, strafft sich plötzlich die Leine an meiner Hand. Ginger schaut mich an. Es sieht fast aus als wolle sie mich fragen: „Warum stehst du hier rum? Wir müssen weiter!“

Mein Alpaka kennt die Strecke, mit erhöhtem Tempo holen wir die Gruppe schnell wieder ein. Ich bin erleichtert, fix und foxi, habe aber Ginger gegenüber ein schlechtes Gewissen.

Denn ich habe wohl gedacht: Ich habe die Lage im Griff, weiß, wo es langgeht und mein Alpaka zottelt einfach mit. Ich habe mich zu wenig auf das Tier selbst eingelassen, auf seine Bedürfnisse. Und schließlich kam mir nicht in den Sinn, dass Ginger die Strecke viel besser kennt als ich. So stand ich mir einfach mal wieder selbst im Weg.

Dabei fühlte es sich gut an als sich die Leine in meiner Hand straffte und ich das Gefühl hatte: Ich muss nicht alles selbst machen. Ich kann auch einfach Andere mal machen lassen – ihnen vertrauen, dass es gut werden wird. Als Kind habe ich gelernt zu vertrauen. Da fiel mir das leichter.

Jetzt als Erwachsene muss ich mich oft erst daran erinnern. Aber ich finde, es lohnt sich, denn es ist ein tolles Gefühl: Vertrauen – und sich einfach mal an die Hand nehmen lassen.

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Im Vorfeld von Beerdigungen treffe ich mich mit den Angehörigen zu einem Trauergespräch. Dabei frage ich immer: Soll ein besonderes Lied bei der Beerdigung gespielt werden?

Dieses ausgewählte Lied berührt die Angehörigen und auch mich bei der Trauerfeier oft sehr. Darin spiegelt sich das Leben einer verstorbenen Person in unverkennbarer Weise wider. So erinnert zum Beispiel ein Lied vom Country-Sänger Johnny Cash ganz unmittelbar an den verstorbenen Vater: Ganz oft saß er mit einer Zigarre im Garten in der Sonne und hörte dazu Lieder von Johnny Cash.

Wenn die verstorbene Person die Lieder selbst ausgewählt hat, passen sie oftmals am besten. Daher frage ich inzwischen auch im Freundes- und Bekanntenkreis: Welches Lied soll auf deiner Beerdigung gespielt werden? Allerdings kommt diese Frage nicht immer gut an.

Oft schaut man mich überrascht bis verwirrt an. Mein Onkel reagierte sogar verärgert. So etwas fragt man nicht. Und überhaupt: Wer will schon über die eigene Beerdigung nachdenken?

Noch häufiger sind die Menschen aber ratlos. Es ist nämlich tatsächlich gar nicht so einfach, ein Lied für die eigene Trauerfeier auszusuchen. Ich tue mich da auch schwer. Soll es eher traurig oder eher fröhlich sein? Passt ein Lied, zu dem man pfeifen kann?

Für mich ist es einfacher, wenn ich erstmal überlege, was die Lieder über mich und mein Leben ausdrücken sollen: Mir ist es wichtig, schöne Momente im Leben zu sammeln. Sie verbinden mich mit anderen Menschen. In der Erinnerung daran, können wir diese schönen Momente dann immer wieder miteinander teilen. Daher passt es wohl gut, wenn das Lied von unserem Hochzeitswalzer auf meiner Beerdigung gespielt wird.

Und schließlich sollen die Lieder ausdrücken: Ich vertraue darauf, dass Gott mein Leben begleitet. Dafür habe ich dann direkt das passende Lied – es begleitet mein Leben in verschiedenen Augenblicken: Es wurde bei meiner Beauftragung zur Seelsorgerin und bei Verabschiedungen aus Gemeinden gespielt und soll bei meiner Beerdigung dann auch gesungen werden. Das Lied beginnt mit der Zeile:

„Im Frieden dein, oh Herre mein, lass ziehn mich meine Straßen.“

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„Die Tat von Pater Maximilian hat uns alle erschüttert. Etwas hat sich verändert. Das Gebot der Nächstenliebe hat seine Bedeutung wiedererlangt.“ Mit diesen Worten erinnert sich ein Zeitzeuge an die Ereignisse im Konzentrationslager Auschwitz rund um den 14. August 1941 – heute vor 78 Jahren.

