Manuskripte

15JUL2020
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„Vorfreude“ ist für mich eine ganz knifflige Sache! Noch vor Corona habe ich mich für Anfang Mai mit einem Freund verabredet. Wir haben uns jahrelang nicht gesehen. Die Vorfreude ist dementsprechend groß. Aber dann kommt die Pandemie. Einige Wochen später machen wir einen neuen Termin aus. Wieder freue ich mich. Aber am Abend vorher wird sein Sohn krank. Auch wieder nichts mit dem Treffen. Ich bin sehr enttäuscht und weiß gar nicht wohin mit mir und der Energie, die ich aus der Vorfreude gezogen habe. Gerade zu Corona Zeiten ist mir das die letzten Wochen öfter so gegangen.

Wäre es also nicht einfacher, wenn ich mich im Vorfeld besser nicht freue? Ich könnte versuchen, eine Verabredung ganz nüchtern zu betrachten. Oder gehe ich besser davon aus, dass es bestimmt gar nicht stattfinden wird? Dann wäre ich vielleicht weniger enttäuscht, wenn es nicht funktioniert.

Blödsinn! Ständiges Misstrauen und pessimistische Gedanken bringen mich überhaupt nicht weiter und sind keine Alternative zur Vorfreude.

Ja, ok, ich werde enttäuscht sein, wenn es mit der Verabredung oder dem Projekt nicht so klappt wie geplant. Aber die gute Zeit, die ich während meiner Vorfreude habe, kann mir niemand nehmen. Und Vorfreude ist einfach ein tolles Gefühl!

Ich finde: Vorfreude mitnehmen, wo ich nur kann! Sie trägt auch durch alltagsgraue Termine, die halt sein müssen. Daher schaffe ich mir auch bewusst kleine Vorfreude-Inseln, indem ich Verabredungen mit Freundinnen und Freunden treffe oder auch Zeiten für mich allein einplane, die mir guttun.

Vorfreude ist wohl Ausdruck davon, dass ich glaube, dass etwas in der Zukunft gut wird. Sie ist Ausdruck meiner Hoffnung auf eine gute Zeit. Und sie ist auch Ausdruck von meinem Glauben, dass Gott möchte, dass es mir gut geht und ich Freude am Leben habe.

Mit dem guten Freund habe ich übrigens einen dritten Termin ausgemacht. Wir haben uns gesehen und die gemeinsame Zeit war richtig schön. Und vorher habe ich mich darauf riesig gefreut.

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14JUL2020
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Als meine Nichte berichtete, dass sie nach dem Abitur zur Polizei gehen will, war ich positiv überrascht. Ich war überrascht, da bisher niemand aus meinem Familien- und Freundeskreis zur Polizei gegangen ist und mir gefällt die Motivation meiner Nichte. Sie sagt: „Meine Motivation ist der abwechslungsreiche Arbeitsalltag und der Gedanke, Menschen durch meine Arbeit helfen zu können.“

Die Polizei steht momentan immer wieder im Fokus. Mir ist dabei wichtig, dass der Blick auf die einzelne Person nicht verloren geht. Denn für mich steht aus dem christlichen Glauben und dessen Menschenbild heraus immer die einzelne Person im Mittelpunkt.

Ich glaube: zu schnell wird nur über „diePolizei“ gesprochen und alle Menschen, die dort arbeiten über einen Kamm geschoren. Und das ist nicht nur mit Blick auf die Polizei so. Das gibt’s genauso in Bezug auf dieBundeswehr, dieMigranten, diePolitik, dieKirche und so weiter…

Völlig klar ist, wenn es strukturelle Probleme gibt, dann müssen diese benannt, aufgeklärt und behoben werden.

Und trotzdem bleibt mir der Blick auf die einzelne Person wichtig. So wie meine Nichte es noch vor hat, leisten bereits viele Frauen und Männer im Polizeidienst eine wertvolle Arbeit, und zwar für die Gesellschaft und damit für mich ganz persönlich. Sie stellen sicher, dass meine Grundrechte in diesem Land gewährleistet und eingehalten werden. Das ist nicht immer einfach. Bisweilen auch gefährlich und oft eine undankbare Aufgabe. Daher verdient die einzelne Person für ihren Dienst meinen Respekt und meine Wertschätzung. Und so wie ich auf die einzelne Polizistin, den einzelnen Polizisten blicke, erwarte ich dies auch von Polizistinnen und Polizisten gegenüber jedem Menschen, der vor ihnen steht.