Etwa zwei Wochen vorher kam es im Lager zu einem angeblichen Fluchtversuch eines Häftlings. Daraufhin wird ein Exempel statuiert: 10 Häftlinge werden wahllos für den Hungerbunker ausgewählt, um dort zu sterben. Einer von ihnen, der 39jährige Familienvater Franciszek Gajowniczek, fleht darum, verschont zu werden. Maximilian Kolbe, der von den Menschen im Konzentrationslager Pater Maximilian genannt wird, geht daraufhin freiwillig für Gajowniczek in den Hungerbunker und stirbt am 14. August 1941 durch eine Giftspritze, da er selbst nach 14 Tagen ohne Essen und Trinken noch lebt. Der Familienvater Gajowniczek hat Auschwitz überlebt.

Diese Geschichte macht mich sprachlos. Da sind die Abgründe unmenschlichen Hasses und brutaler Grausamkeit im Konzentrationslager. Sie sind so schlimm, dass sie selbst im Erzählen kaum auszuhalten sind. Und dann ist da der polnische Priester Maximilian Kolbe, der aus der spontanen Situation heraus, sein Leben für das des anderen Mannes gibt. Der Mensch ist also nicht nur fähig zu unsagbarer Grausamkeit, sondern er kann auch und besonders an solchen Orten zu unsagbarer Größe über sich hinauswachsen.

Das schenkt mir Hoffnung. Es schenkt mir Hoffnung, dass Menschen auch heute mit aller Kraft Widerstand leisten gegen menschenverachtende Regime. Es schenkt mir Hoffnung, dass Taten aus Hass – wie der Mord am Kassler Regierungspräsidenten Walter Lübcke – uns alle aufrütteln und bereit machen dem aufkeimenden Rassismus in unserem Land entgegen zu treten. Und es schenkt mir Hoffnung, dass ich selbst den Mut habe, mich konkret für Menschen einzusetzen, die meine Hilfe brauchen.

Denn, so steht es in der Bibel: „Gott hat uns nicht einen Geist der Verzagtheit gegeben, sondern einen Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit.“ (1 Tim 2,7)

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Wenn ich die Tagesschau sehe, passiert es mir in letzter Zeit öfter, dass ich direkt wieder ausschalte. Die Nachrichtenlage schlägt mir auf den Magen: Überall wird verbal und mit Waffen aufgerüstet, Flüchtlinge, die im Mittelmeer ertrinken, Klimawandel in seinen erschreckenden Facetten…

 

Ich will das nicht mehr sehen. Ich fühle mich dabei überfordert und hilflos. Und überhaupt: Ich allein kann doch sowieso nichts daran ändern.

Aber einfach abschalten hilft nicht. Ich weiß ja trotzdem darum. Und wenn weggucken nicht hilft, muss ich vielleicht doch versuchen, aktiv gegen das schlechte Gefühl anzugehen. Mein Glaube hilft mir dabei in die Gänge zu kommen: Denn von meinem Glauben her, kann es mir nicht egal sein wie es meinen Mitmenschen und der Schöpfung insgesamt geht. Ich bin aufgerufen, die Dinge soweit zu verbessern wie ich kann.

Eine lokale Möglichkeit ist da zum Beispiel das Projekt der Solidarischen Landwirtschaft in Trier. Dort haben sich mehrere Dutzend Personen zusammengetan, eine landwirtschaftliche Fläche gepachtet und finanzieren eine Gärtnerin. Wer Lust und Zeit hat, arbeitet mit. Vom Frühjahr bis in den späten Herbst gibt es in der Regel jede Woche einen Ernteanteil. Direkter, regionaler und gemeinschaftlicher können Lebensmittel kaum erzeugt werden.

Und die Entwicklung des Projekts ist erstaunlich: Wo vor drei Jahren noch alles brachlag, ist jetzt im wahrsten Sinne des Wortes eine blühende landwirtschaftliche Fläche entstanden: Kleinteilige Beete mit Mischkulturen, dazwischen blühende Ackerkräuter und Wildblumen. Hier finden Insekten und andere Kleintiere, die sonst immer seltener werden, Nahrung und Raum zum Leben.