Meine Nichte steht inzwischen kurz vor ihrem dritten Ausbildungsjahr. Und ich wünsche ihr, dass sie nie den Blick für die einzelne Person verliert und dass Wertschätzung und Respekt ihr in den späteren Einsatzfeldern den Rücken stärken.

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13JUL2020
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Und rums! – Ich knalle auf den Boden. Liege der Länge nach auf dem Bauch im hohen Gras. Es ist mein erster Übungstag beim Gleitschirmfliegen. Insgesamt schaffe ich an dem Tag fünf Bauchlandungen. Anstatt auf den Füßen zu landen, werfe ich mich immer direkt hin und das mit ganzem Körpereinsatz.

Meine Freundin meint: „Erstaunlich! Du fällst ständig hin, aber du packst direkt den Schirm zusammen, läufst den Berg wieder hoch und schon kommt der nächste Versuch!“ Ich bin darüber nach wie vor total erstaunt! Das hätte ich mir gar nicht zugetraut. Weil ich immer so große Angst vor dem Hinfallen hatte. Ich habe aber festgestellt: Bauchlandungen sind gar nicht so schlimm wie von mir befürchtet.

Natürlich kann diese tatsächliche Bauchlandung nicht eins zu eins auf andere Lebensbereiche übertragen werden. Da gibt es Bauchlandungen, die Existenzen zerstören und von denen Menschen sich nicht mehr erholen. Aber oftmals sind sie eben kein Weltuntergang. Ja, es gibt einige blaue Flecken, es tut ein paar Tage weh, aber die Welt dreht sich weiter.

Diese Erfahrung will ich nun konkret im Alltag nutzen. Meine Baustelle heißt da: Ich versuche, meine Meinung deutlicher zu formulieren. Ich ertappe mich nämlich dabei, dass ich manchmal nicht klar sage, was ich eigentlich will. Stattdessen nuschele ich irgendwas vor mich hin oder formuliere so komplizierte Sätze, dass niemand sie verstehen kann. Und das alles nur, um einen „harten Aufprall“ zu vermeiden. Schließlich könnte mein Gegenüber anderer Meinung sein oder meinen Vorschlag ablehnen. Doch daran ändert ja auch mein Herumlavieren nichts. Wenn ich aber klar formuliere, kann ich zusammen mit der anderen Person womöglich viel schneller nach einer guten Variante für beide Seiten suchen.

Beim Gleitschirmfliegen lande ich übrigens inzwischen – in den meisten Fällen – auf den Füßen. Das ist einfacher und angenehmer, aber die Bauchlandungen hatten für mich einen eindeutig höheren „Aha“-Effekt!

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12JUL2020
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Als Kind habe ich immer besondere Rennen veranstaltet: Ich habe im Garten die Schnecken mit Häuschen eingesammelt, sie in eine Reihe gestellt und dann beobachtet, wer von ihnen am schnellsten kriechen kann. Die Schnecken fanden das vermutlich nicht so interessant wie ich. Als ich älter wurde, fand ich dann alles was krabbelt ziemlich ekelig. Der Höhepunkt war eine Raupe im Bett.

Inzwischen habe ich ein sehr intensives Verhältnis zu Insekten. Das liegt natürlich vor allem an der Arbeit mit den Honigbienen in meiner Imkerei. Seit ich damit angefangen habe, kümmere ich mich nun auch um alle möglichen Wespen und Wildbienen. Gerade weitet sich mein Blick aus auf Käfer und Ameisen. Krabbeln Ameisen im Haus aus dem Salat, drücke ich sie nicht mehr platt, sondern trage sie hinaus.

Ich gebe zu: das ist viel Aufwand und führt bei meiner Familie durchaus zu Stirnrunzeln. Viele Menschen haben wohl eher ein pragmatisches Verhältnis zu Insekten. So auch meine Schwester: Wespennest auf dem Balkon? Auf keinen Fall! Die müssen umziehen, auch wenn sie nicht stören. Sie unterscheidet klar zwischen ihrem und deren Lebensbereich. Wenn man sie nicht umsiedeln kann, müssen sie sterben.

Aber ich persönlich finde es schwierig, die einen – also die Honigbienen – zu pflegen und die anderen umzubringen, nur weil sie aus Versehen den falschen Nistplatz ausgesucht haben oder weil die Ameise mit dem Salat ins Haus gekommen ist.

Zudem bin ich überzeugt: jedes Insekt hat eine Aufgabe und Bedeutung in der Umwelt, in der Schöpfung. Klar muss ich zugeben: Diese Bedeutung erschließt sich mir auch nicht immer bei allen Insekten – besonders nicht bei Mücken und Zecken zumal diese auch Krankheiten übertragen können – aber ich bin überzeugt, dass sie einen Sinn haben.

Und mir kommt es nicht zu, darüber zu urteilen, wer leben darf und wer nicht. Schließlich bin ich nicht „Chefin“ dieser Welt, sondern selbst Geschöpf. Oder wie Albert Schweitzer es formuliert hat: „Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will.“

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25APR2020
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Brotbacken ist momentan wieder angesagt. Zumindest deutet beim Einkauf vieles daraufhin, denn Hefe und Mehl sind gerade immer etwas knapp. Aber Roggenvollkornmehl gab es noch und so habe ich Sauerteig angesetzt.

Keine komplizierte Sache. Als ich noch regelmäßig Brot gebacken habe, lief das rund. Aber nun? Immer wenn ich nachschaue oder den Sauerteigansatz mit Mehl und warmem Wasser füttere, schaut mich ein eher trist aussehender Sauerteig an. Eigentlich sollte er am dritten Tag blubbern. Aber da blubbert nichts. Soll ich ihn also besser entsorgen und noch mal neu beginnen oder warte ich ab? Ich beschließe zu warten.

Während ich tagelang warte, ob sich etwas verändert, fällt mir das Gleichnis vom Sauerteig aus der Bibel ein. Da hat eine Frau mit ihrem Sauerteig 25 kg Mehl durchsäuert. Dieses Gleichnis ist ein Bild, ein Vergleich. Vielleicht ist es auch ein Bild für meinen Glauben an Gott, für meine Beziehung zu ihm wie sie gewachsen ist und mein Leben prägt?

Mein Glaube hat seinen „Ansatz“ durch meine Mutter und meine Großeltern bekommen. Er gehörte in ihrem Leben zum Alltag dazu. Und dann war das bei mir auch so. Glaube war irgendwie ganz natürlich. Später veränderte sich das – auch durch das Theologiestudium, wodurch der Glaube noch mal mehr Raum einnahm – es kamen mehr Fragen hinzu und Zweifel. Besonders prägend erlebe ich meinen Glauben für mein praktisches Tun: Ich möchte, dass es meinen Mitmenschen gut geht und dass diese Welt gesund erhalten bleibt. Dafür setze ichmich ein.

So ist mein Glaube seit seinem Ansatz in meiner Kindheit gewachsen und verändert sich stetig – mal fällt mir meine Beziehung zu Gott leichter, mal schwerer. Aber in diesen schweren Zeiten, wenn ich mehr Fragen als Antworten habe, lasse ich der Beziehung zu Gott einfach Zeit. Zeit, sich zu entwickeln. Letztlich im Vertrauen darauf, dass sich die Beziehung positiv weiterentwickelt.

Und dieser Gedanke bringt mich zurück zu meinem Sauerteig. Denn als ich am sechsten Tag nachschaue, bin ich überrascht: Es blubbert. Ihm Zeit zu geben und zu vertrauen hat sich gelohnt. Und das später daraus gebackene Brot hat wunderbar geschmeckt.

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24APR2020
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Es gibt Begriffe, die haben einfach keine gute Lobby. Dazu gehört zum Beispiel das Wort „nett“. Dazu gehört aber auch das Wort „normal“. Was ist schon normal? Und will ich selbst „einfach nur normal“ sein?

Momentan sehne ich mich allerdings nach Normalität. Ich sehne mich nach meinem Leben, so wie ich es kenne und liebe. Stattdessen tauchen ständig imaginäre Stoppschilder, Umleitungen und Warnungen vor meinem Auge auf.

Umso erfreulicher sind da gerade die Entwicklungen bei meinen Honigbienen, die ich als Imkerin pflege. Die Bienen machen einfach ihr Ding. Sie machen, was sie immer um diese Jahreszeit machen: Viel Nachwuchs produzieren – jeden Tag mehr. Viel Nektar eintragen und daraus Honig herstellen. Also unterm Strich: einfach ganz normal!