Heute Abend wird wieder die Tagesschau gesendet. Ich weiß, dass ich zwar immer noch nicht die USA und den Iran vom Frieden überzeugen kann, aber ich kann irgendwo klein anfangen, die Welt zu verändern. Ich kann mich mit Gleichgesinnten zusammentun und so meinen Beitrag zu einem gelingenden Miteinander der Menschen und zu einem wertschätzenden Umgang mit der Schöpfung leisten. Ich muss eben nur irgendwo damit beginnen. Schließlich soll Martin Luther schon gesagt haben: „Wenn ich wüsste, das morgen die Welt untergeht, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen.“

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Schon wieder finde ich eine besorgte Email in meinem Postfach: „Ich habe ein Wespennest. Können Sie mir da weiterhelfen? Können Sie das vielleicht wegnehmen?“ Als Imkerin habe ich eine Fortbildung zum Thema Hornissen und andere Wespen gemacht und das hat sich schnell rumgesprochen. Ich schaue mir das Wespennest dann erst mal vor Ort an: Wo hängt das Nest? Welche Art von Wespe hat es dort gebaut? Dann kann ich beraten und Aussagen treffen wie lange das Nest besiedelt ist und ob es noch wachsen wird. Je nach Situation kann das Nest dort hängenbleiben oder es wird besser umgesiedelt.

 

Ich bin froh, dass sich die Menschen melden und nachfragen. Das ist nicht selbstverständlich. Wespen haben eine schlechte Lobby. Auch meine Mutter bezweifelt, dass dieser Umgang mit Wespen sinnvoll ist. Sie macht es an der Frage fest: „Sind Wespen überhaupt nützlich? Wespen produzieren doch keinen Honig wie Honigbienen.“

Doch Wespen sind durchaus nützlich. Erstens bestäuben sie wie so viele Insekten Pflanzen und zweitens bilden sie quasi die Gesundheitspolizei im Insektenbereich. Sie sammeln zum Beispiel tote Honigbienen ein und davon fallen im Sommer allein bei einem Bienenvolk an einem Tag bis zu 2.000 an.

Die Perspektive der Nützlichkeit hat allerdings eine Schattenseite und die stößt mir sauer auf. Diese Sichtweise könnte nämlich auch bedeuten: Was nicht nützlich ist, kann weg!

Ich glaube allerdings, dieses Urteil steht mir nicht zu! Schließlich bin ich selbst Geschöpf – wie alles auf dieser Welt, die Wespen auch. Ich überblicke bei weitem nicht alle Zusammenhänge in der Natur. Wie soll ich da entscheiden können, wem ein Platz in der Schöpfung zusteht und wem nicht?

Gott hat dem Menschen den Auftrag gegeben: Pass auf diese Schöpfung auf! Bearbeite und hüte sie! Oder mit Albert Schweitzer formuliert: Alles Leben verdient Achtung und Respekt!

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Ein Freund von meinem Neffen ist aus den USA zu Besuch da. Am Sonntag sind wir in einem Café in der Innenstadt. Der Freund ist begeistert: „Das ist ja total toll hier! Eure Geschäfte sind am Sonntag geschlossen? Bei uns sind sie immer offen. Es ist immer total hektisch und voll überall. Aber hier bei euch ist es sonntags ganz entspannt.“

 

Dieser sportliche, sehr muskulöse junge Mann überrascht mich. Ich hätte gedacht, er würde mit Anfang 20 die Innenstadt am Sonntag wegen der geschlossenen Geschäfte langweilig finden. Er merkt wie überrascht ich bin und sagt: „Ich kann doch von Montag bis Samstag einkaufen und habe dann den ganzen Trubel. Da ist es schön, wenn es einen Tag in der Woche gibt, an dem es ruhiger ist.“

Ich muss lachen. Was er sagt, ist eigentlich mein Text, wenn ich aus theologischer Sicht etwas zur Ladenöffnung am Sonntag sage.

Zuletzt sagt er noch dazu: „Es ist doch schön, wenn ich einen Tag in der Woche habe, an dem ich nicht tue, was ich schon an den anderen sechs Tagen mache.“

Das finde ich auch. Momentan habe ich aber den Eindruck, der Sonntag wird immer mehr zu einem von sieben Tagen in der Woche, die sich nicht groß voneinander unterscheiden. Da werden u.a. Autos vor der Tür gewaschen und die Zahl der verkaufsoffenen Sonntage nimmt zu. Ich muss mich da aber auch an die eigene Nase fassen, wenn ich mich sonntags an den Schreibtisch setze, um manches abzuarbeiten.