Es kommt momentan oft vor, dass ich mich selbst dabei ertappe wie meine Gedanken um das Thema Corona kreisen. Das interessiert aber die Bienen überhaupt nicht. Und wenn ich es vor lauter Nachdenken versäume, rechtzeitig mehr Platz in den Bienenstöcken zu schaffen, damit es mehr Platz für Honig und Nachwuchs gibt, machen die Bienen halt ihr eigenes Ding. Für Trübsinnigkeit haben sie keine Zeit.

An der Stelle, wo mein Alltag in seiner Normalität ins Wanken gerät, ist für die Bienen momentan alles so wunderbar selbstverständlich. Als würden sie sagen: „Es ist April – es ist Frühling – wir machen, was wir jetzt immer machen.“

Das Tun der Bienen fasziniert mich in diesem Frühjahr so sehr, dass ich ein wahres Loblied auf die Damen singe. Damit befinde ich mich dann sogar in einer alten Tradition: Die Osterkerze wurde lange Zeit aus Bienenwachs hergestellt und in der Feier der Osternacht wurde den Bienen dafür extra gedankt: Es wurde ein eigenes Loblied auf sie, ihr Tun und ihr Wesen gesungen. Mich fasziniert aktuell aber eben ein ganz spezieller Punkt: Während in der Osternacht die wunderbaren Fähigkeiten und Besonderheiten der Biene herausgestellt werden, finde ich die Bienen in diesen Tagen so erfrischend angenehm, weil sie einfach so normal sind.

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23APR2020
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Wie ich genau auf die Idee kam, kann ich gar nicht mehr sagen. Aber plötzlich war sie in meinem Kopf: Ich möchte Gleitschirmfliegen. Die Vorstellung im Sonnenschein über dem Moseltal dahinzugleiten, lässt mich nicht mehr los. Also habe ich mich informiert und ganz schnell festgestellt: Gleitschirmfliegen ist eindeutig ein größeres Projekt. Es braucht viel Theorie und Praxisunterricht. Aber das kommt mir entgegen. Denn ich habe zwar ein richtig gutes Bauchgefühl, wenn ich darüber nachdenke, aber ich habe Respekt davor und bin auch etwas skeptisch. Schließlich weiß ich nicht sicher, ob das so sein wird, wie ich mir das jetzt vorstelle.

Die Reaktionen meiner Umwelt auf die Idee fallen sehr unterschiedlich aus: von allgemeiner Begeisterung, über Kommentare wie „Du musst ja wissen, was du tust!“, bis hin zu der Frage: „Warum willst du das machen? Geht’s noch?“

Für mich ist es die Sehnsucht danach, Dinge zu tun, die mir Freude machen, - ein Wunsch, der durch die momentanen Einschränkungen besonders stark ist. Schließlich verschiebt sich gerade auch mein Grundkurs für das Gleitschirmfliegen von einem Termin zum nächsten. Und ich möchte etwas ganz anderes machen: Was Neues ausprobieren. Vor allem reizen mich daran wohl zwei Dinge: Mutig sein und mal eine völlig andere Perspektive auf die Dinge ausprobieren. Außerdem bin ich total gespannt: Schaffe ich es, darauf zu vertrauen, dass der Schirm mich trägt?

Das sind wohl zwei Eigenschaften, die es immer im Leben braucht. Mutig sein und auch mal andere Perspektiven einnehmen. Nicht nur die eigene Meinung sehen, sondern versuchen, die Sichtweise der anderen Person zu verstehen. Und vertrauen muss ich eigentlich auch ständig: Ich habe in den seltensten Fällen alles selbst in der Hand. Das zeigt nichts mehr als die jetzige Corona-Krise. Ich bewege mich in unterschiedlichen Abhängigkeiten und vertraue darauf: Andere Menschen treffen richtige Entscheidungen, die dann auch mich betreffen.

Wenn ich also durch das Gleitschirmfliegen trainieren kann, mutiger zu sein und mehr zu vertrauen, kann es für mich zu einer Quelle von Lebensfreude werden. Denn Mut und Vertrauen braucht es immer im Leben. Und frischen Wind um die Nase zu haben, hat auch noch nie geschadet.

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29JAN2020
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Silvia Kugelmann ist seit 12 Jahren Bürgermeisterin von dem kleinen Ort Kutzenhausen in Bayern. Beim Neujahrsempfang jetzt im Januar hat sie sich verabschiedet. Sie wird bei der Neuwahl im Frühjahr nicht noch einmal antreten. Sie wurde in ihrem Amt bedroht, ihr Auto wurde mit Katzenkot beschmiert, ein Nagel wurde in ihren Autoreifen gerammt. Sie sagt dazu: „Wenn Sie so angegriffen werden und die große Mehrheit schweigt, dann ist der Platz an diesem Schreibtisch sehr einsam.“[1]Silvia Kugelmann ist leider kein Einzelfall. Land auf, Land ab werden Kommunalpolitiker*innen bedroht und angegriffen.

Daraufhin ist in diesen Tagen oft der Appell zu hören: „Die Gesellschaft muss zusammenstehen!“ Ja, sicher. Aber wie sieht das konkret aus?

Ich glaube: Damit unsere Gesellschaft zusammensteht braucht es Werte, an denen ich im Alltag mein Handeln orientiere. So ein Wert ist z.B. der Respekt. Ich als Christin glaube: Gott hat jeden Menschen einzigartig geschaffen, daher verdient jeder und jede per se meinen Respekt. Und wenn sich Menschen in öffentlichen Ämtern wie der Kommunalpolitik einbringen, verdienen sie auch dafür meinen Respekt und meine Dankbarkeit. Denn sie leisten da immer auch für mich einen Dienst. Vieles muss organisiert werden, damit das Leben in Dörfern und Städten funktioniert. Natürlich kommt es vor, dass ich anderer Meinung bin. Dann steht es mir frei, meine Argumente dazu sachlich einzubringen. Nur rummaulen und beschimpfen ändert nichts. Es führt nur zu schlechter Stimmung.

Für das Zusammenstehen ist es zudem wichtig, füreinander einzustehen. Dazu gehört: Die Person, die beleidigt oder angegriffen wird, macht dies öffentlich. Und ich schweige nicht dazu, sondern zeige mich offen solidarisch.

In ihrer letzten Rede hat Bürgermeisterin Kugelmann bedauert, dass diese Werte leider aus der Mode gekommen seien.[2]

Ich glaube, es wird Zeit, dass jeder und jede diese Werte mit dem einsetzenden Frühjahr wieder aus dem Schrank holt und sichtbar macht.

 

[1]https://taz.de/Kommunalpolitiker-werden-bedroht/!5655160/ (Zugriff: 2020-01-14)

[2]Vgl. https://www.augsburger-allgemeine.de/augsburg-land/Silvia-Kugelmann-verabschiedet-sich-mit-Appell-id56448651.html

 (Zugriff: 2020-01-15)

https://www.kirche-im-swr.de/?m=30237
28JAN2020
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Vor einigen Tagen sitze ich im Café. Am Nachbartisch kratzt eine Mutter den Zuckerguss vom Möhrenkuchen ihrer Tochter ab. Ich muss unweigerlich grinsen, denn in dem Kuchen wird vermutlich auch Zucker drin sein. Die Mutter sieht mein Grinsen und sagt: „Zucker ist nicht gesund!“ Und sie ergänzt: „Nicht für die Zähne und vor allem ist Zucker nicht gesund für die Seele!“ Diese Aussage verblüfft mich so sehr, dass mir gar keine Antwort dazu einfällt. Natürlich weiß ich, dass zu viel Zucker für den Körper nicht gesund ist. Aber, dass Zucker für die Seele nicht gesund ist, ist mir neu. Aus dem Bauch heraus würde ich sagen: Das Gegenteil ist der Fall! Zucker ist für mich manchmal ein wahrer Seelentröster: er hilft bei Liebeskummer, Prüfungsstress und Winterblues.

Irgendwie bleibe ich aber an dem Satz hängen: Was ist denn eigentlich gesund für meine Seele?

Die Frage ist ungewohnt. Schließlich funktioniert mein Alltag eher nach „ich soll“ und „ich muss“. Ich bin eingebunden in Beziehungen und Abläufe. Oft muss ich einfach funktionieren. Was mir als Person guttut, steht eher selten zur Diskussion.