Dabei glaube ich, dass es persönlich und gesellschaftlich wichtig ist, einen Tag zu haben, der ganz anders ist. Einen Tag, der nicht bestimmt ist von „ich muss“, sondern von „ich darf“. Ich darf einmal nichts tun, ich darf auswählen, was ich tun möchte. Ich darf etwas tun, das völlig zweckfrei ist, einfach weil ich Lust dazu habe. Vielleicht nehme ich mir daher heute mal wieder einen Gedichtband zur Hand. Passend zum Sonntag mit Zeilen von Ringelnatz:

„Ich bin so knallvergnügt erwacht.
Ich klatsche meine Hüften. […]
Aus meiner tiefsten Seele zieht
Mit Nasenflügelbeben
Ein ungeheurer Appetit
Nach Frühstück und nach Leben.“

Einen schönen Sonntag.

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Mein Schwager geht diesen Sommer in Pension. Er ist Lehrer an einer Gesamtschule für Mathe und Sport. Um die 40 Jahre sind es dann, in denen er Kinder und Jugendliche unterrichtet hat. All die Jahre ist er dabeigeblieben, auch wenn die Bedingungen an einer Brennpunktschule mit der Zeit sicher nicht leichter wurden.

Kindern und Jugendlichen Wissen vermitteln zu wollen ist eine Herausforderung. Schließlich muss das Wissen so verpackt und serviert werden, dass es zu verstehen ist und im Idealfall wird Interesse oder sogar Freude am jeweiligen Thema geweckt. Wenn Schülerinnen und Schüler dann selbst weiterdenken und Dinge hinterfragen, sind das vermutlich Sternstunden in diesem Beruf.

Ich habe darüber nachgedacht, was ich alles so gelernt habe und von wem. Wie wohl bei den meisten hat es da gemischte Erfahrungen gegeben: Manchmal fand ich den Unterricht ganz gruselig, habe mich zu Tode gelangweilt. Aber es gab auch Lehrerinnen und Lehrer von denen ich viel gelernt habe. Und da ging es dann nicht nur um reine Wissensvermittlung. Ich fühlte mich von ihnen gefördert und unterstützt:

So habe ich mich zum Beispiel im Deutschunterricht lange schwer getan, wenn es um die Interpretation und das Schreiben von Texten ging. Aber mein Deutschlehrer hat es mir immer wieder von vorne erklärt. Und irgendwann hat es dann „klick“ gemacht. Als er mir die nächste Klausur zurückgab, lachte er mich an und sagte: „Ich wusste doch, dass du das kannst.“

Nur „Danke“ habe ich ihm für seinen Einsatz nie so richtig gesagt. Schade! Denn für diesen tollen Unterricht hat er sich hingesetzt und viel Zeit in die Vorbereitung investiert.

Und dieser Deutschunterricht hat Langzeitwirkung: Er hilft mir heute noch, wenn ich Texte schreibe – so wie diesen hier.

Von daher ist vielleicht jetzt der richtige Moment gekommen „Danke“ zu sagen: Dankeschön an meinen Deutschlehrer und an all die Menschen, die mir etwas vermittelt haben. Aber eben nicht nur Wissen – Danke, dass sie meine Talente mit entdeckt und gefördert haben.

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Drei Dinge habe ich von meinem Großvater gelernt: Ich habe gelernt wie man Schuhe bindet, wie man die Uhr liest und wie man pfeift.

Ich habe noch viele andere Dinge von ihm gelernt, aber diese drei sind mir besonders in Erinnerung geblieben. Vermutlich auch, weil ich mich am Anfang schwer damit tat. Die Bänder am Schuh fand ich entweder zu lang oder zu kurz und irgendwie hatte ich auch gefühlt zu viele Finger. Die Uhr zu lesen klappte da im Vergleich besser: die Unterscheidung zwischen langem und kurzem Zeiger half mir, Orientierung auf dem Ziffernblatt zu finden. Das schwierigste war aber eindeutig das Pfeifen. Bis ein wiedererkennbares Lied über meine gespitzten Lippen kamen, war es ein hartes Stück Arbeit.
Ich glaube: Mit diesen drei Kenntnissen – Schuhe binden, Uhr lesen und pfeifen – kommt man durchs Leben.