Wenn ich aber darüber nachdenke, fallen mir als erstes zwei Bereiche ein, die mir immer guttun: Dazu gehört meine Familie, die mich liebt und mir Halt gibt, gerade wenn es um mich herum sehr turbulent ist. Und meiner Seele tut das Gefühl gut, dass ich als Seelsorgerin etwas Sinnvolles tue. So auch wenn ich bei Beerdigungen Menschen auf ihrem letzten Weg begleite, den Angehörigen zuhöre oder auch mit ihnen bete.

Und dann kommt mir noch ein dritter Gedanke: Meiner Seele tut es gut, ab und an etwas nur für mich zu machen. Wo ich nicht die Erwartungen Anderer erfüllen muss. Wo ich etwas tue, das mir einfach Freude bereitet. Bei mir sind das die Bienen. Klar ist meine kleine Imkerei auch mit viel Arbeit verbunden, aber es gibt Momente purer Freude. So zum Beispiel an diesem ungewöhnlich warmen Januartag: Mittags fliegen viele Bienen vor ihren Stöcken in der Sonne. Ich setze mich vorsichtig zu ihnen und beobachte sie. Prompt landet eine Biene auf meiner Hand. Einige Augenblicke sitzen wir zusammen da. Dann fliegt sie weiter.

Solche Momente braucht meine Seele auch, sie tun ihr gut. Denn meine Seele kann nicht nur funktionieren und hetzen, meine Seele muss auch gefüttert werden. Selten mit Zucker, aber oft mit Liebe, Sinn und Freude.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=30236
27JAN2020
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„Vor dem Antisemitismus ist man nur noch auf dem Mond sicher.“[1] Ich stolpere über diesen Satz. Er findet sich in einem Beitrag des Journalisten Heribert Prantl. Prantl zitiert dabei die jüdische Philosophin Hannah Arendt. Der Satz klingt pessimistisch, aber wenn ich mich momentan in unserer Gesellschaft umschaue, gewinne ich manchmal tatsächlich den Eindruck: Man ist nur noch auf dem Mond vor Antisemitismus wie auch vor Rassismus und Hass sicher. 

Besonders bedrückend klingt der Satz aber heute, am 75. Jahrestag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz. Von den Zuständen dort berichten bis heute die wenigen Menschen, die die organisierte Massentötung überlebt haben. Dazu gehört die 95jährige Ester Bejarano. Sie kommt mit 18 Jahren nach Auschwitz. Sie überlebt, weil sie einen Platz im Mädchenorchester bekommt. Dieses Orchester ist eine perfide Einrichtung der Nazis. Sie missbrauchen die Mädchen und die Musik für ihre Todesmaschinerie. Ester Bejarano meldet sich als Akkordeonspielerin, obwohl sie eigentlich nur Klavier spielen kann. Im Rückblick sagt sie dazu:[2]

„Dann mussten wir dort stehen und spielen, wenn diese Züge ankamen. Das waren Personenzüge. […] Die Fenster waren geöffnet, die haben uns zugewunken. Die haben gedacht: Naja, wo es Musik gibt, da kann es ja nicht so schlimm sein. […] Wir haben geweint, wir haben mit Tränen in den Augen gespielt, hinter uns stand die SS mit ihren Gewehren, wenn wir nicht gespielt hätten, hätten sie uns abgeknallt. Das war eine Situation, die also für mich jedenfalls das Schlimmste war, was ich dort erlebt habe. 

Dieser Zeitzeuginnenbericht geht mir unter die Haut. Und im Wissen um diese Schicksale kann und darf der Satz „Vor dem Antisemitismus ist man nur noch auf dem Mond sicher“ nicht hingenommen werden. Heribert Prantl fordert stattdessen sinngemäß: Wenn das so ist, dann muss der Mond auf die Erde geholt werden![3] Dazu gehört, wachsam zu sein und den Mund aufzumachen: Unrecht benennen und für Recht eintreten. Frieden und Sicherheit fallen schließlich nicht von Himmel, sondern hängen von jeder einzelnen Person in unserer Gesellschaft ab.

 

[1] Heribert Prantl, Braune Mörder. Ein Blick in den Abgrund des Versagens, in: Harald Roth (Hg.), Was hat der Holocaust mit mir zu tun? 37 Antworten, München 2014, 237-248, 248.

[2] Begegnungen mit Christopher Hoffmann und mit Ester Bejarano, vom 27.01.2019. Manuskript unter: https://www.kirche-im-swr.de/?page=manuskripte&autor=227&offset=50 (Zugriff: 2020-01-20).

[3] Vgl. Prantl, ebd.

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