Ordentlich und fest gebundenes Schuhwerk sorgt für einen sicheren Stand und Gang und das stärkt das eigene Selbstbewusstsein. Die Uhr lesen zu können ermöglicht Orientierung und Struktur.
Das Pfeifen schließlich bringt als Sahnehäubchen die nötige Gelassenheit ins Leben. Pfeifen sorgt für Entspannung und gleichzeitig Konzentration. Ich bin dann ganz bei der Sache. Mein Opa hat vor allem bei handwerklichen Tätigkeiten eine Melodie gepfiffen – da war klar: jetzt bitte nicht stören, es ist grad knifflig. Aber er wirkte nicht angespannt, sondern ganz gelassen. Und das auch wenn die Reparatur gerade nicht nach Plan lief oder sogar misslang.

Das ist bei mir ähnlich: Ich pfeife nicht nur in besonders schönen Momenten.  Manchmal pfeife ich gerade dann, wenn ein Tag nicht rund läuft. Es geht mir dann darum, mit dem Pfeifen meine Gelassenheit wiederzufinden. Die verliere ich nämlich oft, wenn ein Tag schlecht läuft. Durch das Pfeifen entspanne ich mich. Das Pfeifen war bei meinem Opa und es ist bei mir Ausdruck von einem Grundvertrauen in Gott und damit ins Leben: Es hängt nicht alles allein von mir ab. Da gibt es jemanden, der mein Leben begleitet.

So hat mir mein Opa mit seinem Pfeifen das Gefühl für Gelassenheit aus dem Glauben heraus mit ins Ohr gegeben. Und im besten Fall begleitet dieses Gefühl – angefangen beim Schuhe binden und dem Lesen der Uhr – all mein Tun.

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In Paris gibt es in einem winzigen Laden eine Werkstatt für Regenschirme. Es ist einer dieser wenigen Orte, an denen Regenschirme repariert werden. Monsieur Millet kümmert sich um die kaputten Schirme: er widmet ihnen seine ganze Aufmerksamkeit, er biegt gerade, bessert aus, näht zusammen. Dabei entstammt Monsieur Millet keiner Familiendynastie an Regenschirm-Reparateuren. In der Fernseh-Reportage über ihn wird vielmehr berichtet: Monsieur Millet war lange Zeit arbeitslos. Er sagt dazu: „Ich war in den Augen der Arbeitgeber entweder zu klein, zu groß oder zu schön oder zu hässlich – egal, irgendwas stimmte immer nicht.“ Die Situation war ein großes Problem für ihn. Irgendwann hat er sich dann aber gesagt: „Ich kann trotzdem was!“

Und dann sah er, dass der Besitzer der Regenschirm Werkstatt einen Nachfolger suchte. Monsieur Millet ließ sich von ihm zeigen, wie man Regenschirme repariert und seitdem sind die Regenschirme seine Welt.

Irgendwie eine süße Geschichte. Und das Geschäft scheint zu brummen. Es gibt Menschen, die aus New York ihren Lieblingsregenschirm dahin schicken. Aber ernsthaft: Wer kann denn von der Reparatur von Regenschirmen leben? Die Ladenmiete muss ja auch bezahlt werden. Letztlich nörgele ich solange an der Geschichte herum bis ich ein richtig schlechtes Gefühl habe. Dabei ist doch das Wichtigste:

Offensichtlich hat Monsieur Millet in dieser Werkstatt seinen Platz gefunden. Und offensichtlich finanziert er sich damit. Wie er das macht, muss er mir nicht offenlegen.

Viel wichtiger ist doch, dass er eine Tätigkeit gefunden hat, die ihm viel Freude bereitet und die er sinnvoll findet. Im Kontakt mit den Kunden und Kundinnen erfährt er Dankbarkeit und Wertschätzung: Er repariert Dinge, an die die Menschen ihr Herz gehangen haben.

Während ich so darüber nachdenke, fällt mir ein Satz ein, den Gott einmal zu Abraham gesagt hat: „Ich will dich segnen und Du sollst ein Segen sein.“ (Gen 12,2) Diesen Segen Gottes hat Monsieur Millet selbst gespürt als er sich sagte: „Ich kann trotzdem was!“ Und er wiederum ist ein Segen für Menschen von Paris bis New York, denen jetzt kein Regen mehr auf den Kopf prasselt.

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